
22/01/2026
Liebe Leute,
auf der weltpolitischen Ebene ballert es gerade, aber so richtig. Venezuela. Grönland. Die Kriegsverbrecher Putin und Netanyahu in einem neuen “Friedensrat”. Trump in Davos als “the new sheriff in town (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”: what the fuck is happening in the world? Viele Kommentator*innen sprechen vom “Ende der regelbasierten internationalen Ordnung”, aber das ist natürlich keine Analyse, erklärt ja nicht, was gerade passiert, es konstatiert nur, was es nicht (mehr) gibt. Und lasst uns mal ehrlich sein: diese angebliche “Ordnung” war immer nur Ordnung für manche, und die “Regeln” hatten nie universelle Gültigkeit, schützten manche, lieferten andere aus. Nostalgie, wie der kanadische Ministerpräsident Carney in Davos gerade so richtig sagte, ist keine Strategie.
Trump in Venezuela: schambefreiter Imperialismus
Und wie sieht die neue weltpolitische Situation eigentlich gerade aus, wenn wir sie ohne die Brille privilegierter europäischer Nostalgie betrachten?
Zuerst nach Venezuela: klar, Trump hat Venezuela wegen des Öls überfallen, hat er ja auch klar und deutlich gesagt (natürlich auch und primär, weil er von den Epstein Files ablenken will, ablenken muss, wegen MAGA und der midterms, aber das ist 'ne andere Geschichte), aber Bush hat den Irak doch auch wegen des Öls überfallen, nur hat er das halt nicht so deutlich gesagt. Der Unterschied zwischen damals und jetzt liegt nicht darin, was geschehen ist, sondern darin, wie es begründet wurde. Bush Junior sah sich noch gezwungen, die Invasion des Irak in der Sprache des universalistischen Humanismus zu begründen, und Colin Powell zur UN Vollversammlung zu schicken, um der Welt vorzulügen, der Irak würde über einsatzfähige Massenvernichtungswaffen verfügen. Trump dagegen, Weltmeister der performativen Schamfreiheit, hat überhaupt kein Problem damit, zu sagen, dass es ihm in Venezuela ums Öl geht, und er schämt sich auch nicht, freut sich vielmehr, über öffentlich übertragene Meetings mit Ölfirmenchefs, in denen es darum geht, Venezuelas Ölreichtum zu fördern und aufzuteilen. Wie sagte er im ersten Wahlkampf nochmal? I could shoot someone on 5th Avenue, and people would still vote for me.
Wenn Ihr meiner Arbeit schon länger folgt, vielleicht sogar mein Buch gelesen habt, klingelt jetzt vielleicht etwas bei Euch: “Moment, das kennen wir schon: beide verhalten sich scheiße, aber der eine erzählt was von Menschenrechten und Universalismus, der andere ist stolz, sich wie ein imperialistisches Schwein zu verhalten...” Richtig: das ist der Unterschied zwischen der Verdrängungs- und der Arschlochgesellschaft (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): “Die Verdrängungsgesellschaft muss versuchen, (Ihr Verhalten zu begründen), und zwar in der Sprache des universalistischen Humanismus. Die Arschlochgesellschaft dagegen hat es zum Prinzip erkoren, sich eben gerade nicht erklären, und schon gar nicht legitimieren zu müssen.”
Was uns an Venezuela schockierte, war nicht die Tatsache, dass die USA ein Land allein, ohne internationale Unterstützung angreifen (btw: auch “internationale Unterstützung” durch die eigenen Verbündeten macht eine illegale Invasion nicht legitim), dass sie den Staatschef kidnappen, dass sie eine ihnen genehme Regierung einsetzen, weil sie das genau so schon seit über 150 Jahren machen – meistens mit dem expliziten oder zumindest stillschweigendem Support des Rests der reichen Welt (vgl. aus gegebenem Anlass Iran 1953). Was uns an Venezuela schockierte, war die Nacktheit des dort zur Schau gestellten US-amerikanischen Imperialismus, aka “Pax Americana”: natürlich wissen wir, dass der existiert, und irgendwie wissen wir auch, dass unsere im globalen Schnitt sehr komfortable (“imperiale”) Lebensweise irgendwie damit zusammenhängt – aber das so ganz offen durchzuziehen, als hätten wir dem Rest der Welt nicht jahrzehntelang vorgeflunkert, wir wären jetzt ach so geläutert von unserer kolonialen und imperialistischen Vergangenheit? Neinneinnein, das finden wir nicht ok, wir aufgeklärten Europäer*innen, wir “moralische Supermacht”, wir... naja, wir mögen unsere imperiale Gewalt so, wie bei Downton Abbey die Bediensteten: sie sollen da sein, aber nicht gesehen werden.
Trump vor Grönland: plötzlich sind wir “die Anderen”
Und was ist an der Grönland-Geschichte für uns so schockierend? Natürlich nicht die Tatsache, dass das mächtigste Land der Welt sich in seiner Nähe gelegene Territorien einverleiben will, oder, dass Staatsgrenzen durch Gewalt oder politischen Druck verschoben werden: wir tun zwar so, als wäre das im Rahmen unserer wunderschönen “rules-based international oder” nie oder fast nie geschehen, aber wenn wir das Schicksal der Kurd*innen zum Beispiel mit dem der Kosovar*innen vergleichen, dann zeigt sich, dass bestimmte Gruppen durch Waffengewalt neue Grenzen ziehen können. Wenn die Gruppe sich mit den globalen Mächten gut versteht, wird ein Weg gefunden werden, ihr einen Staat einzurichten (zum Beispiel wurden nach dem Yugoslawienkrieg eine ganze Reihe von Staaten neu geschaffen), während die Kurd*innen zwar seit Jahrzehnen für einen eigenen Staat kämpfen, aber keinen haben dürfen, weil das nicht in die geopolitische Konstellation der Gegenwart passt, und die eben keine Verbündeten irgendwo ganz oben im internationalen System haben. Eine Tatsache, die gerade diese Woche wieder schmerzhaft deutlich gemacht wird, wo bewaffnete Gruppe A (in diesem Fall die islamistische Hayat Tahrir al-Sham) Verbündete im internationalen System hat, und deswegen IS-Mitglieder befreien darf, während bewaffnete Gruppe B (die kurdisch dominierten Syrian Defence Forces) keine solchen hat, und deswegen abgeknallt werden darf, obwohl sie doch lange der einzige Verbündete “des Westens” in der Region war.
Nein, an Trumps Diskursüberfall auf Grönland hat uns nicht die Tatsache geschockt, dass ein mächtiges Land ohne Zustimmung eines weniger mächtigen Landes Grenzen verschieben will. Schockiert hat uns die Tatsache, dass sich der Imperialismus jetzt direkt gegen uns richtet. Dass die Regeln, die sonst für “Die Anderen” galten, jetzt auch für uns gelten sollen. Erinnert Ihr Euch an die merkwürdige Debatte, als es darum ging, Netanyahu vor Gericht zu stellen? Der Chefankläger des ICC zitierte einen Satz eines “senior Western official”, der diese Heuchelei exzellent auf den Punkt brachte: der Internationale Strafgerichtshof sei (aus der Perspektive der reichen Welt) “für Afrika und für Schurken wie Putin gedacht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”, nicht für den Westen und seine Verbündeten. Wo er recht hat…
Ich würde noch einen Schritt weitergehen: tief in der Subjektkonstruktion “weißer Europäer*innen” und ihrer Nachfahren in den in jedem Fall genozidalen weißen Siedlerkolonien liegt die fundamentale Annahme, dass es ein gutes, starkes, kluges, aufgeklärtes, fortschrittliches, let's say it, zivilisiertes “Wir” gibt, und ein schlechtes, schwaches, dummes, zurückgebliebenes, let's say it, unterentwickeltes “Die Anderen”. Und die Regeln, die wir aufgestellt haben, die waren nie für Alle da: die waren da, um Den Anderen Grenzen aufzuerlegen, und um Uns zu schützen. Das bedeutet, dass Trump nicht nur die Regeln des post-WWII-Verdrängungskonsenses bricht, der es “dem Westen” erlaubte, sich gleichzeitig moralisch gut zu fühlen, UND die benefits imperialer Ausbeutung zu genießen, sondern auch, dass er ganz direkt unsere zentrale Identitätskonstruktion in Frage stellt: er zeigt uns, dass wir jetzt auch “Die Anderen” sind, und das ist ungefähr so, als würdest Du einem Großbürger zeigen, dass er arm ist, keinen Status hat, und Du ihn bei hellichten Tage mitten auf der 5th Avenue eine reinhauen dürftest, ohne, dass er Dich dafür sanktionieren könnte. Es sind gar nicht so sehr unsere Zukunftsängste, die uns hier verunsichern (wir machen uns gar nicht klar, wie sehr all dies unsere Leben verändern wird) – es ist das Gefühl, dass die Welt aus den Fugen geraten ist, denn Wir sind plötzlich nicht mehr Wir, sondern Die Anderen. Das ist wirklich extrem verwirrend, wenn man in einer Welt aufgewachsen ist, in der diese Unterscheidung einer der wichtigsten Stützpfeiler der eigenen Realität ist.
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Trump als das “Es” der reichen Welt
Ich habe schon gesagt, dass eines der Grundprinzipien einer “Arschlochgesellschaft” ist, sich nicht erklären, nicht begründen zu müssen, keine Begrenzungen der absoluten Handlungsfreiheit privilegierter Akteure zu akzeptieren. Und da Donald Trump manchmal weniger eine echte Person zu sein scheint, als die Projektion aller Ängste und Pathologien privilegierter Menschen, werde ich ihn hier analytisch mal genau so behandeln: so gesehen ist Trump das “Es” (im Sinne Freuds, aber auch ein bisschen im Sinne Stephen Kings) der reichen Welt, er ist das, was passiert, wenn zu privilegierte Menschen sich zu lang zu eingeschränkt, beschämt, und nicht-ihrem-erlauchten-Status-entsprechend behandelt fühlen, wenn privilegierte Menschen sich aus irgendwelchen Fesseln befreien wollen, die ihnen (aus ihrer Perspektive natürlich illegitimerweise) vom Pöbel auferlegt wurden: “Trump said the only constraint to his power as president is 'my own morality, my own mind. It’s the only thing that can stop me' (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).”
Wenn die Arschlochgesellschaft darauf beruht, keine Grenzen, keine Regeln und Gesetze zu akzeptieren, dann ist Trump also die fleischgewordene Arschlochgesellschaft, und die Tatsache, dass er seine Energien wegen seiner domestic unpopularity gerade in die Geopolitik projiziert, führt zum globalen Coming Out der Arschlochgesellschaft (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), spiegelbildlich mit dem Prozess, den ich 2023 für Deutschland analysierte (die “Gesellschaft”, um die es geht, ist das internationale System selbst). Und ein coming out ist im Grunde die Selbstbefreiung von und Selbstentschämung gegenüber Normen, die “von außen” auferlegt, aber vom sich befreienden Subjekt durchaus ernstgenommen werden: ein Prozess, der sich wuchtig und ermächtigend anfühlt, egal, ob ich den “von unten” oder “von oben” durchführe, ob sich ein subalternes Subjekt aus einer Herrschaftsbeziehung befreit, oder ein dominantes Subjekt diese affirmiert und sagt “nein, es gibt keine universellen Rechte, ich bin besser/mehr wert, als Du”. Wichtig: das Coming Out fühlt sich wie eine Befreiung an, weil es einen Schritt zu einem Leben darstellt, dass sich “authentischer” und “wahrer” anfühlt, als das, was davor gelebt wurde.
Und wenn das stimmt, was ich oben geschrieben habe, dann ist einer der Gründe, warum in Europa gerade so schockiert und inkohärent auf Trump reagiert wird, der, dass das Auftauchen dieser wandelnden Psychopathologieprojektion dazu führt, dass wir mit unserem eigenen “Es”, unserem eigenen im Abflusssystem der reichen Welt lebenden manisch lachenden Clown Pennywise konfrontiert werden: mit dem, was wir in der Praxis zwar sind – spätimperiale, unmoralische shithole societies, die sich doch tatsächlich einreden, dass ein, zwei Prozent Wirtschaftswachstum, dass 100.000 neue “gute Industriejobs” oder “billig Fahren, Fleisch und Fliegen für Alle” wichtiger ist, als der globale Klimaschutz, was bis vor kurzem noch hieß “das Überleben der Anderen – aber im Diskurs nicht anerkennen wollen. Trump ist der Mr. Hyde zu Europas Dr. Jekyll, aber Ihr wisst: die sind eigentlich der selbe Mann.
Das Ende unserer regelbasierten Welt
Der ehedem führende (im Sinne von “hegemoniale”) Staat des globalen Nordens kommt auf der globalen Ebene aus dem Schrank, und steht zum ersten Mal seit irgendwann noch vor dem 2. “Weltkrieg” zu dem, was er ist, was er sein will: im Falle der USA ein exterminatorisches Siedlerprojekt, dessen Basis schon immer die Zerstörung und Unterwerfung anderer Welten war. Aber die USA stehen da nur pars pro toto für das europäisch-imperiale Projekt, dass sich vor einem halben Jahrtausend die eine Hälfte der Welt unterwarf, und die andere Hälfte massakrierte. Und jetzt stehen auch WIR im Visier des Imperialismus, den sonst nur Die Anderen abbekommen haben. Das ist ziemlich verwirrend und im Grunde auch sehr beschämend, und wird deswegen natürlich vor allem verdrängt.
Was wird verdrängt? Dass jetzt auch Wir in einer Welt leben, in der die Erzählung universeller Menschenrechte Makulatur ist, ein bisschen window dressing, das wir uns abringen ließen, als wir nach der Zerstörung unser eigenen Welt im zweiten Weltkrieg – üblicherweise zerstören wir, wie gesagt, ohne Probleme die Welten anderer, aber so nah im 2. WK darf das den imperialen Zentren bitte nicht mehr kommen – in einem Moment der Schwäche mal rechtlich anerkennen und verbriefen ließen, was Europa zwar schon seit mehreren Jahrhunderten offiziell betonte, aber nie lebte: dass alle Menschen gleiche Rechte haben, egal, wer sie sind, wo sie leben, wen sie lieben. In der auch Uns privilegierten Europäer*innen Dinge weggenommen werden, wie wir sie seit Jahrhunderten Den Anderen wegnehmen. Dass jetzt auch Wir in einer Welt leben, die kaputtgehen, oder vielmehr, kaputtgemacht werden kann. Dass nicht alles immer besser wird.
Trump hat nicht die regelbasierte Welt zerstört. Er hat unsere regelbasierte Welt zerstört, und hat uns dabei noch gezeigt, dass wir nichts besonderes sind, dass auch Wir zu Die Anderen gehören. Trump hat damit auch ein bisschen Uns zerstört, denn Wir zu sein, nicht Die Anderen, das ist der Kern der europäisch-imperialen Überlegenheitskonstruktion.
Ich bin ihm dafür nicht dankbar, aber vielleicht hilft es uns ja, die Dinge ein bisschen realistischer zu sehen.
HAAAHAAAHAAA, war nur'n Witz. Wenn das stimmt, was ich geschrieben habe, wird die europäische Verdrängung jetzt erstmal massiv ansteigen, die außenpolitische Debatte noch dümmer werden.
Mit spätimperialen Verdrängungsgrüßen,
Euer Tadzio