
Grafik: die ClimateInactionStripes, Design: Peter Gericke, Marius Hasenheit, Tadzio Müller, Wiebke Witt. Update 2025: @reescatophuls.bsky.social (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (Danke!!!)
13/11/2025
Liebe Leute,
es ist mal wieder “Klimagipfel”, diesmal der 30., im brasilianischen Belem, wieder in einer fossilen Supermacht (nach der COP28 in Dubai, und COP29 in Aserbaidschan): in einem Land, das zwar einerseits einen Klimagipfel ausrichtet, und sich dort als “globaler Umweltchampion (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” präsentieren will, andererseits aber auch in den vergangenen 15 Jahren seine Ölproduktion fast verdoppelt hat, und für das zu einem “gerechten Übergang” raus aus den fossilen Brennstoffen auch eine Maximierung der Öl- und Gasproduktion gehört.
Verdrängungsgipfel
Es ist mal wieder “Klimagipfel”, und obwohl die letzten 29 Treffen so wenig Klimaschutz produziert haben, dass es unmöglich ist, ihren impact in der globalen Konzentration von Treibhausgasen abzubilden (s. Grafik oben), wird sich jetzt allenthalben wieder eingeredet, dass es dieses Mal jetzt wirklich anders laufen würde, dass diese COP (Conference of the Parties to the UN Framework Convention on Climate Change) “eine besondere (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” sein würde, dass der alljährliche Zirkus von leeren Worten und vollen Taschen (bei den fossilen Industrievertreter*innen, die sich zu Hauf auf diesen Events herumtreiben, nicht bei denen, die negativ von der Klimakatastrophe betroffen sind) diesmal jetzt wirklich Klimaschutz und gerechte Klimafinanzierung und Finanzierung von “Losses und Damages” bringen würde.
Es ist mal wieder “Klimagipfel”, und eine Welt, die sich mitten im Klimakollaps fleißig die Infrastruktur für einen dritten fossil-fuel lock-in baut (zuerst kam das Kohle-, dann das Öl, jetzt das Gaszeitalter), also massive pfadabhängige Investition in Energieinfrastrukturen tätigt, die die nächsten 50 Jahre hauptsächlich fossiles Gas verbrennen werden, die überall KI-Rechenzentren hinklatschen und so den Energiehunger der kapitalistischen Weltwirtschaft nochmal erheblich verschärfen will... diese Welt redet sich ein, dass eine politisch schwache Institution wie die UNFCCC in der Lage wäre, den globalen fossilen Wachstumskapitalismus in einen erneuerbaren Kuschelkapitalismus mit Kreislaufwirtschaft, Gerechtigkeit sowie Friede, Freude und Eierkuchen zu verwandeln.
Anders gesagt: der jährliche Gipfel der Klimaverdrängung hat begonnen, das Event, das mehr als jedes andere auf der Welt den vollkommen falschen Eindruck vermittelt, die Welt würde sich wirklich des Klimaproblems annehmen, das es Ölstaaten (oder auch Auto- und Kohlestaaten wie Deutschland) erlaubt, sich als Klimachampions zu positionieren, das uns den klimapolitischen Totalabfuck von Emissions- und Kohlenstoffablasshandel gegeben hat.
Gipfelgeschichten
Und ich kann sie schon drei Tage nach Gipfelbeginn nicht mehr hören, die ewigen Helden-und-Schurkengeschichten, die über diese Events erzählt werden, denn in diesen Erzählungen geht es gar nicht darum, was bei den Gipfeln wirklich passiert – was da wirklich passiert, also beim Gipfel selbst, ist meistens ziemlich arkan, undurchschaubar und für Nichtklimapolitiknerds uninteressant – sondern vor allem darum, dass es Schurk*innen (“fossile Bremser”) gibt, die besiegt werden können, und noch wichtiger, dass es Held*innen gibt, die uns retten können und wollen. Dass der Kampf gegen die Klimakatastrophe noch nicht verloren ist, auch dann nicht, wenn der Klimakollaps schon da ist, oder Superschurke Thanos schon die Avengers besiegt hat, wie er es in “Avengers: Infinity War” tat. Denn: es gibt ja immer noch die Möglichkeit, in der Zeit zurückzureisen, und den Schurken im Nach- und Vorhinein zu besiegen: in der Welt der Klimapolitik wird das “Overshoot” genannt (wir ballern erst über 1,5 Grad hinaus, kühlen die Welt dann wieder runter, und vergessen dabei die Sache mit der “Irreversibilität” vieler Klimaschäden), in der Welt der Superhelden hieß der Film “Avengers: Endgame”.
Was in diesen Geschichten meist nicht diskutiert wird, ist das, was die Länder, denen ihre Rollen im dramatis personae der Verdrängungsgipfel zugewiesen werden, tatsächlich machen, was auf der materiellen, der energie- und wirtschaftspolitischen Ebene läuft. Zum Beispiel erzählten deutschen Journalist*innen gerne die Geschichte von Deutschland als “Klimaretter”, weil die deutsche Regierung sich bei Klimagipfeln gerne als “ambitious climate leader” präsentiert, in Verhandlungen, Interviews und Gesprächen immer wieder die eigene Ambition betont, und weil es sich für die Journalist*innen selbst gut anfühlt, aus dem Land der Klimaretter zu stammen. Gleichzeitig ist es aber auch die deutsche Bundesregierung, die in EU-Verhandlungen gegen härtere Grenzwerte für zum Beispiel die fossile deutsche Autoflotte kämpft, und so realen Klimaschutz verhindert. Abgesehen davon ist Deutschland natürlich kein Klimachampion sondern Braunkohleweltmeister, und ein Land, dessen Wohlstand vor allem auf der Produktion betrügerischer fossiler Dreckschleudern entspringt, kann halt unmöglich “Klimachampion” sein.
2025 wird eine neue Geschichte erzählt. Weil es im Abwenden von Klimazielen im besonderen und vom Klimaschutz im allgemeinen keinen Sinn mehr ergibt (es bricht sich nicht mit der Fakten-, sondern mit der Gefühlslage) Deutschland und die EU als Klimaretter darzustellen, muss eine neue Heldin gefunden werden – und die neue Heldin ist China. China, das zwar massiv fossile Brennstoffe ausbaut, das 2024 mehr Kohlekapazität hinzugefügt hat, als in den zehn Jahren davor, das auf eine “all of the above”-Energiepolitik (Ausbau aller profitablen Energiequellen) setzt, und darin natürlich auch viel erneuerbare Kapazität dazubaut, ist jetzt die neue Klimaheldin. Wenn also Jonas Waack in der taz schreibt: “Danke, China! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” ist das ein bisschen lustig und ein bisschen traurig, weil es natürlich einerseits die Fortschreibung der alten europäischen Attitüde des “jemand anderes wird unseren Müll schon wegräumen” ist, andererseits die psychologische Dimension der Gipfelerzählungen so schön verdeutlicht. Die Klimaheldin, die bei jedem Gipfel gefunden wird, ist die dea ex machina, die es uns erlaubt, unsere Sorgen zu verdrängen, völlig unabhängig davon, was die Heldin in der Realität macht – denn es geht ja nicht um die Realität. Es geht um eine Erzählung, die uns gut fühlen macht.
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Schlussgedanken
Ok, ok: es ist nicht so, dass alles an diesen... Klimagipfeln schlecht ist. Nach zehn Jahren Arbeit als Klimagerechtigkeitsreferent der Rosa-Luxemburg-Stiftung, für die ich bei ner ganzen Reihe von Klimagipfeln war, kann ich nicht die Stimmen aus dem Süden – sowohl von staatlicher, wie von Bewegungs-/NGO-Seite – vergessen, die immer wieder betont haben, dass die COPs der einzige Ort sind, wo sie in der Lage sind, auf zumindest institutioneller Augenhöhe mit dem Norden zu verhandeln. Nirgendwo anders als bei globalen Umweltgipfeln wird über Fragen ökologischer Schuld und der größeren Verantwortung der reichen Länder für globale ökologische Probleme gesprochen, und während natürlich viel, viel, viel zu wenig Geld in den verschiedenen Töpfen liegen, die bei Klimagipfeln versprochen und dann nur unzureichend gefüllt werden, kommen manche dieser Gelder realen Menschen zugute, die wirklich gute Sachen für Umwelt und Klima machen. Und letztens ließe sich pro-”Klimagipfel” vielleicht noch sagen, dass die 14 Tage mediale Daueraufmerksamkeit für das Klimathema ein bisschen agenda setting betreiben, und das Thema wieder höher auf die gesellschaftliche Agenda setzen.
Aber um ehrlich zu sein: dass stimmte vielleicht während der 2010er noch, heute produziert Klimaberichterstattung zunehmend Müdigkeit, und die meisten von uns (ich tatsächlich auch), werden froh sein, wenn in 1,5 Wochen die tägliche Erinnerung an das, was UN Generalsekretär Guterres unser unverzeihbares “moralisches Scheitern (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” beim Klimaschutz nannte, vorbei ist. Marginale weil in der Realität nicht besonders wirkmächtige Positiva hin oder her, bei diesen angeblichen Klimagipfeln geht es gar nicht primär ums Klima, sie sind Ereignisse, die es uns erlauben, zu ignorieren, dass nichts auch nur ansatzweise adäquates gegen die Klimakatastrophe getan wird. Dass unsere “political leaders” weder willens, noch in der Lage sind, das Problem zu lösen. Dass der Klimakollaps unausweichlich ist.
Darin liegt, unabhängig davon, ob sie mit diesem Ziel designed wurde (I actually don't think it was), die Hauptfunktion der UN Klimarahmenkonvention und ihrer jährlichen Gipfel: sie sind im Grunde Beruhigungspillen. Natürlich ist es nicht immer falsch, Beruhigungspillen zu nehmen, kein drug shaming hier. Aber wenn ich gerade Menschen aktivieren will, ihnen zeigen will “hey, es rettet Dich kein höh'res Wesen, das müssen wir zusammen selber tun”, dann ist es halt nicht zielführend, ihnen mit dem Kaffee drei Valium hinzulegen. Und das ist so ein Klimagipfel: ein bisschen gesellschaftliches Valium. Ein enabler, ein Befähiger unserer Verdrängungsgesellschaft. Mehr nicht.
Mit klimagipfelgenervten Grüßen,
Euer Tadzio