Ist dir bewusst, wie viel Macht und Verantwortung wir als Investigativ-Journalist:innen haben?
Ich finde: Sehr viel, und ich meine das gar nicht ironisch. Nicht, dass unsere Recherchen immer weltverändernd wären - das wäre zu schön! Ich meine etwas anderes.
Bei investigativen Recherchen sind es oft kleine Formulierungen, welche die Identität unserer Informant:innen und Gesprächspartner:innen offenlegen könnten. Im schlimmsten Fall bedeutet das für sie Probleme: Jobverlust, Klagen, Doxing (Veröffentlichen personenbezogener Daten) durch politische Gegner:innen ...
Meine Recherchen zum Rechtsextremismus leben von Kontakten ins Umfeld von Akteur:innen der radikalen Rechten. Eltern, Nachbar:innen, frühere Weggefährten ... Oft sind das Menschen, die noch nie mit Medien zu tun hatten. Gerade bei älteren Semestern kommt es vor, dass sie schon am Telefon ihre halbe Lebensgeschichte erzählt haben, noch bevor wir uns persönlich treffen konnten. Oft interessant, aber manchmal auch komplett am Thema vorbei. Aber das ist Teil unseres Jobs.
Hier gilt es, nicht nur geduldig, sondern vor allem vorsichtig zu sein! Warum?
Im besten Fall gebt ihr Gesprächspartner:innen ein klares Bild der Umstände und der potentiellen Folgen, damit diese informierte Entscheidungen treffen können: Anonymität, ja/nein? Sich von hinten ablichten lassen, ja/nein? ...
Oft aber können wir, weil wir tief in der Materie drin stecken besser abschätzen, worauf es zu achten gilt, um unsere Quellen zu schützen. Das kann dann schon mal heißen, eine spannende Info in der Reportage auszusparen, um Quellen nicht unnötig zu gefährden. Denn: Fehltritte könnten sie auffliegen lassen und im schlimmsten Fall lebensverändernde Folgen für unsere Informant:innen haben.
Das meinte ich mit der Verantwortung und Macht der Journalist:innen. Geht sorgsam damit um!
Rät euch, Christof
P.S.: Seit Anfang September gilt in Österreich das Informationsfreiheitsgesetz. Habt ihr schon eine Anfrage gestellt? Unsere Kolleg:innen von DOSSIER bieten eine Vorlage (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) an, mit der Anfragen an Behörden noch leichter von der Hand gehen. Danke dafür!

3 Fragen an…

In unserer Rubrik “Drei Fragen an….” wollen wir von Redakteur:innen wissen, was ihnen bei der Zusammenarbeit mit freien Journalist:innen wichtig ist. Das soll dabei helfen, die Zusammenarbeit zwischen Redaktionen und freien Journalist:innen zu vereinfachen. Dieses Mal haben wir Lisa Kreutzer gefragt, was es ihrer Meinung nach braucht, damit Freie und Redaktionen gut zusammenarbeiten können.
Interessierte Redaktionen können sich gerne bei uns melden!
+ Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit bei andererseits mit freien Journalist:innen?
Wir bekomme viele Pitches, die gut zu andererseits passen. Besonders ist bei andererseits, wenn man sich bei uns als Journalist:in ohne Behinderung meldet, dann werden immer Teams gebildet - also inklusive Teams aus Journalist:innen ohne und welche mit Behinderungen. Das braucht in der Regel mehr Abstimmung mit der Redaktion als üblich. Dafür bezahlen wir aber auch mehr als die meisten anderen österreichischen Medien.
+ Was muss ein guter Pitch haben, um Chancen bei andererseits zu haben?
Ein guter Text-Vorschlag hat immer schon was Konkretes. Wir wollen Geschichten und nicht nur Themen. Gut ist, wenn man merkt, dass sich wer schon damit auseinandergesetzt hat, was zu andererseits passt und was nicht? Wie schreiben sie, was haben sie schon gemacht?
Um Menschen zu erreichen, die vom herkömmlichen Qualitäts-Journalismus oft nicht erreicht werden, schreiben wir etwa in einfacher Sprache und gestalten unseren Journalismus möglichst barrierearm.Und wir haben auch eine gewisse Haltung, die gut ist zu kennen: Etwa, dass Menschen mit Behinderungen kein Mitleid brauchen, sondern, dass Menschenrechte eingehalten werden müssen.
+ Du warst früher auch freie Journalistin. Was rätst du Freien generell für ihre Arbeit mit unterschiedlichen Redaktionen?
Als ich selbst noch frei war, waren die erfolgreichsten Pitches jene, die Geschichten konkret benennen konnten. Das bedeutet natürlich viel Arbeit, die schon in die Vorrecherche geht. So richtig gut leben konnte ich davon dann nicht. Mit Mehrfach-Verwertungen und Themen, die für den ganzen deutschsprachigen Raum spannend sind, hat es besser funktioniert. Das ist dann aber gleichzeitig schade, weil wichtige lokale Geschichten allein aus Geldgründen weniger erzählt werden.
Wer sich mit dem jeweiligen Medium auseinandergesetzt hat, weiß, welche Redakteur:innen sich vielleicht schon mit dem spezifischen Thema beschäftigt haben. Die habe ich damals ganz konkret angeschrieben. Und wenn man schon Kontakt hat, kann man nochmal anrufen, nochmal nachhaken. So klappte das bei mir immer am besten.
Und was mir im Arbeitsprozess geholfen hat: Mit den Redakteur:innen einen konkreten Zeitplan vereinbaren und zuverlässig abgeben.
Was die Honorare angeht, sollte man sich nicht komplett dumpen lassen. Es ist immer ein bisschen Spielraum bei der Bezahlung. Das Gefühl hatte ich zumindest. Freie Journalist:innen sollten auch miteinander darüber sprechen, wo welche Honorare bezahlt werden. Denn die Bezahlung in unserer Branche ist wirklich skandalös niedrig. Dabei kostet guter Journalismus einfach Geld. Vielleicht sollten wir bei andererseits damit anfangen unsere Honorare für Freie offenzulegen und als gutes Beispiel vorangehen.
Kollektiv-News
„Das Große im Kleinen“ ist ein Video-Podcast des Lokalmediums derAchte in Kooperation mit W24, der moderiert von…🥁..., Nadja! Das Format macht die großen Themen unserer Zeit greifbar – authentisch erzählt aus der Nachbarschaft, dem Bezirk, dem persönlichen Alltag. Schaut oder hört mal rein! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Eine regelmäßig Kolumne im Original-Magazin hat jetzt Naz. Hier findet ihr ihren ersten Beitrag (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
🍞 Unser täglich Brot
Kriege beflügeln die Rüstungsindustrie. Wie gehen Gewerkschaften mit dem Dilemma um, Arbeitsplätze sichern und gleichzeitig Frieden stiften zu wollen? Milena hat nachgefragt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Früher war alles besser? In ihrem Essay “Erinnerungen an die Zukunft” (PDF) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), erschienen in der Furche, schreibt Nadja über ein Gefühl, das wir alle kennen - die Nostalgie.
Kann der Einsatz von Künstlicher Intelligenz die Empathie fördern? Das hat eine Ethikklasse einer Wiener Schule ausgetestet - und Christof war für den Augustin dabei. Hier lang (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Johannes hat’s ja für gewöhnlich nicht so mit dem Metaphysischen, aber als die New York Times durchklingelte, ob er denn wegen der Causa Prima - die drei rebellischen Nonnen aus Salzburg - ins Stift Reichersberg fahren wolle, machte er mal eine Ausnahme. “The Plot to Free the Nuns” lest ihr hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Stipendien & Preise
„Respektvolle und tiefgründige“ Berichterstattung zum Thema Armut zeichnet der Journalismuspreis “Von Unten” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)aus. Es gibt zwar kein Preisgeld, aber viel Fame, tolle Leute und ein exzellentes Buffet! (Einreichfrist 30. Oktober)
Reise nach Brüssel: Europa für Regionaljournalist:innen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). 190 € für Freie Journalist:innen
Wer vor hat, ein Medium (Podcast, Newsletter, …) zu starten, sollte unbedingt die Medienstart-Förderung der Wirtschaftsagentur Wien (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)anschauen.
(Einreichfrist 31. Oktober)
Veranstaltungstipps
Mit der „Reihe für Freie“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) bieten Freischreiber:innen für wenige Geld eine tolle Ressource für alle, die selbstständig über die Runden kommen wollen. Die kommenden Termine umfassen „Welche Einnahmequellen gibt es für Freie?” (08.10.) und „Frei im Ausland arbeiten“ (22.10.)
Wenn du Hinweise auf interessante Stipendien oder Termine hast, melde dich gerne bei uns: kontakt@fyi-kollektiv.at (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Über uns: Wir sind das FYI-Kollektiv, ein Zusammenschluss aus sechs freien Journalist:innen. Wir machen Journalismus, gemeinsam und solidarisch. Wir, das sind: Christian Bunke, Johannes Greß, Naz Küçüktekin, Christof Mackinger, Milena Österreicher und Nadja Riahi. Einen Überblick über unsere Arbeit findet ihr hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).