
(english below)
ein guter freund sagt mir: ich weiß nicht warum, aber ich habe hoffnung.
ich denke oft an diesen satz.
es passiert so viel, dass ich diesen newsletter etwas später schreiben und versenden kann als sonst. was ich schreiben will, ist in dem moment veraltet, in dem ich es ausformuliere. meine notizen werden täglich von neuem überholt, täglich wird neues unsagbares normalisiert, das wasser, in dem der frosch schwimmt, wärmer. zugleich werden die druckfahnen fertig, die vorschau abgestimmt, und mein debütroman wird im märz bei hanser berlin erscheinen. what a life, schreibe ich auf bluesky.
der deutsche bundeskanzler propagiert öffentlich, “rückführungen” seien das mittel für ein besseres “stadtbild”. während auf social media ein “stadtbild”-zitat aus goebbels tagebüchern geteilt wird, schreiben verschiedene zeitungen von “umstritten” und “kritik”. die debatte wird geführt, als gehe es nicht um menschen. als gehe es eher um müll. als wäre es in ordnung, mitmenschen als ein zu entfernendes problem zu bezeichnen.
einschub: momentan geht die erzählung dahin, nur solche seien gemeint ohne “dauerhaften aufenthaltsstatus” (als würden dieser gerecht nach nachvollziehbaren kriterien vergeben), die “nicht arbeiten” und sich “nicht an die regeln halten”. welche regeln, wird nicht benannt. dass ein großer anteil geflüchteter am arbeiten vom staat aktiv gehindert wird, wird nicht benannt. dass die idee, nur arbeitende menschen hätten ein bleibe- (durch die situation in herkunftsländern oft gleichbedeutend mit lebens-)recht, der eugenik in die hände spielt und bereits im NS propagiert wurde, wird nicht benannt. / einschub
der bundeskanzler bestärkt seine aussage auf nachfrage noch. impliziert, migrantischeTM männer machten die städte unsicher. proteste formieren sich. zahlreiche frauen wollen sich nicht für häme und rassismus instrumentalisieren lassen. wie schnell sich hier widerstand organisiert und wahrnehmbar wird, macht mir hoffnung. trotzdem die proteste als mehrheitlich weiß und sehr cis kritisiert werden. ich frage mich, wie bewusst in den forderungen der “töchter” von inter, nichtbinären und trans leuten keine rede ist. ich frage mich, warum es nicht schon längst viel mehr widerstand gibt. und es beschäftigt mich, dass es offenbar den angriff auf die töchter (von einem politiker vorgeframet als weiße cis-frauen) brauchte, um diesen sehr wahrgenommenen protest auszulösen. der vorher erfolgte generalangriff auf menschen, die nicht weiß sind, löste in relation kleinere demos aus, weniger berichterstattung. keinen offenen brief. wie viel ließe sich erreichen, wenn sich alle zusammentäten? wenn wir unterschiede als stärke begriffen, wie es audre lorde beschrieben hat?
ich schaue mir einen aktuellen dokumentarfilm an über frauenproteste in den niederlanden, gegen femizide, für gleichberechtigung. auch hier: sehr cis (venussymbol im logo), aber ich bleibe vor allem an den raumeinnehmenden interviews mit den ehemännern der aktivistinnen hängen. männer, die großzügig supporten, indem sie zeitweise die kinderbetreuung übernehmen oder es aushalten, dass ihre frau ständig telefoniert. wie verständnisvoll von ihnen. zurück bleibt der eindruck, dass der aktivismus geduldet wird statt solidarisch mitgetragen. patriarchat wird auch zu hause reproduziert.
es gibt einen begriff für das gefühl, mit einer position allein zu sein und nicht genügend gleichgesinnte zu finden: pluralistische ignoranz. sich in der minderheit wähnen, obwohl das gegenteil der fall ist. beobachten lässt sich das besonders gut beim klimaschutz. sehr viele menschen glauben, allein nichts bewirken zu können und von der mehrheit nicht unterstützt zu werden. tun deshalb entgegen ihrer überzeugungen gar nichts. ähnlich bei rechter politik. wir versichern einander auf social media, dass wir nichts tun können. dabei sind wir viele.
sarah raich schreibt in ihrem newsletter, dass wir, mehr oder weniger bewusst, auf die held_innen warten, die den faschismus für uns bekämpfen. an die wir unsere verantwortung abgeben können. “unsere main-character-held*innen-energie ist offenbar überschaubar.”
sie schreibt: “und nun sehen wir zu, wie die welt uns zu entgleiten scheint.”
aber wir brauchen keine held_innen, die uns voranschreiten, “wir brauchen uns. wir brauchen uns auf der straße. uns an den telefonleitungen der parteizentralen und in ihren emailpostfächern. uns, mit der wahrheit im kopf: es wird nicht besser werden, bis wir es besser machen.”
an laternenpfählen in einer belebten berliner straße kleben regelmäßig rechte sticker. ebenso regelmäßig werden sie entfernt oder überklebt. von mir, aber nicht nur. da sind andere, die das ebenfalls tun. da sind bunte aufkleber, gegen rechte gesinnung, für miteinander und klimaschutz. kleine fetzen papier mit klebstoff, die sagen: wir sind auch hier. du bist nicht allein.
ich lese, dass in der ostsee der dorsch gerade für immer ausgerottet wird. dass, wenn es so weitergeht, meine generation die plus fünf grad erleben wird (wenn vielleicht auch nicht überleben). dass die cdu “weniger klimaschutz” fordert.
ich lese die “treibhauspost”. lese, wie wichtig es ist, die folgen des klimawandels und die warnszenarien der wissenschaft wahrzunehmen, sie nicht zu verdrängen. zugleich aber auch nicht in eine katastrophenstimmung zu wechseln - die nichts anderes als dasselbe am anderen ende der skala bedeutet, eine lizenz zum nichtstun.
im newsletter wird auf einen anderen, früheren post verwiesen. dort heißt es:
“fossile konzerne, rechtspopulisten und tech-oligarchen – sie alle wollen, dass wir den positiven wandel nicht sehen. sie wollen, dass wir glauben, ein solcher wandel wäre unmöglich. wenn wir verzweifeln, uns die decke über den kopf ziehen und aufhören, uns zu engagieren, haben sie ihr ziel erreicht: den widerstand gegen ihre zerstörerischen machenschaften kleinzuhalten.”
andere wollen unsere ohnmacht.
lasst uns dem nicht in die hände spielen.
was kleines tun:
entferne rechte aufkleber, wenn du sie siehst (mit vorsicht, denn manchmal sind hauchdünne rasierklingen darunter befestigt. kein scherz.)
geh nicht einfach daran vorbei. denk nicht, es mache keinen unterschied.
wir sind das stadtbild.
literatur
audre lorde: the master’s tools will never dismantle the master’s house
sarah raich: wer sind helden und wenn ja, was soll das
https://steady.page/de/geraeuschbar-ist-ein-echtes-wort/posts/33740e60-e09b-46f9-ab48-c88118df49d5 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)treibhauspost #102: 5 werkzeuge gegen 3 grad mehr
https://steady.page/de/treibhauspost/posts/884373ff-358f-4899-b1e4-dc10add414bc (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)treibhauspost #89: geschichten, die fossilen egos nicht gefallen
https://steady.page/de/treibhauspost/posts/d9fa2ce2-4ef6-4f6c-b42c-f58b72b25d60 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)film
re: hollands frauen schlagen zurück. reportage fürs ZDF, regie: theo heyen, 2025
danke, dass du dir die zeit für meinen newsletter genommen hast - bis bald! <3
a dear friend tells me: i don’t know why, but i do have hope.
i am thinking of his words a lot.
there is so much going on that i’m forced to write and send this newsletter later than usual. things i intend to write are outdated the moment i put them into words. my notes are outpaced on a daily basis, every day some new unspeakable things are being normalised, the water with the frog in it is getting warmer. at the same time, the galley is finished, the preview text settled, and my debut novel is going to be released in march 2026 at hanser berlin. what a life, i post on bluesky.
the german chancellor publicly propagates “expulsions” as a tool to accomplish a nicer “cityscape”. while on social media people are sharing a “cityscape” quote from goebbels’ diaries, different newspapers talk about “controversial” and “criticism”. this debate is carried on as if this wasn’t about people at all. as if this was about waste. as if it was okay now to depict fellow human beings as a problem to be cleared away.
insertion: atm it is claimed that only those are meant without “permanent residence status” (as if such a status would be granted fairly and in a comprehensible way), who “do not work” and “do not abide by the rules”. it doesn’t say which rules. it doesn’t say that a huge part of refugees are forbidden to work by the government. it doesn’t say that the idea that only working people having a right to stay (regarding the situation in countries of origin, this often means: to live) plays into the hands of eugenics and was propagated by the nazi regime already.
/ insertion
the chancellor, pressed for an apology, is emphasising his statement even more. implicating immigrantTM men were the main reason for unsafe cities. protests are forming. many women don’t like to be misused for malice and racism. resistance is widely organised and noticeable, so fast that it’s raising my hopes again. even though the protests are criticised as mostly white, very cis. i wonder how aware the “töchter”(daughters) are that they have excluded inter, non binary and trans folks in their demands entirely. i wonder why we don’t see much more resistance already. and it keeps me thinking that apparently, an attack on daughters (framed by a male politician as white cis women) is required to lead to these very visible protests. the previous all-out attack on non white people prompted smaller protests, less media coverage. no open letters. how much could be achieved if we all joined forces? if we considered our differences to be our strengths as described by audre lorde?
i watch a current documentary about a womens’ movement in the netherlands, against femicides, demanding gender equality. this one is very cis also (venus symbol in logo) but most of all i stumble over the extensive interviews with the activists’ husbands. men who generously support their wives by temporarily participating in childcare or enduring her being constantly on the phone with fellow activists. how sympathetic. what remains is the impression that the activism is tolerated instead of supported in solidarity. patriarchy is reproduced at home, too.
there is a term for the feeling that you’re alone with a position and unable to find like-minded people: pluralistic ignorance. you keep thinking you’re in the minority while the opposite is true. this phenomenon is especially observable regarding climate protection. a huge amount of people believe that they cannot make a difference on their own and that they are not backed by the majority. therefore, against their beliefs, they don’t do anything at all. similar with right wing politics: we assure each other on social media that we are unable to act. while in fact, we are many.
sarah raich writes in her newsletter that we - more or less consciously - are all waiting for the hero_ines who will fight fascism for us. who will carry our responsibilities. “our main character heroic energy seems to be negligible” (translation by me).
she writes: “and now we watch the world seemingly slipping from our grasp.” (translation by me)
but we do not need hero_ines to march in front of us, “we need ourselves. we need us on the streets. us on the telephone lines of party headquarters and in their inboxes. us with the truth in mind: it won’t get better until we make it so.” (translation by me)
on lamp posts lining a busy street in berlin there are right-wing stickers appearing regularly. with equal regularity they are removed or pasted over. by me, but not only by me. there are others who do this as well. there are colourful stickers, against right-winged sentiments, pro community and climate protection. tiny shreds of paper and glue, telling me: we are here, too. you’re not alone.
i read about the baltic cod now being exterminated for good. that if things are continuing like this my generation will experience (though maybe not survive) the times of plus five degrees. that the cdu party demands “less climate protection”.
i read the “treibhauspost” newsletter. how important it is to realise the consequences of climate change and the warnings of scientists, to not delude ourselves. likewise to not collapse into disaster mode - which would only mean the same at the other end of the spectrum: a licence to do nothing.
the newsletter references an earlier posting. it says there:
“fossile corporations, right-wing populists and tech oligarchs - they all want us to ignore positive changes. they want us to believe such changes are impossible. when we despair, hide under our blanket and stop getting involved they have accomplished their goal: to minimize the resistance against their destructive practices.” (translation by me)
they want us to feel powerless.
lets not play into their hands.
tiny call to action:
remove right-wing stickers when you see them (carefully as sometimes there are thin razors hidden beneath, i am not kidding).
don’t walk past. don’t think it wouldn’t make a difference.
we are the cityscape.
books and articles:
audre lorde: the master’s tools will never dismantle the master’s house
sarah raich: wer sind helden und wenn ja, was soll das
https://steady.page/de/geraeuschbar-ist-ein-echtes-wort/posts/33740e60-e09b-46f9-ab48-c88118df49d5 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)treibhauspost #102: 5 werkzeuge gegen 3 grad mehr
https://steady.page/de/treibhauspost/posts/884373ff-358f-4899-b1e4-dc10add414bc (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)treibhauspost #89: geschichten, die fossilen egos nicht gefallen
https://steady.page/de/treibhauspost/posts/d9fa2ce2-4ef6-4f6c-b42c-f58b72b25d60 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)film
re: hollands frauen schlagen zurück. ZDF documentary, directed by theo heyen, 2025
thank you so much for reading my newsletter - i appreciate it! <3