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schreiben gegen ohnmacht, januar 26 /write against, january 26

eine blau angesprayte, efeuüberwachsene mauer. oben auf dem efeu liegt schnee. darüber kühlblauer himmel. an die mauer hat jemand eine blaue, mit glitzer verzierte audiokassette geklebt. sie ist halb unter dem rankenden efeu versteckt, man muss genauer hinschauen. / a brick wall, spraypainted blue, overgrown with ivy, a cool blue sky above. on top of the ivy lies snow. somebody has decorated a blue audiocassette with glitter and glued it to the wall. it's half hidden by the twining ivy and you have to take a good look to find it.

(english below)

ich verbringe den januar mit viel schreiben und viel lesen. verfolge nachrichten über die usa, über den iran, mehr auf social media als in der zeitung. leute posten videos und berichten vom geschehen vor ort. ein bisschen wie vor über zehn jahren, als ich auf facebook augenzeug*innenberichte aus syrien verfolgte, es bedeutet abwägen zwischen informiert bleiben, keiner propaganda aufsitzen und sich nicht zu viel gewalt auf einmal ansehen. es bedeutet im falle der usa aber auch bilder von froschplakaten und von roten “widerstandsmützen”, deren strickmuster gerade viral geht.

und in kaltland gab es zu diesem verstörenden jahresbeginn zumindest ein wohltuendes beispiel von zusammenhalt: weniger als zwei wochen vor fristablauf wurde die bundestagspetition “keine führung eigener register zur erfassung von trans* und nichtbinärer personen” auf social media so viel geteilt, dass innerhalb kürzester zeit nicht nur die fehlenden über 20 000 unterschriften gesammelt werden konnten, sondern insgesamt mehr als 41 000 menschen unterschrieben haben. diesen zahlen täglich beim emporklettern zuzusehen, war eines meiner schönsten interneterlebnisse.

ich lese essays und romane. lege das eine oder andere buch wieder weg, wenn mir zu viel geschlechterbinarität darin begegnet. wenn “frau” als gegenform zu “mann” beschrieben wird und alles jenseits dieser zwei identitäten einfach nicht existiert.

ist das grund genug, ein buch nicht zu lesen, das davon abgesehen sicher etwas zu sagen hat? sollte ich solche gräben nicht überbrücken können? aber wer muss wem entgegenkommen?

jeden januar zur grünen woche versammelt sich ein breites bündnis verschiedener vereine und verbände zum gemeinsamen protest. da laufen GEH und “vier pfoten” in derselben demo mit. imkerinnenverbände genau so wie hardcore veganerinnen, die honig strikt ablehnen. tausende teilnehmende, die sich wirklich nicht in allem einig sind, aber alle wollen sie die massentierhaltung genau so abschaffen wie das massenhafte gift auf den feldern, während unsere regierung in der regel mehr von beidem möchte.

so ein bündnis hätte ich gern gegen rassismus, antisemitismus, ableismus, frauen- und queerhass. aber warum sind es so oft die marginalisierten gruppen innerhalb der marginalisierten gruppen, die sich “nicht so anstellen” und sich für zusammenarbeit zurücknehmen sollen? warum wird über die haltung “dieser ganze neue genderkram kommt mir komisch vor” oft hinweggesehen, während kritik an ihr als spalterisch beäugt wird? von wem geht denn diese spaltung, dieses abspalten von ganzen identitäten aus? warum werden die rechte von zum beispiel behinderten verbündeten als eine art luxus betrachtet? warum traue ich mich selten, über fluididentität zu sprechen, warum erscheint es mir oft unwichtig angesichts des heftigen backlashs, der uns seit über einem jahr verstärkt heimsucht? sind wir bei nebenwiderspruch 2.0, erst patriarchat abschaffen, dann kommt der rest von allein? aber so funktioniert es nicht. so viele werden hier nicht mitgedacht. mitdenken bedeutet auch: wer ist gefährdet auf einer demo - wer braucht schutz oder kann nicht teilnehmen? wessen schicksale gelten global, medial als relevant? wessen nicht? welche lösen reaktionen aus, welche werden hingenommen?

und was bekomme ich nicht mit, weil ich es wegen meiner privilegien nicht erlebe?

eher zufällig stoße ich auf cathy park hong, auf ihr buch “störgefühle”, in dem ich so viel finde, was mir den kopf zurechtrückt. der deutsche titel verwirrt mich - “über anti-asiatischen rassismus”. im original heißt es “minor feelings. an asian-american reckoning”, ein nachdenken, eine abrechnung, einschätzung. die essays drehen sich viel um rassismus, auch um internalisierten, aber das buch ist weder eine geschichtsstunde noch eine handlungsanweisung. es geht auch um identität. kunst. mental health. popkultur.

hong schreibt über weiße filme, zum einen über moonrise kingdom, der als “heile welt” ausgerechnet das jahr 1965 hernimmt - das jahr, in dem malcolm x ermordet wurde:

“andersons moonrise kingdom ist nur einer von unzähligen zeitgenössischen filmen, literarischen werken und musikstücken [im original steht hier außerdem noch “and lifestyle choices”], bei denen mit dem wunsch nach unschuldigeren zeiten gleichzeitig eine ära glorifiziert wird, in der das land für jeden, der sich von der mehrheit unterschied, brutal feindselig war.”

und zum anderen über blade runner 2049, “ein beispiel für science fiction als magisches denken: weiße fürchten, dass alle sünden, die sie gegen schwarze und braune menschen begangen haben, zehnfach auf sie zurückfallen, deshalb erschaffen sie als vorbeugende maßnahme ihren eigenen untergang als phantasiewelt, um sicherzustellen, dass die weiße race nie untergehen wird.”

auf der suche nach quellen für mut und widerstandkraft lese ich mirjam zadoff. ich finde mich in vielen gedanken der autorin wieder. beide sind wir offenbar gern am meer, um uns zu beruhigen. in einigen punkten scheinen wir auf ähnliche ideen gekommen zu sein: versuchen, zumindest ab und zu im moment zu leben. gemeinschaft finden und stärken. lesen, sich weiterbilden, von anderen perspektiven lernen.

"weil es menschen stärkt gegen die wachsende phantasie- und emotionslosigkeit, und gegen ein allgegenwärtiges gefühl der ohnmacht, ist lesen ein akt des widerstands.”

besonders beschäftigen mich zadoffs worte zu trauer und ihre beobachtung, dass gedenken in der deutschen gesellschaft zu einer möchtegernsprachlosigkeit verschliffen wurde.

“es bildete sich eine gedenkkultur heraus, die immer wieder sprachlosigkeit behauptet, der die worte fehlen, die nichts benennen will, indem sie phrasen benutzt wie ‘dunkle zeit’ oder ‘unaussprechliche schrecken’. dabei gibt es worte, und in großer zahl und vielfalt.”

es gibt die berichte der zeitzeug*innen. von der gewalt, die sie erleben mussten, und von dem widerstand, den sie geleistet haben. viele von ihnen berichten von hoffnung, von mut. von dem gefühl, anderen helfen zu wollen. “sogar an angst gewöhnt man sich. die muss man beiseiteschieben und einfach weitermachen”, schreibt selma van de perre. “das soll nicht heißen, dass ich keine angst hatte, doch ich ließ mich nicht von der angst überwältigen - der wunsch, mich gegen die nazis zu engagieren und menschen zu helfen, die sich in gefahr befanden, erwies sich als stärker.”

wir könnten aus der vergangenheit so viel für jetzt lernen. aber immer noch werden “dunkle zeit” oder “turbulente zeit” von politik und wirtschaft als freundliche umschreibung für völkermord genutzt. für das massenhafte mittragen der schlimmsten verbrechen durch die deutsche bevölkerung. wird bei firmengeschichten gern verschwiegen, was zwischen 1933 und 1945 eigentlich genau passiert ist. und ich bin auch in einer gesellschaft aufgewachsen, in der rund um weihnachten auf den öffentlich-rechtlichen gern “die mädels vom immenhof” gezeigt wird. oder “die feuerzangenbowle” von 1944, eine von hitler persönlich abgenickte komödie für die ganze familie, damit das deutsche volk im krieg schön durchhalte. im fernsehprogramm und in der mediathek gibt es dazu null anmerkung und null einordnung.

in den “immenhof”-filmen aus den 1950er jahren ist der geist des NS noch allgegenwärtig, in der heimatverehrung, der ästhetik, der moral, dem “kameradentum”, das hochgehalten wird. familie, disziplin, der eigenen hände harte arbeit. pausbäckige weiße gesichter. das landleben ist dem chaos und den “sitten” der stadt vorzuziehen wie der walzer der komischen musik aus dem ausland. sexismus ist dagegen so salonfähig wie immer.

viele der schauspieler*innen, die hier auftreten, waren im NS erfolgreich bis hin zu auszeichnungen durch die naziregierung, und machten nach dem zweiten weltkrieg nahtlos weiter karriere. norbert schultze, der nicht nur die melodie für “lili marleen”, sondern auch die musik für zahlreiche NS-propagandafilme komponiert hat, schrieb für die immenhofmädels das lied von den rehlein, die sich umdrehn und schauen: “heut` und morgen alle zeit/du und ich in ewigkeit”.

diese filme habe ich als kind wieder und wieder geschaut. bin mit ihnen aufgewachsen, mit den werten, die sie vermitteln. jahr für jahr werden sie kommentarlos im deutschen fernsehen gezeigt. so viel zu unserer aufarbeitung.

“es braucht eine sehnsucht nach zukunftserzählungen und nach einem vorsichtigen, informierten optimismus.”, schreibt zadoff.

statt doom scrolling und gegenseitiger unterdrückung, auch: statt hochhalten einer pseudo heilen vergangenheit, die es nie gegeben hat, brauchen wir literatur, die diskriminierung nicht bis in die ewigkeit weiterträgt. literatur, die hoffnung auf echte veränderung macht.

was kleines tun:

wie sähe das jahr aus, wenn du darüber bestimmen könntest? welche gesellschaftlichen veränderungen wünscht du dir? und handelst du gestern, heute und morgen danach?

literatur:

cathy park hong: störgefühle. über anti-asiatischen rassismus. übersetzt von eva kemper

mirjam zadoff: wie wir überwintern. den lebensmut durch die harten zeiten retten

selma van de perre: mein name ist selma. erinnerungen einer widerstandskämpferin und holocaust-überlebenden. übersetzt von simone schroth

film:

moonrise kingdom, regie wes anderson, 2012

bladerunner 2049, regie dennis villeneuve, 2017

die mädels vom immenhof, regie wolfgang schleif, 1955

die feuerzangenbowle, regie helmut weiss, 1944

spending january with lots of writing and reading. following the news from usa, from iran, preferably via social media, less via newspaper. people post videos, give account of their situation. it reminds me of a time over ten years ago when i would read and watch reports from syria by eye witnesses on facebook. it means balancing staying informed, not falling for propaganda and not watching too much violence at once. in case of the US, it also means photographs of frog posters and red resistance beanies, the patterns of which are going viral.

in kaltland (germany, derogatory), during this disturbing start of a year, there has been at least one comforting example of solidarity: during the less than two weeks before deadline the online bundestag petition “keine führung eigener register zur erfassung von trans* und nichtbinärer personen” (no implementation of a special index for registering trans and nonbinary people) has been shared so excessively on social media that in a short span of time the missing >20 000 signatures could be collected. furthermore, more than 41 000 people signed the petition in total. watching these numbers climb has been one my favourite online experiences so far.

i am reading essays and novels, putting some books down right away when they hold too much gender binary for my taste. when “woman” is coded as a mere opposite to “man” and nothing beyond these two is allowed to exist at all.

is it reasonable to dismiss a book because of this, a book that apart from that surely has something to say? shouldn’t i be able to bridge the gap? but who has to accommodate whom?

every year in january during berlin international green week, a broad alliance of different associations and organisations gather to protest together. GEH and “vier pfoten” are marching in the same demonstration. beekeepers as well as hardcore vegans who oppose honey. thousands of protesters who won’t agree on many levels. but all of them want to abolish factory farming as well as the mass poisoning of fields, while our government usually likes to have more of both.

i wish i could rely on such a big alliance against racism, antisemitism, ableism, misogyny and queer hostility. but why is it always the marginalised groups within the marginalised groups who are told to “not make a fuss”, to restrain themselves in order to cooperate? why is “this gender stuff seems weird to me” kind of okay while opposing voices are eyeballed as “dividing” the movement? whom is the division radiating from, this separation of complete identities? why are the rights of, say, disabled allies considered a kind of luxury? why do i rarely feel confident to speak up about fluid identity, why does it seem so insignificant compared to the heavy backlash we’re infested by for more than a year now? is this a kind of side contradiction 2.0, like, abolish partriarchy and the rest will take care of itself? but it won’t work like that. so many are not included here. inclusion also means: who is endangered during a protest - who needs protection or can’t participate? whose fate is considered relevant, globally and in the media? whose is not? which fates will cause a reaction, and which will be tolerated?

and what am i ignorant to because i just don’t experience it thanks to my privilege?

coincidentally i stumble upon cathy park hong, her book minor feelings: an asian-american reckoning. the german title irritates me. it’s called störgefühle: über anti-asiatischen rassismus, literally: disturbing feelings: on anti-asian racism. reckoning is not the same as “on racism”. the essays deal with racism a lot, they are about internalised racism, too, but this book isn’t a history lesson nor an instruction manual. it’s also about identity. art. mental health. pop culture.

hong writes about white films. for example about moonrise kingdom, which uses, of all things, the year 1965 for its version of an ideal world - the same year malcolm x was assassinated.

“anderson’s moonrise kingdom is just one of countless contemporary films, works of literature, pieces of music and lifestyle choices where wishing for innocent times means fetishizing an era when the nation was violently hostile to anyone different.”

and about blade runner 2049, “an example of science fiction as magical thinking: whites fear that all the sins they have committed against black and brown people will come back to them tenfold. so they fantasize their own fall as an preventative measure to ensure that the white race will never fall.”

on my quest to find sources of courage and resistance i read mirjam zadoff. i can find my own thoughts in the thoughts of the author, we both seem to like to visit the sea in order to calm down. now and again we seem to have come up with similar ideas: trying to live in the moment at least sometimes. finding and strengthening communities. reading, learning, studying other people’s perspectives.

“as it fortifies people against the increasing lack of imagination and emotion, against an omni-potent feeling of helplessness, reading is an act of resistance.”

(translation by me)

i am especially moved by zadoff’s words about grief and her observation how remembrance in/by german society has been degenerated into wannabe speechlessness.

“a culture of commemoration has been built that again and again claims to be speechless, that is lacking words and refuses to name things by using phrases such as “dark times” or “unspeakable horrors”. but there are words, and they are many and varied.”

(translation by me)

there are the reports of the witnesses. they speak of the violence they had to endure, of the resistance they put up, and many of them talk about hope. about courage. about the need to help others. “you can't live in constant fear. even fear is something to which you become accustomed.”, selma van de perre writes. “i didn't allow the fear to overwhelm me. the desire to thwart the nazis and help people in danger was stronger.”

we could learn so much from the past now. but still “dark times” or even “turbulent times” are used in politics and economy as euphemisms for a genocide. for the german people mass playing along and enabling the worst felonies. still so very often you will find not a single word in the public history of german companies about what actually happened between 1933 and 1945. also, i have grown up in a society where “mädels vom immenhof” (immenhof girls) is a regular part of the public service broadcasters’ tv program around christmas, as well as “die feuerzangenbowle” (the punch bowl), a 1944 film, a comedy for the whole family, approved by hitler himself so the german people might hang on during the war. zero comment, zero classification, neither on tv nor on the broadcaster’s streaming platform.

in the 1950s “immenhof”-trilogy the nazi spirit is very much alive: worship of the homeland, nazi aesthetics and morals. “comradeship” upheld. family, discipline, working hard with your own hands, chubby-cheeked white faces. living in the countryside is preferable to the chaos and the “mores” of the city, like the waltz is preferable to weird music from foreign countries. sexism, on the other hand, is as acceptable as ever.

many of the actors participating in this film have been successful in nazi germany up to being awarded by the nazi government. after the war they just carried on with their career. norbert schultze, who not only composed the famous song lili marleen’s melody but also the soundtrack for many nazi propaganda films, wrote for the immenhof girls the song of the “rehlein” (little deers), that are turning and looking back: “for today and tomorrow/ you and i for all eternity” (translation by me).

i have watched these films as a child countless times. i have grown up with them, with the values they teach. year after year they are broadcasted on german television without comment. so much for our accounting for the past.

“we need a desire for tales of the future, for a cautious, informed optimism”, zadoff writes. (translation by me)

instead of doom scrolling and repressing each other, instead of holding up a pseudo idyllic past which never existed, we need literature that doesn’t perpetuate discrimination. we need literature that holds hope of real change.

tiny call to action:

how would this year look like if you had a say? what kind of change in society do you wish for? and do you act accordingly - yesterday, today and tomorrow?

books:

cathy park hong: minor feelings: an asian-american reckoning

mirjam zadoff: wie wir überwintern: den lebensmut durch die harten zeiten retten

selma van de perre: my name is selma: the remarkable memoir of a jewish resistance fighter and ravensbrück survivor

film:

moonrise kingdom, directed by wes anderson, 2012

blade runner 2049, directed by dennis villeneuve, 2017

die mädels vom immenhof, directed by wolfgang schleif, 1955

die feuerzangenbowle, directed by helmut weiss, 1944

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