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Unrast #6: Vielleicht

Ein fiktionales Fragment über Rückzug und Eskapismus.

Die Vorlage für diesen Text habe ich 2012 auf Englisch geschrieben. Er war damals ein verklärtes Echo auf das einfache Leben à la Kinfolk. Ich habe den Text nun übersetzt und weitergedacht. Dabei habe ich gemerkt, dass dreizehn Jahre später die Idee von Rückzug zwar dringlicher, aber längst nicht mehr so romantisch wirkt.

Eine Futterstelle in warmes Licht getaucht.

Ein kleines Haus aus Stein zwischen vertrockneten Getreidefeldern. Ein paar Leute, ein langer Tisch mit grossen Schüsseln und Weinflaschen. Die Sonne geht gerade unter, um uns herum schreien die Grillen. Wir sind den ganzen Tag durch die Wälder gestreift. Manche von uns haben sich an den Händen gehalten, andere waren auf der Suche nach Beeren. Meine Fingerspitzen sind noch dunkel von ihrem Saft.

Bei unserer Ankunft, hatte jeder ein paar Bücher mitgebracht. Wir haben sie in das Regal im Wohnzimmer gestellt. Manche Bücher blieben abends auf der Veranda liegen, die Seiten gewellt vom Tau und Sommerregen. Wir haben sie längst alle gelesen.

Im Wohnzimmer steht ein alter Plattenspieler, wir haben ihn auf dem Dachboden in einer Kiste gefunden. Eine Handvoll Platten steckte daneben. Wir hören sie nicht oft. Manchmal summt jemand eine der Melodien, während wir tagsüber ein paar Meter voneinander entfernt im hohen Gras liegen.

Nach dem Abendessen kühlt es etwas ab. Du wirfst mir einen verschwörerischen Blick zu. Wir verlassen die Tafel und laufen zum See. Ich bin angetrunken, schwanke ein wenig. Meine Schulter berührt deine. Ich greife nach der Flasche Wein in deiner Hand. Wir werden sie austrinken, während wir auf einem der Baumstümpfe am Ufer sitzen.

Als es anfängt zu regnen, lasse ich mich ins Wasser gleiten. Ich schwimme in die Mitte des kleinen Sees. Die Mauersegler sind längst vom Himmel verschwunden. In der Ferne hören wir das Grollen eines herannahenden Gewitters. Wir wissen beide, dass wir zurück zum Haus laufen sollten. Stattdessen lasse ich mich auf dem Wasser treiben. Ich kann den Waldboden von hier aus riechen. Die Regentropfen hinterlassen kleine konzentrische Kreise auf dem See.

Ich versuche, ganz ruhig zu liegen, mich nicht zu bewegen, diesen Moment nicht zu stören. Später höre ich, wie dein Körper ins Wasser gleitet. Ich zähle die Sekunden, bis du bei mir bist.

Erst auf dem Weg zurück zum Haus, erinnere ich mich an die anderen. Sie haben unsere Tafel vermutlich hastig verlassen, nur die Gläser, Schüsseln und Teller mitgenommen, die sie gerade tragen konnten. Der Rest würde sich langsam mit Regenwasser füllen. Vielleicht hat jemand daran gedacht, den Kamin anzumachen. Wer weiss, wie lange der Regen diesmal anhält.

In der Küche gibt es eine Schublade mit unseren Telefonen. Wir könnten sie jederzeit aufladen, um zu sehen, wie das Wetter wird und was wir verpasst haben. Aber wir haben vor langer Zeit das Interesse verloren. Manchmal, wenn jemand von uns ins Dorf fährt, um Lebensmittel zu besorgen, bringt er eine Zeitung mit. Wir überfliegen die Artikel nur. Später benutzen wir das Papier, um Brote für unsere Ausflüge einzuwickeln.

Im Haus riecht es feucht, als wir ankommen. Ich öffne die Fenster und lasse die frische Nachtluft herein. Im Kamin glimmt ein kleiner Haufen Asche. Die Katze streift hungrig um meine nassen Beine. Auf dem Sofa raschelt ein Schlafsack. Der Kalender neben dem Fenster zeigt einen Monat und ein Jahr, die längst verstrichen sind.

Eines Tages hatten wir die Innenstädte, in die viele von uns zum Studium gekommen und dann einfach geblieben waren, verlassen. Wir haben uns Landstriche gesucht, die andere längst hinter sich gelassen hatten. In leer stehenden Häusern, Höfen und Dörfern bildeten wir Gemeinden, in denen wir die Prinzipien lebten, die wir einst versucht hatten, in der Gesellschaft zu verankern. Man lässt uns. Hier stören wir die anderen nicht. Vielleicht sind wir mittlerweile auch ihr geringstes Problem.

Als wir damals in den Städten in Töpferkurse gingen und auf unseren Balkonen oder Kleingärten am Stadtrand Gemüse pflanzten, wollten wir eigentlich nur etwas mit den Händen machen. Ein Ausgleich zum Stress zwischen Agenturen, Start-ups und der Care-Arbeit. Dass die Dinge, die wir uns damals beibrachten, später nützlich werden würden, daran hatten wir eigentlich nicht geglaubt.

Die, die wir mit unseren Idealen schützen wollten, haben wir eingeladen, mitzukommen. Die meisten sind geblieben.

Sujet Fiktion