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Mein erster Newsletter

Meine lieben Newsletter-Freunde, das Jahr ist zu Ende. Nachdem mich Gmail dazu aufforderte, ich möge doch bitte endlich Speicherplatz freigeben, denn wie wichtigen können meine Mails schon von 2011 noch sein, entschloss ich mich, alte Mails zu löschen. Es ist erstaunlich, an was ich alles hänge. Ich klickte mich ziemlich weit nach hinten und fand eine alte Mail aus meiner ersten Woche in London. Ich konnte es nicht glauben. Viel schlimmer: Wie konnte ich das vergessen haben? Ich wusste sofort, ich kann euch das nicht vorenthalten. Meinen ersten Newsletter verschickte ich im Juni 2011 an meine Freunde kurz nach meiner hoffnungsvollen Ankunft in London. Ich kam als AuPair in eine indische Familie, kümmerte mich für ein paar Monate um den 8-jährigen Sohn, half im Haushalt, schlief in einem winzigen Zimmer mit Spiderman-Vorhängen und besuchte eine Sprachschule. William und Catherine hatten gerade geheiratet und Adeles »Someone like you« lief überall rauf und runter.

Ich erinnere mich, ich wollte die Beziehungen zu Hause trotz meines Auslandaufenthalts nicht abbrechen lassen, weshalb ich die Mail schrieb. Und natürlich diente Schreiben für mich schon immer als eine Möglichkeit des Festhaltens.

  1. Juni 2011

Betreff: weekly newsletter

»Listen Juuuudith! Please do not call me Buddy when we’re in public!«

»Ok got it. And why is Buddy your nickname?«

»Judith, I think that is a very private question.«

Was soll ich euch sagen. Buddy ist so ziemlich das Beste, was mir passieren konnte. Er ist echt witzig und wirklich pfiffig.  Es macht mir richtig Freude, mich mit ihm zu beschäftigen. Er ist so dieses typische Fernseh/Playstation Kind. Morgens vor der Schule muss er erst mal 2 Stunden Cartoons schauen. Wenn man ihn aber für was anderes begeistern kann, blüht er richtig auf. Seit meiner Ankunft hat er –kein Witz!- drei Bücher gelesen. (»Diary of  a Wimpy Kid« :) ) Ansonsten komme ich hier, mal abgesehen vom Wetter, echt gut klar. Und ich sage es euch, wenn ich wieder komme, kann ich indisch kochen!  Ich habe jetzt schon zwei Gerichte gelernt. Und vor allem kann ich jetzt »pouris« machen. (Dieses aufgeblasene Brot, das man immer beim Inder bestellt.)

Ich dachte erst, Wimbledon wäre mehr eine Wohngegend, es ist aber doch eher wie eine Kleinstadt. Es gibt hier alles. Pubs, Clubs, Parks, eine Mall :)  100 Beautysalons, Subway habe ich dreimal gezählt, KCF zweimal, einen AppleStore, usw. Einer meiner ersten Wege führte mich in die Wimbledon Library. (Da bin ich nun jeden Tag). Dort hab ich mir erst mal einen Bibliotheksausweis gemacht. Ab Juli fang ich dort an als Volunteer zu arbeiten. Das ist eine gute Gelegenheit, um Leute kennenzulernen und mein Englisch zu bessern. Und ich hab auch einen book club ausfindig gemacht! Diesen Monat: »Miss Smilas feeling for snow«. Ich glaube zwar, dass da nur Rentner sein werden, weil es neben der 50plus Kursauswahl hing, aber ein bisschen Jugend hat ja noch nie geschadet  :)                                 

Facts about London:

DER VERKEHR ist eine Katastrophe und ich muss immer noch auf den Boden schauen, ob look left oder look right angesagt ist. (Die parken hier nämlich nicht in eine Richtung, sondern so wie es gerade passt!)

DAS WETTER ist merkwürdig. Wisst ihr, mit Dauerregen könnte ich leben. Da weiß man wenigstens was man hat.  Dieser unaufhaltsame Wechsel zwischen Sommer und Herbst ist das Schlimme. Wirklich unglaublich. Man läuft hier in Shorts mit Regenschirm rum!

Mit den POUNDS reicht schon ein Beispiel, damit ihr eine Vorstellung bekommt. 6,70 Euro für 2 DVDs/zwei Nächte!!!! Ich habe lachend die Videothek wieder verlassen.

 Nächste Woche erzähl ich von meinem ersten Schultag in der Sprachschule und meinem ersten Pub-Besuch! Habe nämlich einen gefunden, der wie im Walhalla, Quizabende veranstaltet :)


Ich drücke euch! Ganz liebe Grüße

Judith

Fast 15 Jahre später feier ich die Wiederentdeckung meiner Zeilen. Es erstaunt mich, wie viel von damals in meinen heutigen digitalen Kultur-Briefen an euch steckt, den nun nicht mehr nur 45 Menschen lesen, sondern 1550. Unglaublich, wie Gregs Tagebuch nun bei meinem fast 8-jährigen Sohn wirkt. Nur minimal habe ich Veränderungen vorgenommen. Hinzuzufügen ist, mehr Nerd kann man nicht sein, fantastisch langweilig auf eine Art, aber es gehört zum Leben dazu, sich möglichst viel von dem zu bewahren, was einen antreibt, all die Liebe und Fantasie, mit 15, mit 25, mit 35. Lange bin ich nicht mehr alleine in die Bibliothek gegangen, ich wurde mutiger. Irgendwann arbeitete ich als Kellnerin in einem Pub, lernte meine Freundin Neele aus Aurich kennen, legte mir einen Akzent zu, verliebte mich unglücklich und so weiter. Nie kochte ich indisch, sondern aß unfassbar viele Sandwiches. Ein großer Bus ist über die Zeit gerollt, so viele Koffer mit Erinnerungen liegen unter den Sitzen, 2026 werde ich tatsächlich schon 40 Jahre. Ich freue mich darauf, möchte weiter an mir arbeiten und bleibe, so tief drinnen, bei mir.

Ich bedanke mich an dieser Stelle für euren Support meines Newsletters. Rutscht gut ins neue Jahr und schaut unbedingt in euren Posteingang von 2011!

Ich drücke euch! Ganz liebe Grüße

Judith

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