#17 : Die Verteidigung einer neuen Selbstständigkeit
Dies ist die siebzehnte Ausgabe von 4. Mio+, dem regelmäßigen Briefing von Cathi Bruns. Diesmal:
Ein Referentenentwurf aus dem Arbeitsministerium zeigt, wie man sich in der Regierung eine „neue Selbstständigkeit“ vorstellt
Was wir daraus lernen können und warum Angestelltenland tatsächlich eine neue Selbstständigkeit braucht
Ein Gespräch über die Freelance Economy und den Antrieb sich für Selbstständige einzusetzen mit Marc Clemens, Agentic-Coder, Gründer und mein zukünftiger Podcast Co-Host
Denn: Der 4.Mio+ Podcast kommt!
Hi.
Herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von 4. Mio+
(Öffnet in neuem Fenster)Zur Selbstständigkeit gehört ein Grundoptimismus, der nun schon eine ganze Weile auf die Probe gestellt wird.
Zur Standortkrise kommt die weltwirtschaftliche Lage. Die Wachstumsprognose musste erneut nach unten korrigiert werden, 0,6 Prozent1 sind noch drin, vielleicht.
Die Geschäftserwartungen von Solos und Kleinunternehmen haben sich dementsprechend stark eingetrübt. „Der „Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex“ sank von -16,5 Punkten im Februar auf -20,8 Punkte im März.“2 Der tiefste Stand seit zwei Jahren.
Und was macht die Politik?
Anlass für mutige Reformen gibt es genug. Aber anstatt uns Freiräume zu verschaffen, beschließt man Prämienpolitik für Angestellte. Und anstatt freie Arbeit zu liberalisieren, erfindet das Arbeitsministerium lieber eine „neue Selbstständigkeit“.
Was genau das sein soll, schau ich mir in dieser Ausgabe an.
Und was es wirklich für eine „neue Selbstständigkeit“ braucht, darüber habe ich mit Marc Clemens gesprochen. Er erzählt, warum er sich für die Freelance Economy engagiert, beschreibt was es jetzt braucht, um den Standort zu modernisieren und um Deutschland freelancerfit zu machen.
Und ich mache Ernst mit dem 4.Mio+ Podcast. Zusammen mit Marc, dem perfekten Co-Host, wie du weiter unten im Interview feststellen wirst.
Die Verteidigung einer neuen Selbstständigkeit. Darum geht’s in dieser Ausgabe.
Viel Spaß beim Lesen.
Cathi

Warum muss uns das beschäftigen?
In der letzten Ausgabe schrieb ich:
„Bei Innovationsstau, drastischem Fachkräftemangel und immer höheren Arbeitskosten, müssten Freelancer sich eigentlich vor Projekten nicht retten können - wenn deutsche Politik die freie Arbeit nur nicht so vehement bekämpfen würde. Hier regelt nicht der Markt, sondern die Politik unser Schicksal.“
Und es geht immer so weiter.
Politik müht sich nicht mehr für die Gestaltung von freiheitlichen Marktbedingungen, sondern wirkt zunehmend wie eine große Interventionsspirale.
Wo man hinschaut, Politik will regeln. Lieferkette, Mindestlohn, Entgelttransparenz, Produktsicherheitsverordnung, Tankrabatt, Tempolimit, Mietendeckel, E-Auto-Prämie, Aktivrente, Plattformrichtlinie, Ausbildungsplatzumlage, Scheinselbstständigkeit… die Liste ließe sich weiterführen.
Und auch in diesem Briefing ist nur viel Politik drin, weil überall zu viel Politik drin ist.
Bleib-unten-Politik im Land ohne Aufstiegserzählung
Aber es ist falsch, sich während der schlimmsten Standortkrise, mehr Gedanken zu staatlichen Mehreinnahmen zu machen, als darüber, dass unser Land keine anschlussfähige Aufstiegserzählung mehr hat. Niemanden im politischen Berlin scheint es ernsthaft umzutreiben, dass weder Führungspositionen (Öffnet in neuem Fenster) noch Selbstständigkeit in Deutschland noch attraktiv und Anspruch der arbeitsfähigen Bevölkerung sind.
Wir Selbstständige leiden am stärksten darunter. Denn Selbstständigkeit braucht Freiräume und keinen Endloskampf gegen freiheitsfeindliche Politik.
Lassen Sie mich durch, ich bin selbstständig!
Wir gehören zu der zähen Gruppe von Arbeitstieren, die ihren Aufstieg organisieren wollen und auch ohne staatliche Bevormundung ihre Arbeitszeit und Altersvorsorge regeln können.
Niemand sonst scheint die Selbstständigkeit noch als größte Chance des Erwerbslebens zu verstehen. Was passiert, wenn es auch Selbstständigen ausgetrieben wird?
Das freiheitliche Denken darf uns nicht abhanden kommen.
Auch darum braucht es einen neuen unternehmerischen Aufbruch. Und eine ganz andere Debatte. Es muss viel mehr um Chancen gehen, um neue Ideen und um Aufstieg durch Eigenarbeit. Das Land kann so stark von Selbstständigen profitieren, warum hört es uns nicht zu?
Wir brauchen jetzt keine Maßnahmen für mehr Absicherung, sondern den Weg frei geräumt für alles, was Mehrarbeit und Wirtschaftswachstum ermöglicht.
2025 war, was die notorisch laue Gründungstätigkeit angeht, ein besseres Jahr3. Das Image der Selbstständigkeit liegt hierzulande aber immer noch irgendwo zwischen „der belächelte Träumer“ (das süße kleine Café, der vegane Bioladen, der niedliche Buch-Shop…) und „das arme Schwein“ (kein richtiger Job, nicht ordentlich versichert, kann man davon leben?..).
https://x.com/cathibruns/status/2041044804159578189?s=20 (Öffnet in neuem Fenster)Zum alten Bild der Selbstständigkeit kommt die alte Politik gegen die Selbstständigkeit
Wir Selbstständige sind die soziale Gruppe, die politisch zwar allein gelassen wird, aber nicht in Ruhe.
Selbstständige müssen daher raus aus alten Schubladen und rein in die unternehmerische Selbstbehauptung.
Denn was man sich im politischen Berlin alles ausdenken kann, zeigt ein geleakter Referentenentwurf aus dem SPD-geführten Arbeitsministerium. Der bringt einen für Selbstständige völlig absurden neuen Deal mit der Rentenversicherung ins Spiel.
Wie die Süddeutsche Zeitung zuerst berichtete4 (€) hat das Arbeitsministerium unter Bärbel Bas ein Papier erarbeitet, um Selbstständige und ihre Auftraggeber vor der so genannten „Scheinselbstständigkeit“ zu bewahren. Der sozialrechtliche Umstand, der erst politisch erfunden wurde und dann voll zulasten Soloselbstständiger ging.
Jetzt gibt es offenbar eine neue Idee: Ein zusätzlicher sozialversicherungsrechtlicher Status, mit dem Selbstständige sich ein Stück Rechtssicherheit gegen den Generalverdacht der „Scheinselbstständigkeit“ erkaufen können. Indem sie mit der Wahl zur Rentenversicherungspflicht bezahlen.
Die Lage

Inzwischen berichteten darüber weitere Medien, Table Media hat das Papier im Berlin.Table Briefing5 veröffentlicht.
→ Eins vorweg: Es handelt sich um einen ersten Entwurf von dem bisher nur die SPD überzeugt ist. Die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung ist in der Form sicherlich gering. Aber dennoch offenbart das Papier eine wahnsinnige Kluft.
Fakt ist: Erst hat die Politik diese unsägliche rechtliche Unklarheit geschaffen, uns und unsere Auftraggeber dann all die Jahre mit der Unsicherheit belastet und damit in Kauf genommen, dass Freie nicht mehr beauftragt werden. Und jetzt will sie uns über eine Rentenversicherungspflicht ein Stück Sicherheit zurück verkaufen? C’mon.
Neuer Status, alte Statusfeststellung
Es wird noch besser. Die rentenversicherte „neue Selbstständigkeit“ soll parallel zur schönen alten Selbstständigkeit existieren. Aber nur für die neue Form sollen fortan Kriterien gelten, um die echte Selbstständigkeit, von der schlimmen „Scheinselbstständigkeit“, bzw. der edlen Festanstellung zu unterscheiden.
Zum Beispiel soll der freie Wille der beteiligten Vertragsparteien und die eigene Entscheidung zur Selbstständigkeit eine stärkere Gewichtung erhalten.
Nett, oder?
Weiterhin sollen ein paar Dinge gelten, die nicht so neu sind, aber als Voraussetzung für die Annahme unternehmerischen Handelns mal wieder typisch Angestelltenland bleiben:
Wie zum Beispiel die vertragliche Vereinbarung sich im Projekt vertreten lassen zu dürfen, Aufträge also nicht persönlich erledigen zu müssen. Diese für den neuen Rechtsrahmen zwingende (!) Voraussetzung ist in der Praxis für viele Soloselbstständige natürlich Unsinn. Woher soll man denn eine Vertretung nehmen? Und warum sollte man überhaupt eine Vertretung haben, wenn man zum Beispiel aufgrund der persönlichen Qualifikation, Reputation und Eignung gebucht wurde?
Kein Unsinn ist dagegen die Voraussetzung der Übernahme von unternehmerischem Risiko, also neben der Aussicht auf Gewinnerzielung, auch den möglichen Umstand von Verlusten kalkulieren zu müssen. Das ist für Selbstständige eigentlich selbstverständlich, und zwar auf die gesamte Selbstständigkeit bezogen und nicht bloß auf einzelne Projekte.
Weiterhin soll zählen, wenn man werbend nach außen auftritt (reicht da eine Website?…), für Selbstständige übliche Betriebsausgaben hat (reicht da ein Laptop?…) und der Klassiker, wenn man nicht nur für einen Auftraggeber arbeitet.
Kurz: Wer sich für die Rentenversicherungspflicht im Projekt entscheidet, sich vertreten lassen kann und dann noch mindestens zwei der vier genannten Kriterien erfüllt, kann laut Entwurf sozialversicherungsrechtlich sicherer selbstständig tätig sein.
Außerdem darf man nicht frei für einen Auftraggeber arbeiten, bei dem man in den letzten sechs Monaten angestellt war (Warum auch immer...).
Dazu werden noch ein paar Branchen direkt von der „neuen Selbstständigkeit“ ausgeschlossen, in denen die Politik vermehrt Schwarzarbeit ausgemacht hat. Bau, Gastro, Fleischindustrie und einige mehr.
Bemessungsgrundlage für die „neue Selbstständigkeit“ im Projekt sollen 90 Prozent der Vergütung sein. Selbstständige tragen den Rentenversicherungsbeitrag dabei auch künftig vollständig selbst, wobei Auftraggeber - analog zu den Pflichten von Arbeitgebern - das Melden und Abführen der Beiträge übernehmen sollen. Hier wird es nun unmöglich kompliziert und spätestens deshalb glaube ich kaum, dass so ein Entwurf tatsächlich durchkommt. Trotzdem ist es interessant, welcher Blick auf Selbstständigkeit zu solchen Entwürfen führt.
Man merkt, in dem Ministerium kennt man sich weder mit Projektarbeit, noch mit der Selbstständigkeit aus.
Vieles galt im Prinzip auch schon zur Feststellung der guten alten Selbstständigkeit. Nur ist das alles bisher eben nicht rechtssicher.
→ Der Verband der Gründer und Selbstständigen (VGSD. e.V.) hat den Entwurf ausführlich eingeordnet (Öffnet in neuem Fenster)6.
Die Kritik ist deutlich.
Dass DBITS, der Bundesverband der ITler sich hoffnungsvoll dazu positioniert (Öffnet in neuem Fenster), zeigt nur, wie existenziell eine Lösung in Sachen Statusfeststellung ist. Sehr gut verdienende IT-Fachkräfte können sich den Deal vielleicht erlauben und die Rentenversicherung einpreisen - ein Grund zur Freude ist diese Politik aber nicht.
Ich selbst kann über diesen Entwurf nur den Kopf schütteln.
Schon die Bezeichnung „Neue Selbstständigkeit“ ist der Hohn.
Denn neu ist daran nur die Rentenversicherungspflicht als Zugangskriterium für Rechtssicherheit. Ein Schelm etc..
Und was sind das bitte schön für Methoden, die nichts als eine Zwei-Klassen-Selbstständigkeit bringen? Auf der einen Seite werden wir Solos als echte Unternehmer politisch nicht ernst genommen, auf der anderen Seite ist die Voraussetzung für unsere rechtlich sichere Beauftragung, dass wir unser echt unternehmerisches Handeln beweisen, indem wir uns ausgerechnet zu einer Arbeitnehmerversicherung bekennen? Und all das passiert in einem Rechtsstaat, in dem Rechtssicherheit für alle die Grundlage sein müsste und nicht an parteipolitische Wunschvorstellungen gebunden sein darf?
Wenn man sich dieses Vorhaben anschaut und den nun jahrelangen Streit für Rechtssicherheit auch nur am Rande mitverfolgt hat, dann springt es einen regelrecht an:
Ernst genommen fühlen, können wir uns damit nicht.
→ Denn Rechtssicherheit für alle muss das Ziel sein. Kein neuer Ausdenk-Status oder zusätzlicher Rechtsrahmen für einzelne Projekte, sondern EIN Rechtsrahmen. Und auch keine Statusfeststellungsverfahren mehr für Selbstständige. Ja, richtig, die vollständige Abschaffung dieser Schikane, sofern sich für die Selbstständigkeit entschieden wurde und ein paar Positivkriterien, die verbindlich und für alle gelten.
Und zwar ohne, dass man eine gesetzliche Rentenversicherungspflicht akzeptieren müsste. Warum zum Beispiel können Selbstständige für Rechtssicherheit nicht einfach eine eigene Altersvorsorge vorweisen? Warum nicht auch in das neue Altersvorsorgedepot optieren? Warum muss es für die „neue Selbstständigkeit“ die alte Rentenversicherung sein?
Was wir Selbstständige immer und immer wieder bekommen, ist Politik gegen die Selbstständigkeit. Und wenn diese Politik dem Staat selbst auf die Füße fällt, wird anstatt Klarheit für alle, lieber die nächste Sonderregelung, wie derzeit für den Bildungsbereich, geschaffen (siehe Übergangsregelung im § 127 SGB IV (Öffnet in neuem Fenster)). Oder die schon vorhandene rentenversicherte Kategorie der „arbeitnehmerähnlichen Selbstständigen“, die auch durch diese „neue Selbstständigkeit“ nicht abgelöst wird.
Alles nur, weil aus der einfachen Abgrenzung von abhängiger Beschäftigung und Selbstständigkeit in diesem Land ein wahnsinnig komplizierter Senf gemacht wird.

Nun soll eine zusätzliche Form der Selbstständigkeit dazu erfunden werden? Ein typisches Beispiel dafür, wie in Deutschland Misstrauensbürokratie entsteht: Mit dem Ziel der Reform, fabriziert man neue Probleme.
Was wir in puncto Selbstständigkeit wirklich brauchen, ist nicht mehr, sondern weniger Politik. Und was die Statusfeststellung angeht, am besten gar keine. Am besten schafft man das ganze Verfahren für Selbstständige ab und bietet es nur noch für alle an, die gegen ihren Willen wie Selbstständige behandelt werden, damit genau diese Arbeitsverhältnisse auf Wunsch geprüft werden können.
Ein modernes Politikverständnis würde Selbstständige damit jedenfalls nicht behelligen. Und das ist nicht zu viel verlangt.
Folgt man aber der Linie des Ministeriums, so sieht man nur, dass hier Politik für die Rentenversicherung gemacht wird. Die Chance auf echte Verbesserung für Selbstständige wird vertan, nur um ein paar mehr Beitragszahler zu generieren. Wenn dieser Logik weiter gefolgt wird, ist das schlimmer als einfach gar nicht zu reformieren.
Denn wozu würde so eine Regelung führen?
Unternehmen werden nur noch mit Freien arbeiten, die das Maß an Rechtssicherheit mitbringen und es in Honorare einpreisen. Selbstständige haben so also keine Wahlfreiheit, sondern müssen gewissermaßen mit dem Eintritt in die Rentenversicherung für ihre Aufträge bezahlen.
→ Das verzerrt den Markt, es misstraut Selbstständigen, es schafft keine Bürokratie ab und es nimmt keinerlei Rücksicht auf die aktuelle Wirtschaftslage oder die gesamte Altersvorsorgedebatte.
Bisher bedeutet dieser Entwurf: Rentenversicherung oder weiter die Scheinselbstständigkeit im Nacken.
Wie kann man nur so auf dem Kriegsfuß mit der Gruppe von Erwerbstätigen stehen, die am meisten, am längsten und am liebsten arbeitet? Die Eigenverantwortung hochhält und nichts erwartet, außer ein bisschen mehr Freiraum?
Nee, Leute. Das ist nicht die „neue Selbstständigkeit“, das ist die alte Rentenversicherungspflicht durch die Hintertür.
Und die lässt sich immer schwieriger verargumentieren. Mit der angeblich mangelhaften Vorsorge Selbstständiger jedenfalls, braucht es niemand mehr versuchen. Eine neue Studie7 vom DIW im Auftrag von Bas' Ministerium selbst, zeigt erneut eindrucksvoll, dass über 90 Prozent der Selbstständigen eigenständig und über mehrere Instrumente - also nicht selten besser als Angestellte - für das Alter vorsorgen. Eine Rentenversicherungspflicht müsste damit eigentlich vom Tisch sein. Nicht so in Angestelltenland.
Mit uns kann mans ja machen?
Ich finde, wie eine „neue Selbstständigkeit“ auszusehen hat, definieren immer noch wir, die selbstständig die Zukunft bauen. Oder davon träumen.
→ Denn Selbstständigkeit ist kein Versicherungsmodell, sondern ein Arbeitsleben in Eigenverantwortung. Und ein unternehmerisches Lebensgefühl. Und ganz pragmatisch, gute Arbeit. Leistung, die nicht nur persönlich, sondern das ganze Land bereichert.
Und das müssen wir viel stärker in den Vordergrund stellen.
Darüber hab ich mit Marc Clemens gesprochen. Marc ist leidenschaftlicher Tech-Unternehmer, Agentic-Coder, Gründer der Freelancer-Plattform „9am“, Co-Founder der Freelancer-Konferenz „Freelance Unlocked" und Vordenker einer flexibleren Arbeitswelt von morgen.
Das Gespräch


Lieber Marc, du setzt dich seit Jahren für die Freelance Economy in Deutschland ein – was treibt dich an?
Marc Clemens: Das Bedürfnis, dass freie Arbeit endlich legal ist und in der Mitte der Gesellschaft ankommt. Ich bin freiheitsliebend und könnte mir selbst keine andere Form des Arbeitens vorstellen als die Selbstständigkeit, ob solo oder als Unternehmer. Und ich glaube, das geht den meisten so, die es einmal probiert haben. Entweder man ist infiziert, oder man geht sofort zurück in die Anstellung und fasst es nie wieder an.
Aber es geht mir nicht nur ums Prinzip. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Wirtschaft Selbstständige braucht - und ganz besonders Soloselbstständige. Sie bringen Innovation direkt ins Unternehmen. Und sie tragen indirekt zur Innovation bei, indem sie Wissen zwischen Unternehmen verteilen. Das ist in Deutschland besonders wichtig, weil wir im internationalen Vergleich eine extrem geringe Mitarbeiterfluktuation haben. Ohne Freelancer würden viele Unternehmen in ihrer eigenen Wissensblase versauern.
Dazu kommt: Freelancer sind häufig die Unternehmer von morgen. Und sie haben ein anderes Verhältnis zur Arbeit als die meisten Angestellten. Ein Freelancer würde wahrscheinlich nie sagen, dass ihm ein Lohn geschuldet wird - sondern dass er sich seine Bezahlung verdient hat. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied in der Haltung.
Wenn es um die Selbstständigkeit geht, kommt der Aspekt innovativer Arbeitsmodelle häufig zu kurz und die Frage der sozialen Absicherung dominiert immer noch die politische Debatte. Wenn du eine Bedingung für Freelancing sofort ändern könntest, welche wäre das?
Marc Clemens: Ganz klar: die Scheinselbstständigkeit. Ein absurder deutscher Begriff für ein deutsches Regulationsmonster. Ja, es gibt eine Schutzbedürftigkeit für bestimmte Arbeitskräfte, aber dann reden wir ehrlicherweise eher von „Schein-Nicht-Anstellung". Das Problem ist doch nicht, dass jemand selbstständig sein will, sondern dass manche Unternehmen Angestelltenverhältnisse als Freelancer-Verträge tarnen.
Aber wie kann ein Staat bitte entscheiden, ob ich selbstständig sein darf oder nicht? Das ist eine Bevormundung, die in einer modernen Wissensgesellschaft nichts verloren hat. Wir brauchen klare, praxistaugliche Regeln - keine Angstkultur, in der jedes Freelancer-Engagement unter Generalverdacht steht.
Du bist mit deiner Familie ausgewandert. Kann Deutschland etwas von anderen Ländern lernen, was die Voraussetzung für Selbstständigkeit und Gründung angeht?
Puh, Deutschland kann nicht nur da etwas lernen… Für mich gibt es drei grundsätzliche Pfeiler, die wir strukturiert angehen müssten:
Erstens: Unser Standortfaktoren-Konzept lebt noch in den 90ern. Was hat Deutschland bei Wissensarbeit eigentlich noch zu bieten? Das Wetter ist schlecht, in großen Teilen gelten wir nicht gerade als fröhlich-offene Kultur, die Kosten sind hoch, die Wirtschaft veraltet - und die Regulatorik ein Graus. Beim letzten Punkt haben wir es besonders schwer: Nicht weil unsere Gesetze schlimmer wären als bei unseren Nachbarn - da ist ja in Europa insgesamt schwer zu sagen, wer Blinder und wer Einäugiger ist -, sondern weil unsere Gesetze tatsächlich gelebt und kontrolliert werden. In vielen anderen europäischen Ländern steht die gleiche Regulatorik auf dem Papier, nur nimmt sie dort niemand ernst. Als Notbehelf kann das funktionieren.
Und genau da wird der internationale Vergleich spannend. Nehmen wir Spanien: Das Land ist ebenfalls massiv überreguliert. Aber die Gesellschaft ist nicht satt - es gibt eine Leistungsbereitschaft, im Zweifel aus der puren Notwendigkeit heraus. Und damit geht etwas voran. Dann schaut man nach Estland mit der e-Residency: ein kleines Land, das es geschafft hat, Unternehmensgründung und -abrechnung simpel und komplett digital abzubilden. Da fragt man sich als deutscher Gründer irgendwann ernsthaft: Mach ich das nicht einfach schnell dort oder ziehe in den Süden, statt mich durch den deutschen Bürokratiedschungel zu kämpfen? Und dann natürlich der große Schlag: USA, UK und vor allem China. Dort muss man die Frage stellen, warum wir in Deutschland eine so grundlegend unternehmerunfreundliche Logik pflegen - eine Logik, die zum Teil kulturell tief verankert ist und in der Geld, Leistung und Unternehmertum als etwas Schlechtes dargestellt werden.
Zweitens: Das veraltete Bildungssystem und ein fehlgeleiteter Erziehungsgedanke. Meiner Überzeugung nach bilden wir nicht nur unselbstständige, digital-analoge Bürger aus, sondern wir verabreichen ihnen einen Cocktail aus Abtötung der intrinsischen Lernmotivation, gelernter Lebensunvorbereitetheit und einem kräftigen Doppelshot Leistungs-Nicht-Bereitschaft. Und das hat nichts mit „Generation XYZ" oder Social Media zu tun. Da müssen Politik und Gesellschaft gemeinsam ran.
Drittens: Die satte Gesellschaft. Nirgends sonst - okay, vielleicht noch in Frankreich - trifft man auf eine so satte Gesellschaft, die sich auf dem Konzept des Vollkasko-Staates ausruht. Wer leisten will, wird im Zweifel abgestraft. Sei es die Kita, die beim leichtesten Schnupfen erwartet, dass man die Arbeit schwänzt. Der Staat, der Wertgenerierung auf die Abschussliste gesetzt hat, indem er einen ganzen Regulatorik-Apparat für im Grunde wertvernichtende Tätigkeiten geschaffen hat - Steuerberater, Compliance-Manager, Datenschutzbeauftragte. Oder die als „typisch deutsch" verrufene Unflexibilität, Situationen für das zu nehmen, was sie sind, und mündig selbst das Gesetz auszulegen. Stattdessen wird nach dem Staat gerufen und mehr Sonderregulierung gefordert - danke an dieser Stelle an viele Gewerkschaften und Verbände.
Wenn wir diese Themen angehen würden, könnte Innovationskraft, Unternehmertum und Wirtschaft wieder aufblühen. Und nebenbei: Der AfD und ihren Wählern würde man damit auch das Futter nehmen.
Welche Themen müssen auf die Agenda, damit eine dynamische Freelance Economy in Deutschland entsteht?
Marc Clemens: Freelancer müssen von der Politik als relevante Gruppe wahrgenommen, und als erlaubt behandelt werden. In Deutschland haben wir nicht einmal eine saubere Definition der Soloselbstständigen. Arbeitsmarktanalysen und Wirtschaftslageberichte ignorieren sie einfach weg, als gäbe es sie nicht. Dabei sprechen wir von rund 1,8 Millionen Soloselbstständigen in Deutschland, und in vielen anderen Ländern machen Freelancer zwischen 20 und 35 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung aus.
Aber Sichtbarkeit allein reicht nicht. Wir brauchen konkrete Agenda-Punkte:
Wir brauchen positive Kriterien bei der Statusfeststellung. Statt den Generalverdacht der Scheinselbstständigkeit als Ausgangspunkt zu nehmen, sollte es klare, positive Merkmale geben, anhand derer eine echte Selbstständigkeit festgestellt wird. Das würde auf beiden Seiten - bei Freelancern und Unternehmen - Rechtssicherheit schaffen.
Wir brauchen steuerliche Vereinfachung. Das aktuelle System ist unnötig komplex, erwartet einen Steuerberater und macht Selbstständigkeit bürokratisch teurer, als sie sein müsste. Das ergibt schlicht keinen Sinn.
Und wir brauchen ein Sozialversicherungssystem, das Selbstständigen freiwillig und incentiviert erlaubt, beizutragen. Die Idee ist nicht, vom Sozialstaat abzukehren - im Gegenteil. Die Idee ist, ein System zu schaffen, das der heutigen Arbeitswelt gerecht wird und Selbstständigkeit und Unternehmertum ermöglicht, statt sie zu bestrafen.
Und selbstverständlich: Soloselbstständige müssen endlich in die Arbeitsmarktstatistik aufgenommen werden. Wer nicht gezählt wird, existiert politisch nicht. Und wer nicht existiert, für den wird auch keine Politik gemacht.
Wer wäre dein absoluter Wunschgast für unseren Podcast und warum?
Marc Clemens: Bärbel Bas. Ich will einfach verstehen, was bei ihr abgeht.
Vielen herzlichen Dank, Marc!

(Öffnet in neuem Fenster)..Ok, und jetzt?
Das 4.Mio+ Projekt hab ich angefangen, um eine neue Debatte rund um die Selbstständigkeit in Deutschland voranzutreiben. Und um meine Aktivitäten diesbezüglich an einem Ort sichtbar zu machen.
Selbstständigkeit braucht starke Stimmen und darum verstärke ich meinen Einsatz nun nochmals. Trotz Politik-Burnout, trotz weniger Zeit als Bock und trotz vollem Schreibtisch.
Denn jetzt kommt es drauf an, die wahre neue Selbstständigkeit zu definieren. Und mit wem ginge das besser als mit euch?
Darum hab ich mich mit Marc zusammengetan und wir starten den 4.Mio+ Podcast. Der Podcast für eine neue Selbstständigkeit.
Ob wir Bärbel Bas dafür gewinnen weiß ich nicht, aber schön wärs!
Unternehmerisches

(Öffnet in neuem Fenster)Neue Selbstständigkeit braucht das Angestelltenland Unternehmergeist als Gegenentwurf...
…gegen die Bedenkenträgerei. Für den unternehmerischen Aufbruch. Damit Selbstständigkeit selbstverständlich wird.
Du kennst mein 4.Mio+ Briefing (Öffnet in neuem Fenster), du kennst die 4.Mio+ Initiative (Öffnet in neuem Fenster) - jetzt kommt der 4.Mio+ Podcast (Öffnet in neuem Fenster).
→ 1 x im Monat Unternehmerisches und Politisches - jetzt auch zum Hören.
https://open.spotify.com/episode/5ETCHsdlo6tEWnkhsSqmIY?si=SULsYSS_ScycNUj8ueRSoA (Öffnet in neuem Fenster)Wir freuen uns über eine neue Debatte, erfrischenden Klartext, inspirierende Gespräche und dein Dabeisein.
Mein Briefing führe ich wie gewohnt weiter, werde aber in Zukunft mit Marc und ganz verschiedenen Gästen die Themen im Podcast vertiefen. Es lohnt sich also beides zu abonnieren. <3
Hier in den Piloten reinhören und direkt abonnieren:
Ganz herzlicher Dank geht an meine Leser, die aktuell oder in der Vergangenheit eine bezahlte Mitgliedschaft (Öffnet in neuem Fenster) hier bei Steady abgeschlossen haben und dadurch die Weiterentwicklung des Formats 4.Mio+ mitermöglichen und mir zeigen, dass diese Arbeit unterstützenswert ist. DANKE - von Herzen.
(Öffnet in neuem Fenster)Und neben den Vorbereitungen für den Podcast, hab ich auch noch ein paar ausführliche Gedanken zur aktuellen Lage aufgeschrieben. Beide Texte sind im Newsletter des Perikles-Projekts (Öffnet in neuem Fenster) erschienen und in der Langfassung auf meinem Medium Blog zu lesen:
„Ich will eine andere Debatte. Ich möchte, dass wir wegkommen von der typisch deutschen Sozialversicherungs-Debatte und endlich mal darüber sprechen, was der Gesellschaft verloren geht, wenn die Selbstständigkeit ausstirbt. Und was geschehen muss, damit eine neue Kultur der Selbstständigkeit entstehen kann.“
Ich wurde kürzlich für einen Pressebeitrag angefragt und nicht zum ersten Mal war eine der Fragen, warum ich immer von „Angestelltenland“ spreche.
Meine Antwort darauf ist im Münchner Merkur, der Frankfurter Rundschau und ein paar weiteren lokalen Medien erschienen. Es geht in dem Artikel um die politische Ignoranz gegenüber Selbstständigen und er ist insgesamt auch wegen der anderen Stimmen lesenswert. Aber mein wichtigster Punkt kommt im Beitrag nicht in aller Deutlichkeit rüber.
Und darum mache ich ihn in einem Blogpost ausführlich. Wer also immer noch Bock auf lange Texte und ausführliche Gedanken hat, hier entlang:
(Öffnet in neuem Fenster)„Im Land der Vollzeitnorm, in dem alle weniger arbeiten wollen, ist der Work-Life-Zwist symptomatisch. Die Deutschen brauchen für alles eine Garantie und die Politik, um Arbeitszeit zu regeln. Für die Selbstständigkeit kämpft hier niemand mehr. Für eine moderne Volkswirtschaft ist das ein weitaus größeres Problem als der Wunsch nach Arbeitszeitverkürzung.“
Während die Lage auf dem Arbeitsmarkt sich weiter anspannt, die Insolvenzen auf Rekordniveau liegen und Arbeitsmarktforscher Enzo Weber so treffend von einer „Erneuerungskrise (Öffnet in neuem Fenster)“ spricht, verheddert sich das Land in Versorgungsstaat- und Teilzeit-Debatten.
Aus meiner Sicht hilft jetzt nur ein neues Verständnis von Arbeit als Gestaltungsmittel und die Wiederentdeckung der Selbstständigkeit.
Wenn sich das Land erneuern soll, braucht es Erneuerer…
Zahl der Woche
(Öffnet in neuem Fenster)Politisches

(Öffnet in neuem Fenster)„Jammern ist nicht unternehmerisch. Aber nichts tun auch nicht.“
Anstatt die Rentenversicherung in unsere Aufträge zu rühren, hätte man lieber mal auf unsere 4.Mio+ Initiative geschaut! Für eine bessere Reform der Statusfeststellung haben wir schon lange konkrete Vorschläge gemacht.
Unsere konkrete Forderung an die Politik, was die Statusfeststellung angeht, kannst du auf der Website der Initiative nachlesen:
https://www.4mioplus.de/initiative (Öffnet in neuem Fenster)Isabella Pfaff, meine Mitstreiterin der 4.Mio+ Initiative, politische Beobachterin und Beraterin wird ebenso wiederkehrender Special Guest im 4.Mio+ Podcast sein. Freu dich auf starke Stimmen für die Selbstständigkeit.
„Der Sozialstaat braucht Angestellte, aber die Wirtschaft baucht auch Selbstständige und der Sozialstaat braucht die Wirtschaft. Es muss schon alles zusammen funktionieren.”
(Öffnet in neuem Fenster)Ich war außerdem zu Gast im Talk von Freelancermap und durfte mit Sherin Kharabish und Thomas Maas über die Zukunft von Freelancing und Selbstständigkeit in Deutschland diskutieren.
Warum geraten Freelancer und Soloselbstständige politisch immer wieder unter Druck?
Und ist unser Sozialstaat noch zu stark auf Festanstellung statt freie Arbeit ausgerichtet?
Das ganze Gespräche mit Sherin und Thomas kannst du hier ansehen:
https://www.youtube.com/watch?v=ZmNQDNktf1I (Öffnet in neuem Fenster)„Zahl der Selbstständigen geht seit Jahren zurück – Expertin appelliert an Politik“
Für einen Beitrag im Münchner Merkur und weiteren lokalen Medien wurde ich zur Selbstständigkeit in Deutschland befragt und habe auch dort betont, warum Deutschland mehr Selbstständigkeit braucht:
„Selbstständigkeit ist ein wichtiger Bestandteil, um das Aufstiegsversprechen zu erneuern und das Land zu modernisieren.“ Damit das gelinge, brauche es eigentlich mehr neue Gründungen – und selbst im „Angestellten-Land“ eine „neue Kultur der Selbstständigkeit“.
Tweet zur Lage
https://x.com/cathibruns/status/2041119293023109382?s=20 (Öffnet in neuem Fenster)Die Stärkung

Was gibt diese Woche Schub?
Na, der Podcast (Öffnet in neuem Fenster) auf den alle gewartet haben ;)
Es wird wieder mehr gegründet: Laut IfM Bonn (Öffnet in neuem Fenster) wurden im Jahr 2025 rund 395.000 selbstständige Tätigkeiten im Vollerwerb aufgenommen, deutlich mehr als im Vorjahr und mehr als in den letzten zehn Jahren!
Altersvorsorgedepot. Was Selbstständige angeht, wohl die einzig gute Nachricht aus dem politischen Berlin. Das neue Altersvorsorgedepot soll nun auch Selbstständigen offen stehen. Eine überfällige Anerkennung selbstständiger Leistung und die Wahlfreiheit eine richtige Reaktion auf die sehr unterschiedliche Sparfähigkeit von Selbstständigen (Öffnet in neuem Fenster). Schönes Ding!

Zum Gründen gehört es groß zu träumen - zum Erwachsensein gehört die Selbstständigkeit. In diesem Sinne - nicht aufhalten lassen!
Bis zum nächsten Mal.
Cathi
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(Öffnet in neuem Fenster)„Führende Institute senken Wirtschaftsprognose deutlich (Öffnet in neuem Fenster)“ ZDF heute. 01. April 2026 ↩
Jimdo-Ifo-Geschäftsklimaindex für Selbstständige (Öffnet in neuem Fenster). ifo Institut. 9. April 2026 ↩
Existenzgründungen insgesamt, Ergebnisse für das Jahr 2025 (Öffnet in neuem Fenster), IfM Bonn ↩
„Selbständigkeit soll leichter werden (Öffnet in neuem Fenster)“. Süddeutsche Zeitung. 29. März 2026 ↩
„Sozialversicherungspflicht: BMAS plant neue Form der Selbstständigkeit (Öffnet in neuem Fenster)“ Table Briefings. 31. März 2026 ↩
„Der Staat will sich Rechtssicherheit künftig bezahlen lassen (Öffnet in neuem Fenster)“ VGSD e.V. 28. März 2026 ↩
„Nur ein Bruchteil der Selbstständigen in Deutschland sorgt nicht für das Alter vor (Öffnet in neuem Fenster)“ Alexander S. Kritikos, Maximilian Priem, Friederich Sohrweide. DIW Wochenbericht 12/2026, S. 195-203 ↩