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Die neue S3-Leitlinie ADHS 2026

Symbolbild zu dem Leitlinienentwurf ADHS
Neue Leitlinien zu ADHS in Arbeit

Vom Symptomkatalog zur Teilhabeperspektive?

Eine fachliche Einordnung des aktuellen Leitlinienentwurfs mit besonderem Fokus auf Erwachsene und Frauen

Mit dem aktuellen Entwurf der neuen S3-Leitlinie zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) liegt erstmals seit vielen Jahren eine umfassende Überarbeitung der deutschen Leitlinienempfehlungen vor.

Ankünigung der neuen S3 Leitlinen zu ADHS
Die überarbeiteten S3 Leitlinien

Die Erwartungen an diese Aktualisierung sind hoch.

Nicht nur deshalb, weil sich die wissenschaftliche Literatur seit der letzten Leitlinie erheblich weiterentwickelt hat. Sondern auch deshalb, weil sich in den letzten Jahren das gesellschaftliche und klinische Verständnis von ADHS grundlegend verändert hat. So hoffe ich jedenfalls.

ADHS wird heute zunehmend als lebenslange neuroentwicklungsbedingte Besonderheit verstanden, die weit über die klassischen Symptome von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität hinausgeht.

Die zentrale Frage lautet daher:

Handelt es sich bei der neuen Leitlinie lediglich um ein wissenschaftliches Update – oder zeichnet sich tatsächlich ein Paradigmenwechsel ab?

Warum diese Leitlinie so bedeutsam ist

Leitlinien sind keine Gesetze.

Sie bilden jedoch den wissenschaftlichen Referenzrahmen für Diagnostik, Behandlung, Begutachtung, Weiterbildung und gesundheitspolitische Entscheidungen.

Sie beeinflussen:

  • die Ausbildung von Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen

  • die Versorgung durch Krankenkassen

  • sozialmedizinische Bewertungen

  • die Anerkennung von Diagnosen

  • therapeutische Standards

  • die öffentliche Wahrnehmung von Erkrankungen

Wenn sich Leitlinien verändern, verändert sich häufig langfristig auch die Versorgungspraxis. Sie zaubert aber weder neue Diagnostikplätze oder Therapeuten noch schafft sie die finanziellen Voraussetzungen dafür, dass diese Leistungen auch für uns Ärzte und Psychotherapeuten aufwandsgerecht honoriert werden.

Gerade bei ADHS ist dies von besonderer Bedeutung.

Denn kaum ein Störungsbild hat in den letzten 20 Jahren einen vergleichbaren Wandel durchlaufen.

Vom „Zappelphilipp“ zur Lebensspannenperspektive

Historisch wurde ADHS überwiegend als Störung des Kindes- und Jugendalters betrachtet.

Die diagnostischen Modelle orientierten sich primär an Verhaltensauffälligkeiten im Schulkontext:

  • motorische Unruhe

  • Impulsivität

  • Konzentrationsprobleme

  • Störungen des Unterrichts

Dieses Verständnis hatte erhebliche Konsequenzen.

Erwachsene gerieten lange aus dem Blickfeld.

Frauen wurden häufig übersehen.

ADHS in der Lebensspanne
ADHS in der Lebensspanne

Menschen mit hoher Intelligenz oder ausgeprägten Kompensationsstrategien erhielten oft keine Diagnose.

Viele Betroffene entwickelten im Verlauf sekundäre Störungen wie:

  • Depressionen

  • Angsterkrankungen

  • Suchterkrankungen

  • Essstörungen

  • Burnout-Syndrome

ohne dass die zugrunde liegende ADHS erkannt wurde.

Der neue Leitlinienentwurf trägt dieser Entwicklung deutlich stärker Rechnung.

ADHS wird nun explizit als Störung betrachtet, die über die gesamte Lebensspanne hinweg klinisch relevant bleiben kann.

Diese Formulierung erscheint zunächst selbstverständlich.

Tatsächlich markiert sie jedoch einen der wichtigsten konzeptionellen Schritte der letzten Jahre.

Der eigentliche Shift aus meiner subjektiven Perspektive

Von Symptomen zu Funktion

Aus meiner Sicht liegt die bedeutsamste Veränderung nicht in einzelnen Therapieempfehlungen.

Der eigentliche Wandel betrifft die diagnostische Perspektive.

Lange Zeit stand implizit die Frage im Mittelpunkt:

Hat die betroffene Person genügend Symptome, um die Diagnosekriterien zu erfüllen?

Der Leitlinienentwurf verschiebt den Fokus zunehmend auf eine andere Frage:

Welche Auswirkungen hat die Symptomatik auf Funktion, Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe?

Damit nähert sich die Leitlinie modernen Konzepten der International Classification of Functioning (ICF) an. Und das ist sicher auch gut so. Denn häufig genug blieben Klienten unter dem Radar, weil sie grenzwertige Symptomkriterien hatten, aber ihr Kontext bzw. Kompensationsfähigkeit gerade eben keine Symptome schwerwiegend zeigte.

Entscheidend wird nicht mehr allein die Anzahl der Symptome.

Relevant werden zunehmend:

  • Funktionsniveau

  • Selbstständigkeit

  • Beziehungsfähigkeit

  • Bildungsweg

  • berufliche Teilhabe

  • emotionale Stabilität

  • Lebensqualität

Für die klinische Praxis ist dies hochrelevant.

Denn zwei Menschen können dieselbe Symptomzahl aufweisen und dennoch völlig unterschiedliche Beeinträchtigungen erleben.

ADHS bei Frauen:

Die vermutlich wichtigste klinische Veränderung

Symbolbild zu ADHS bei Frauen
ADHS bei Frauen wird stärker berücksichtigt

Besonders bemerkenswert ist die deutlich stärkere Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede.

Lange Zeit orientierte sich die Forschung überwiegend an männlichen Stichproben.

Die klassischen diagnostischen Modelle wurden dadurch vor allem anhand des häufig sichtbaren, externalisierenden Erscheinungsbildes entwickelt.

Viele Frauen passen jedoch nicht in dieses Muster.

Häufig finden sich stattdessen:

  • innere Unruhe

  • Grübeln

  • emotionale Dysregulation

  • Perfektionismus

  • chronische Überforderung

  • Erschöpfung

  • Masking

  • soziale Anpassungsstrategien

Die Folge:

Viele Frauen erhalten ihre Diagnose erst Jahrzehnte später.

Nicht selten nach mehreren vorangegangenen Diagnosen wie:

  • Depression

  • Angststörung

  • Persönlichkeitsstörung

  • Burnout

  • psychosomatische Beschwerden

Der Leitlinienentwurf trägt dieser Problematik erstmals deutlich sichtbarer Rechnung.

Dies dürfte erhebliche Auswirkungen auf die zukünftige Diagnostik haben. Hoffe ich zumindest!

Kompensation als blinder Fleck der bisherigen Diagnostik

Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft die Anerkennung von Kompensationsleistungen.

ADHS kommt selten allein
ADHS kommt selten allein

Viele Erwachsene mit ADHS erscheinen von außen erfolgreich.

Sie haben:

  • studiert

  • Karriere gemacht

  • Familien gegründet

  • Verantwortung übernommen

Die bisherige Diagnostik interpretierte dies teilweise als Argument gegen das Vorliegen einer ADHS.

Heute wissen wir:

Erfolg schließt ADHS nicht aus.

Oft stellt sich vielmehr die Frage:

Zu welchem Preis wurde dieser Erfolg erreicht?

Chronische Erschöpfung.

Perfektionismus.

Überkompensation.

Dauerstress.

Emotionale Selbstüberforderung.

Die neue Leitlinie berücksichtigt diese Perspektive deutlich stärker.

Stigma wird erstmals zum Versorgungsthema

Bemerkenswert ist zudem die explizite Aufnahme von Stigmatisierung und Selbststigmatisierung.

Dies erscheint auf den ersten Blick nebensächlich.

Tatsächlich handelt es sich um einen hochrelevanten Faktor.

Viele Erwachsene mit ADHS berichten über jahrzehntelange Erfahrungen mit Zuschreibungen wie:

  • faul

  • unorganisiert

  • undiszipliniert

  • unreif

  • chaotisch

  • unmotiviert

Diese Erfahrungen beeinflussen:

  • Selbstwert

  • Hilfesuchverhalten

  • Therapieadhärenz

  • Behandlungsverlauf

Dass dieser Aspekt nun ausdrücklich berücksichtigt wird, ist aus klinischer Sicht ein wichtiger Fortschritt.

Was die Leitlinie noch nicht vollständig beantwortet

Trotz aller positiven Entwicklungen bleiben offene Fragen. Viele offene Fragen.

Aus neuroaffirmativer Perspektive fällt auf, dass der Leitlinienentwurf weiterhin primär innerhalb eines medizinischen Krankheitsmodells argumentiert.

Die Rolle von:

  • Umweltpassung

  • gesellschaftlichen Barrieren

  • Masking

  • Camouflaging

  • neurodivergenter Identität

  • strukturellem Ableismus

wird bislang nur begrenzt berücksichtigt.

Auch Themen wie:

  • Perimenopause

  • PDA

  • AuDHS

  • neurodivergenter Burnout

  • sensorische Überlastung

spielen bislang eine eher untergeordnete Rolle.

Dies ist teilweise durch die derzeitige Evidenzlage erklärbar.

Gleichzeitig zeigt es, wo zukünftige Forschungsschwerpunkte liegen könnten.

Fazit

Die neue S3-Leitlinie stellt keinen revolutionären Umbruch dar.

Sie markiert jedoch einen bedeutsamen Richtungswechsel.

Weg von einem primär symptomzentrierten Verständnis.

Weg von einem überwiegend kinderpsychiatrischen Blick auf ADHS.

Hin zu einer lebensspannenorientierten Betrachtung von Funktion, Teilhabe und Lebensqualität.

Besonders die stärkere Berücksichtigung von Erwachsenen, Frauen, Komorbiditäten und Stigmatisierung dürfte die klinische Praxis nachhaltig beeinflussen.

Die eigentliche Herausforderung beginnt allerdings erst jetzt:

Leitlinien verändern noch keine Versorgung.

Sie verändern zunächst den Rahmen, innerhalb dessen Versorgung gedacht wird.

Ob daraus tatsächlich kürzere Wartezeiten, bessere Diagnostik und mehr Teilhabe entstehen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Dieser Leitlinienentwurf lädt ausdrücklich zur Diskussion darüber ein. Was findest du gut? Was fehlt?

Quelle

AWMF S3-Leitlinie ADHS (Entwurf 2026) (Öffnet in neuem Fenster)
AWMF-Registernummer 028-045

Welche Veränderungen halten Sie für besonders relevant?

Und welche Themen fehlen Ihnen im aktuellen Entwurf?

Die Diskussion ist eröffnet.

LG Martin



Wer meine Informationsarbeit hier bzw. in der Skool-Community weiter unterstützen mag und kann: Herzlichen Dank dafür!


Kategorie Fachartikel

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