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Gleichstellungs-Limbo statt Hochsprung-Rekorde

Wieviel tiefer kann die Latte eigentlich noch liegen?

Kurz vor dem Ende ihrer verkürzten Amtszeit konnte die Ampelkoalition – eben jene, die 2021 großmundig „das Jahrzehnt der Gleichstellung“ ausgerufen hatte! - doch noch das Gewalthilfegesetz verabschieden. „Heute erreichen wir einen historischen Moment“, ließ sich Bundesfamilienministerin Lisa Paus am 14. Februar 2025 auf der Internetseite der Bundesregierung zitieren. Und ein schneller Blick in die Kriminalstatistik zeigt deutlich, wie notwendig dieses Gesetz ist: 2023 wurden allein in Deutschland 360 Frauen und Mädchen von ihrem (Ex-)Partner ermordet, fast jeden Tag also ein Femizid aus dem ganz persönlichen Umfeld!

Aber mal ganz ehrlich: worüber reden wir hier eigentlich? Sind der - übrigens erst ab 2032 (!) gesetzlich garantierte - Rechtsanspruch auf Schutz und Unterstützung von Betroffenen häuslicher Gewalt wirklich ein gleichstellungspolitischer Grund zum Feiern? Ein Erfolg, ein historischer Moment gar? Über 30 Jahre nachdem mit der Erweiterung von Grundgesetz Artikel 3 die Gleichberechtigung der Geschlechter zum Staatsziel erklärt worden ist?! Über 75 Jahre nach dem grundgesetzlichen Versprechen auf körperliche Unversehrtheit, die freie Entfaltung der Persönlichkeit, auf Freizügigkeit und die Gleichheit vor dem Gesetz?! Von der Unantastbarkeit der Würde des Menschen - von Frauen*! - gar nicht zu sprechen. Und seit dem Inkrafttreten der sogenannten Instanbul-Konvention 2014 „zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ sind auch schon wieder über zehn Jahre vergangen.

Die CDU betont zwar die Stärkung von Frauenhäusern und die Gesundheit von Frauen, lehnt aber zentrale Reformen wie die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ab, will am restriktiven §218 festhalten und jongliert mit Placebo-Formulierungen: „Wir wollen geschlechtsspezifische Medizin stärker als bisher als eigenständiges Aufgabenfeld vorantreiben“ oder „Wir werden die bestehenden Programme evaluieren und ggf. anpassen“. Maßnahmen oder klare Zeitpläne folgen keine. Prüfaufträge, „Stärkung“ von Institutionen oder „Förderung“ werden genannt, aber es folgen keine konkreten gesetzlichen Veränderungen oder verbindliche Zielvorgaben.

Immer wieder ein Minimum zugefügt, um im Gespräch zu bleiben?

Die deutsche Gleichstellungspolitik macht es wie der schwedische Stabhochspringer Armand Duplantis: der hat seit 2020 zum inzwischen elften Mal den, also seinen eigenen, Weltrekord verbessert. Und zwar immer jeweils um genau einen Zentimeter. Mehr nicht. Sollten diese Zentimeter-Schrittchen tatsächlich bloß Zufall sein oder eben doch Kalkül? Immer wieder ein Minimum zugefügt, um im Gespräch zu bleiben. Immer wieder eine winzige gleichstellungspolitische Maßnahme in die Medien gebracht, um einen Erfolg vermelden zu können? Mit dem Unterschied, dass es in der Gleichstellungspolitik noch lange nicht um Rekorde geht. Auch Hochsprünge werden hier keine gemacht, wenn schon, dann eher Limbo: wieviel tiefer kann die Latte eigentlich noch liegen? Denn bisher haben wir offensichtlich nicht einmal die Basics erreicht, nämlich: die körperliche Unversehrtheit und unantastbare Würde von Frauen*!

Illu von nem orangen Fisch, der aus einem kleinem Glas hoch in ein etwas größeres springt.
Bild von Mohamed Hassan (Öffnet in neuem Fenster) auf Pixabay (Öffnet in neuem Fenster)

Noch 300 Jahre bis zur Gleichstellung, Tendenz steigend

Ja gut, wir haben in den letzten Jahrzehnten das erste und zweite Führungspositionen-Gesetz gefeiert, das Entgelttransparenzgesetz, das Gute-Kita-Gesetz, die Einführung und Erweiterung des Elterngeldes, und auch der Gender Pay Gap ist 2024 gesunken auf 16%, von 18% in den Jahren davor, puh! Aber was wir nicht feiern konnten, ist beispielsweise die Abschaffung von Paragraph 218 StGb, der Abtreibungen immer noch grundsätzlich als Straftat definiert. Und den Verlautbarungen von Friedrich Merz im Bundestagswahlkampf nach wird das auch in den kommenden Jahren so bleiben, obwohl über 74% der Bevölkerung sich das anders wünschen.

Die Geschlechterungerechtigkeiten sind in so vielen Bereichen nach wie vor so eklatant und tiefgreifend, dass es sich eigentlich verbietet, von Erfolgen und Meilensteinen zu sprechen: Einkommen, Renten und Vermögen, Repräsentation, Karrierechancen und Gestaltungsmacht, Verteilung der privaten und professionellen Sorgearbeit, Betroffenheit von häuslicher Gewalt …. Vielmehr stellt sich die Frage, warum wir als reiche, so privilegierte Gesellschaft in all den vergangenen Jahrzehnten nicht wirklich vorangekommen sind bei den ganz grundsätzlichen, basalen Fragen, die doch eigentlich nicht mehr der Rede wert sein sollten?! Sind sie aber ganz offensichtlich:

Wie kann es sein, dass es auch nach den optimistischeren Prognosen des Weltwirtschaftsforums noch über 70 Jahre dauern wird, bis wir in Deutschland eine wirkliche Gleichstellung der Geschlechter erreicht haben werden?! – Oder den Berechnungen der UNO zufolge über 300 Jahre, Tendenz steigend, wie es ihr Generalsekretär António Guterres in einer Rede 2023 ausführte. – Aber selbst 70 Jahre, da wären unsere Enkelkinder schon um die 30, hätten also ihre komplette Kindheit, Jugend und Berufsausbildung, ihre Sozialisation in einem immer noch ungleichen System erlebt. Und über 300 Jahre … was wird hier nochmal gefeiert?

Was wird hier eigentlich gefeiert?

Dieser autosuggestive Fokus auf die Erfolge der Gleichstellungspolitik verdeckt, dass es ein „Weiter so!“ unter gar keinen Umständen geben darf, zumal angesichts der aktuellen Wahlergebnisse davon auszugehen ist, dass es eher rückwärts gehen wird. Und trotzdem stehen wir heute hier (und können nicht anders) in der Überzeugung, dass da mehr möglich ist, dass wir eine wirkliche Gleichstellung - aller! - Geschlechter erreichen können, wenn wir einen ehrlichen Blick auf die vergangenen Jahrzehnte wagen. Wenn wir die bisherige Gleichstellungsbewegung in ihren Strukturen und Ansatzpunkten analysieren: was war erfolgreich und wodurch, was ist in seiner Wirkung verpufft? Wenn wir dann noch die angemessenen Schlüsse daraus ziehen, ist ein wirklicher Aufbruch möglich, echte, nachhaltige Erfolge und vor allem, eine breite gesellschaftliche Mitwirkung und Beteiligung.

Die „Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und […] die Beseitigung bestehender Nachteile“, wie sie im Grundgesetz festgehalten sind, ist nicht allein die Aufgabe des Staates und kann durch Gesetze nur bedingt erreicht werden. Gleichstellung ist eine gesamtgesellschaftliche, also auch unsere Aufgabe. Und die Frage ist, wer hier endlich Verantwortung übernimmt und Impulse setzt, auf dass andere mitziehen. Wollen wir uns wetier damit begnügen, Forderungen an die Politik zu stellen, oder werden wir selber aktiv in unserem privaten Umfeld, oder - besser noch! - im beruflichen Kontext?!

Wie kann eins selbst aktiv werden?

Für (uns) Männer ist dieser erste Schritt ganz offenkundig: Lassen wir uns nicht länger den Rücken freihalten, sondern übernehmen wir endlich unseren Anteil an der täglichen Care-Arbeit und Sorgeverantwortung, im Privaten, aber auch im beruflichen Umfeld (MentalLoad-Test@Work (Öffnet in neuem Fenster)). Schluss mit der Angst vor Überforderung (haben wir im Job ja auch eher selten).

Sich zurückzulehnen und auf den großen Skandal zu warten, reicht nicht. Wir Männer müssen im Alltag aktiv werden: Wenn sexistische Sprüche fallen, reicht betretenes Schweigen nicht – ein klares „Das geht so nicht“ setzt Grenzen. Es ist unsere Aufgabe, zum Beispiel in Meetings aktiv dafür zu sorgen, dass Kolleginnen nicht unterbrochen oder übergangen werden, und ihnen gezielt Raum zu verschaffen, ihre Ideen auszusprechen. Auch beim Netzwerken gilt: Frauen nicht nur mit einladen, sondern gezielt fördern und für Projekte oder Beförderungen vorschlagen. Wer Privilegien hat, sollte sie nutzen, um Strukturen zu verändern – und nicht, um bequem im Hintergrund zu bleiben.

Wir Männer sollten selbst Druck machen, solange politische Vorgaben fehlen: wer im Büro laut flexible Arbeitszeiten und Home-Office für alle einfordert – und das nicht nur für sich selbst, sondern auch für Kolleginnen –, zeigt, dass Gleichberechtigung nicht im Familienministerium gemacht wird. Wer hier mit gutem Beispiel vorangeht, macht klar, dass Vereinbarkeit von Job und Familie kein „Frauenthema“ ist, sondern Chefsache.

Für (auch uns) Frauen ist die Frage nach dem ersten Schritt nicht ganz so einfach zu beantworten, eher ein Choose your Battles: wo kann ich mit meinen begrenzten Ressourcen möglichst viel erreichen? Und oft blenden wir in diesen Überlegungen einen entscheidenden Lebensbereich aus, unsere Erwerbstätigkeit, wenn wir Entscheidungen mittragen, die eigentlich unseren inneren Überzeugungen widersprechen. Entscheidungen, die wir im Privaten niemals gutheißen könnten und würden. Sind diese Sachzwänge wirklich so groß? Oder wäre es nicht doch vertretbar, hier Stellung zu beziehen?

Denn wie umwälzend wäre das denn bitte, wenn zum Beispiel all die stereotypen, sexistischen Botschaften und Geschlechterbilder in der Außenkommunikation von Unternehmen, in Medien und Werbung, Büchern und Filmen, aus dem öffentlichen Raum und den Geschäften verschwinden würden? Keine rosa-hellblauen Gegensätze mehr? Klar baucht das viele, nicht nur ein Gespräch, aber an wievielen Arbeitsplätzen wurde das allererste dazu noch gar nicht geführt?

Alles Gute dafür,

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Almut & Sascha

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Kategorie Küchen-Post

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