Der Newsletter aus der Wort & Klang Küche von Almut Schnerring & Sascha Verlan
Ausgabe 2/2026
Karneval naht – macht euch bereit für die nächste Sexismus-Welle, die direkt ins Kinderzimmer schwappt.
„Zauberwesen in Pink“ und „Schatzsucher in Schwarz“: Diese aktuellen Werbeaufsteller funktionieren wie ein komprimierter Flyer fürs Gendermarketing. Alles Wesentliche auf kleinstem Raum, klar codiert über Farben, Begriffe und Accessoires. Nur das Kleingedruckte fehlt, die Botschaft zwischen den Zeilen, und auch die Nebenwirkungen werden nicht benannt. Das holen wir hier nach.

Schauen wir uns zuerst das „Zauberwesen“ an:
Es ist vor allem eines: da. Es existiert, glitzert, hat rosa Flügel, rosa Haarkranz, Haarspangen, und erfüllt seine Aufgabe allein durch seine Erscheinung. Handeln? Verantwortung übernehmen? Probleme lösen? Unnötig. Es reicht, hübsch zu sein und bestaunt zu werden. Rosa hilft dabei, das Ganze optisch zu rahmen: kein lauter Farbton, sondern ein sanftes, entschärftes Signal, das Harmlosigkeit und Gefälligkeit transportiert: „Mädchen, dein Job ist gefallen, nicht leisten. Und wenn du’s doch tust, sehen wir’s nicht.“
Anders der Schatzsucher in Schwarz:
Er ist nicht einfach da, er ist unterwegs. Er sucht, kämpft, überwindet Hindernisse, trägt Dolch oder Fernrohr und hat ein Ziel vor Augen. Stillstehen ist keine Option. Sein Wert bemisst sich daran, was er tut, wie mutig er ist, wie viel er erreicht. Schwarz steht für Ernsthaftigkeit, Stärke und Durchsetzungsvermögen, für all das, was man mit Aktivität und Erfolg verbindet. Glitzern? Eher nicht.
Schön vs. aktiv
So landet man unbemerkt (wirklich? immernoch?) bei der sehr alten, Klischeegeschichte: Mädchen sollen schön sein und bezaubern, Jungen sollen aktiv sein und etwas erreichen. Rosa steht für sanft, dekorativ, passiv, Schwarz für stark, zielorientiert und leistungsfähig. Marketingtechnisch ist das effizient und leicht verständlich, pädagogisch aber hochproblematisch, weil es menschliche Möglichkeiten auf zwei Farben und zwei sehr enge Rollen reduziert.
Besonders bitter wird diese Logik, wenn man sie weiterdenkt, etwa in Richtung späterer Berufs- und Lebensbilder.
Welche Rollen bieten wir Kindern für ihre Zukunft an?
Wer früh als Zauberwesen sozialisiert wird, lernt, dass der eigene Wert davon abhängt, wie man auf andere wirkt: ob man freundlich, hübsch, angenehm ist. Durchsetzungsfähigkeit, Ambition oder Problemlösung erscheinen dann schnell als zweitrangig oder sogar unpassend. Wer hingegen als Schatzsucher aufwächst, verinnerlicht, dass vor allem zählt, was sichtbar geleistet wird: Ziele erreichen, Risiken eingehen, Erfolg zeigen. Gefühle, Kooperation oder Fürsorge geraten dabei leicht ins Hintertreffen.
Am Ende verlieren beide. Mädchen werden auf Aussehen und Passivität reduziert, Jungen auf Aktion und Leistung. So lernen Kinder früh, was angeblich „typisch“ ist, noch bevor sie überhaupt die Chance hatten herauszufinden, was ihnen eigentlich liegt. Viele passen sich an, nicht weil sie es wollen, sondern weil sie glauben, es zu müssen. Dabei ließe sich das alles so leicht aufbrechen.
Wie geht das in bunt?
Für Eltern heißt das nicht, alles Pinke oder Schwarze zu verbannen, sondern bewusst Spielräume zu öffnen und alle Farben einzuladen.
Kinder dürfen ausprobieren, wechseln, widersprüchlich sein. Mädchen dürfen forschen, bauen, kämpfen und Abenteuer erleben, Jungen dürfen zaubern, basteln, kreativ sein und Gefühle zeigen. Es lohnt sich, gemeinsam über Figuren und Geschichten zu sprechen: Wer darf handeln? Wer darf einfach sein? Und warum eigentlich immer dieselben?
Genauso wichtig ist ein genauer Blick auf Spielzeug, Bücher und Medien. Es braucht nicht noch mehr Zauberwesen in Rosa oder Schatzsucher in Schwarz, sondern Figuren, die mehrere Seiten zeigen dürfen: aktiv und sensibel, mutig und fürsorglich, schön und kompetent. Kinder, die solche Vielfalt erleben, lernen früh, dass ihr Wert nicht an Geschlecht, Farbe oder Rolle gebunden ist, sondern daran, dass sie sein und tun dürfen, was ihnen gefällt. Diese Sicherheit begleitet sie später – in der Schule, im Beruf und im Alltag – und macht es leichter, sich nicht ständig in vorgefertigte Rollen pressen zu lassen.

PS.
Das Muster findet sich natürlich das ganze Jahr über in allen Bereichen wieder. Die Variation liegt hier bloß in der Wortwahl, die limitierende Botschaft ist dieselbe:
Pirat und Fee

Oder hier bei Schulranzen-Werbung:
Rebell und Prinzessin

Hier kommt nur noch ein kruder Aspekt dazu: Rebell ist einer, der die Regeln bricht, aufbegehrt, ausschert... fühlt sich da vllt jemand an die Diskussion über die Jungs als Bildungsverlierer erinnert? Die armen, die unter der Schule leiden, die anecken, angeblich, weil sie zu lange still sitzen müssen, weil das Lernen "zu Weiblich" sei? Vllt liegts ja auch daran, dass wir ihnen beigebracht haben, dass es cool und männlich sei, sich nicht an Regeln zu halten. Wer weiß das schon.
Bunte Grüße
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Almut & Sascha
Studien aus der Sprach- und Sozialforschung zeigen, dass Mädchen und Frauen signifikant häufiger Komplimente für ihr Aussehen erhalten, während Jungen und Männer eher für Handlungen, Fähigkeiten oder Leistung gelobt werden (u. a. Holmes 1988; Rees-Miller 2011).
Holmes, Janet (1988): Paying Compliments: A Sex-Preferential Politeness Strategy. Journal of Pragmatics.
Rees-Miller, Janie (2011): Compliments Revisited: Contemporary Complimenting Behavior. Journal of Pragmatics.
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