oder: Treffen sich Sexismus und Abelismus …
Der Newsletter aus der Wort & Klang Küche von Almut Schnerring & Sascha Verlan
Ausgabe 4/2026
Ein Satz, der bei vielen Babygesprächen in die Luft ploppt wie rosa oder blaues Konfetti bei Gender-Reveal-Partys . Harmlos, freundlich, modern:
„Hauptsache gesund!“
Die universelle Absolution für alle, die auf „Wird’s ein Junge oder Mädchen?“ nicht antworten wollen. Man lehnt das Hellblau-Rosa-Dilemma souverän ab und wirkt dabei progressiv. Nur blöd: Das, was als Fortschritt gilt, ist oft bloß ein anderes Kostüm für alte Normen. Denn während man die Geschlechterrolle dekonstruiert, bleibt die Gesundheitsnorm unberührt. Der Subtext des Satzes ist so laut, dass er eigentlich Untertitel bräuchte:
„Ob Junge oder Mädchen ist uns egal – Hauptsache kein Kind, das anders ist.“
Wir würden gern die Seifenblasen dieser Floskel platzen lassen und fragen:
Was ist eigentlich, wenn das Leben da nicht mitspielt?
(Öffnet in neuem Fenster)Statistik gegen Selbsttäuschung
Die Vorstellung, Behinderung sei ein seltenes Schicksal, ein trauriger Ausnahmefall bei der Geburt, hält sich hartnäckig. Die Realität ist weniger dramatisch, aber ernüchternd: Laut Statistischem Bundesamt sind über 7,8 Millionen Menschen in Deutschland schwerbehindert – und rund 95 Prozent von ihnen nicht von Geburt an, sondern erst im Laufe des Lebens. Das bedeutet: Behinderung ist keine Ausnahme, sondern ein mögliches Kapitel in fast jedem Leben. „Hauptsache gesund“ klingt also ein bisschen wie „Hauptsache unsterblich“ – nett gemeint, aber realitätsfern.
Wie ein Satz verletzen kann
Für Eltern eines chronisch kranken Kindes oder von einem mit Behinderung ist „Hauptsache gesund“ nicht harmlos und alles andere als neutral. Man hört, was nicht gesagt wird: „Wie schade, dass eures das nicht ist.“ Der Satz sortiert still zwischen „glücklicher“ und „tragischer“ Elternschaft. Zwischen Erfolg und Defekt. Und er sagt: Es ist in Ordnung, Angst vor dem Anderen zu haben – solange man sie nur höflich formuliert.
Dabei will niemand mit dem Satz verletzen, er ist ja gut gemeint, aber eben vor allem Selbstschutz. Eine Art Beschwörungsformel gegen Kontrollverlust. Nur: aus dieser Angst entsteht Ableismus, denn wenn wir Gesundheit zum Ideal erklären, machen wir alles andere zum Fehler.
Wer gegen Ableismus kämpft, aber andere Vorurteile übersieht…
Sexismus und Ableismus haben mehr gemeinsam, als uns lieb ist. Beide bewerten Körper: nach Form, Funktion, Brauchbarkeit. Wir feiern Feminismus, während wir körperliche Leistungsfähigkeit idealisieren. Wir sagen, Geschlecht spiele keine Rolle – aber wehe, das Kind passt nicht in die Normschablone. Frei von Rollen, ja, aber bitte nicht von Normen. Diversität ja, aber bitte ohne Windel jenseits des Babyalters.
Die Krönung: „Glück gehabt“
Sogar die Aktion Mensch, deren Ziel eigentlich Inklusion ist, tappt in die Rosa-Hellblau-Falle. In einer Mail an die Gewinner*innen eines Gewinnspiels vor einigen Wochen stand der Satz: „Glück gehabt.“ Dazu ein Foto von zwei glücklichen Jungs. Der eine trägt ein Shirt mit einem Traktor, der andere eines mit dem Aufdruck
„Let the boys be boys“

Da hat also jemand nicht nur gewonnen, sondern offenbar auch gleich das „richtige“ Geschlecht erwischt. Das Problem bei der Aktion ist nicht, dass zwei Jungs abgebildet sind, problematisch sind die Symbole, die das Bild enthält: der Traktor steht für Technik, Draußensein, Tatkraft – klassisch „männlich“. Der Spruch „Let the boys be boys“ ist noch eindeutiger und gilt ja inzwischen international gern als Entschuldigung für männliches Fehlverhalten.
So sind sie eben, die Jungs
Der Spruch zementiert das alte Klischee, dass Jungen eben Jungen seien, wild, unbelehrbar, auch mal rücksichtslos – und dass das schon seine Ordnung hat: „So sind sie nun mal“. Und gerade weil die Aktion Mensch eigentlich gegen Diskriminierung arbeitet, wirkt dieses Motiv wie ein „Vom-Regen-in-die-Traufe“-Manöver: Man kämpft gegen Ableismus, reproduziert dafür aber nebenbei die altbekannten Geschlechterklischees. Man weitet den Blick – aber nur bis zum Tellerrand. So wird die Botschaft doppelt schief: „Glück gehabt“ – das klingt hier nicht nur nach Gewinnspiel, sondern auch nach einem weiteren Satz auf der Babyparty. Nach einem unbewussten „Na, zum Glück kein Mädchen.“ Und die #TeamBlau “Jungs-Muttis” feiern auf TikTok ihre ach so wilden Jungs und kommentieren mit “So sind sie eben, ans uns liegt’s nicht” - Unbewusster Bias? Check!
(Öffnet in neuem Fenster)Das eine Vorurteil bekämpfen, das andere bedienen ?
Diese gut gemeinte Selektivität macht sichtbar, wie begrenzt unsere Vorstellung von Vielfalt oft ist: Wir wollen das eine Vorurteil bekämpfen, aber das andere bleibt unerkannt. Wer aber Inklusion ernst meint, muss sie ganzheitlich denken – in all ihren Facetten und Überlappungen.
Fazit: Hauptsache, wir denken
„Hauptsache gesund“ ist ja kein falscher Wunsch. Aber er ist ein ängstlicher. Ein Satz, der aus der Hoffnung geboren wird, das Leben möge sich bitte an unsere Pläne halten. Ein sprachlicher Glücksbringer – man sagt ihn, um die Unkontrollierbarkeit zu beschwichtigen. Nur: Aus diesem Selbstschutz wird leicht ein Maßstab. Ein Satz, der eigentlich trösten soll, trennt plötzlich. Zwischen jenen, bei denen „alles gut gegangen ist“, und jenen, bei denen es das angeblich nicht tat. So verwandelt sich Angst in Ausschluss – fast unmerklich, fast höflich.
Das macht „Hauptsache gesund“ nicht verwerflich, aber symptomatisch. Er zeigt, wie schlecht wir es aushalten, dass Leben zerbrechlich ist. Und wie tief wir Gesundheit mit Wert verwechseln.
Wenn wir wirklich modern, empathisch und gleichberechtigt sein wollen, dann sollten wir den Satz aufgeben und einen passenderen finden. Einen, der nicht beschwört, sondern öffnet und uns selbst in die Pflicht nimmt. Wie wäre es zum Beispiel mit:
„Hauptsache geliebt.“
Damit signalisieren wir nicht: Nur wenn du „gesund genug“ bist, bist du okay. Sondern: In deinem Sein, mit deiner Verletzlichkeit, deinem Anderssein – bist du schon in diesem Moment genug.
Bunte Grüße
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Almut & Sascha
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