Du sitzt da. Vielleicht auf dem Sofa, vielleicht auf dem Teppich zwischen Legos und Schleichtieren. Du willst kurz atmen. Einmal runterkommen. Bei dir ankommen.
Aber dein Kopf schaltet nicht ab.
Da ist die Einkaufsliste, die Nachricht aus dem Klassenchat, dieses Gespräch von gestern, das du immer wieder abspulst. Dein Körper kann nicht still sein, ein Fuß wippt, es zieht im Rücken, irgendwas juckt, alles drückt.
“Wenn du es eilig hast, gehe langsam”, hast du mal irgendwo gelesen, und von den Vorteilen von Meditation hast du mittlerweile auch schon so oft gelesen, dass du das Gefühl hast, es schaffen alle, nur du nicht.

Wenn du das kennst: Du bist damit sehr, sehr normal. Und du bist auch nicht „schlecht“ in Achtsamkeit. Es gibt kein Zertifikat für die Person, die am besten meditiert. Und auch wenn ich mich selbst zu den Personen zähle, die immer dachten, sie “könnten” nicht meditieren und dann doch immens davon profitieren - es ist kein Allheilmittel für alle. Vielleicht brauchst du einfach etwas anderes. Einen anderen Einstieg.
Genau um diese Alternativen geht es heute im Neuroletter.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass die fehlende “Me-Time” gar nicht das ist, was am meisten stresst, sondern dieses ständige Umschalten. Planen, Organisieren, empathisch sein, den Arzttermin nicht vergessen. Und dann auch noch meditieren? Wo hören die permanenten Ansprüche auf?
Achtsamkeit klingt manchmal ausgelutscht. Perfekt. Einfach. Sitzen. Augen zu. Atem beobachten. Für viele Menschen funktioniert das auch wunderbar.
Aber für viele andere funktioniert etwas anderes besser: Achtsamkeit in Bewegung, Achtsamkeit im Machen, Achtsamkeit über die Sinne. In der Forschung wird dafür oft der Begriff aktive Achtsamkeit verwendet: Präsenz entsteht dabei durch körperliche Bewegung oder sensorische Reize, die dich genauso im Hier und Jetzt verankern können wie die klassische Meditation - und dabei weder schlechter, noch besser sind, einfach nur anders. Was für dich klappt, weißt du am besten.
Und ja, aktive Achtsamkeit funktioniert. Selbst eine einzelne, virtuelle Doodle-Session führte bei Erwachsenen zu mehr Achtsamkeit (ob man diesen Begriff nun für sich verwenden will oder nicht), besserer Stimmung und Emotionsregulation (Isis et al., 2023). Vielleicht entspannt es etwas in dem permanenten (und ja doch etwas widersprüchlichem) Geschrei nach dem “achtsamen Leben”. Du brauchst bloß den für dich richtigen Hebel.
Wenn du etwas mit den Händen machst, passiert neurobiologisch ziemlich viel auf einmal. Du bekommst einen klaren Anker: Material, Gewicht, Temperatur, Widerstand, Geräusch. Deine Aufmerksamkeit muss nicht auf einem winzigen Punkt bleiben, sondern darf sich auf mehrere stabile Sinnesreize verteilen. Und für manche Menschen ist das sehr viel machbarer und dadurch erfüllender als klassische Meditation.

Es gibt Untersuchungen über Mindfulness-Based Art Therapy (Beerse et al., 2020), die zeigen, dass kreative Aufgaben ohne bestimmtes Ziel Emotionsregulierung und Stressverarbeitung beeinflussen kann. Gärtnern zeigt über mehr als 35 Studien hinweg in einer Meta-Analyse signifikanten Einfluss auf das Stressempfinden (Lu et al., 2023; Kang et al., 2023).
Sitzen und „nur beobachten“ fordert etwas sehr Spezifisches: anhaltende, gerichtete Aufmerksamkeit, oft bei relativ wenig äußerem Reiz. Wenn dein System aber sowieso auf Hochtouren läuft, kann das überfordern. Und manchmal hilft die “top-down” Regulation (durch Reflexion und kognitive Steuerung) eben einfach weniger als “bottom-up”, also sensorisch-motorische Regulation (Sin, 2017).
Wenn du erst mal in deinem Körper ankommst, bekommt dein Kopf oft leichter Luft. Luft, die er mit Selbstabwertung, weil Meditation nicht klappt, absolut nicht bekommen würde. Individuell ausgesuchte Aktivitäten passen genau zu deinem Nervensystem (Sokmen et al., 2016) und zeigen letztendlich die selben Effekte.
Was du konkret ausprobieren kannst, ohne dein Leben komplett zu ändern
Du brauchst keine neuen Hobbys, die nur wieder Stress machen. Aber probier dich mal zu erinnern: Was mochten deine Hände früher?
Vielleicht war das Zeichnen. Vielleicht Stricken oder Häkeln. Vielleicht Basteln, Nähen, Holz anfassen, Schleifen, Reparieren.
Vielleicht Musik, Pflanzen, Erde, ein Topf auf der Fensterbank.
Vielleicht Mandalas, Muster, Formen.
Ich kann nicht in dich hineinschauen, aber wenn du die folgende Liste durchgehst, spricht dich vielleicht etwas spontan an. Die Ideen sind bewusst niedrigschwellig gehalten - aber die Praktiken wirken regulierend.
Kneten: Teig, Knete, ein Stressball oder einfach ein Handtuch fest drehen und wieder lösen
Sortieren: Eine Schublade, eine kleine Kiste, Stifte nach Farben, Schrauben, Legosteine (solange du dich nicht darüber ärgerst, dass schon wieder alles chaotisch ist, sondern spontan Lust aufs Sortieren hast)
Zeichnen ohne Ziel: Linien, Kreise, Muster, „Doodle“. Das ist genau das, was in einer einzigen Einzelsitzung messbar wirksam war (Isis et al., 2023)
Rhythmus: Die Wirkung von Musik kennen wir wahrscheinlich alle, und sich ganz auf den Rhythmus einlassen oder sich davon ablenken lassen, entspannt und reduziert Stressgefühle (Park et al., 2023; Antonietti et al., 2018; Luo et al., 2024)
Pflanzen: Umtopfen, Kräuter schneiden, Erde auffüllen. Das hat sogar einen Namen: Horticultural Therapy (Lu et al., 2023).
Dein Mini-Kit: Die Idee kennst du vielleicht, wissenschaftlich untersucht wurde sie auch schon. Sokmen et al., (2016) haben die Wirkung von sogenannten Self-Soothing-Kits untersucht, und das kann eine wunderbare Erinnerung sein, mal ein bisschen runterzukommen. Such dir Dinge zusammen, die du gern riechst oder berührst. Eine bestimmte Creme. Ein glatter Stein. Kaugummi. Ein kleiner Stift. Egal was - es muss für dich passen.
Der “Trick” liegt nämlich viel weniger in der richtigen Methode und der perfekten Ausführung, als in der Passung. Wozu sagt dein Gefühl sofort “Ja - das passt für mich!”?

Achtsamkeit ist nichts, das man „richtig“ machen muss. Meditieren “können” ist keine Leistung. Wenn es besser klappt, wenn Achtsamkeit über deine Hände kommt, dann ist genau das richtig für dich. Und vielleicht findest du wieder zurück zu etwas Vertrautem, das sich früher mal gut angefühlt hat - und das du, wenn du mal darüber nachdenkst, wirklich gern wieder in deinem Leben hättest.
Deine Reflexionsfrage zum Schluss
Wie fühlen sich für dich Sicherheit und innere Ruhe an?
Ich hoffe, dass dir das ein bisschen weitergeholfen hat. Vor allem hoffe ich, dass es etwas entspannt, wenn du dich zu sehr unter Druck setzt, dass du aber gern “super ruhig und tiefenentspannt” wärst. Mit Druck klappt das generell schlechter (und wahrscheinlich ist dir das auch sehr bewusst) - aber du kannst etwas für dich finden. Oder etwas wiederentdecken.
Was entspannt dich?
Weiterführende Quellen (Auswahl):
Antonietti, A., et al. (2018). Enhancing Self-Regulatory Skills in ADHD Through Music. https://doi.org/10.1007/978-3-319-97151-3_2 (Öffnet in neuem Fenster)
Beerse, M., et al. (2020). Biobehavioral utility of mindfulness-based art therapy: Neurobiological underpinnings and mental health impacts. Experimental Biology and Medicine. https://doi.org/10.1177/1535370219883634 (Öffnet in neuem Fenster)
Bryer, J., et al. (2025). A Group-Focused Mindfulness Intervention… craft making… IndigenousMIND Project. https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-7024394/v1 (Öffnet in neuem Fenster)
Duyan, V., et al. (2023). Role of Music Therapy in Reducing Anxiety and Promoting Emotional Regulation in Children with ADHD. https://doi.org/10.47119/ijrp1001401120246008 (Öffnet in neuem Fenster)
Isis, P. D., et al. (2023). Efficacy of a Single Session Mindfulness-based Art Therapy Doodle Intervention. Art Therapy. https://doi.org/10.1080/07421656.2023.2192168 (Öffnet in neuem Fenster)
Javadian, Y., et al. (2025). Mindfulness-based art interventions… systematic review. Mindfulness. https://doi.org/10.1007/s12671-025-02570-3 (Öffnet in neuem Fenster)
Kang, H., et al. (2021). Nature-Based Group Art Therapy… EEG. IJERPH. https://doi.org/10.3390/IJERPH18115912 (Öffnet in neuem Fenster)
Kang, H., et al. (2023). Mechanisms of nature-based therapy… mindfulness mediation model. Frontiers in Psychology. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1330207 (Öffnet in neuem Fenster)
Lu, S., et al. (2023). Horticultural therapy for stress reduction: A systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychology. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1086121 (Öffnet in neuem Fenster)
Luo, T., et al. (2024). Rhythms of Relief: Perspectives on Neurocognitive Mechanisms of Music Interventions in ADHD. https://doi.org/10.31234/osf.io/59uxr (Öffnet in neuem Fenster)
Park, S., et al. (2023). Effects of music therapy… activating serotonin and improving stress coping ability. BMC Complementary Medicine and Therapies. https://doi.org/10.1186/s12906-022-03832-6 (Öffnet in neuem Fenster)
Racz, K., et al. (2024). Integration of Mandala Creation and Shinrin–Yoku. https://doi.org/10.24141/1/10/2/6 (Öffnet in neuem Fenster)
Sin, M. (2017). Mindfulness-Based Art Therapy in Working with School-Aged Children with ADHD in Emotional Regulation.
Sokmen, I., et al. (2016). Emotion Regulation with Mindful Arts Activities Using a Personalized Self-Soothing Kit. https://doi.org/10.1080/0164212X.2016.1165642 (Öffnet in neuem Fenster)