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An die deutsche Wissenschaft: (k)ein Liebesbrief

Im Oktober 2022 habe ich (damals noch auf Twitter) einen Brief an die deutsche Wissenschaft (Öffnet in neuem Fenster) geschrieben, der mir in den letzten Wochen immer wieder durch den Kopf gegangen ist. Während ich mir gerade innerlich gut zurede, um den Kraftakt der nun wieder anstehenden Pendelei im neuen Semester irgendwie zu meistern, und auf das Ergebnis meiner Zwischenevaluation warte (nach aktuellem Stand endet mein Arbeitsverhältnis Ende März 2026 und ich hoffe, bei erfolgreicher Evaluation noch zwei weitere Jahre in der Wissenschaft arbeiten zu können), lasse ich auch meine vergangenen Jahre als Wissenschaftlerin Revue passieren. Der Brief von 2022 bietet mir eine Grundlage dafür, und ich habe ihn für den heutigen Newsletter um einige weitere Gedanken ergänzt.

Liebe deutsche Wissenschaft, …

… wir müssen reden. So, wie es zwischen uns ist, geht es nicht weiter. Von mir verlangst Du seit Jahren vollstes Commitment. Von Dir bekomme ich im Gegenzug nichts als maximale Unverbindlichkeit. Damit machst Du mein Leben, seit Du ein Teil davon geworden bist, beschwerlich und unsicher — und schadest auch Dir selbst. Dabei müsste das alles so nicht sein. Es hätte auch ganz anders kommen können. Der Anfang zwischen uns war überaus vielversprechend: Ich war voller Hoffnung, dass das mit uns richtig gut wird. Als es mit uns losging, war alles aufregend und toll. Erfüllend. Das reinste Glück. Ich hatte das Gefühl, mit allem, was ich bin und kann, bei Dir gut aufgehoben zu sein. Habe mich mit einer Riesen-Motivation auf Dich eingelassen. Klar, ich gebe es zu: Dass Du direkt zu Beginn von mir erwartet hast, alles andere für Dich zurückzustellen, hat mich damals zwar leicht irritiert. Freizeit, Partnerschaft, Familie, Freund_innen, Hobbys: All das, was mir im Leben sonst noch wichtig war, was mein Leben schön und lebenswert machte, sollte jetzt plötzlich in den Hintergrund rücken?! An erster Stelle solltest ab jetzt Du stehen, dann ganz lange nichts — und dann die anderen Lebensbereiche, die mir am Herzen lagen …? Ich ahnte schon damals, dass das ein hoher Preis ist, den Du da forderst, damit wir zusammen sein können. Aber hey, ich wollte das mit uns. Von ganzem Herzen. Ich war bereit, für Dich vieles zu opfern. Dieses Gefühl, das Du in mir geweckt hattest, es schien untrüglich zu sein: Das hier, das ist nicht weniger als die Liebe meines Lebens! Reichlich pathetisch klang das selbst in meinen vor Euphorie klingelnden Ohren, aber irgendwie auch: treffend.

Forschung und Lehre zum Beruf zu machen kam mir einfach großartig vor. Was für ein Geschenk, jeden Tag mit tollen Menschen zusammenzuarbeiten! Jeden Tag Neues zu lernen! Was könnte es Schöneres geben, als mit Dir mein Leben zu verbringen, liebe Wissenschaft? Mit meinen Talenten und Fähigkeiten fühlte ich mich von Dir gesehen. Na ja, also: zumindest manchmal. Aber immerhin etwas. Vielen ist das überhaupt nicht vergönnt, und manchmal gesehen zu werden ist doch besser als nie — oder etwa nicht? Gut, Du kannst sehr hart zu mir sein. Regelrecht unerbittlich. Auf ein Lob kommen im Schnitt zehn Situationen, die von Kritik, Ablehnung und Zurückweisung geprägt sind. Aber umso greller strahlt dieses eine Lob im Kontrast des allgegenwärtigen negativen Feedbacks, nicht wahr? Es kann regelrecht berauschen, dieses Hoch inmitten von so vielen Tiefs, ein richtiger Kick ist das angesichts der zahlreichen Enttäuschungen, Rückschläge und beruflichen Niederlagen, die sich über unsere gemeinsamen Jahre hinweg angesammelt haben. Irgendwie haben mich diese rar gesäten Höhepunkte mit Dir über Wasser gehalten, während mich die prekäre Situation zunehmend in den Strudel des Kontrollverlusts zog und mir die Luft wegzubleiben drohte. Mir war recht schnell klar: Wenn ich mich auf Dich einlasse, ist und bleibt meine Situation wackelig, die Angst vor der Zukunft wird mein ständiger Begleiter sein. Aber: Wenn ich das mit Dir wirklich wollte, dann musste ich auch das in Kauf nehmen! So sagte man es mir jedenfalls immer wieder, und klar, ich wollte alles tun, alles geben, alles mitmachen, damit das mit uns weitergehen konnte. Du warst mir wichtig. Sehr, sehr wichtig. Manchmal ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich nicht wusste, wie ich ohne Dich klarkommen sollte. Ein Leben, in dem Du fehlst, es wäre mir schal und traurig vorgekommen, wie ein Leben, in dem ich meine Bestimmung verfehlt, in dem ich die einmalige Chance vertan hätte, wahre Erfüllung zu finden, mit Dir und durch Dich.

Schon während der Promotion fing ich deshalb an, Vollgas zu geben. Ich spielte nach Deinen Regeln. Traf strategische Entscheidungen, wo immer es möglich war. Was muss alles auf den Lebenslauf, damit es mit uns weitergeht? Ganz genau wusste das keiner. Also am besten alles machen, und alles mit maximalem Einsatz, um Dich bloß nicht zu verlieren. Wenn ich an diese Zeit denke, muss ich zugeben: Es war keine schöne Zeit. Ich war getrieben von der Angst, Dich zu verlieren, durch mein eigenes Versagen. Was, wenn das, was ich tat, nicht ausreichend wäre, um Dich bei mir zu halten? Meine Liebe zu Dir machte mich erpressbar. Ich gab meine Hobbys endgültig auf. Sagte Familienfeiern ab. Ließ Urlaubstage verfallen. Schob Nacht- und Wochenendschichten. Und trotzdem war ich plötzlich erwerbsarbeitslos. Die finanzielle Situation: beklemmend. Die Angst, dass das mit uns enden könnte, schnürte mir die Kehle zu. Ich wusste: Meine Dissertation muss fertig werden, sonst setzt Du mich für immer vor die Tür. Ich schrieb sie auf Arbeitslosengeld I mit elterlicher Unterstützung zu Ende. Tag um Tag, Nacht um Nacht. Um den Preis meines Wohlbefindens. Meine Gesundheit litt. Ich gab alles, war monatelang am Limit — und fühlte mich dabei dennoch wie die letzte Versagerin. Ich dachte zum ersten Mal: Ich habe über Jahre alles für Dich gegeben — für nichts und wieder nix. Schon jetzt hatte ich irre viel in uns investiert. So viel hatte ich aufgegeben, damit wir beide eine Chance haben. Was, wenn das alles umsonst war? Der Gedanke war schwer erträglich. Er sollte mich ab jetzt immer begleiten, teils war er schwer auszuhalten. Denn Du gabst mir am Ende doch noch eine Chance, weiterzumachen — und ich investierte weiter so viel ich konnte, um unsere Verbindung auf eine möglichst sichere Basis zu stellen. Immer seltener tat ich dabei die Dinge, derentwegen ich das mit uns begonnen hatte. Meine Begeisterung für Forschung und Lehre konnte ich vor lauter Erschöpfung und Leistungsdruck oft nicht mehr spüren. Ich fühlte mich taub. War so damit beschäftigt, das, was wir miteinander teilen, zu erhalten, dass ich darüber zunehmend vergas, wozu eigentlich. Ich war müde. Meine gigantische Motivation vom Anfang: zerrieben zwischen Stress und Zukunftsangst.

Ich habe nun bereits einige Jahre mit Dir verbracht, es sind beinahe anderthalb Jahrzehnte. Inzwischen habe ich verstanden, dass ich meinen Kampf für ein Leben mit Dir auf verlorenem Posten ausfechte. Es brauchte eine Weile, aber ganz langsam dämmerte es mir: Selbst, wenn ich mich an Deine Regeln halte, ist es sehr wahrscheinlich, dass Du mich früher oder später fallen lässt. Was ich in uns investiere, weißt Du äußerst selten zu schätzen. Du stellst 1.000 Forderungen an mich, erwartest wahnsinnig viel und gibst dabei verdammt wenig zurück. Und selbst, wenn Du mich nicht fallen ließest: Das, wofür ich Wissenschaft als Beruf seinerzeit ergriffen habe — das Hochgefühl, die Erfüllung, das Glück des Lernens und Verstehens und der Zusammenarbeit mit anderen —, wäre inmitten von Drittmittelakquise, Gremien- und Verwaltungsaufgaben, hohem Lehrdeputat etc. voraussichtlich nur noch als Abklatsch dessen möglich, was ich mir einst vorgestellt hatte.

Dieses Jahr werde ich einen runden Geburtstag feiern: 40. Mein gesamtes erwachsenes Leben habe ich mit Dir verbracht, erst im Studium, dann im Beruf. Über Jahre habe ich mich immer wieder gefragt, wer ich ohne Dich bin. Du hast mich geprägt, auch wenn ich an Dir keine nennenswerten Spuren hinterlassen habe (wobei: wissenschaftspolitisch durchaus). Wenn ich darüber nachdenke, was mich als Person ausmacht, dann denke ich immer noch oft zuerst an: Dich. Sollte die Zwischenevaluation klappen, habe ich noch zwei Jahre mit Dir. Es ist wie im oberen Teil einer Sanduhr zu sitzen, die langsam abläuft, und dabei zu versuchen, den Sand festzuhalten, der mir aber doch nur unaufhaltsam durch die Finger rieselt. Wir bewegen uns auf das Ende unserer gemeinsamen Zeit zu. Und auch, wenn es schmerzt, muss ich ehrlich sagen: Ich atme zugleich innerlich auf. Während es jahrelang kaum erträglich war, mir mich selbst ohne Dich vorzustellen, sehe ich nun zunehmend, wie schwer Deine Gegenwart auf meinen Schultern lastet. Es stimmt: Ich weiß noch immer nicht, wer ich ohne Dich bin. Aber da ist mehr und mehr Neugier, es herauszufinden — herauszufinden, wer ich sein kann, wenn ich nicht mehr ständig von der Angst angetrieben werde, Dich zu verlieren. Man sagt, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Ich glaube, das stimmt, denn sie hat mir jahrelang eingeflüstert, noch mehr zu geben, noch mehr zu opfern. In Schach halten konnte ich sie damit dennoch nicht. Denn die Wahrheit ist: Ich hätte alles richtig machen können und Du hättest es wahrscheinlich dennoch falsch gefunden. Ich hätte alles opfern können und Dich damit trotzdem nicht beeindruckt. Ich hätte immer noch etwas mehr geben können, und es hätte dennoch nie gereicht. Es ging Dir nie um mich, und je mehr ich darum gekämpft habe, dass sich das ändert, desto geringer war Dein Respekt vor mir und meiner Arbeit. Ich habe mich klein gemacht, sodass Du mich einsortieren konntest in die Nische, die Du vorübergehend für mich freigeräumt hast, und ich musste erst wieder lernen, Raum einzunehmen. Dafür gilt es, neue Orte zu suchen, weil Du Räume und Möglichkeiten lieber beschränkst, statt sie zu öffnen, sodass Menschen und Ideen darin wachsen und gedeihen können.

Wie ich damals, vor bald 14 Jahren, lassen sich immer wieder Menschen auf Dich ein. Es  mögen zunehmend weniger werden, weil sich Deine Vorliebe, alles zu fordern und dafür äußerst wenig zu geben, inzwischen herumgesprochen hat, aber es gibt sie dennoch. Diese Menschen lassen Dich in ihr Leben, sie wählen Dich als zentralen Teil davon. Sie haben dabei die besten Absichten, die größte Motivation und jede Menge Leidenschaft für ihr Fach. Die Bedingungen, denen Du sie dabei aussetzt, machen all das schleichend kaputt. Sie schaden der Gesundheit, dem Privatleben und dem Wohlbefinden all jener, ohne die Du nichts wärst — und ja, sie schaden damit letztlich auch Dir selbst. Wenn Du die, die sich für Dich entscheiden, immer wieder auf die Probe stellst, um sie allenfalls mit einer weiteren zeitlich überschaubaren Runde auf dem Befristungskarussell abzuspeisen und am Ende doch hängen zu lassen, verlierst Du nicht nur ihre Fähigkeiten und ihre Expertise (das wäre schon schlimm genug). Du demotivierst auch eine Generation von Wissenschaftler_innen nach der nächsten. Nimmst ihnen ihre Motivation für Dich. Bringst Dich selbst um Deine wichtigste Ressource: die Begeisterung der Menschen, die Dich tragen.

Liebe deutsche Wissenschaft, wer in der Mottenkiste der Sinnsprüche zum Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens kramt, stößt schnell auf diesen hier: Love it, change it or leave it. Mit der Liebe zu Dir hat alles angefangen. Es brauchte dann eine Weile, bis mir klar wurde, dass Du Dich ändern musst: Ende des Monats jährt sich zum fünften Mal der Startpunkt meiner Bemühungen, Dich grundlegend zu reformieren, denn am 31. Oktober 2020 haben Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich #95vsWissZeitVG (Öffnet in neuem Fenster) angestoßen — ohne damals ahnen zu können, welche Wellen unser Engagement noch schlagen würde, #IchBinHanna eingeschlossen. Und auch wenn ich Dich in absehbarer Zukunft verlassen werde: Nichts an diesen fünf Jahren möchte ich missen. Oft wurde mir gesagt, ich müsse Dich nehmen, wie Du bist, nur das sei wahre Liebe. Inzwischen ist mir klar, dass das gelogen ist. Wer Wissenschaft wirklich liebt, setzt sich dafür ein, dass sie unter Bedingungen gemacht werden kann, die Menschen beflügeln, statt sie auszubremsen. Denn nur so kann sie florieren. Und genau das wünsche ich mir: dass Du florierst, weil wir und andere Dich dazu gebracht haben, mit Deinen Beschäftigten fair und wertschätzend umzugehen. Wenn das gelingt, dann gelingt mir auch ein Abschied mit leichterem Herzen.

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