Schon wieder ein Text über Frauen in der Wissenschaft? Ja. Ich werde so lange solche Texte schreiben, bis Gleichstellung und Gerechtigkeit im deutschen Wissenschaftssystem tatsächlich erreicht sind — und zwar in Bezug auf alle Gruppen, die im System derzeit ausgebremst, marginalisiert und diskriminiert werden. Dass viele Statistiken sich primär auf Frauen beziehen, während etwa nicht-binäre Wissenschaftler_innen oder andere nicht cis männliche oder so gelesene Forschende in aller Regel unberücksichtigt bleiben, ist genauso ein Problem wie der Umstand, dass auch zu anderen benachteiligten Gruppen oft weniger Zahlen und Maßnahmen zu ihrer Unterstützung vorhanden sind. Zumindest die Gruppe der Frauen ist stark im Fokus der Wissenschaftspolitik — und einiges von dem, was man zu ihrer Gleichstellung unternehmen kann, mag auch anderen benachteiligten Wissenschaftler_innen nutzen. So halte ich es etwa für plausibel, dass dieser Satz aus einem kürzlich erschienenen Soziopolis-Artikel (Öffnet in neuem Fenster) von Kristin Eichhorn und mir ebenso für die Förderung anderer Personengruppen gilt: „Die beste Frauenförderung sind faire Arbeitsbedingungen“. Gleichwohl sind wir in Deutschland von fairen Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft nach wie vor recht weit entfernt — und dementsprechend wenig überraschend auch von Gleichstellung. Über den aktuellen Stand, was die Situation von Wissenschaftlerinnen in Deutschland betrifft, gibt der neue Gleichstellungsmonitor Wissenschaft und Forschung (Öffnet in neuem Fenster) Aufschluss, der im Oktober von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) veröffentlicht wurde. In der zugehörigen Pressemitteilung (Öffnet in neuem Fenster) der GWK heißt es:
„Der Anteil der Professorinnen an Hochschulen ist [von 2013 bis 2023] kontinuierlich von 21,3 % auf 28,8% angestiegen; die Parität wäre bei diesem Tempo also erst 2054 erreicht. Eine differenzierte Betrachtung nach Besoldungsgruppen ergibt zudem: je höher die Besoldungsgruppe, desto niedriger der Anteil von Frauen.“
Aus dem Zehnjahresvergleich ergibt sich laut GWK auch, dass sich der Frauenanteil auf den sonstigen Qualifikations- und Karrierestufen jeweils „nur minimal erhöht“ habe.
Angesichts der vielen durchaus wichtigen Gleichstellungsmaßnahmen in der deutschen Wissenschaft eine ernüchternde Diagnose. Allerdings überrascht sie wenig, wenn wir uns einmal klar machen, dass Frauen in der Wissenschaft oftmals mit paradoxen Anforderungen konfrontiert sind, die gleichzeitig zu erfüllen schlicht unmöglich ist. Ich möchte das im heutigen Newsletter anhand eines Beispiels näher betrachten: Es geht um das Thema Sichtbarkeit und seine Verbindung zu einem anderen Dauerbrenner wissenschaftlicher Bewertungslogik, der Exzellenz. Letztere kommt auch in der Unter-Überschrift der GWK-Pressemitteilung vor, sie lautet: „‚Leaky Pipeline‘ bleibt zentrale Hürde für Exzellenz und Chancengleichheit im deutschen Wissenschaftssystem“. Es ist löblich, dass Exzellenz und Chancengleichheit hier nicht als Antagonisten gegeneinander in Stellung gebracht werden (so sollte es auch sein), aber es entspricht leider nicht den aktuellen Gegebenheiten, in denen Gleichstellung regelmäßig als Widerspruch zur Exzellenz aufgefasst wird. Dieser verengte Exzellenzbegriff wird für Frauen zum Problem — vor allem dort, wo er eine bestimmte Form der Sichtbarkeit voraussetzt, für die Frauen dann aber abgestraft werden. Vor diesem Hintergrund stellt eine unzureichende Auffassung von Exzellenz eine Hürde für die Gleichstellung dar, womit zugleich echte Exzellenz verhindert wird. Aber der Reihe nach!
Exzellenz oder Gleichstellung?! Von einem ebenso verbreiteten wie konstruierten Gegensatz
Dass wir #IchBinHanna-Initiator_innen keine allzu großen Fans der Exzellenzstrategie sind, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Neben den bekannten Argumenten dagegen lässt auch das Anliegen der Gleichstellung die Exzellenz in einem faden Licht erscheinen. Zwar betonen Hochschulleitungen oft Gleichstellungserfolge im Zuge der Exzellenzstrategie. Die Untersuchungen des Forschungsprojekts EXENKO zeichnen jedoch ein anderes Bild, was das Verhältnis von Exzellenzzuschreibungen und Gleichstellung anbelangt: Statt Gleichstellung und Exzellenz als komplementäre Ziele aufzufassen, die einander gegenseitig stärken, werden diese Ziele von Mitgliedern des deutschen Wissenschaftssystems nicht selten als Gegensätze aufgefasst, wie Lara Altenstädter, Maren A. Jochimsen, Ute Klammer und Eva Wegrzyn in einem lesenswerten Beitrag über EXENKO (Öffnet in neuem Fenster) darlegen:
„Viele Befragte sehen, insbesondere in Berufungskommissionen, einen Konflikt zwischen der Zielvorgabe Exzellenz und einer daran orientierten Bestenauswahl einerseits und der Zielvorgabe Gleichstellung andererseits. Konstruiert wurde Gleichstellung dabei zum Teil als Zielvorgabe, die nur durch Hochschulleitungen gesetzt werden könne und die im Hochschulalltag in Konkurrenz, wenn nicht Widerspruch zum Prinzip der Bestenauslese stehe.“
Wie es zu dem hier zugrunde liegenden verengten Begriff der Exzellenz kommt, wird wie folgt erläutert:
„Aus der Perspektive zukünftiger gemeinsamer Drittmitteleinwerbungen und möglicher Publikationen sowie der Evaluation von Fakultäten und Instituten haben Professor_innen einen Eigenanreiz, Kolleg_innen mit internationaler Erfahrung, hohen Drittmittelzahlen, Publikationen etc. in ihre Institute und Arbeitsgruppen zu berufen. Die Motivation erschließt sich auch darüber, dass die Arbeitskultur in der Wissenschaft häufig mit Bildern eines Kampfes oder zumindest als sportlicher Wettbewerb umschrieben wurde — Bilder, die zeigen, dass Wissenschaft mit einem ständigen „Sich-Beweisen-Müssen“ und Konkurrieren (um Positionen, um referierte Publikationen, um kompetitive (!) Drittmittel...) einhergeht. Frauen werden dabei verminderte Risikobereitschaft und Machtaffinität zugeschrieben, und diese Verhaltensweisen werden vor dem Hintergrund der männlich geprägten Wissenschaftskultur als defizitär ausgelegt.“
Aber es sind nicht allein diese kompetitiven Vorstellungen von Wissenschaft, die unter dem vorherrschenden Exzellenzparadigma zu einer Benachteiligung von Frauen führen. Denn aus den Ergebnissen von EXENKO geht auch hervor, dass Sichtbarkeit eine zentrale Voraussetzung für Exzellenzzuschreibungen darstellt:
„Gängige Exzellenzkriterien beurteilen häufig nicht Qualität, Originalität oder Innovationsgehalt der diesen zugrundeliegenden wissenschaftlichen Ergebnisse. Sie orientieren sich vielmehr an deren erfolgreicher medialer Vermittlung, an deren Sichtbarkeit durch einen greifbaren (und quantifizierbaren) Output in wissenschaftlich anerkannten Bereichen[.]“
Kurz: „Ohne eine Sichtbarkeit ist unter den genannten Bedingungen keine Exzellenzzuschreibung möglich.“ Wie aber steht es um die Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft? Dazu geben andere Studienergebnisse eindrücklich Aufschluss.
Wissenschaftlerinnen im Double-bind-Dilemma: Sichtbarkeit oder Sympathie?
Man könnte meinen, dass es dank der Digitalisierung auch für Wissenschaftlerinnen ein Leichtes ist, die eigene wissenschaftliche Arbeit sichtbar zu machen, dabei als Forschungspersönlichkeit in Erscheinung zu treten und so zentrale Voraussetzungen dafür zu erfüllen, als ‚exzellent‘ zu gelten. Jedoch weisen Alexandra J. Abler, Nadja Born, Isabell M. Welpe in ihrem Beitrag in der Forschung & Lehre (Öffnet in neuem Fenster) darauf hin, dass es sich bei Sichtbarkeit in der Wissenschaft um eine ungleich verteilte Ressource handelt. Sie schreiben: „Besonders Frauen berichten von strukturellen und sozialen Hürden und von der Angst, für Selbstpräsentation und Sichtbarkeit abgestraft zu werden.“ Konkret:
„Was viele Wissenschaftlerinnen […] zurückhält, ist die Sorge vor negativen Reaktionen, etwa als eitel, zu selbstbewusst oder seltsam wahrgenommen und nicht gemocht zu werden. Diese sogenannte ‚fear of backlash‘ wirkt als psychologisches Stoppsignal für Frauen in der Wissenschaft. Oftmals liegen dieser Sorge eigene Erfahrungen zugrunde. […] Rudman und Glick (2001) zeigen, dass selbstbewusste Frauen als weniger sympathisch und sozial weniger akzeptabel gelten. Exley und Kessler (2022) demonstrieren, dass Frauen ihre Leistungen seltener hervorheben, weil sie soziale Sanktionen befürchten.“
Nun ist es keine Lappalie, als unsympathisch oder sozial weniger akzeptabel wahrgenommen zu werden, denn selbstverständlich spielen auf dem umkämpften wissenschaftlichen Arbeitsmarkt auch solche Faktoren eine zentrale Rolle. So wichtig es vielen Berufungskommissionen ist, fachlich hochqualifizierte Kolleg_innen zu berufen: Die vor Ort tätigen Professor_innen auf Lebenszeit sind sich erfahrungsgemäß sehr bewusst darüber, dass sie womöglich ihr restliches berufliches Leben mit der neuberufenen Person verbringen werden, insofern liegt es nahe, dass für sie bei Berufungsentscheidungen auch Zwischenmenschliches relevant ist. Mindestens die Mitglieder der Kommission, die mit der zu berufenden Person zukünftig zusammenarbeiten werden, schauen also gewiss auch auf soziale Aspekte wie Sympathie.
Frauen in der Wissenschaft müssen sich also entscheiden: Wollen sie als exzellent gelten, kommen sie um die eigene Sichtbarkeit nicht herum. Gelingt es ihnen, sichtbar zu sein, kann ihnen das aber schaden, weil ihnen Selbstdarstellung negativ ausgelegt wird. Sie können es also letztlich nicht richtig machen. Das gilt einmal mehr, wenn man bedenkt, dass Frauen ohnehin mit anderen Maßstäben gemessen werden als Männer, wenn es um soziale Kompetenz geht (Öffnet in neuem Fenster).
Frauen müssen sich also ohnehin mit unfairen sozialen Bewertungskriterien herumschlagen, von denen ihre männlichen Kollegen gänzlich unbehelligt bleiben. Die Sorge, dass entsprechende negative Bewertungen durch Sichtbarkeit zunehmen, liegt somit nahe. Und noch etwas gilt es zu bedenken: Frauen, die öffentlich sichtbar sind, müssen mit mehr Anfeindungen, Hass und Bedrohungen rechnen. Die Medienwissenschaftlerin Claudia Wilhelm hat dazu ein aufschlussreiches kurzes Interview gegeben (Öffnet in neuem Fenster). Sichtbarkeit hat für Wissenschaftlerinnen somit einige gravierende Nachteile — nicht sichtbar zu sein aber auch, weil sich die ohnehin spärlichen Karrierechancen dadurch noch weiter verringern.
Mehr Support, mehr Gleichstellung
Was also braucht es, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken? Was das Sichtbarkeitsparadox beispielhaft zeigt, ist dies: Die Potenziale von Gleichstellungsmaßnahmen drohen weiterhin zu verpuffen, wenn nicht endlich grundsätzliche Veränderungen im Wissenschaftssystem angestoßen werden. Dazu kann zählen, der kruden Erzählung von der Gleichstellung als Gegenspielerin der Exzellenz endlich ein Ende zu machen, wie es auch Altenstädter, Jochimsen, Klammer und Wegrzyn in ihrem Beitrag vorschlagen.
Allerdings ist fraglich, ob der problematisch konnotierte Exzellenzbegriff sich überhaupt noch derart umbestimmen lässt — oder ob es nicht eher an der Zeit ist, neue Begrifflichkeiten einzuführen und der Exzellenz den Rücken zu kehren. Das gilt unter Gleichstellungsgesichtspunkten einmal mehr, weil die mit Exzellenznarrativen verknüpften Genievorstellungen ohnehin Frauen zu exkludieren drohen. An die Stelle inhaltlich undurchsichtiger Exzellenzzuschreibungen könnten stattdessen klarer bestimmte inhaltliche Kriterien treten, die der aktuellen kompetitiven und durchquantifizierten Schneller-höher-weiter-Logik in der Wissenschaft etwas Gehaltvolles entgegensetzen. Initiativen wie CoARA (Öffnet in neuem Fenster) können hier wertvolle Ansatzpunkte liefern.
Auf der Ebene der Forschungsförderung liegt es zudem nahe, dem Vorschlag von Jan-Martin Wiarda zu folgen (Öffnet in neuem Fenster) und die Exzellenzstrategie durch ein Zwei-Säulen-Programm zu ersetzen, wobei die eine Säule, „Dauerstellen & Karrieren“, dem Ausbau unbefristeter Postdoc-Stellen dient. Hier schließt sich der Kreis zu unserem oben zitierten Credo: Unbefristete Stellen sorgen dafür, dass Personen weniger abhängig sind von problematischen Bewertungskriterien. Das wird auch und gerade denjenigen zugute kommen, die — wie Frauen in der Wissenschaft — im aktuellen System aufgrund von unfairen Bewertungsprozessen Karrierechancen einbüßen.
Diese Reformvorschläge sollten aber nicht so verstanden werden, dass Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen durch entsprechende Änderungen obsolet wird. Denn sichtbar zu sein hat nicht bloß unter fragwürdigen Exzellenzvorstellungen einen Wert. Laut Abler, Born und Welpe steht „höhere Sichtbarkeit in Zusammenhang mit höherem Selbstwert, höherer Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit zum eigenen wissenschaftlichen Fachbereich“. Doch auch über diese individuellen Vorteile hinaus ist die Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen wichtig und wertvoll, denn sie trägt dazu bei, nach wie vor dominante Stereotype auszuräumen, die auch Abler, Born und Welpe aufgreifen:
„Wenn Kinder gebeten werden, eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler zu zeichnen, entsteht in den meisten Fällen das Bild eines Manns im weißen Kittel. Dieses Ergebnis internationaler "draw-a-scientist"-Studien hält sich seit Jahrzehnten (Chambers, 1983). Wer als Wissenschaftlerin oder als Wissenschaftler denkbar ist, wird früh gelernt und hängt eng mit Sichtbarkeit zusammen. Denn nur wer gesehen wird, kann auch als Vorbild wirken.“
Die Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen bleibt also auch dann wünschenswert, wenn wir uns von überkommenen Exzellenzkriterien verabschieden. Deshalb liegt eine weitere Forderung an die Wissenschaftscommunity, aber auch an Politik und Gesellschaft klar auf der Hand: Hört endlich auf, Frauen dafür zu bestrafen, dass sie öffentlich in Erscheinung treten — und ergreift schnellstmöglich wirksame Maßnahmen gegen Hass, Hetze und Angriffe, denen Frauen im Besonderen ausgesetzt sind! Auf diese Weise lassen sich nicht nur die stockenden Gleichstellungsbestrebungen in der Wissenschaft beschleunigen. Es entsteht auch ein treffenderes öffentliches Bild wissenschaftlicher Verdienste, das Frauen endlich den Platz einräumt, der ihnen zusteht, statt sie durch falsch verstandene Exzellenzvorstellungen und das Abstrafen ihrer Sichtbarkeit weiterhin zu marginalisieren.