**Ein Sondernewsletter zur Festa della Liberazione**
📍Milano
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
das Schwein, um das es heute geht (bitte klickt mich noch nicht weg, es wird gut, promesso!)…
Also, das Schwein, von dem ich heute erzähle, ist mit seinem Flugzeug auf dem Weg nach Mailand. Wir befinden uns allerdings in den 1920er-Jahren, also im faschistischen Italien. Das Schwein heißt Marco Pagot.
Marco Pagot aka Porco Rosso: Halb Mensch, halb Schwein
Marco Pagot ist Kriegsveteran. Er ist ein Fliegerass und bekämpft Luftpiraten. Pagot überlebte ein Gefecht im Ersten Weltkrieg, blieb aber entstellt: Sein Gesicht verwandelte sich in einen Schweinekopf. Er ist halb Mensch, halb Schwein.
Marco Pagot bekämpft also nun Luftpiraten mit seinem roten Wasserflugzeug Savoia S.21. Daher kommt auch sein Spitzname Porco Rosso. Und so sieht er aus:

Im Juli 1929 ist Marco Pagot ein gefürchteter Gegner der Luftpiraten, die deshalb den amerikanischen Piloten Donald Curtis engagieren. Während eines Luftkampfs fällt Marcos Motor aus. Curtis schießt ihn ab und glaubt, ihn getötet zu haben, weil er Teile des roten Flugzeugs im Meer findet.
Doch Marco überlebt und lässt sein Flugzeug in Mailand bei der Werkstatt Piccolo S.p.A. reparieren und neu aufrüsten. Dort übernimmt die junge Frau Fio die Arbeiten, weil alle Söhne von Herrn Piccolo in die USA ausgewandert sind.
Während seines Aufenthalts in Mailand trifft Marco bei einem Kinobesuch auf seinen Freund Arturo Ferrarin, der mittlerweile allerdings Major der Luftwaffe ist. Ferrarin versucht, Marco zur Rückkehr zu überreden, doch Marco lehnt mit den Worten ab: „Lieber bin ich ein Schwein als ein Faschist.“ (In der italienischen Version: „Piuttosto che diventare fascista preferisco essere un maiale.“)
https://www.youtube.com/watch?v=ZWRji_4cvsU (Öffnet in neuem Fenster)Nachdem Ferrarin ihn vor dem Regime warnt, flieht Marco gemeinsam mit Fio aus der Stadt.
Porco Rosso wird heute, am 25. April, zur Festa della Liberazione (Tag der Befreiung) wieder in mehreren Kinos in Italien zu sehen sein. Der japanische Animationsfilm aus dem Jahr 1992 wurde von Hayao Miyazaki geschrieben, von Studio Ghibli produziert und basiert auf dem Manga Hikōtei Jidai, der ebenfalls von Miyazaki geschaffen wurde.
Ikone: Das antifaschistische Schwein
Ein Schwein, das fliegt, gerne raucht und den Kampf gegen den Faschismus liebt. Der Film hat alles: Er ist tröstlich, lustig, melancholisch und hat eine politische Botschaft.
In Italien wurde Porco Rosso zu einer popkulturellen Ikone. Der Film wird regelmäßig am 25. April für einen Tag im Kino gezeigt, meist in den Städten, die während des Widerstands eine wichtige Rolle gespielt haben: Neapel, Rom, Florenz, Bologna, Genua, Mailand und Turin.
Vielleicht habt ihr ja jetzt auch Lust auf den Film bekommen? Solltet ihr ein Netflix-Abo haben, könnt ihr Porco Rosso nämlich momentan dort streamen.
Ins italienische Kino zu gehen, ist natürlich die schönere und spaßigere Variante. Aber ganz egal, wo ihr schaut: Buon divertimento und buon 25. Aprile!
Viva l’Italia antifascista! 🌹
Zum Begriff der Resistenza
Neulich habe ich ein Projekt der Uni Köln entdeckt: NS-Täter in Italien 1943-1945: Die Massaker im besetzten Italien in der Erinnerung der Täter heißt es, online findet ihr es unter diesem Link (Öffnet in neuem Fenster).
Das Projekt, unter Leitung von Dr. Carlo Gentile (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität zu Köln), hat zum Ziel, Informationen zu deutschen Kriegsverbrechen in Italien aufzuarbeiten und in einen Kontext zu bringen. Das Projekt wurde vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik und im Rahmen des Deutsch-Italienischen Zukunftsfonds gefördert.
Alle Inhalte auf der Projektwebseite sind frei zugänglich.
Es gibt dort auch ein eigenes Kapitel zum Thema Resistenza (Öffnet in neuem Fenster), das den Begriff historischen erklärt und einordnet.
Man versteht unter der Resistenza unterschiedliche Formen des Widerstands gegen die deutsche Besatzung und ihre italienischen Verbündeten. In einzelnen Texten werden auf der Projektseite Widersprüche und Konflikte beleuchtet, die mit diesem komplexen Themengebiet einhergehen.
Ergänzt werden die Beiträge außerdem durch Bildmaterial aus den Archiven. Klickt mal rein, es lohnt sich sehr. Die Projektseite ist zudem auch auf Italienisch und Englisch verfügbar, solltet ihr sie weiterempfehlen wollen.

Buchempfehlung: Was vor uns liegt
Apropos Widerstand. Im letzten Newsletter hatte ich ja versprochen, dass es beim nächsten Mal wieder eine Buchempfehlung gibt. Eccola, hier ist sie:

Heute möchte ich euch den Roman Was vor uns liegt (Italienischer Titel: Nessuno torna indietro) von Alba de Céspedes empfehlen. Eine Autorin, deren Werk zwischenzeitlich ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Zum Glück hat man sie wieder entdeckt und ihre Bücher in mehrere Sprachen übersetzt.
Alba de Céspedes wurde 1911 als Tochter einer Italienerin und eines Kubaners in Rom geboren. Sie arbeite als Schriftstellerin und Journalistin, unter anderem für die Tageszeitung La Stampa.
Als Partisanin stand sie aktiv, wie viele andere Frauen in Italien, an vorderster Front des Widerstands, der Resistenza. Als Journalistin moderierte sie unter dem Pseudonym Clorinda antifaschistische Radiosendungen und beteiligte sich außerdem an feministischen Kämpfen. Zweimal wurde sie inhaftiert.
Sie gründete 1944 die Literaturzeitschrift Mercurio, die Beiträge bedeutender Autoren veröffentlichte, unter anderem von Alberto Moravia und Ernest Hemingway.
Heute zählt Alba de Céspedes zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Ein zentrales Merkmal ihres Werkes ist die konsequente Auseinandersetzung mit Frauenfiguren sowie den Themen Freiheit und Gerechtigkeit.
Obwohl ihre Romane und Erzählungen früher teilweise der sogenannten „rosa Literatur“ zugeordnet wurden, war ihr Schreiben immer sehr politisch.

Gerade bin ich mittendrin in der Lektüre von Was vor uns liegt. Darin erzählt Alba de Céspedes die Geschichte von Silvia, Anna, Emanuela, Milly, Augusta, Valentina, Vinca und Xenia. Sie leben und studieren im Grimaldi-Konvikt in Rom, im Jahr 1934.
Jede von ihnen hat ein Geheimnis. Alle haben Sehnsüchte, Sorgen, Träume und Wünsche. Diese acht jungen Frauen, alle mit unterschiedlichem Charakter, bilden eine Clique. Heute würde man eher sagen: eine Girl-Gang.
Nur zusammen halten sie den Alltag mit den strengen Nonnen am Konvikt aus, die ständig wollen, dass rechtzeitig das Licht auf den Zimmern ausgeht. Natürlich finden die Frauen Mittel und Wege, um sich trotzdem heimlich zu treffen. Zu einer Séance, wie sie damals in Mode waren, zum Beispiel.
In erster Linie geht es hier um das Leben von jungen Frauen im Italien der 30er-Jahre. Doch die zweite Ebene ist ganz klar: Wie beeinflusst das faschistische Regime jedes einzelne Leben, sowohl im Großen als auch im Kleinen? Wie tickte die italienische Gesellschaft damals? Es geht um Freiheit, Selbstverwirklichung, und um Freundinnenschaft.
Anhand der Geschichten der jeweiligen Frauen bekommt man eine Art Zeitreise in weibliche Lebensperspektiven zur der Zeit des Faschismus in Italien.
Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von de Céspedes' Debütromans wurde dieser übrigens von den faschistischen Behörden unter Mussolini zensiert.
Es ist ein Buch für das man ein wenig Geduld haben muss: Der Erzählstil ist etwas anders als das, was wir aus der zeitgenössischen Literatur kennen. Hier wird langsamer erzählt. Dafür haben die einzelnen Charaktere aber eine besondere Tiefe, schon fast psychologisch.
Wer also eine italienische Autorin (wieder)entdecken möchte und weibliche Lebenswelten zu Zeiten des Faschismus besser verstehen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen.
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Ich denke noch immer (ja, immer noch…) über eine Alternative zu Paypal nach, bitte habt noch einen Moment Geduld. 🛠️
Wir lesen uns im Mai wieder.
Grazie di cuore, a presto! 💌
Ciao, ich bin Ornella und die Autorin hinter Autostrada del sole.
Mit diesem Newsletter möchte ich ein vielschichtiges Bild von Italien zeigen. Abseits von vino, dolce vita und amore. Tipps für Reisen wird es bei mir also nicht, oder, wenn überhaupt, nur in Ausnahmefällen geben.
Stattdessen möchte ich Themen aus Italien aufgreifen, die in Deutschland in dieser Form weniger sichtbar sind. Ich möchte in die Tiefe gehen, euch mitnehmen nach Italien zu Menschen, Geschichten, Orten und Dingen, die ich erzählenswert finde, und euch dazu einladen, auf dieses Land ohne romantisierende Sonnenbrille zu schauen. Und wer weiß, vielleicht entdeckt ihr Italien dann von einer anderen, neuen Seite (und könnt mit dem Wissen beim nächsten Urlaub punkten)?

Ich bin Tochter und Enkelin italienischer (Gast)arbeiter aus Sizilien, arbeite als Journalistin für verschiedene Medien (u.a SZ, fluter, The Weekender, etc.) und bin zweisprachig aufgewachsen. Studiert habe ich Italienische und Romanische Philologie. Schon immer bewege ich mich viel, bedingt durch meine Familiengeschichte, zwischen Deutschland und Italien. Ich kenne beide Länder sehr gut, bin in München und Süditalien Zuhause. Aus dieser Perspektive heraus möchte euch mitnehmen nach Italien. Schön, dass ihr dabei seid. 💙
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