
Diese Ausgabe befasst sich mit den Ausgaben öffentlich-rechtlicher Sende für die Übertragung von Fußballspielen – und den Inhalten des Koalitionsvertrages von Union und SPD.
Das Fußball-Business läuft Mitte April auf Hochtouren. In den europäischen Profiligen steht die Schlussphase der Saison an, die wie immer am meisten Drama in Sachen Meisterschaft, Qualifikation für internationale Wettbewerbe oder Klassenerhalt bietet. Andere Wettbewerbe wie der DFB-Pokal und die Champions League sorgen in ihren anstehenden Finalrunden ebenfalls für hohe Quoten bei den TV-Sendern.
In der vergangenen Woche, als Drittligist Arminia Bielefeld den amtierenden deutschen Meister aus Leverkusen besiegt hatte, verschaffte die Partie dem übertragenden Sender ARD laut dem Medienwirtschaftsmagazin DWDL einen Marktanteil von mehr als 25 Prozent ein. In anderen Worten: Durchschnittlich hatten 6,25 Millionen Menschen am Dienstagabend eingeschaltet.
Für die Übertragung des DFB-Pokals zahlte die ARD in den vergangenen Saisons ungefähr 50 Millionen jährlich, mittlerweile dürften die Kosten gestiegen sein. Insgesamt beläuft sich der Gesamtetat für Sportrechte laut Medienberichten auf mehr als 230 Millionen Euro pro Jahr – darunter fallen dann auch andere Sportarten und besondere Events wie zum Beispiel die Fußball-Europameisterschaft der Männer im vergangenen Sommer. Auch das ZDF gab dafür laut eigenen Angaben in der Vergangenheit rund 150 Millionen Euro pro Jahr aus.
Wie viel Geld sollen ARD und ZDF für Profifußball ausgeben?
Im Herbst 2024 hatten die Ministerpräsident*innen der Bundesländer einen Entwurf zur Reform des Rundfunkstaatsvertrags beschlossen, der kurz gesagt festhält, wofür der Rundfunkbeitrag der Bürger*innen verwendet wird. Darin war auch eine Deckelung der Ausgaben für Sportrechte aufgeführt worden. Der Reformentwurf durchläuft jetzt die Gremien in den einzelnen Bundesländern, womöglich fallen damit in Zukunft auch einige Sportgroßveranstaltungen im Fernsehen weg, was auch den Fußball treffen wird.
Die entscheidende Frage ist: Wie viel Geld sollen, dürfen, können und müssen ARD und ZDF dafür ausgeben, Fußball im Free-TV zeigen zu dürfen? Bei der Champions League gab es, Ältere von uns werden sich erinnern, zwischen 2012 und 2017 eine glorreiche wie unkritische und naive Zeit, als das ZDF die Königsklasse übertragen hatte. Oliver Kahn analysierte die Spiele auf seine Art, für Studierende wie mich waren es damals glanzvolle Abende.
Sky, Amazon, Dazn: Ohne sie geht nichts mehr
Damals hatte das ZDF natürlich auch jede Menge Geld (etwa 50 Millionen pro Saison) in die Hand genommen und zurecht ergab sich daraufhin die Frage, ob öffentlich-rechtliche Sender das Fußball-Business mit Gebührengeldern finanzieren müssen. Momentan läuft nur noch das Finale im ZDF, dann mit Buchautor (puh!) Christoph Kramer und Per Mertesacker als Experten.
Die ehrenvolle Aufgabe, den europäischen Fußball mit Geldern vollzuschmeißen, haben mittlerweile ehrbare Familienunternehmen profitorientierte Streaming-Plattformen wie Amazon und Dazn übernommen. Sie übertragen die (mittlerweile höhere Anzahl an Spielen) für einen satten Obolus im Monat: Je nach Vertragsmodell kostet die Champions League, das Premium-Produkt des europäischen Fußballs, fast 50 Euro im Monat. Bei dem Preis war ich raus, Spiele sehe ich nur noch in der Zusammenfassung, selbst bei Bundesliga-Spielen. Manchmal, aber nur manchmal greife ich noch auf andere Möglichkeiten zurück, die ich an dieser Stelle aber nicht konkret nennen möchte (hüstel).
Illegales Streaming von Ligapartien in Frankreich
Denn egal, in welches Land man schaut: Die nationale Fußball-Industrie hängt am Tropf der Fernsehsender. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) kassiert derzeit pro Spielzeit 1,1 Milliarden Euro. Die Premier League in Großbritannien verscherbelt ihre TV-Rechte für den überschaubaren Betrag von 1,8 Milliarden Euro pro Saison. In Spanien sind es 1,2 Milliarden pro Spielzeit, in Italien 900 Millionen. Damit steht schonmal ein solider Sockelbetrag für das Zahlen von Millionengehältern.
Einen Sonderfall gibt es jedoch in Frankreich.
Denn ein Blick ins Nachbarland zeigt, welche Blüten das Thema Fernsehgelder manchmal treiben kann. Dort zeigt Dazn acht von neun Spielen pro Spieltag, dafür fließen jährlich 400 Millionen Euro an die LFP (Ligue de Football Professionnel). Der Kundenstamm liegt derzeit bei nur einer halben Million Abonnent*innen. Und das in einer Liga mit Paris Saint-Germain, der von katarischen Milliarden-Summen geförderte Verein, der seit der Saison 2012/2013 elf Mal französischer Meister wurde. Wenn das nicht für die wahnsinnige Attraktivität der Liga spricht, dann weiß ich es auch nicht mehr.
Dem Problem Herr werden: Aber wie?
Im Februar hatte Dazn verkündet, die Hälfte der monatlichen Zahlungen einzubehalten. Der Vorwurf: Weder LFP noch der französische Staat unternähmen genug, um illegale Streaming-Webseiten, die Fußballspiele übertragen, abzuschalten. Und wenn es so weitergeht, so deute ich mal die Aussagen der Dazn-Verantwortlichen, war’s das mit dem TV-Vertrag für die Ligue 1. Damit wäre der französische Profifußball ziemlich, naja, am Arsch.
Deswegen, und da sind wir wieder bei der politischen Perspektive, kündigte die französische Sportministerin Marie Barsacq einen groß angelegten Plan an, um gegen illegales Streaming vorzugehen.
Dem TV-Sender RMC sagte sie: “Das Piraterieproblem heute ist wie das Doping damals. Wir hinken denjenigen, die diese Straftaten begehen, immer hinterher. Beim Thema Piraterie gibt es heute wirklich den Willen, sehr schnell und entschlossen zu handeln, weil die Lage tatsächlich kritisch ist.”
Und weiter: “Die Lösungen sind ziemlich einfach. Zunächst einmal muss Piraterie als Straftat eingestuft werden.” Daraus müssten Sanktionen folgen, Behörden bräuchten dafür mehr Befugnisse. Na dann! Das klingt nach einem relativ wirkungslosen Plan, der das Problem allerdings nicht lösen und den französischen Vereinsfußball nicht retten wird.
Dazn mit saudi-arabischer Finanzspritze
Dazn, so viel sei an dieser Stelle auch noch erwähnt, machte jahrelang riesige Verluste, ging aber vor kurzem einen Deal mit einem saudi-arabischen Sportinvestmentfonds ein, der nach Medienberichten rund eine Milliarde Dollar umfasst. Für die anstehende Klub-WM der Fifa hatte sich Dazn die Übertragungsrechte gesichert. Die Fußball-WM der Männer findet 2034 in Saudi-Arabien statt, eingetütet auf Bestreben von Fifa-Boss Gianni Infantino. Tja, so kann’s auch manchmal laufen, das eine hat bestimmt mit dem anderen nichts zu tun.
In der Vergangenheit gab es im internationalen Fußball aber auch andere, zumindest bei einem oberflächlichen Blick interessante Lösungen.
Fútbol Para Todos: Fußball im Free-TV in Argentinien
In Argentinien ging es den Profivereinen Anfang der 2000er Jahre auch schlecht, die Hälfte der Vereine konnte ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Die schwierige finanzielle Lage des Profifußballs war der Katalysator für die Regierung unter Cristina Kirchner, die ab 2009 durch ein neues Mediengesetz die größten Medienkonzerne aufbrechen konnte. Die Regierung nahm außerdem Geld in die Hand und investierte ins Fußball-Business, um im Programm Fútbol Para Todos die Spiele der heimischen Liga zu übertragen.
Damit, so die Idee, könnten auch ärmere Gesellschaftsschichten wieder Zugang zum Profifußball bekommen. Ein zentrales Argument, das angeführt wurde: In Argentinien werde auch viel Geld aus dem Staatshaushalt für Theater ausgegeben, dort würden die Publikumszahlen allerdings sinken, es sei vorrangig für reiche Menschen. Klingt irgendwie utopisch, aber auch ganz nett.
Fútbol Para Todos lief erstmals 2009 ohne kommerzielle Werbung im argentinischen Fernsehen, was allerdings Kirchners Partei nicht daran hinderte, dort politische Werbung für sich selbst zu machen. Die Einschaltquoten waren hoch, fußballerische Unterhaltung und menschliches Drama gab es genug. Etwa 1,5 Milliarden argentinische Pesos gab die Regierung pro Saison aus, 2017 wurde es unter einer anderen Regierung eingestellt. Mehr dazu im exzellenten Buch “The Age of Football: The Global Game in the Twenty-First Century” von David Goldblatt.
Und nun mein Vorschlag zur Güte: Der zukünftige Bundeskanzler Friedrich Merz (zu ihm und seiner Koalition gleich mehr) soll die Verträge zwischen DFL und Sky bzw. Dazn beenden und die DFL dazu zwingen, Verträge mit ARD und ZDF einzugehen. Dann kann im öffentlich-rechtlichen Fernsehen endlich am Samstagnachmittag eine Konferenz mit Spielen wie Hoffenheim gegen Leipzig oder Augsburg gegen Wolfsburg laufen. So kann’s doch klappen! Aber vielleicht habe ich das auch nicht bis zum Ende gedacht.
Gestern war es dann soweit: Während um uns herum nach wie vor die Welt auseinanderbricht, einigten sich Union und SPD nach vier Verhandlungswochen auf den Koalitionsvertrag. Obwohl die Verhandler*innen zwischendurch mal verlauten ließen, dass sie es kürzer als die Ampel halten wollten (deren Vertrag 144 Seiten hatte), legten Merz und Co. zwei Seiten mehr vor. Für tiefergehende Analysen daher lieber bei Polit-Expert*innen lesen. Jedenfalls: Auch in Sachen Sport haben wie erwartet Einigungen stattgefunden. Wirkliche Überraschungen wie einen DFB-Pokal-Finaleinzug von Arminia Bielefeld gibt es allerdings nicht.
Was neu ist: Es wird eine Staatsministerin oder einen Staatsminister für Sport, angesiedelt im Kanzleramt, geben. Wie diese Rolle im Spannungsfeld zwischen Bundesinnenministerium, Sportspitzenverband DOSB, den Ländern, den Vereinen, den Kommunen und allen anderen Involvierten aussehen wird, ist unklar, aber es dürfte zumindest spannend werden. Auf diesem Level hatte sich das Thema Sport bis dato nicht wiedergefunden. Doch welche Aufgabenbereiche dort liegen werden, ist unklar.
Sportmilliarde und Olympia-Bewerbung: Viel Erfolg damit!
Bisher war das Bundesinnenministerium (BMI) dafür verantwortlich. Neuer Innenminister wird der Tendenz nach wahrscheinlich Alexander Dobrindt von der CSU, der mit seiner PKW-Maut schon ein brillantes politisches Ergebnis erzielt hatte. Googlet das doch nochmal!
Die jährliche Milliarde für die Sanierung der Sportstätten (siehe letzte Ausgabe hier) soll es geben, ebenso hemmungslose Unterstützung für eine Olympia-Bewerbung. Für Dobrindt dürfte Olympia in Bayern ein Wunschtraum bleiben, denn schon für die Winterspiele 2022 hatten sich die bayrischen Bürger*innen klar dagegen ausgesprochen.
Die Stadt Köln hingegen, siehe Ausgabe #2, unterstützt die Pläne einer Bewerbung für die Region Rhein-Ruhr. Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die im September aus dem Amt scheiden wird, sagte dazu: “Der olympische Gedanke steht für Offenheit, Toleranz und Fairness. Diese Werte zeichnen auch die Kölnerinnen und Kölner aus.” Das sollte das IOC mit Sicherheit schon überzeugen. Und sie ergänzt, dass eine Bewerbung “nur im Konsens mit den Kölnerinnen und Kölnern vorangetrieben” werden könne. Das wiederum könnte eng werden.
Olympia-Bewerbung: Nichts Genaues weiß man nicht
Nun ist die Verwaltung der Stadt damit beauftragt worden, “sich strukturell auf die Unterstützung des Projekts vorzubereiten”, um bei einer tatsächlichen Kandidatur an Rhein und Ruhr “die kurzfristige Handlungsfähigkeit der Stadt Köln sicherzustellen”. Denn wenn eine Stadt Großprojekte kurzfristig umsetzen kann, dann ist es ja wohl Köln – wenn wir von den Bauarbeiten an der Einsturzstelle des Stadtarchivs (2009) und den Sanierungsarbeiten an der Kölner Oper (Start 2012) mal absehen. Hier besser nicht die entstandenen Kosten googlen.
Wann, wie, mit welcher Stadt oder Region und in welcher Form sich der DOSB überhaupt beim International Olympischen Komittee bewerben will, ob das für die Spiele in 2036, 2040 oder 2044 sein wird – diese Bewerbungskampagne verläuft vorsichtig ausgedrückt etwas holprig, kostet “den Steuerzahler” bis dato aber trotzdem schon Millionen.
Doch kommen wir zurück zum Koalitionsvertrag. Dort gibt es wie zu erwarten war nicht viel Neues, bereits gestartete Projekte (Spitzensportförderung, Zentrum für Safe Sport etc.) sollen weitergeführt werden. Hier wird es sich wie so oft um die Frage drehen, wie viel Geld wie schnell zur Verfügung gestellt wird und wer letztlich entscheidet: Der organisierte Sport möchte es aus fachlichen Gründen, das BMI aus politisch-finanziellen.
Davon abgesehen deuten sich dezent Schritte nach vorne an: Der Frauensport soll gefördert werden. “Um Athletinnen im Leistungssport gleiche Chancen zu ermöglichen, erkennen wir ihre Lebensrealitäten an - etwa durch die Verankerung von Mutterschutz sowie die Förderung von geschlechtsspezifischem Training und Forschung”, so steht es im 144-seitigen Papier. Athlet*innen sollen zudem stärker finanziell abgesichert werden.
Doch wie dem auch sei: Bisher ist alles nur auf Papier geschrieben, die künftige Bundesregierung wird sich an ihren sportpolitischen Plänen messen lassen müssen. Da werden wir dann in vier Jahren nochmal sprechen. Und vielleicht übertragen öffentlich-rechtliche Sender ja dann wieder Profifußball, schaumamal.