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Selbst um zu Schreiben braucht man einen Körper

Die Schriftstellerin Daniela Dröscher zeigt in ihren Büchern brutal, was Erwartungsdruck mit Frauen anrichtet. Ein Gespräch über das allgegenwärtige Leistungsmärchen.

Erschienen am 14.09.2025 im Spiegel (Öffnet in neuem Fenster)

Frau Dröscher, die Protagonistin ihres aktuellen Buches ist andauernd krank, ihr Körper will nicht funktionieren. Wie geht es Ihnen mit Ihrem Körper?

Daniela Dröscher: Ich habe mir ein gutes Verhältnis zu ihm erarbeitet und bin mit dieser Arbeit noch lange nicht fertig. Ich versuche, freundlich zu meinem Körper zu sein, will ihn nicht mehr peitschen und pushen und über die Grenzen treiben, wie ich es früher gemacht habe. Wie Ela es tut.

Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, ist Schriftstellerin, gerade erschien ihr autofiktionaler Roman »Junge Frau mit Katze«. Er ist eine Art Fortsetzung ihres Bestsellers »Lügen über meine Mutter«, der auf die Shortlist des deutschen Buchpreises gelangte. Sie wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, Klassenfragen und Körperformen spielen in ihrem Werk eine große Rolle.

Die Hauptperson, die man schon aus dem Vorgänger »Lügen über meine Mutter« kennt, hat viel mit Ihnen gemeinsam.

Stimmt.

Ela hat nicht nur Probleme mit ihrem Körper, auch beim Zugang zu ihren Gefühlen hapert es. Ihre Therapeutin versucht, ihr mithilfe eines bunten Gefühlsrads beizubringen, was sie empfindet. Stammt diese Anekdote auch aus Ihrer eigenen Erfahrung?

Ja. Das Gefühlsrad war eine große Kränkung für mich, als ich ihm in der Therapie erstmals begegnete. An ihm habe ich erkannt, wie sehr ich mich aufgespalten hatte. Mit dem Körper wollte ich nichts zu tun haben, mit der Seele habe ich mich auch nicht auseinandergesetzt. Ich habe mich rein als geistiges Wesen definiert. Ich finde das symptomatisch für unsere Gesellschaft, in der es nur darum geht, zu funktionieren. Gefühle stören dabei, der Körper auch. Vor allem, wenn er krank ist.

Gab es einen Moment, an dem sie gemerkt haben, dass sie sich besser um ihren Körper kümmern müssen?

Auf jeden Fall der Ausbruch meiner Hashimoto-Erkrankung vor neun Jahren. Das ist eine chronische Entzündung der Schilddrüse, alles in mir hat verrückt gespielt. Auch diese Erfahrung verarbeite ich im Buch. Erholung ist nicht gestattet. Die Menschen bringen ihre kranken Kinder in die Kita, arbeiten selbst noch aus dem Krankenbett. Ich habe das auch gemacht. Bis die Geburten meiner inzwischen 15 und 18 Jahre alten Kinder und die Krankheit mich zu einem anderen Umgang gezwungen haben.

Geburt, Schwangerschaft, die Babyphase – das sind enorm körperliche Erfahrungen.

Und entsprechend herausfordernd für ein schreibendes, lesendes Wesen wie mich. Diese Gleichzeitigkeit von physischer Überforderung und geistiger Unterforderung in der Mutterschaft ist mittlerweile vielfach erzählt worden. Ich bin dadurch aber auch wieder ins Spielerische gekommen. Und man wird als Mutter zur halben Ärztin.

Wie das?

Körperliche Symptome überforderten mich, bei mir selbst, aber auch bei meinen Kindern. Immer diese Frage: Wann geht man zum Arzt? Ich fand die einfache Regel der Kinderärzte hilfreich: Komm, wenn es am dritten Tag nicht besser wird. Oder das berühmte Allgemeinbefinden. Also nicht nur auf die Anzeige des Fieberthermometers zu gucken, sondern mit allen Sinnen wahrzunehmen: Wie geht es mir denn? Oder dem Kind? Ich habe gelernt, mich als Subjekt wahrzunehmen, nicht immer nur als Objekt. Deswegen habe ich Ela auch mit so einer radikalen Innensicht geschrieben. Das Buch schaut aus ihrem Körper heraus, nicht von außen darauf.

Warum war Ihnen das wichtig?

Kategorie Texte

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