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So schaffen Sie es, sich länger als 47 Sekunden zu konzentrieren

Am Bildschirm bleiben Menschen im Schnitt weniger als eine Minute bei der Sache. Die Psychologin Gloria Mark sagt: Da ist mehr drin.

Erschienen am 15.09.2025 im Spiegel (Öffnet in neuem Fenster)

Viele Menschen beklagen, dass sie immer schlechter bei einer Sache bleiben können. Ist das nur so ein Gefühl oder eine Tatsache?

Ganz klar eine Tatsache. Als Psychologin erforsche ich Aufmerksamkeit seit mehr als 20 Jahren. Damals standen meine Mitarbeiter und ich noch mit Stoppuhren in Büros und haben geklickt, wenn Menschen ihre Tätigkeit wechselten oder unterbrachen. Die durchschnittliche Zeit, die Angestellte am Bildschirm bei der Sache blieben, betrug im Jahr 2004 zweieinhalb Minuten. 2012 waren es 75 Sekunden. 2020, kurz vor der Pandemie, nur noch 47 Sekunden.

Zur Person

Gloria Mark ist Psychologin und Informatikerin. Bis zu ihrer Emeritierung lehrte und forschte sie an der University of California, Irvine, zu Aufmerksamkeit, Konzentration und digitaler Technologie. 2023 erschien ihr Bestseller »Attention Span«, auf Substack schreibt sie einen Newsletter  (Öffnet in neuem Fenster) über »The Future of Attention«.

Bevor wir besprechen, was diese Zahlen für unseren Arbeitsalltag und unser Wohlbefinden bedeuten: Was genau ist Aufmerksamkeit eigentlich?

Für William James, den Mitbegründer der modernen Psychologie, bedeutete Aufmerksamkeit, dass wir aus der riesigen Menge der möglichen Reize eine Sache auswählen, mit der wir unseren Geist füllen. Er hielt es für eine bewusste Entscheidung. Ich mag diese Definition, allerdings zeigen Daten, dass wir unsere Aufmerksamkeit auch sehr oft unbewusst auf etwas richten. Typisches Beispiel: Eine E-Mail-Notifikation poppt am Bildschirmrand auf und man klickt darauf. Reine Routine. Daher unterscheide ich zwischen vier verschiedenen Arten der Aufmerksamkeit.

Welche sind das?

Ich differenziere danach, ob sich das Gehirn anstrengen muss und wie stark es beschäftigt ist. Wenn Sie einen Text schreiben müssen, ist wahrscheinlich beides der Fall. Für solch anspruchsvolle Aufgaben braucht man Fokus. Dann gibt es Routinen wie Online-Solitär zu spielen oder durch Social-Media-Feeds zu scrollen: Es ist unterhaltsam, aber nicht sehr anstrengend. Wenn das Gehirn weder gefordert noch gefesselt wird, entsteht Langeweile. Der vierte Zustand ist Frustration. Die stellt sich ein, wenn man sich mit Problemen herumschlagen muss, die einen nicht interessieren, die man aber trotzdem lösen muss.

Fokus, Routine, Langeweile und Frustration also. Mir scheint, dass es in der Debatte über Aufmerksamkeit fast nur um den Fokus geht. Diesen Zustand wollen Menschen erreichen und sind unzufrieden, wenn sie es nicht schaffen.

Absolut. Die Gleichsetzung von Aufmerksamkeit mit Fokus ist eines der größten Missverständnisse. Doch einen kompletten Arbeitstag fokussiert zu bleiben, ist genauso unrealistisch wie den ganzen Tag Gewichte zu stemmen. Unsere Kapazität für Aufmerksamkeit ist begrenzt, und wenn sie aufgebraucht ist, fühlen wir uns ausgelaugt. Ich sehe im Netz manchmal Anzeigen für Coachings oder Bücher, die versprechen: Mit diesen Techniken lernen Sie, sich zehn Stunden am Stück zu konzentrieren. Das ist Unsinn. Der menschliche Geist ist dazu nicht in der Lage.

Aber mehr als die vorhin erwähnten 47 Sekunden sind hoffentlich drin. Wie geht man es an, wenn man sich konzentrieren will?

Kategorie Texte

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