Liebe Leserinnen und Leser,
wir leben in bewegten Zeiten, die mental wahrlich schwer zu verarbeiten sind. Multiple Krisen inklusive einer schnell schlimmer werdenden Klimakrise (Öffnet in neuem Fenster) fallen auf den Moment, in dem etwa die deutsche und die amerikanische Regierung fast jede Ambition in Richtung Klimaschutz vermissen lassen. Die EU lässt sich in dieser Gemengelage zu einer Aufweichung hinreißen (Öffnet in neuem Fenster) - Entscheidung über mit Rechtentricks gespicktes Klimaziel von 90 Prozent weniger Emissionen bis 2040 dann nach der Sommerpause, kurz vor dem Abflug in Richtung COP 30 nach Brasilien.
Ich möchte den Newsletter trotzdem zunächst nutzen, um eine positive Perspektive zu verkünden: Peter Leyden ist ein amerikanischer Vordenker, der sich nicht nur die digitale Revolution präzise beschrieb, als noch kaum jemand darüber sprach, sondern sich heute auch intensiv mit künstlicher Intelligenz befasst. Er sagt, die nächsten 25 Jahre wird es die Neuerfindung Amerikas und der Welt geben, mit der beispielsweise der Finanzkapitalismus überwunden werden kann.
https://youtu.be/-zoCpFfOH04?si=ajbVDNAGL9i8FZn8 (Öffnet in neuem Fenster)Ganz in der Tradition von Tony Seba und anderen Technologie-Propheten beschreibt Peter Leyden in seinem sehenswerten Video, dass besonders drei Durchbrüche bei bahnbrechenden Technologien unsere Welt vollständig verändern werden. Damit ist neben der künstlichen Intelligenz, die unsere Intelligenz und unsere Gedankenwelt wie eine Werkbank verlängern wird, auch die sauberen Energien (er schließt Atomkraft mit ein, was ich problematisch finde) und vor allem synthetische Biologie dazu.
Besonders die Entschlüsselung des Genoms vor 20 Jahren, die 15 Jahre dauerte und mehrere Milliarden kostete, beschreibt Leyden eindringlich. Heute haben wir mit der Genschere CRISPR die Möglichkeit, Pflanzen oder Organismen so zu verändern, dass sie beispielsweise widerstandsfähiger gegenüber Entwicklungen des Klimawandels werden. Über Präzisionsfermentation habe ich schon oft berichtet - synthetische Biologie wird die Art, wie wir produzieren und etwa das, was wir essen, komplett verändern.
Trump, der Finanzkapitalismus und die Verlässlichkeit
Der Haken an dieser wünschenswerten Revolution durch die drei Grundlagentechnologien: Ausgerechnet jetzt ist mit Donald Trump ein Mann amerikanischer Präsident, der nicht nur den Finanzkapitalismus mit Billionen-Steuererleichterungen für die Reichen und Superreichen auf die Spitze treibt, sondern jegliche Verlässlichkeit für Zukunftsplanung unmöglich macht. In den USA regiert längst das Chaos - ob saubere Technologien, synthetische Biologie und künstliche Intelligenz als disruptive Innovationen stark genug sein werden, diesem Chaos zu trotzen?
Eine Entscheidung, die wichtig wird, ist die Frage, wie die Tech-Konzerne die zahlreichen, benötigten Rechenzentren mit Strom versorgen werden. Da Windkraft abgewürgt wird, haben einige Fossilkonzerne die Hoffnung aufgebaut, sie könnten mit zusätzlichen Gaskraftwerken reüssieren und das fossile Zeitalter verlängern. Problem dabei: Gasturbinen haben eine Lieferzeit von fünf Jahren, was auch der deutschen Gas- und Fossilministerin Katherina Reiche noch auf die Füße fallen dürfte.
Geothermie als Lösung für KI-Rechenzentren?
Auf beiden Seiten des Atlantiks könnte das die Stunde einer anderen, sauberen Technologie sein: Geothermie. Diese wird von den Republikanern nicht abgelehnt und hat im ersten Quartal 2025 einen Investitionsboom erlebt (Öffnet in neuem Fenster). Im März 2025 zeigte eine Studie der Rhodium Group (Öffnet in neuem Fenster), dass Geothermie für Rechenzentren großes Potenzial hat. Im Juni investierte Meta, der Facebook-Mutterkonzern, Xeta Energy (Öffnet in neuem Fenster).
(Öffnet in neuem Fenster)In Deutschland warten Kommunen und Landesregierungen darauf, dass das Projekt des kanadisch-deutschen Cleantech-Unternehmens Eavor im bayerischen Geretsried ans Netz geht und das hält, was es verspricht. Längst ist Eavor mit anderen Kommunen wie etwa Hannover im Geschäft - aber den richtigen Durchbruch erwartet Alexander Land (Öffnet in neuem Fenster) im Herbst, wenn Geretsried funktionieren sollte.
Mit der “Big, beautiful bill” versucht Donald Trump seine “Drill, Baby, Drill”-Hirngespinste gegen die Disruption der sauberen Energien durchzusetzen. VOX beschreibt hier (Öffnet in neuem Fenster), welche Hürden hier für den amerikanischen Präsidenten lauern könnten. Auch für Trump gilt: Ökonomische und physikalische Gesetze kann man nicht außer Kraft setzen… Aber, was schert sich ein Trump schon um Gesetze?!?
Während die dumme Gesternkleber-Politik von Donald Trump dazu führen dürfte, dass die USA bis 2030 sieben Milliarden Tonnen CO2 (Öffnet in neuem Fenster) mehr ausstoßen werden, als bisher erwartet, kommt die Revolution der sauberen Energien in Länder, in denen man es bislang kaum vermutet hat. Hier einige Nachrichten der letzten Stunden im Überblick:
Die Krise in Haiti befördert den dortigen Solar-Boom (Öffnet in neuem Fenster)
Kenia entwickelt sich in Richtung 100 Prozent Erneuerbare Energien (Öffnet in neuem Fenster)
Syrien wird ein aufstrebender Markt für Solarenergie (Öffnet in neuem Fenster), nachdem das Land lange nur 4 Stunden Elektrizität pro Tag hatte.
Und selbst Polen hat erstmals mit Erneuerbaren (Öffnet in neuem Fenster) die schmutzige Kohleverstromung überholt
Die Dringlichkeit für “Speed & Scale”
Die verheerende Sturzflut im US-Bundesstaat Texas (weitere Regenfälle werden erwartet (Öffnet in neuem Fenster)), zunehmend schwere Regenfälle (Öffnet in neuem Fenster), die Hitzewelle in Europa sowie die Konsequenzen der zu warmen Meere im Herbst machen überdeutlich, dass die Aussage von Johan Rockström, wonach die “einzige Währung, die zählt, Speed & Scale” sei, absolut berechtigt ist. Die Welt hat die Lösungen die Klimakrise einzudämmen - sie muss sich aber endlich darauf besinnen, die Technologien, die schnell und im großen Maßstab skalierbar sind, einzusetzen.
Heute greifen Sorgen um die zweitgrößte französische Stadt Marseille um sich, weil Winde Waldbrände massiv in Richtung der Stadt treiben. Ausgelöst wurde das Feuer durch ein brennendes Auto - in Zeiten von Hitzewellen und Dürreperioden reicht oft “ein Funke”, um verheerende Katastrophen auszulösen. Das sollte uns allen eine Lehre sei, wenn wir uns im Wald aufhalten und irgendetwas wegschmeißen (wie etwa einen Zigarettenstummel).
Meteorologen befürchten unterdessen, dass Hitzewellen die Windkrafterzeugung beeinträchtigen (Öffnet in neuem Fenster). Besser sind die Erkenntnisse, dass Solarenergie eine beeindruckende Rolle bei der Stabilisierung der Stromnetze (Öffnet in neuem Fenster) spielte, wie auch Ember Energy wissenschaftlich fundiert (Öffnet in neuem Fenster) aufbereitet hat. Auch deshalb setzen Ingenieure zunehmend auf virtuelle Kraftwerke (Öffnet in neuem Fenster). Eine dazu passende, schlechte Nachricht: Schmelzende Gletscher könnten bislang verborgene Vulkane zu Tage fördern:
https://www.earth.com/news/melting-glaciers-may-awaken-sleeping-volcanoes/ (Öffnet in neuem Fenster)Nachrichten aus der Cleantech-Welt
Es ist eine Vielzahl relevanter Nachrichten aus der Cleantech-Welt, die sich in den letzten Tagen gezeigt haben. Hier die wichtigsten aus Cleanthinking-Sicht im Überblick:
Hoffnung für Heide? Northvolt erhält erstes Übernahmeangebot (Öffnet in neuem Fenster) & US-Start-up kauft Northvolts Batteriezellwerk in Polen (Öffnet in neuem Fenster)
Ein finnisches Cleantech-Startup (Öffnet in neuem Fenster) sahnt groß in der Seed-Finanzierungsrunde ab. Es hat einen innovativen Radnabenmotor entwickelt.
Redwood Materials hat ein Rekord-Recyclingprojekt mit alten Fahrzeugbatterien umgesetzt (Öffnet in neuem Fenster).
Ein schottisches Wellenkraftwerk (Öffnet in neuem Fenster) gilt mittlerweile als technologischer Durchbruch.
Bosch Ventures hat in den Smart-Energy-Pionier Rabot Energy investiert (Öffnet in neuem Fenster)
Ein Lucid-Elektroauto hat mit 1.205 Kilometer Reichweite ein E-Auto-Rekordfahrt (Öffnet in neuem Fenster) hingelegt.
Deutschlands Energiewende und grüne Transformation
Zunehmend Sorgen muss man sich leider um Deutschlands Energiewende machen. Zwar plant ein Zusammenschluss großer Unternehmen wie Siemens und Deutsche Bank eine Investitionsallianz (Öffnet in neuem Fenster) im dreistelligen Milliardenbereich - inwiefern dies den Standort transformieren wird, wird sich aber erst nach Veröffentlichung am 21. Juli zeigen.
Aber gleichzeitig droht Katherina Reiche Weichenstellungen vorzunehmen, die für den Standort verheerend sein würden. Was Reiche derzeit im Eilverfahren als CCS-Gesetz durchpeitscht, empfindet nicht nur der Umweltminister auf Schleswig-Holstein als “teuren Blödsinn (Öffnet in neuem Fenster)”. Verbände kritisieren nach dem skandalös kurzen Verfahren vor allem, dass es quasi einen Freifahrtschein für CCS für alle Industrieunternehmen geben soll. Sogar der Zusammenschluss der Gasleitungsbetreiber sieht das skeptisch und verlangt, Reiche solle sich auf das Wasserstoff-Kernnetz und CCS für unvermeidbare Emissionen konzentrieren.
Ich habe hier (Öffnet in neuem Fenster) und dort (Öffnet in neuem Fenster) bei Facebook intensiv mit der Cleanthinking-Community über die Pläne diskutiert. Und auch Christian Stoecker (Öffnet in neuem Fenster) (Spiegel-Kolumne) und Mario Buchinger vom Youtube-Kanal hat sich sehr deutlich zu Friedrich Merz und Katherina Reiche geäußert:
https://www.youtube.com/watch?v=ZlOTe03JcOA (Öffnet in neuem Fenster)Aber schließen möchte ich den heutigen Cleanthinking-Newsletter (im neuen Stil) mit einigen positiven Entwicklungen. So hat die Stadt München ihr Ziel erreicht, sich 2025 mit erneuerbaren Energien (Öffnet in neuem Fenster) zu versorgen. Die Europäische Union hat ein 350-Millionen-Euro starkes Programm (Öffnet in neuem Fenster) zur Stärkung von Fermentations-Technologien aufgelegt. Und Impakter berichtet über Überlegungen, dass Europa eine neue Generation “Farmer” braucht (Öffnet in neuem Fenster). Dazu passend die Fraunhofer-Analyse: PV in der Landwirtschaft hat ein Potenzial von 500 Gigawatt (Öffnet in neuem Fenster).
3Sat nano hat in einem aufwändigen Video (Öffnet in neuem Fenster) gezeigt, wie ein deutsches Cleantech-Unternehmen namens The Mobility House es Renault-Kunden in Frankreich ermöglicht mit einem Renault R5 Geld zu verdienen - und zu erläutern, warum bidirektionales Laden in Deutschland immer noch kein Business Case ist. Apropos Geld mit dem Auto verdienen: Beim autonomen Fahren tut sich Überraschendes aus deutscher Sicht (Öffnet in neuem Fenster).
Als “Rausschmeißer” fällt mir noch dieses Hochhaus ein, das Energie produziert - kaum sichtbar:
https://www.chip.de/news/Deutsches-Hochhaus-erzeugt-massig-Solarstrom-Die-Module-sind-fast-unsichtbar_186041196.html?_bhlid=75dae01ff3fe1ef5719de6c7eddbbf02f57a6e38 (Öffnet in neuem Fenster)In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen angenehmen Abend und viele saubere Gedanken dabei, sich die Zukunft vorzustellen.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik