Es gibt viele Wege, auf eine Krise zu reagieren. Freeze, Flight oder Fight sind nur die bekanntesten. Aber keine Sorge, ich rufe hier nicht zur Gewalt gegen Männer auf - mehr dazu am Ende dieses Textes. 😉
Denn ob man den sogenannten Heteropessimismus der Millennials und der Gen Z nun für eine wiederkehrende Mode, eine radikale Phase oder für das unausweichliche Endergebnis des politischen auseinander Driftens der Geschlechter hält… Auch mit dieser Krise muss ein Umgang gefunden werden.
Sonst bleiben wir für immer in unseren individuellen Problemen verstrickt, anstatt uns mit anderen solidarisieren und strukturell aktiv werden zu können.
Heteropessimismus ist nämlich in erster Linie eine persönliche Befindlichkeit, die auf eine systematische Problemlage hinweist. Wenn wir das persönliche Befinden nicht durchdringen und hinter uns lassen, gelangen wir niemals ans Problem.
Das macht den gefühlten Zustand zwar nicht weniger schlimm, allerdings lenkt die Unzufriedenheit mit dem eigenen Liebesleben schnell vom Bigger Picture ab. Und das ist mit wachsender digitaler wie analoger Gewalt gegen Frauen* sowie dem anhaltendem Rechtsruck und der damit einhergehenden Normalisierung von struktureller Diskriminierung etwas, das wir doch besser mindestens mal im Blick behalten sollten.
Was also den Umgang mit der ablenkendsten, individuellen Krise seit der Erfindung der Diet Culture angeht, müssen Betroffene jetzt eine Entscheidung treffen.
Am 17.06.26 lese ich im Salon Hochkeppel aus “Gleichstellung”. Kommt zahlreich in den Garten vom Stadtteilzentrum Berlin Weißensee, das wird richtig schön! Und der Eintritt ist frei!
Anmeldung: salon@hochkeppel.de (Öffnet in neuem Fenster)
Freeze - Sich nicht von der Stelle bewegen
In einer Problemlage zu verharren, ist in den allermeisten Fällen wenig hilfreich.
Ja, man kann z. B. weiterhin auf Dating-Apps unterwegs sein, obwohl die tägliche Screentime schon für Schlafstörungen sorgt und man eigentlich den Eindruck hat, online nur noch Hoffnungslosigkeit zu begegnen.
Bei einigen wenigen sorgt die eigene Frustration immerhin für Social Media Content. Clips, die dann diejenigen liken, die sich in dem Eindruck bestätigt fühlen: Auf Apps findet man nicht, was man sucht.
Also ist die Lösung dann… so weiter machen wie bisher? Nein.
Bei wem das Gefühl von Desorientierung und Hoffnungslosigkeit auf der Suche nach Intimität, Liebe oder Partnerschaft überwiegt, der oder die tut gut daran, sich mit Menschen aus dem eigenen Umfeld auszutauschen.
Gemeinschaft zu fühlen und sich den Frust von der Seele zu reden, wirkt erleichternd und ist ein erster Schritt raus aus dem Stillstand. Denn wenn man sich nur beschwert und nie Taten folgen lässt, beschweren sich irgendwann die Leute, die einem dabei zusehen müssen. Es sei denn natürlich, man bespricht sich nur mit einem Chatbot. 👀
Den Ausweg aus dem Heteropessimismus findet man nicht, wenn man drin sitzen bleibt aka the only way out is through. Wenn es für diesen Schritt noch ein wenig mehr Motivation braucht, kann ich die folgende Lektüre empfehlen:

Flight - Sich dem Problem entziehen
Die 4B-Bewegung, entstanden in Südkorea (Öffnet in neuem Fenster), macht es vor und heterosexuelle Frauen überall auf der Welt machen es unter dem #boysober nach: Heteropessimismus überwinden, indem sie Dating und romantische Beziehungen mit Männern radikal von der Agenda streichen.
Während die Südkoreanerinnen sich damit auch gegen Kinder entscheiden, heißt es in anderen Teilen der Welt nicht, dass die Frauen auch die Familiengründung aufgeben.
Statt an einen Mann binden sie die Erfüllung ihrer Wünsche - je nach Art der Sehnsucht - an Wahlfamilien & Co-Eltern aus dem Freundinnenkreis, Haustiere, Ehrenämter oder Sextoys. Ein Lösungsweg, bei dem es der Auseinandersetzung mit der Frage “Wie noch Männer lieben und mit ihnen leben?” nicht mehr Bedarf. Okay, cool.
Die Herausforderungen:
Erstens möchten und können nicht alle Menschen stattdessen queer oder keusch leben.
Zweitens werden in den meisten Gesellschaften dieser Welt alternativen Familien- und Lebensmodellen noch viele juristische und strukturelle Steine in den Weg gelegt.
Versorgungsgemeinschaften und Elternschaft werden gesetzlich nämlich meistens noch heteronormativ geregelt. Einen Ansatz, wie man gemeinsam in un-romantischen Beziehungen Sicherheit und Unterstützung verbindlich denken kann, liefert Dr. Andrea Newerlas Buch “Wie Familie Nur Besser” (Öffnet in neuem Fenster), das ich im Newsletter schon einmal empfohlen habe.
Alle, die schon einmal eine queere Patchwork-Familie oder eine poly Beziehungsstruktur aufgebaut haben, wissen es jedoch: der Kampf gegen gesellschaftliche Windmühlen kostet viel Kraft, die nicht immer alle haben, und es gibt nur wenige sichtbare Vorbilder, die vorleben, wie es gehen kann.
Zudem gibt es spätestens seit dem Aufkommen des Heteropessimismus einen interessanten Trend zu beobachten: Die Romantisierung der Freundinnenschaft.
Meine Newsletter-Kollegin Mia Gatow hat dazu auf “Romanzen+Finanzen” vor einer Weile spannende Gedanken veröffentlicht (Öffnet in neuem Fenster) und sich gefragt, ob wir zukünftig statt der romantischen Beziehung zum anderen Geschlecht die Freundinnenschaft mit Heilsbringer-Erwartungen überlasten werden.
Mit der Frage, ob Freundschaft Einsamkeit in gleichem Maße vertreiben kann wie Partnerschaft, hat sich auch schon Daniel Schreiber befasst. Meine Buch-Empfehlung, wenn man die Flight-Ausfahrt wählen und drüber nachdenken möchte, wie gut man allein eigentlich klar kommt:

Fight - Das Problem auseinander nehmen
Was brauche ich eigentlich, um mich in einer heterosexuellen Partnerschaft sicher, wertgeschätzt und gleichgestellt zu fühlen? Und welche Vorstellungen von hetero Partnerschaft schleppe ich mit mir rum, die gar nicht auf dem Mist meiner eigenen Bedürfnisse gewachsen sind?
Diese Fragen sollten sich alle Menschen stellen, die mit dem Status Quo nicht mehr l(i)eben können, aber die hetero Liebe nicht aufgeben werden. Looking at you, liebe “ich bin leider hetero”-Damen und “es gibt keine normalen Frauen mehr”-Herren. Wenn euch das stört, dann gäbe es noch die Option, das eigene Verständnis von hetero Beziehungen zu reformieren.
Hier kommen drei Vorschläge, wie ein bisschen frischer Wind in die verkrusteten Denkmuster gebracht werden kann. Pragmatisch und für verschiedene Zeitpunkte der Beziehungsanbahnung.
Vor dem Dating
Bevor es los oder weiter geht mit der Partnersuche, kann es hilfreich sein, sich der unterschiedlichen Perspektiven der Geschlechter beim Dating bewusst zu machen. Welche Erwartungen existieren an Personen welchen Genders - bei mir und anderen? Wie soll ich mich verhalten und ist das überhaupt das, womit ich mich wohl fühle?
Letzten Monat habe ich an einem Event teilgenommen, das es Menschen aller Geschlechter ermöglicht hat, eine ganz bewusste und spielerische Verschiebung der Perspektiven zu erleben: Beate Absalons und Rebecca Frances Version des Workshops “Turning Men Into Furniture”.
Sich als Mann freiwillig objektifizieren zu lassen und zwar nicht sexuell, sondern im wahrsten Sinne als Möbelstück? Was kann das bringen? Lust? Einsicht in ein Dasein, für das die Erwartung besteht: to be seen, not heard?
Und wie fühlt es sich für Leute an, die zur Serviceorientierung erzogen worden sind, wenn sie andere einvernehmlich benutzen dürfen? Erleichternd? Überfordernd?
Ein soziales Experiment, das Spaß gemacht und bei der einen oder dem anderen Teilnehmer*in dafür gesorgt hat, das eigene Dating-Verhalten zu überdenken (mehr Einblicke gibt’s unter “Mehr von Cleo”).
Beim Dating
Wer schreibt zuerst auf einer Dating App? Was bei der ersten Nachricht noch eine Frage der Sozialisierung sein mag, wird nach ein paar Treffen bereits für viele zum Machtspiel.
Von alten “drei Tage warten”-Regeln bis hin zu “noch wach?”-Bootycalls und Ghosting. In der modernen Dating-Kommunikation scheint es (übrigens nicht nur bei den Heten) weniger darum zu gehen, ob unser Date uns mag, sondern ob sie*er uns mehr mag als umgekehrt
“Darf ich um deine Hand anhalten?” ist von Vorgestern. “Ich will meine Oberhand behalten” scheint aktuell zu sein. Ob das eine Folge aus oder ein Grund für den Heteropessimismus ist, kann ich nicht sagen. Wie ein Ausweg aus der Krise wirkt es jedenfalls nicht. Der läge wahrscheinlich eher in gegenseitiger Handreichung.
Eine Freundin hat mich diese Woche auf einen Blog-Artikel aufmerksam gemacht, der das Phänomen “Oberhand statt Handreichung” anhand eines neuen Dating-Trendbegriffs beschreibt: “‘Chalance’ Has Become A Dating Non-Negotiable - But What Does It Mean?” (Öffnet in neuem Fenster).
Die ganz kurze Antwort: Das heißt, die Leute wollen nicht mehr cool tun und sich rar machen. Sie wünschen sich, dass es als cool und nicht als needy gilt, wenn man direkt und offen sagt, dass man Interesse hat.
Offenbar haben die meisten die Schnauze voll von uneindeutiger Kommunikation und mixed messages. Was Sinn ergibt, wenn man bedenkt, dass wir eine der empfindlichsten Kommunikationsarten der Welt - den Flirt - hauptsächlich auf Chats reduziert haben. Ein Kommunikationskanal, der besonders für sein hohes Risiko für Missverständnisse und den Verlust von emotionaler Einordnung bekannt ist. Alles im Namen der Effizienz und gar nicht mal so eine gute Strategie.
Also nun der Versuch, anders zu daten. Mit mehr offline als online Kontakt und einem Beziehungs-Verständnis, das weniger auf Macht und Kontrolle ausgerichtet ist als auf Kooperation. Und wer das mit der Kooperation so richtig ernst nehmen will… Mittlerweile gibt es auch Apps, auf denen Singles von ihren Freund*innen gegenseitig verkuppelt werden. Das gute alte “Ich glaube, ihr könntet euch gut verstehen!” Einen Versuch ist es wert. 😉
In der Beziehung
In heterosexuellen Partnerschaften treffen heute nicht selten Welten aufeinander. Nicht nur zwischen den Beteiligten, sondern auch zwischen dem eigenen Selbstbild als unabhängiger Person und dem gleichzeitigen Bedürfnis nach Sicherheit und Unterstützung von einem*r Partner*in.
Diese inneren Konflikte können für Männer grundlegend anders aussehen als für Frauen. Nicht nur, weil sie durch individuelle Unsicherheiten bedingt werden, sondern auch, weil es an die verschiedenen Geschlechter unterschiedliche soziale Erwartungen gibt.
Dieser Artikel ging schon vor einer Weile durchs Netz und hat offenbar viele heterosexuelle Männer positiv angesprochen: “Men aren't needed anymore, and they’re struggling to adapt to being wanted” (Öffnet in neuem Fenster).
Die These der Autorin gründete sich auf ihrer Beobachtung, dass hetero Männer sich gerne gebraucht fühlen würden. Das geht natürlich auch vielen anderen Menschen so. Doch für den Mann bedeutet Nützlichkeit und Können immer noch, gesellschaftlich seine männliche Identität zu bestätigen. Das ist der alte Weg des geringsten patriarchalen Widerstands für Männer und deswegen angenehmer zu gehen - ganz einfach, weil man weiß, wo lang.
Deswegen hier mein provokanter Vorschlag an die hetero Frauen: Wählt einen Partner, der sich gerne nützlich macht und verstanden hat, dass eine Beziehung auf Augenhöhe nicht über 50/50 in allen Lebenslagen funktioniert, sondern mehr Arbeit für ihn bedeuten wird.
Ja, so Leute gibt es und zusammen mit ihnen fällt es leichter, die gemeinsamen Beziehungs-Bedürfnisse über die individuellen zu stellen. Ich habe zuletzt für den Tagesspiegel das ganze wieso, wo und wie aufgeschrieben (siehe unten).
Für wen allerdings die klassische Versorgungssituation mit geteiltem Haushalt etc. eh überhaupt nichts ist, empfehle ich das folgende Buch, um einmal radikal alle Überzeugungen und Vorstellungen rund um romantische Liebe auf den Kopf zu stellen:

So, ich hoffe, diese Zusammenstellung liefert ein paar Ansätze, um dem Pessimismus ein wenig mehr Aktivismus entgegenzusetzen. Denn von allein wird sich hier nichts bewegen.
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https://ko-fi.com/cleolibro (Öffnet in neuem Fenster)Herzlichen Dank!
🎧 Meinen letzten Text aus dem NZZ Magazin gibt es jetzt in ähnlicher Version als Podcast: KI als Dating-Coach - Wenn ChatGPT beim Flirten hilft. Hier kostenlos anhören! (Öffnet in neuem Fenster)
🎧 Für Deutschlandfunk Nova habe ich über das oben erwähnte Event “Turning Men Into Furniture” berichtet und u. a. mit einer der Veranstalterinnen und einem männlichen Teilnehmer über die naheliegendste Frage gesprochen: Warum? Gratis anhören: “Geschlecherrollen-Experiment: Wenn Männer zu Möbeln werden” (Öffnet in neuem Fenster)
📰 Ganz im Sinne der Verwendung männlicher Hingabe habe ich meine neueste Kolumne für Tagesspiegel+ geschrieben: “Die Lösung gegen Heteropessimismus - Ich date nur noch unterwürfige Männer”. (Öffnet in neuem Fenster)
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Danke für’s Lesen und liebe Grüße von
Cleo
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