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Warum können wir uns an Gerüche so gut erinnern?

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es die starke Verbindung von deiner Nase zu deinem Gedächtnis.

Wir starten heute mal sehr persönlich. Es gibt diesen einen Geruch, der mich jedes Mal ein Stück weit umhaut, wenn ich ihn rieche. Ich kann ihn nicht beschreiben und ich kann auch – wenn ich ihn rieche – nie zuordnen, woher er kommt. Aber wenn ich ihn rieche, bin ich wieder 15 Jahre alt und liege im Freibad in einem kleinen Dorf in der Nähe meiner Heimatstadt Itzehoe mit einer Gruppe französischer Austauschschüler:innen. Immer, wenn ich den Geruch rieche, werde ich ein bisschen nostalgisch. Damals war eine gute Zeit. So unbeschwert.

Ich könnte jetzt darauf wetten, dass du solche Gerüche kennst. Oftmals reicht ein Hauch. Frisch gebackenes Brot. Ein Hauch von Chlor. Oder das Parfüm deiner Exfreundin. Und plötzlich ist dein Gehirn im Zeitraffer. Du bist nicht mehr hier, sondern damals. Nicht mehr 31 (in meinem Fall), sondern zehn. Und nicht mehr in deiner Wohnung, sondern auf dem Bolzplatz, im Freibad, im Kinderzimmer mit dem Apfelmusfleck auf dem Teppich. Gerüche können etwas, was kaum ein anderer Sinn schafft: Sie schlagen eine direkte Brücke zur Vergangenheit. Präzise. Schnell. Und emotional wie ein Faustschlag.

Aber warum ist das so?

Erstmal biologisch betrachtet: Riechen ist alt. Richtig alt. Evolutionsbiologisch gesehen ist es einer der ältesten Sinne überhaupt. Noch bevor wir sehen oder hören konnten, konnten wir riechen. Und das merkt man auch heute noch daran, wie dieser Sinn verdrahtet ist.

Während visuelle und auditive Signale erstmal den Weg über den Thalamus nehmen – sowas wie die große Postzentrale im Gehirn, die die Signale weiterleitet (oder auch nicht) –, geht der Geruchssinn einen Shortcut: Direkt von der Nase in den Riechkolben (Bulbus olfactorius) und von dort schnurstracks weiter in die Amygdala und den Hippocampus. Also genau in die Hirnareale, die mit Emotionen und Erinnerungen in Verbindung gebracht werden.

Das heißt: Jeder Geruch, den du wahrnimmst, geht nicht nur ins Bewusstsein, sondern auch ins Gefühl.

Und das erklärt einiges. Zum Beispiel, warum Geruchserinnerungen oft so emotional aufgeladen sind. Oder warum du das Parfüm eines Menschen, den du lange nicht gesehen hast, sofort mit einer bestimmten Stimmung verbindest. Das ist keine Magie. Das ist neuronale Architektur.

Manchmal reicht ein einziger Moment

Wissenschaftler:innen konnten zeigen (Öffnet in neuem Fenster), dass der Riechkolben nicht nur ein Weiterleitungsorgan ist, sondern ein hochplastisches Lernsystem. Er kann sowohl blitzschnelles „One-Trial-Learning“ als auch langsames, kumulatives Lernen. Und er nutzt viele der gleichen molekularen Mechanismen wie der Hippocampus: etwa Langzeitpotenzierung, also das Verstärken von Synapsen durch Wiederholung.

Und ja: Es reicht oft wirklich ein einziger Moment, um eine Geruchserinnerung einzubrennen. Das konnte schon 1990 eindrucksvoll gezeigt werden: In einer Studie (Öffnet in neuem Fenster) an Mäusen speicherten weibliche Tiere den Geruch eines Männchens nach nur einem einzigen Paarungsakt ab. Und das über Wochen hinweg. Der Trick: Eine winzige Verstärkung an den dendrodendritischen Synapsen im Riechkolben. Mehr braucht es nicht. Und das funktioniert nicht nur bei Mäusen. Auch im menschlichen Gehirn lassen sich diese Spuren nachweisen.

Studien zeigen sogar: Wenn wir beim Aufnehmen von Informationen einen bestimmten Geruch in der Nase hatten, kann uns dieser Geruch später dabei helfen, uns an die Information zu erinnern. Konkret heißt das: Wenn du für eine Matheklausur lernen müsstest, und beim Lernen immer Räucherstäbchen im Zimmer stehen hattest, würde es dir helfen, wenn während der Prüfung ebenfalls Räucherstäbchen angezündet werden würden. Also theoretisch. Ich nehme mal an, dass du keine Klausuren mehr schreibst.

Das riecht ja wie 3-Oxopropionsäure mit Benzylacetat!

In einer neueren Studie (Öffnet in neuem Fenster) hat ein Forschungsteam mit genetischen Methoden in Mäusen gezeigt: Bestimmte Nervenzellen in der piriformen Rinde, einem Teil des Geruchszentrums, werden beim Lernen aktiviert. Und genau diese Zellen können später gezielt wieder „angeschaltet“ werden, um die Erinnerung wachzurufen. Oder „ausgeschaltet“, um sie zu blockieren.

Gerüche wirken aber nicht nur tiefer – sie wirken auch länger. Studien (Öffnet in neuem Fenster) zeigen, dass Geruchserinnerungen viel stabiler sind als visuelle oder verbale. Warum? Wahrscheinlich, weil sie weniger sprachlich kodiert sind. Wir sagen nicht: „Das riecht wie 3-Oxopropionsäure mit Benzylacetat“, sondern eher: „Das riecht wie der Kleiderschrank meiner Oma“. Gerüche werden autobiografisch verankert, nicht lexikalisch. Das ist auch der Grund, warum es uns oft so schwer fällt, Gerüche zu beschreiben. Unser Geruchssystem ist viel weiter entwickelt und viel feinfühliger, als dass wir für all die kleinen Unterschiede, die wir wahrnehmen, auch Wörter hätten. Deshalb beschreiben wir Gerüche oftmals einfach nach den Dingen, die sie auslösen: Frisches Brot, nasser Hund. Den Geruch an sich beschreiben wir oftmals gar nicht.

Geruch ist Erinnerung mit Bedeutung

Und das hat einen Sinn. Evolutionär betrachtet ist der Geruchssinn ein Überlebensorgan: Er sagt dir, ob Nahrung genießbar ist, ob ein Ort gefährlich ist oder ob ein Mensch zu dir passt. Vielleicht hat damals, im Freibad, also einfach nur eine der Anwesenden besonders gut zu mir gepasst … In der Tierwelt jedenfalls entscheidet der Geruch über Paarung, Rangordnung und Fluchtverhalten. Und selbst im Menschen steckt noch viel davon: Babys erkennen ihre Mütter am Geruch. Und wir erinnern uns an Menschen, Orte, Ereignisse, weil sie gerochen haben. Geruch ist Erinnerung mit Bedeutung. Das Gehirn verarbeitet ihn anders, speichert ihn anders, erinnert ihn anders. Und manchmal reicht ein einziger Atemzug und du bist wieder dort, wo alles anfing. Jetzt weißt du auch, warum.

Sonnencreme! Wie gut riecht bitte Sonnencreme!? Aber auch hier: sicherlich vor allem wegen der Erinnerung an Sommertage und weniger wegen der chemischen Zusammensetzung. Bis nächste Woche: Dein Bent 🫶🏻🧠

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