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Wie funktioniert das Gehirn bei Synästhesie?

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht um Wörter, die schmecken, Musik, die man sehen und Farben, die man hören kann.

Collage mit einer jungen Frau im Mittelpunkt, die ein Buch liest. Um sie herum bunte, abstrakte Formen.
KI-generiert mit Midjourney.

Bevor es losgeht: Das Leben des Brain goes live! Am 2. September findet um 20 Uhr die Buchpremiere meines Buches „Wer denkt, ist klar im Vorteil“ in Berlin statt! Auf der Bühne: eine Moderatorin, mein Buch und ich. Ich lese zum ersten Mal (Weltpremiere!) Stellen aus dem Buch vor und rede über diesen Newsletter, den Podcast und was dich im Buch alles erwartet. Ich würde mich sehr freuen, wenn du zu diesem für mich wirklich sehr besonderen Tag kommst!

Dieser Newsletter kommt immer freitags. Aber wonach schmeckt der Freitag eigentlich für dich? Oder, mal eine andere Frage: Welche Farbe hat für dich die Zahl 4?

Das klingt jetzt vielleicht wie ein Rätsel aus einem postmodernen Gedicht. Aber stell dir das mal vor: Du liest diesen Text – und jedes einzelne Wort löst bei dir einen Geruch aus. Nicht eingebildet, sondern deutlich. Oder du hörst Musik und siehst dabei Farben, Linien, Formen. Nicht weil du LSD genommen hast, sondern weil dein Gehirn so verdrahtet ist. Wut ist bei dir rot. Das Wort „Schnee“ schmeckt für dich bitter.

Synästhesie nennt man das und das ist kein Überschuss an Fantasie, sondern ein reales, neurologisch verankertes Phänomen – und ein faszinierender Blick in das, was unser Gehirn eigentlich ist: ein Generator für Wirklichkeit. Was passiert dabei genau im Gehirn? Schauen wir es uns an.

Was ist Synästhesie eigentlich?

Synästhesie kann man am besten beschreiben als eine Kreuzung der Sinne. Ein Sinneseindruck – sagen wir, ein Buchstabe – löst automatisch und konstant einen anderen Sinneseindruck aus, etwa eine Farbe. Dabei geht es nicht um Metaphern oder Vorstellungen, sondern um echtes, sensorisches Erleben, das für Betroffene genauso real ist wie für dich der Duft von Kaffee oder der Klang einer Stimme. Oder um es wissenschaftlich kompliziert aufzudrücken: Synästhesie ist eine neurobiologisch fundierte Sonderform der Wahrnehmung, bei der Reize eines Sinnesmoduls automatisch, reproduzierbar und bewusst einen zweiten Sinneseindruck auslösen. Wichtig: Diese Kopplungen sind stabil. Wer „A ist blau“ erlebt, erlebt das auch morgen – und in zehn Jahren noch.

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Die häufigste Form ist die Graphem-Farb-Synästhesie: Buchstaben oder Zahlen lösen Farbempfindungen aus. Andere Varianten sind seltener, aber nicht weniger eindrücklich: Töne, die als Farben erscheinen. Wörter, die schmecken. Berührungen, die im Körper einer anderen Person gefühlt werden (Mirror-Touch-Synästhesie).

Etwa zwei bis vier Prozent der Menschen sind betroffen. Viele wissen es lange nicht, weil sie denken, dass alle Menschen Farben hören oder Wochentage schmecken. Nur irgendwann merken sie: Hoppla, andere erleben das nicht so.

Wie funktioniert Synästhesie im Gehirn?

Die entscheidende Frage, die viele Studien zu beantworten versuchen, lautet: Ist das, was Synästhetiker:innen erleben, nur subjektive Vorstellungskraft? Oder lässt sich dieses ungewöhnliche Erleben auch im Gehirn nachweisen?

Eine der zentralen Untersuchungen dazu stammt von der Neurowissenschaftlerin Julia Sperling und ihrem Team, die 2006 in einer fMRT-Studie (Öffnet in neuem Fenster) die Gehirnaktivität von Menschen mit Graphem-Farb-Synästhesie analysierten. Die Versuchspersonen sahen dabei Buchstaben, die bei ihnen eine synästhetisch empfundene Farbe auslösten – allerdings wurden diese Buchstaben schwarz-weiß dargestellt. Für die Kontrollbedingung wurden hingegen Buchstaben gezeigt, die bei den Teilnehmenden keine Farberlebnisse auslösten.

Währenddessen wurde per funktioneller Magnetresonanztomographie erfasst, welche Hirnareale aktiv wurden. Das Ergebnis: Beim Anblick jener schwarz-weißen Buchstaben, die normalerweise synästhetische Farberlebnisse auslösten, zeigte sich eine signifikant erhöhte Aktivität im Areal V4/V8 des visuellen Kortex – genau jenem Hirnareal, das auch bei tatsächlicher Farbwahrnehmung aufleuchtet. Und das, obwohl auf dem Bildschirm keine Farbe zu sehen war. Für das Gehirn der Synästhetiker:innen war das „A“ tatsächlich rot, das „B“ vielleicht türkis. Diese Studie war ein Durchbruch – sie zeigte erstmals überzeugend, dass Synästhesie nicht einfach „Einbildung“ ist, sondern mit echter neuronaler Aktivität einhergeht.

Ein weiterer spannender Befund stammt von Edward Hubbard und seinem Team, die in einer Studie (Öffnet in neuem Fenster) zeigen konnten, dass Synästhesie nicht nur im Scanner sichtbar wird, sondern auch messbare Auswirkungen auf das Verhalten hat. In einem Suchaufgabe-Experiment sollten synästhetische und nicht-synästhetische Versuchspersonen eine bestimmte Zahl – zum Beispiel eine „2“ – unter vielen „5“-en finden. Für Menschen ohne Synästhesie war das eine rein formale Herausforderung. Für Synästhetiker:innen hingegen war es, als würden sie unter lauter grauen Steinen einen farbigen finden. Denn die Zahl „2“ hatte für sie eine andere Farbe als die „5“. Und tatsächlich waren sie im Schnitt deutlich schneller in der Erkennung. In weiteren Tests zeigte sich sogar ein Zusammenhang zwischen der Stärke dieser Leistung und der Aktivierung im Farbareal V4: Je intensiver die Farbe erlebt wurde, desto stärker war die neuronale Antwort – und desto besser die Verhaltensleistung.

Woran liegt das?

Wie kommt es dazu, dass beim Anblick eines Buchstabens plötzlich das Farbareal im Gehirn feuert? Hier liefern moderne Neurowissenschaften zwei dominante Theorien:

1. Cross-Activation-Hypothese

Diese Theorie geht davon aus, dass bestimmte Hirnareale – etwa der Gyrus fusiformis (zuständig für Buchstaben- und Zahlenerkennung) und das Farbareal V4 – eng nebeneinanderliegen und bei Synästhetiker:innen stärker miteinander verknüpft sind. Das bedeutet: Wird das eine Areal aktiviert, springt automatisch auch das andere an: cross-activation. Die angeborene Synästhesie erklärt man sich oft mit dieser Theorie.

2. Disinhibited Feedback-Hypothese

Diese Theorie vermutet, dass die Aktivität nicht von benachbarten Arealen kommt, sondern von „oben“. Höhere Gehirnregionen, die sonst Eindrücke sortieren und trennen, versagen in ihrer hemmenden Funktion. Das Ergebnis: Der Buchstabe läuft nicht nur durch das Lesezentrum, sondern funkt zurück in das visuelle Farbzentrum – disinhibiertes Feedback. Diese Theorie wird oftmals zur Erklärung von vorübergehender oder induzierter Synästhesie (z. B. bei Substanzeinfluss, Migräne oder epileptischen Anfällen) benutzt.

Wahrscheinlich stimmt beides – je nach Synästhesieform.

Was sagt Synästhesie über unser Bewusstsein aus?

Wenn ein Mensch Farben sieht, die nicht da sind – was sagt das über unser Gehirn aus?

Ich würde sagen: Synästhesie zeigt uns (mal wieder), dass unsere Wahrnehmung nicht objektiv ist, sondern konstruiert. Was wir sehen, hören, schmecken, fühlen, ist das Ergebnis komplexer Verrechnungsprozesse und hat weniger mit der Welt da draußen zu tun als mit dem, was im Kopf passiert. Für Synästhetiker:innen ist dieser Erkenntnis nur sichtbarer – im wahrsten Sinne des Wortes.

Es gibt sogar Hinweise darauf, dass alle Menschen in der frühen Kindheit eine Art „Ur-Synästhesie“ erleben – also Sinnesbereiche nicht klar getrennt sind. Erst durch das Reifen und durch neuronale Aufräumprozesse werden diese Verbindungen abgebaut.

Segen, Belastung oder beides?

Wer mit Synästhesie lebt, lebt oft in zwei Welten. Einerseits ist da die Schönheit, das Staunen, das Geheimnis. Viele Synästhetiker:innen berichten, dass ihre Farbwahrnehmungen nicht nur Begleiterscheinungen sind, sondern Teil ihrer Identität. Eine Zahl ist nicht einfach eine Zahl, sondern eine leuchtende Erscheinung. Worte tragen einen Geschmack. Musik malt Muster in den Raum. In dieser Welt ist nichts rein funktional; alles ist angereichert, überlagert, vielleicht poetisiert. Und dieser Reichtum hat Folgen.

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