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Eine welthistorische Chance

Die Rechten rasten aus, weil wir nahe dran sein könnten zu beweisen, dass eine egalitäre plurale Demokratie möglich ist. Eine optimistische Interpretation dieses Moments.

Von Thomas Zimmer, 15. Juli 2026

Credit: evenfh / iStock

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Dieser Moment wird mir noch eine Weile nachgehen. Letzte Woche war ich eingeladen, einen Vortrag in der „Akademie am Meer“ in Sylt zu halten. Die Akademie ist eine Volkshochschule, die ganzjährig ein Bildungs- und Kulturprogramm für Erwachsene anbietet. Mein Vortrag fand im Rahmen der sogenannten „Sommerakademie“ statt. Es war mein erster Besuch auf Sylt, das mir zunächst fürchterlich überlaufen vorkam. Aber die Akademie liegt wunderbar einsam im Nordwesten der Insel, versteckt in den Dünen, mit direktem Zugang zu kilometerlangen, beinahe leeren Stränden. Ein beeindruckender Ort.

Das allerdings trug dazu bei, dass ich am Abend meines Vortrags beinahe ein schlechtes Gewissen hatte, ausgerechnet Donald Trump in diese ruhige Atmosphäre der Bildung und Kultur zu tragen. In meinem Vortrag ging es um die langen Linien der amerikanischen Geschichte und wie sich der Aufstieg des Trumpismus darin verorten lässt. Dabei kommt zwangsläufig eine wenig erbauliche Unterhaltung heraus. Das Interesse war groß, die Diskussion im Anschluss an den Vortrag engagiert, in den Fragen des Publikums drückte sich eine große Sorge aus. Nach rund zwei Stunden sollte eigentlich Schluss sein. 

Aber dann meldete sich eine Frau zu Wort, die in erster Reihe direkt vor mir saß. Mir war während des Vortrags schon aufgefallen, dass sie mit meinen Ausführungen, meiner Interpretation des immerwährenden Konflikts um die nationale Identität der USA, rang. Und nun bestand sie darauf, dass wir die Veranstaltung unmöglich so beenden könnten. Nach Fragen zum Supreme Court, der Rechtsradikalisierung der Tech-Eliten, dem innerrechten Kampf um die Nachfolge Trumps zwischen extremen und noch extremeren Kräften, zum Zerfall der internationalen Ordnung… und meinen Antworten, die allesamt darauf zielten zu betonen, dass es auch nach Trumps Abtreten keine Rückkehr zur „Normalität“ geben werde. Nein, so könne ich das Publikum nicht in die Nacht entlassen. Es müsse doch noch mehr geben: Etwas, das „wir“ tun können – etwas, das uns Zuversicht geben und dabei helfen kann, weiterzumachen?

Ich gebe zu, dass ich mich mit solchen Fragen oft unwohl fühle – jedenfalls dann, wenn sie sehr stark auf konkrete Rezepte, Anleitungen oder Lösungsvorschläge zielen, über die ich nicht verfüge. Aber in diesem Moment – vielleicht auch wegen der ungewöhnlichen Umgebung und Atmosphäre – hatte ich in der Tat das Bedürfnis, „mehr“ anzubieten. Keine simplen „Lehren aus der Geschichte“ und sicher kein naives Fortschrittsversprechen. Aber doch zumindest eine Erinnerung daran, dass die Situation keineswegs aussichtslos ist – dass es auch eine plausible, vorsichtig optimistische Lesart unseres Moments in der Weltgeschichte gibt. Dass das Glas vielleicht halb voll ist statt halb leer. Dass wir, so brandgefährlich die Situation auch ist, an einer ungeheuer bedeutsamen Schwelle stehen könnten – ganz nahe dran erstmals den Erweis zu erbringen, dass eine wirklich demokratische Gesellschaft unter den Bedingungen eines multiracial, multi-ethnischen, multi-religiösen und gender-egalitären Pluralismus tatsächlich möglich ist.

Ich habe also versucht, genau dieses Argument zu machen: Dass sich die anti-demokratische Radikalisierung der Rechten eben nicht aus einem Geist der Stärke vollzieht, sondern von dem Gefühl getrieben ist, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Und dass die Rechten damit auf tatsächliche gesellschaftliche Veränderungen reagieren: Denn es ist doch unbestreitbar, dass sich unsere „westlichen“ Gesellschaften zuletzt erheblich pluralisiert haben – dass sie heute weniger weiß, weniger dominant christlich sind. In gewisser Weise ist es deshalb nicht so sehr die stabile liberale Demokratie, die in die Krise geraten ist (weil sie nämlich auch niemals so stabil und so liberal war, wie gerne getan wird). Es ist vielmehr die weiße, christliche, patriarchale Dominanz – was die Rechten gerne die „natürliche Ordnung“ nennen –, die unter Druck geraten ist.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit hat sich von denen wegbewegt, die darauf bestehen, „Amerika“ müsse für immer ein Land von und für weiße Christen bleiben – ein Land, in dem wohlhabende weiße Männer das Recht haben, oben zu sein. Und egal wie laut und aggressiv sie behaupten, den „Volkswillen“ zu vertreten, wenn sie sich verzweifelt gegen diese Entwicklungen stellen: Sie sind in der Minderheit. Der neusten Studie des renommierten Public Religion Research Institute (PRRI) zufolge, die gerade unter dem Titel „Competing Visions of America at 250“ (Öffnet in neuem Fenster) erschienen ist, wollen beinahe zwei Drittel der Amerikanerinnen und Amerikaner in einen Land leben, dass sich durch religiöse Vielfalt statt christliche Dominanz auszeichnet; beinahe acht von zehn Menschen betonen, sie wollen ein Amerika, dass racially und ethnisch vielfältig und von Leuten aus der ganzen Welt geprägt ist – und eben kein Land, dass sich durch ein weißes „westeuropäisches Erbe“ definiert.

Das sind beeindruckende Zahlen – und alles, was uns an belastbaren empirischen Erhebungen zur Verfügung steht, weist in dieselbe Richtung.

Natürlich muss man solche Daten befragen und einordnen. Wie verhalten sie sich zu der Tatsache, dass es der radikalen Rechten gelungen ist, Wahlen zu gewinnen und Macht zu erobern? In welchem Verhältnis stehen sie zu den breiteren reaktionären Tendenzen gegenüber vermeintlichen „Exzessen“ von „zu viel“ Pluralität und gesellschaftlicher Veränderung, die wir weit über die Rechte hinaus antreffen?

Aber wir dürfen solche Zahlen nicht einfach abtun. Sie liefern ein klares Indiz, dass eine deutliche Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung MAGAs rabiaten Feldzug gegen Pluralität ablehnt. Nur wenn wir das ernstnehmen, verstehen wir, dass die größte Gefahr von einer sich radikalisierenden Minderheit ausgeht. Nur dann kann es uns gelingen, der beinahe allgegenwärtigen Untergangsstimmung und den Versuchungen von Zynismus und Verzweiflung zu widerstehen – und uns demgegenüber daran zu erinnern, dass wir mit einer welthistorischen Chance konfrontiert sind. In vielerlei Hinsicht waren wir doch noch nie so nahe dran, das Versprechen einer egalitären Demokratie, das sich hinter der Idee „that all men are created equal“ verbirgt, auch tatsächlich einzulösen.

Genau das will ich also hier tun: Mich mit den Zahlen und Daten auseinandersetzen, die darauf hindeuten, dass sich die Mehrheit ein plurales Amerika wünscht; fragen, wie sich das zur reaktionären Macht verhält, die das Land prägt; und ausführen, warum wir uns MAGA als brandgefährlich, aber von Panik und Schwäche getrieben vorstellen müssen. Hier ist mein Versuch zu erklären, warum das Glas vielleicht wirklich halb voll ist.

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