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We Looked Like Giants (The World Cup Diaries IV)

Tonight
We are young
So let's set the world on fire
We can burn brighter than the sun
(Fun)

186/∞

Is this thing on?

Man hätte - spätestens nach der EM 2024 (Öffnet in neuem Fenster) - damit rechnen können: Natürlich würde die Vorrunde am Ende wieder der unterhaltsamste, beste und schönste Teil des Turniers gewesen sein. Bei zwei Halbfinals, in denen die ersten vier der FIFA-Weltrangliste unter sich waren, stellt sich tatsächlich die Frage (Öffnet in neuem Fenster), ob man den ganzen Bums braucht, aber: Ja, eben wegen der Vorrunde, der „kleinen“ Mannschaften, der Fans und dieser generellen Kirchentagsstimmung. Am Ende haben selbst Gianni Infantino und Die Amerikaner den Fußball nicht kaputt bekommen.1

Und das letzte Spiel zwischen Frankreich und England war ja dann wirklich noch mal ein furioser Abschluss dieser WM: eine einseitige erste Halbzeit, eine vogelwilde zweite; zehn Tore, ein dann doch noch eilig an der Tanke besorgtes Abschiedsgeschenk für Didier Deschamps und der größte Triumph für den englischen Fußball seit 60 Jahren.

Etwas rätselhaft, dass die FIFA für den Tag nach diesem würdigen Finale noch das Abschiedsspiel für Lionel Messi terminiert hatte, das dann auch prompt wie ein Netflix-Remake des WM-Finals von 2010 wirkte (mit Argentinien als Holland und den Spaniern in ihrer Paraderolle als Fußballverweigerern), aber was soll’s: Irgendwo mittendrin in diesem ganzen Elend gab es für ein paar Sekunden Muppets und Vuvuzelas und in zweieinhalb Wochen beginnt endlich die Zweitliga-Saison.

Vergangenen Mittwoch schickte mir mein Bruder einen YouTube-Link zum Auftritt von Phoebe Bridgers am Vorabend in der Late Night Show von Jimmy Fallon:

https://youtu.be/zfaVCiyyqTQ (Öffnet in neuem Fenster)

Ich hab erst gar nicht richtig hingeschaut und eher auf die Live-Version von Bridgers’ neuer (sehr schöner) Single „Young Boys“ gehört, aber als ich hinsah, war ich überrascht, verwirrt, begeistert, gerührt und am Ende freudetrunken. Seid umschlungen, Millionen, dachte ich, guckte das Video gleich noch mal und setzte dann schnell einen Blog-Eintrag (Öffnet in neuem Fenster) zu diesem phantastischen Auftritt ab.

Ich könnte jetzt darüber schreiben, dass das Video - zumindest in meinen Social-Media-Timelines - ungefähr gar keine Rolle gespielt hat. Aber ich habe das Gefühl, mich schon oft (Öffnet in neuem Fenster) genug (Öffnet in neuem Fenster) darüber beklagt zu haben, dass tolle Dinge in den Sozialen Medien gar nicht mehr vorkommen, und ich will mir nicht selber eine wunderbare Sache kaputt machen, indem ich mich auf das Negative konzentriere. Mir tun halt nur die Leute leid, die dieses großartige Video verpasst haben, aber deshalb poste ich es ja hier noch mal.

Einen Tag später trat Phoebe Bridgers übrigens noch mal bei Jimmy Fallon auf und spielte eine Akustik-Version von „Lost Boys“. Ihr Begleitband sah diesmal ganz anders aus:

https://www.youtube.com/watch?v=atSKTHtC06E (Öffnet in neuem Fenster)

Vorletzte Woche war ich bei der Aufführung einer Bande des Schauspielhauses Bochum. Die Banden, das sind verschiedene Gruppen von Jugendlichen (seit diesem Jahr auch Erwachsenen), die gemeinsam mit Theaterpädagoginnen eigene Stücke erarbeiten und zur Aufführung bringen.

Die konkrete Bande bestand aus neun Mädchen zwischen ca. 13 und 16 Jahren und hatte ein Stück („ANTI Freier Fall“) entwickelt, das als Arbeitsplatz-Satire begann und sich zusehends in eine düstere Gesellschaftsdystopie verwandelte, in der es um Themen wie Feminismus, queere Rechte und einen reaktionären backlash ging. Das Stück endete mit einem Video, in dem die jungen Schauspielerinnen als Privatpersonen befragt wurden, wie sie über die Zukunft denken.

Ich bekam einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen, denn ich hatte plötzlich das Gefühl, versagt zu haben: Wir als Millennials haben es irgendwie versäumt, früh genug laut genug gewesen zu sein; wir haben die Boomer nicht abgesägt, als die Zeit reif gewesen wäre, und haben den Arschlöchern in unserer eigenen Generation nicht ausreichend widersprochen. Und jetzt steht die Generation Alpha da und hat (gar nicht mal so unberechtigte) Angst vor der Zukunft, vor Incels, anderen Losern mit Allmachtsphantasien und generell einer Gesellschaft, die in den letzten Jahren ein kollektives Schleudertrauma erlitten und infolgedessen einen amtlichen Dachschaden davongetragen hat.

Erst ein paar Tage zuvor war ich auf einer Kundgebung von IG Metall und anderen Gruppen in der Innenstadt gewesen, um wenigstens irgendwas zu tun gegen den Sozialabbau der Bundesregierung, den finalen Verrat der SPD an den Menschen und die ganze Scheiße, die Gegenwart im Jahr 2026 nunmal bedeutet. Wenigstens gemeinsam laut sein — keine Zeit für Stilkritik, für Augenrollen, wenn die Redner*innen wirklich alle zwei Minuten „liebe Kolleginnen und Kollegen“ sagen, für noch mehr Zynismus. Wenigstens waren wir an der frischen Luft, wenigstens war es nicht Social Media, wenigstens fühlte es sich an wie Protest.

Ich gehe jetzt seit über 40 Jahren auf Demos gegen Umweltzerstörung, Nazis und imperiale Kriege. Ich hatte wirklich mal gehofft, 2026 wenigstens gegen andere Ungerechtigkeiten protestieren zu können; vielleicht sogar wegen Kleinigkeiten auf die Straße zu gehen wie die Frage, ob die Erklärung des Weltfriedens jetzt in Helvetica Neue gesetzt werden soll oder in Futura. Aber inzwischen müssen sogar jene Fortschritte, die unsere Vorfahren bisher errungen hatten, wieder verteidigt werden gegen psychopathische Tech-Mogule und ihre Speichellecker (Öffnet in neuem Fenster).

Aber: Mathias Döpfner, Gianni Infantino oder Mark Zuckerberg fühlen bestimmt nichts, wenn sie das Phoebe-Bridgers-Video sehen, und schon deshalb sind wir ihnen weit überlegen.

In diesem Jahr feiert meine ehemalige Schule, das Theodor-Heuss-Gymnasium Dinslaken,2 ihr 125. Jubiläum.3 Sie tat das mit einer Aktionswoche, einem offiziellen Festakt, vor allem aber mit einem großen Fest für ehemalige Schüler*innen und Lehrkräfte am vorletzten Wochenende.

Ich habe nicht viele Erinnerungen an meine Schulzeit, noch weniger gute, hatte aber beim 20-jährigen Abitreffen vor vier Jahren (vgl. Newsletter No. 106 (Öffnet in neuem Fenster)) soweit meinen Frieden mit dem sogenannten THG machen können, dass es mir eine gute Idee erschien, dieses Schulfest zu besuchen. Am Nachmittag gab es Kaffee, Kuchen und ausreichend offene Türen, dass ich meinem Sohn das antike Gebäude („Die haben hier noch Kreidetafeln?!“) mit einem Gefühl präsentieren konnte, das „Stolz“ zu nennen nun wirklich grober Unfug wäre. Ich vermute, dass es mir ganz ähnlich gehen wird, falls wir mal zusammen „American Pie“ schauen sollten. Aber ich darf jetzt meine ehemaligen Mathe- und Englischlehrer duzen.

Sieht noch aus und riecht wie früher: Der Zeichensaal.

Abends dann verwandelte sich der Schulhof um die uralte Kastanie in ein überraschend schönes setting für ein überraschend schönes Sommerfest mit über eintausend Menschen. Auf dem sogenannten Roten Platz4 stand ein Festzelt, das bei Temperaturen von über 30 Grad nur bedingt nötig gewesen wäre; es gab einen Bierwagen, einen Imbissstand und ein bisschen Drumherum — und es war, wie ich zunehmend ungläubig an nicht anwesende peers livetickerte, voll nett.

Mein Gehirn hatte die Namen des gesamten Kollegiums parat, inklusive des schlacksigen Biologielehrer, den ich zuletzt bei unserer Abifeier gesehen und bei dem ich in neun Jahren davor nicht eine Stunde Unterricht gehabt hatte.5 Es mag sinnvollere Verwendungszwecke für Synapsen geben, aber ich kenne mein Gehirn jetzt auch schon über 40 Jahre und habe gelernt, mit ihm zu leben. Immerhin waren auch die Namen früherer Mitschüler*innen noch hinterlegt und so ergab sich alsbald eine wunderbare Mischung aus „Weißt Du noch?“ und Alltags-Smalltalk (der aber ohne das elendige Aufstiegs-Lattenmessen der 30er auskam). Die Dynamiken waren noch wie früher, aber wir hatten alle unser Vietnam überstanden und konnten über die Narben lachen. Die anderen waren bestimmt auch erschöpft, aber wir hatten Make-up aufgelegt und die Haare schön hochgesteckt.

Ich traf Menschen aus anderen Stufen, mit denen ich teilweise nie direkt zu tun gehabt hatte, aber man kann ja immer über die eigenen Geschwister und was die so machen, die Fußball-WM und den Eurovision Song Contest sprechen und sofort eine Verbindung haben. Ein Schulfreund erzählte, er habe nie nach Dinslaken zurückgewollt, weil er dort immer „der Sohn von“ geblieben wäre, und ich wusste ganz genau, was er meinte. Manche Jungs von früher sehen heute aus und klingen wie ihre eigenen Väter, was mich nach dem Gang zum Klo6 etwas länger in den Spiegel schauen ließ.

Als ich durchaus beseelt die Veranstaltung verließ - meinen alten Schulweg bis zu meinem Elternhaus entlangspazierend -, dachte ich: Mit den Menschen von früher fühlt es sich an, als sei man gar nicht gealtert — was natürlich Quatsch ist und gefährlich wäre, aber egal.

Für einen Abend waren wir mal nicht unsere Jobs und kaum Eltern gewesen; unsere vielen, sicherlich nicht immer freudvollen Geschichten zwischen 2002 und heute spielten kaum eine Rolle; wir waren Silhouetten geworden. Diese Menschen zu treffen ist wie den „Dawson’s Creek“-Soundtrack zu hören. I will remember.

Was macht der Garten?

Lavendel! Gurken! Tomaten! Ich habe ein bisschen Angst, dass die Natur gerade nur antäuscht, um mich dann in ein paar Wochen wieder auszulachen, aber Stand Jetzt sieht alles ziemlich gut aus.

Was hast Du veröffentlicht?

Im Blog habe ich (außer über Phoebe Bridgers (Öffnet in neuem Fenster)) über die überraschenden Quasi-Comebacks (Öffnet in neuem Fenster) von Ben Folds Five und New Radicals geschrieben und eine Art BILDblog-Revival (Öffnet in neuem Fenster) abgebrannt über einen Kommentar von „Sport Bild“-Chef Alfred Draxler.

Was hast Du gehört?

Im Mai hat Kacey Musgraves ihr sechstes Album „Middle Of Nowhere“ veröffentlicht. Nachdem sie auf ihren letzten Alben eher Richtung Pop gegangen war, macht sie jetzt wieder das, was sie am besten kann: Country mit sehr cleveren, manchmal bissigen Texten.

Was hast Du gesehen?

Ich hab’s noch nicht in „Die Odyssee“ geschafft; verratet mir nicht, wie er ausgeht!

Was hast Du gelesen?

Anhand von aktuellen Popkulturartefakten ist Katy Waldman im „New Yorker“ (Öffnet in neuem Fenster) der Frage auf den Grund gegangen, was eigentlich aus der guten alten Männerfreundschaft geworden ist. Seit der Lektüre versuche ich durchzuzählen, wie viele Freunde ich habe.

„Howl“ von Allen Ginsberg ist eines der beeindruckendsten Gedichte, das ich je gelesen habe. (Gut: Es waren auch nicht soooooo viele.) Aber der Beat-Poet der 1950er Jahre war ab den 1970er Jahren auch in einer Organisation aktiv, die sich dafür stark machte, sexuelle Beziehungen (das treffendere Wort wäre natürlich: Missbrauch) zwischen erwachsenen Männern und Kindern zu normalisieren. Aus Provokation? Aus Überzeugung? Alexander Cheves hat für den „Guardian“ (Öffnet in neuem Fenster) einen persönlichen Aufsatz für die nie enden wollende Reihe „Werk und Autor trennen“ verfasst.

Was hast Du zum ersten Mal gemacht?

Mit über 40 Trampolin gesprungen. Ich möchte mein Glück (und meine Sprung- und Kniegelenke) nicht überstrapazieren, aber es macht schon wahnsinnig Bock!

Was hast Du gelernt?

Nach einem ersten Testlauf im vergangenen Jahr versuchen es Medien und Politik diese Mal tatsächlich mit Ethik und Moral als großes Thema für das Sommerloch. Faszinierend!

Was hat Dir Freude bereitet?

TimeGuessr (Öffnet in neuem Fenster) ist noch so ein tägliches Online-Spiel (neben Wordle, Heardle, FlagPie und diversen anderen). Hier muss man fünf Fotos zeitlich und geographisch möglichst genau einordnen. Es ist das perfekte Spiel für Journalist*innen, und ich habe schon mehrere Kollegen mit meiner Begeisterung anstecken können. (Einer meinte, es würde sich inzwischen „wie eine Hausaufgabe“ anfühlen. Ich kann nicht widersprechen, denke aber: Na und?)

Und jetzt: Musik!

https://www.youtube.com/watch?v=Jnq9wPDoDKg (Öffnet in neuem Fenster)

Wenn Dir mein Schaffen (Buch (Öffnet in neuem Fenster), Newsletter (Öffnet in neuem Fenster), Blog (Öffnet in neuem Fenster), Musik (Öffnet in neuem Fenster)) Freude bereitet, teile es doch gerne!

Und wenn Du meine Arbeit auch finanziell unterstützen magst und kannst: Das geht per PayPal (Öffnet in neuem Fenster) oder als Bezahl-Abo.

Habt einen schönen Sommer!

Always love, Luki

  1. Was in der bestechlichen Logik von Gianni Infantino nur bedeuten kann: Er wird es weiter (Öffnet in neuem Fenster) probieren.

  2. Ich fehle auf der Wikipedia-Liste (Öffnet in neuem Fenster) der Bekannten Schüler, bin mir aber relativ sicher, die Schule besucht zu haben, und nicht eitel genug, meinen Namen nachzutragen.

  3. Das Gymnasium wurde erst im Jahr 1967 nach Theodor Heuss benannt, der erst ein Jahr nach Gründung der Dinslakener „Rektoratsschule für Knaben“ sein eigenes Abitur in Heilbronn abgelegt hatte, von 1949 bis 1959 erster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland gewesen und 1963 gestorben war.

  4. Ein Hartgummisportzplatz hinter dem Altbau, dessen Oberfläche halt rot ist, der beim Wiedersehen aber sofort den Namen Mathias Rust evozierte.

  5. Günther Rinke.

  6. Die Toiletten sind der einzige Teil des Gebäudes, der in den vergangenen 24 Jahren sichtbar saniert worden wäre.

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