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Servus Papa, See You in Hell (2022)

Die vierzehnjährige Jeanne lebt ohne Eltern in einer Kommune auf dem Land, die von dem bekannten Künstler Otto geführt wird und bei der es von Kunstdarbietungen über ekstatische Tänze bis hin zu Psychoterror alles gibt (außer Kaugummi). Jeanne liebt den Bauernhof, die anderen Kinder und das Leben in der freien Natur. Als sie sich jedoch in den sechzehnjährigen Jean verliebt, wird ihr das ganze Ausmaß der sektenhaften Struktur der Gruppe bewusst. Zweierbeziehungen und die Liebe zu nur einer Person sind streng verboten, die "Freie Liebe" ist absolutes Gesetz. Jeanne und die anderen Kinder müssen den Mut finden, sich offen gegen Otto und die Frauen seiner Führungsriege aufzulehnen.

Servus Papa, See You in Hell aus dem Jahr 2022 ist eine mehr als offensichtliche Anspielung auf Otto Muehls reichianisch geprägte Kommune, die der Wiener Aktionist und Künstler 1970 ins Leben rief und Aktionsanalytische Organisation (AAO) nannte. Die bürgerliche Gesellschaft mit all ihrem Leid für die Menschen sollte darin überwunden und Zweierbeziehungen sowie Kleinfamilien abgeschafft werden. Der Film basiert also auf der wahren Geschichte von Otto Muehl. Der Künstler und Sektenführer wurde später aufgrund von massivem sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung von Kindern und Jugendlichen angeklagt, verurteilt und inhaftiert.

Regisseur Christopher Roth schrieb das Drehbuch zusammen mit Jeanne Tremsal, die ihre Kindheit und Jugend in der Kommune von Otto Muehl im österreichischen Burgenland verbrachte. Doch wer jetzt denkt, der Film macht sich über die verrückten, linken Spinner mit ihrem befremdlichen Geschrei lustig und redet der bürgerlichen Gesellschaft das Wort, irrt gewaltig. Christopher Roth, der selbst auch Künstler ist, zeigt stattdessen auf, dass es keinen Unterschied in der Normierung und Repression der Kommune im Vergleich zur bürgerlichen Gesellschaft mit ihren konservativen Werten gibt. Lediglich das Vorzeichen der Ideologie ist anders. Und so lässt Roth seine Jeanne, nachdem sie sich von der Sex-Kommune befreit hat, einen Dreier mit zwei jungen Männern vollziehen. Damit stellt der Regisseur klar, dass nicht die freie Liebe oder der Sex das problematische Moment an der Kommune war, sondern allein die aufgezwungenen Vorgaben des Anführers Otto, gespielt von Clemens Schick. Somit zeigt Servus Papa, See You in Hell nicht nur eindrucksvoll, dass jede Ideologie, mag sie noch so freiheitsliebend sein, in ihrer Umsetzung autoritäre Züge annehmen kann, sondern hält auch der heutigen Gesellschaft so den Spiegel vor.

Das eindrucksvolle und transgressive Werk ist großartig inszeniert und erinnerte mich mit seinem teils surrealen Blick an die gelungene Serie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (2021), in der Jana McKinnon die Christiane F. verkörperte. Just diese Ausnahmeschauspielerin spielt hier die Jeanne. Servus Papa, See You in Hell ist eine Sternstunde des deutschen Films.

https://www.imdb.com/title/tt12888672/ (Öffnet in neuem Fenster)
Kategorie Film