Ein Filmteam begleitet die Mitarbeiter eines Großraumbüros des Papiergroßhändlers Dunder Mifflin Inc. in Scranton, Pennsylvania mit der Kamera. Szenen aus dem Arbeitsalltag und dem Privatleben einiger Dunder Mifflin-Leute wechseln sich ab mit kommentierenden Einzelinterviews. Was als Arbeitsplatzdokumentation beginnt, wird Stück für Stück zur Sitcom, bei der es hauptsächlich um Karriere, heteronormative Paarbeziehungen und Fortpflanzung geht, aber auch um Freundschaft unter Arbeitskollegen.
The Office hieß am Anfang in Deutschland noch Das Büro und ist eine US-amerikanische mit Emmy und Golden Globe ausgezeichnete Comedy-Serie, die auf der britischen Serie The Office (2001) von Stephen Merchant und Ricky Gervais, der auch einige Gastauftritte in der US-Variante bekam, fußt. The Office US wurde von Greg Daniels entwickelt und lief von 2005 bis 2013. Die Serie war recht beliebt, noch im Jahr 2018 war sie die meistgestreamte Sendung auf Netflix. In den Hauptrollen sehen wir Steve Carell, Rainn Wilson, John Krasinski, Jenna Fischer und Ed Helms. Immer wieder gab es kürzere und längere Gastauftritte von Hollywood-Legenden und anderen Promis, wie z.B. Jim Carrey, Ray Romano, Will Arnett, Warren Buffett, Jack Black, Jessica Alba, Cloris Leachman, Idris Elba, Will Ferrell, Kathy Bates, Roseanne Barr, Stephen Colbert und James Spader. Viele Schauspieler wurde durch die Serie erst richtig bekannt, allen voran der großartige Rainn Wilson, der die Rolle des nerdigen Assistenten des Regionalmanagers Dwight Schrute zur Ikone machte.
Die erste Staffel enthält die exakt gleichen Gags und Sprüche wie das britische Original. Doch auch wenn die ersten Staffeln fast identisch mit The Office UK sind, ist die US-amerikanische Mockumentary im Gesamtbild vollkommen anders zu bewerten. Als großer Stromberg-Fan sah ich bereits die grundlegenden Unterschiede zwischen dem englischen Original und der deutschen Adaption, die ganz andere Schwerpunkte setzte. In The Office UK sehen wir zwar auch traurige Menschen mit traurigen Jobs und einem traurigen Leben, das geprägt ist von einer traurigen Kultur, die von traurigen Männern erfunden wurde, doch hier lag das Augenmerk mehr auf der Darstellung der englischen Lad culture und der Inhaltleere von Manager-Sprech während es bei Stromberg (2004) vermehrt um deutsches Kleinbürgertum und "Fahrradfahrermentalität" ging.
Die insgesamt 201 Episoden von The Office US haben einen noch mal ganz anderen Schwerpunkt. Zunächst sind die Protagonisten um Längen sympathischer. Das sieht man vor allem an dem ADHS-getriebenen Regionalmanager Michael Scott, gespielt von Steve Carell, der die Fettnäpfchen angewachsen an den Füßen trägt. Dennoch ist er ein guter Verkäufer und ein einsamer Mensch mit großem Herz. Im Laufe der Staffeln wird er zum Sympathieträger. Das ist bei Ricky Gervais´ David Brent und Christoph Maria Herbsts Bernd Stromberg ganz anders - die sind weitestgehend unsympathisch. Die Sympathie, die den Protagonisten entgegengebracht wird, könnte auch ein Grund sein, warum die Serie so lange lief. Mich hat sie ebenfalls über die vielen Episoden hinweg bei der Stange gehalten.
Durch diese Sympathie verliert die Serie natürlich vollends die kritische Wucht des englischen Originals, die die deutsche Variante im Gegensatz dazu beibehielt und sogar noch ausbaute. The Office US weiß sicherlich bestens als Komödie zu unterhalten, ich habe oft aufgrund der gelungenen Situationskomik und den Slapstickeinlagen laut gelacht. Aber sie ist kulturell extrem affirmativ und alles andere als kritisch. Wo z.B. bei The Office UK der aggressive Maskulinismus und bei Stromberg die heteronormative Paarbeziehung dekonstruiert werden, da wird in der US-Variante ersteres lediglich als Pointe eines Witzes dargestellt und zweiteres gar als anzustrebendes Ziel. Und so geht es vor allem in späteren Staffeln von The Office US eigentlich nur noch darum, möglichst viele Männer und Frauen in der Ehe zu vereinen. Es dreht sich für meinen Geschmack zu viel um heterosexuelle Paarbeziehungen und christliche Moralvorstellungen. Und obwohl man ständig erleben kann, welch großes Leid Monogamie und Heteronormatismus erzeugen, wird das System nicht einmal hinterfragt und alles drängt hin zum Endziel des Lebens: der Ehe. Besonders das Pärchen Jim Halpert (John Krasinski) und Pam Beesly (Jenna Fischer), die als primäre Identifikationsfiguren dienen, weil sie aus dem Mittelstand stammen, weiß, jung, schön, moralisch, nicht verrückt, wie alle anderen im Büro, und schrecklich konventionell sind, fand ich streckenweise richtig unangenehm. Ihre Beziehung wird eben nicht wie in Stromberg die von Ulf Steinke (Oliver Wnuk) und Tanja Seifert (Diana Staehly) als heteronormative Hölle gezeigt, sondern als Vorbild für alle anderen installiert.
Es ist eine US-amerikanische Sitcom, das merkt man schnell an der Affinität zu Filmen, Songs, klassischer Comedy und dem Musical, aber vor allem auch thematisch. Hier werden gutgelaunt Menschen- und Arbeitsrechte diskutiert und wie selbstverständlich mit Kündigung bei Gewerkschaftsgründung gedroht. Da werden ganze Folgen mit der Geburt von Kindern und irgendwelchen Eheproblemen gefüllt und die Tatsache, dass Pam Beesly, die jetzt Halpert heißt und sich mit Dreißig kleidet wie eine Oma, nach der Schwangerschaft fett geworden ist, breit ausgewalzt. Es werden lächerliche "Wer-mit-Wem"-Kapriolen in highschoolesker Unreife bis zum Abschaltreflex durchgekaut, bei denen ich mich frage, wann die amerikanische Gesellschaft endlich erwachsen werden will. Doch das wird hier alles nicht gezeigt, um es zu persiflieren oder zu kritisieren, das ist komplett affirmativ und identitätspolitisch angelegt.
Als großer Stromberg-Fan war es mir ein Bedürfnis, nicht nur die Ursprungsserie zu schauen, sondern auch die US-Adaption. Nach Sichtung aller drei Serien kann ich nur sagen, dass Stromberg für mich unerreicht bleibt und sich von Ricky Gervais´ grundlegender Idee einer Büro-Mockumentary emanzipiert hat. Kulturell blieben mir The Office UK und vor allem The Office US fremd im Vergleich zu Stromberg, schauspielerisch sowie vom Grad des Fremdschämhumors und des Cringe-Faktors reichen sie beide nicht an Ralf Husmanns geniales Stück Komödie heran, auch wenn es bei The Office US sehr lustige Momente gibt, die vor allem von Rainn Wilson, Steve Carell und Ed Helms getragen werden.
https://www.imdb.com/de/title/tt0386676/ (Öffnet in neuem Fenster)