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Brief an die Mater

Liebste Mutter,

Du hast mich letzthin gefragt, ob ich Avocado esse. Aber seit der Rente hast du eine Ungeduld in dir, eine Eiligkeit. Ohne eine Antwort abzuwarten, wischtest du auf dem Display weiter. Du schautest ein TikTok über Sauerteig, dann eines über Rhododendren, dann eines über einen Welpen, der nicht bellen kann, dann eines über die Massaker in Wolhynien und Ostgalizien.

Deine Frage wurmt mich. Ich hätte gerne einen Zusammenschnitt all der Male, an denen du mich fragtest, ob ich Avocado esse, oder Ingwer oder Gouda oder Obst. Ich hätte gerne eine Montage davon. Noch bliebe Zeit dafür. Noch böten sich Gelegenheiten. Ich komme angefahren, wenn es etwas gibt. Ein Jubiläum, einen Todesfall, einen Router oder Apps, die mucken. Ich komme oft. Gemessen an der äußeren Distanz. Auch an der inneren. Immer, wenn es sein muss. Fünfhundert Kilometer. So weit, dass man auch im Zeitalter der Algorithmen sagen möchte: Ich komme angereist.

Ich komme sogar angefahren, wenn es nichts gibt. Du freust dich. Du freust dich wirklich immer. Das möchte ich erwähnen. Aber beim Frühstück fragst du mich schon wieder, ob ich Avocado esse, und diese Frage wurmt mich. Ich möchte dir erklären, wie mich diese Frage wurmt, weshalb sie es tut. Gerne würde ich es dir erläutern. Du fragst mich, ob ich Avocado esse. Dabei kennst du die Antwort längst. Du hast die Frage oft gestellt. Du stellst sie und ich denke: »Neugier ist ein Kreis. Ein Ringschluss.« Du hast mich so oft danach gefragt, dass wir wieder an dem Ort gelandet sind, an dem es eigentlich egal ist. Es geht nicht darum, ob ich Avocado esse. Darum geht es nicht. Ich weiß, es geht nur darum, die Stille zu beschwichtigen, die Stille zwischen uns, mit der Frage und der Antwort, irgendeine Antwort auf irgendeine Frage. Sie ähneln sich, oft sind es die gleichen. Heute eben: Ob ich Avocado esse.

Ich sitze beim Frühstück und ich frage mich: »Was ist mein Bedürfnis?« »Was ist mein Bedürfnis?«, fragen Leute, die zu verhärmt dafür geworden sind, sich zu fragen: »Wovon träume ich?« Wir sitzen beim Frühstück und ich stelle mir vor, wie du statt nach Ingwer, Gouda, Obst, nach meinem Bedürfnis fragst. Dann könnte ich dir antworten, dass mein Bedürfnis ist, dass ich die Stille zwischen uns im Keim ersticken möchte. Und ich möchte dich beschauen können, lang und innig anblicken, und hinter dem Gesicht einen Glimmer finden, einen Funken, der verheißt oder mir weiß macht: Du möchtest auch. »Was ist dein Bedürfnis?«, denke ich. Ich sitze beim Frühstück und ich stelle mir vor, wie ich danach frage. »Was ist dein Bedürfnis?« Ich stelle mir vor, wie verhärmt es klänge. Was du dächtest, wenn ich plötzlich fragte: »Was ist dein Bedürfnis?« Ich entscheide mich dagegen. Aber »Wovon träumst du?« kann ich auch nicht fragen. Also entscheide ich mich dafür, nichts zu fragen. Auch das möchte ich erwähnen.

»Ob ich Avocado esse?« – Liebste Mutter, du spürst doch diese Stille auch. Willst du sie nicht benennen? Willst du ihr keinen Namen geben? Dann können wir sie ansprechen. Wie ein Brand kommt sie mir vor. Ein Schwelbrand. Aber seit der Rente hast du einen Gleichmut in dir, eine Lethargie. Als dächtest du, er ginge von allein aus. Als wäre dir egal, was er verzehrt. Als fändest du, was jetzt noch über ist, das kann er haben. Dir darauf zu antworten, ob ich Avocado esse, dir mit Ja, Manchmal oder Nein zu antworten, wird dem Feuer nicht zu Leibe rücken. Ich schaue auf den Brand und frage mich: »Siehst du ihn nicht?« Ich schaue auf den Brand und frage mich: »Wie kannst du dir so sicher sein, dass er uns nicht verzehren wird?« Vielleicht sitzt du beim Frühstück und du denkst: »Was soll die Stille uns schon anhaben?« Wähnst du dich in Sicherheit? Denkst du, solange niemand nach diesem Schwelbrand fragt, gäbe es ihn nicht. Wir schauen auf die Stille, wie sie lodert. Ich sehe Rauch und Flammen und ein endlos langes Unbehagen. Noch bliebe Zeit. Noch gäbe es Gelegenheit. Aber was siehst du?

»Isst du Avocado?«, fragtest du. Bei Franz lese ich: »Weil zur Begründung meiner Furcht zu viele Einzelheiten gehören, als dass ich sie im Reden halbwegs zusammenhalten könnte.« Ich möchte die drei Zeilen unterstreichen, die Seite aus dem Reclam lösen – sie löst sich fast von selbst – und dir zum Frühstück unter das Brettchen legen. Ich will daneben kritzeln: »Weil zur Begründung deiner Frage zu viele Einzelheiten gehören, als dass du sie im Zuhören zusammenhalten könntest.« Dein Sohn hat mich dumm genannt, würdest du zu Vater sagen, läsest du die Kritzelei. Wenn du die Stille zwischen uns vertreiben möchtest, fragst du, ob ich Avocado esse. Wenn du die Leere zwischen uns vertreiben möchtest, machst du einen Vorwurf. Aber ich kann mich nicht beklagen. Ist so ein Brief nicht auch ein Vorwurf? Ich sitze beim Frühstück und ich denke: Ein Vorwurf ist die kürzeste Strecke zwischen zwei blutsverwandten Punkten. Dein Sohn hat mich dumm genannt, würdest du zu Vater sagen, läsest du diesen Brief, läsest du diesen Vorwurf. Aber ich wähne mich in Sicherheit. Solange du nicht danach fragst, gibt es ihn nicht.

Ich hätte gerne einen Zusammenschnitt all der Male, an denen du mich fragtest, ob ich Avocado esse. Was ich noch lieber hätte, wäre ein Zusammenschnitt all der Male, an denen du mich fragtest, ob ich glücklich bin; woran ich denke; wie das neue Buch vorankommt; wie es meinem besten Freund geht; wie er nochmal heißt; wie die letzte Lesung lief; wie die schlimmste war oder die schönste, und warum; ob ich einsam bin oder traurig; was mich bedrückt, weil mich bedrückt doch etwas. Solange du nicht danach fragst, wird es so einen Zusammenschnitt nicht geben. Was mich bedrückt, weil mich bedrückt doch etwas: Solange du nicht danach fragst, nach irgend etwas davon, gibt es mich dann überhaupt?

Ich möchte dir die beiden Schnitte nacheinander in den Algorithmus streuen, diebisch beim Frühstück sitzen und beobachten, wie du die erste Montage eingespielt bekommst, die zweite, und schauen, ob du etwas merkst. Ob dir die zwei Zusammenschnitte auf dem Display besser zusagen, als Kafka unterm Brettchen. Ob dir so eine Gegenüberstellung hilft, zu erkennen, was mich wurmt. Mich wurmt doch etwas.

Wenn ich jetzt anfinge mitzufilmen, genau jetzt, jedes Frühstück, das uns bleibt, jedes Mal, wenn du mich fragen würdest, ob ich Avocado esse oder Ingwer oder Gouda oder Obst, wir hätten noch Gelegenheit. Noch bliebe Zeit. Wenn ich aber jetzt anfinge mitzufilmen, jedes Frühstück, das uns bleibt, jedes Mal, wenn du mich fragen würdest, ob ich glücklich bin, oder traurig, was mich bedrückt, weil mich bedrückt doch etwas, es käme genau so viel herum dabei, wie wenn ich bis jetzt mitgefilmt hätte. Ich wähne mich in Sicherheit, in trauriger Gewissheit. Und ich frage mich: Wenn du bis hierher niemals danach fragtest und nie danach, gab es mich dann überhaupt? Gibt es mich? Ich sitze beim Frühstück und ja, ich esse Avocado.

Herzlich willkommen zur zwanzigsten Ausgabe von »Feine Auslese«.

F / A

#1 / Ich glaube ja noch immer …

… , dass es schon in Ordnung geht, mein Erbgut nicht sandmännisch in die nächste Generation gestreut zu haben. Sollen andere mal machen. Glückliche Homosexuelle, weltoffen, voller Empathie und Liebe, mit sich selbst im Reinen. Oder halt Jens Spahn. Wobei’s ja wohl der Ehemann gewesen ist, der hier genetisch abbechern musste. Vielleicht durfte Jensi das Geschlecht aussuchen. Hauptsache gesund, gell? Um diesen einen evolutionsbiologischen Vorteil tut’s mir aber leid. Bei mir jetzt. Nicht bei Spahn. Ich kann nämlich durch jede beliebige Filiale von IKEA spazieren, ohne irgendwas zu kaufen. Krass, oder? Keine Teelichter, kein Geschenkpapier, nicht mal Hot Dogs oder Softeis. Auch nicht das vegane. Rein, rumlaufen, raus. Das ist eine Form von Selbstkontrolle, die ich schon sehr gerne an meinen hypothetischen Nachwuchs weitergegeben hätte. Den Antikapitalisten. DEN Antikapitalisten. Aber hat nicht sollen sein.

F / A

#2 / Toujours la tristesse

Bei einem Bäcker in der Fußgängerzone von Köln:

»Guten Morgen. Kann man bei Ihnen mit EC-Karte bezahlen?«
»Grad nit.«
»Ich hab noch 50 Cent in bar. Könn' Sie mir was empfehlen?«
»Einmal Klo.«

F / A

#3 / Feine Ablese

Angelesen: Streulicht (Öffnet in neuem Fenster) von Deniz Ohde

Habe ganz zufällig drei Bücher aus dem schmalen Dreieck Frankfurt, Heidelberg, Frankfurt-Höchst gelesen. Aktuell: Streulicht. Erzählerin vom Typus »Emanzipiertes Arbeiterkind« kehrt auf Stippvisite in die alte Heimat zurück. Alte Heimat heißt hier: Westdeutschland, Großraum Frankfurt. Schulfreundin heiratet. Vater Trinker, Mutter fort. Damit ist die Handlung eigentlich erzählt. Aber nicht falsch verstehen, das ist volle Absicht der Autorin. Zeitgenössischer Bildungsroman, auch im sechsten Jahr noch strahlkräftig. Damals Shortlist, aspekte, Jürgen-Ponto. Ich bin fast durch und möchte lösen: sehr präziser Blick auf gesellschaftliche Herkunft und den Prozess der eigenen Emanzipation durch Bildung. Die migrantische Note schwingt mit, ist aber nicht alleine tonangebend. Kühle Sprache, wie Industrielicht, klar und analytisch, aber nicht ungerecht. Vom treuen Newsletterleser David geschickt bekommen. Glaube, er wollte wissen, ob er soll. Ja David, mach doch mal. Sehr stimmiger Gegenpol zu »Herkunft« (siehe unten).


Ausgelesen: Vom Fällen eines Stammbaums (Öffnet in neuem Fenster) von Martin Piekar

Ich bin immer angefressen, wenn Bücher nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Warum haben es besonders deutsch-polnische Autor*innen so schwer? »Vom Fällen eines Stammbaums« ist eines der bisher besten Bücher dieses Jahres für mich. Das Debüt erzählt von Marcin, der als Sohn einer polnischen Migrantin in prekären Verhältnissen in Deutschland aufwächst. Während er sich um seine alkoholkranke Mutter kümmern muss, moralisch, mental, dann palliativ, setzt er sich mit der von Flucht, Krieg und Traumata geprägten Geschichte seiner Familie auseinander. Beim Lesen fragt man sich, wie soll da noch die Selbstfindung eines jungen Menschen dazwischen passen. Aber sie passt! Insgesamt ein sehr eigener Sound. Nicht ohne Grund Publikumspreis beim Bachmann ‘23. Hätte ich euch gleich sagen können. Mal gucken, was die eingestreuten Brocken Herkunftssprache und krumm dekliniertes »Polackendeutsch« (die Sprache meiner Kindheit) mit euch machen. Bei »Hundesohn« sind wir davon noch alle warm und klamm geworden.


Abgelesen: Herkunft (Öffnet in neuem Fenster) von Saša Stanišić

Hätten wir es nicht im Buchclub gelesen, womöglich hätte ich pausiert. Warum? Herkunft ist die Messlatte, an die ich meinen eigenen Roman hätte hängen können. Taktisch gesehen. Von den Besten lernen. Aber aus einer gewissen Demoralisierungsbefürchtung habe ich es nicht getan. Nun, nach der längst überfälligen Lektüre kann ich sagen: war schon richtig so. Der makellose Stil hätte mir den Boden unter den Füßen weggezogen, obgleich mir beim Lesen immer wieder Dinge aufgefallen sind, die ich mir hätte abgucken wollen. Ähnliche Entscheidungen, die für Buch und Autor richtig waren, bei denen ich es mir für mein Buch aber noch einmal überlegt hätte. Ab-Gucken. Was man wissen sollte: Das erste Drittel zieht sich etwas, aber wer durchhält, wird belohnt. Außerdem: Die häufigen Zeit- und Erzählsprünge machen es zu einem Buch, das einem viel Fokus abverlangt. Auch geübten Leser*innen. Wer das leisten will und kann, wird seine Freude haben. Hatten sehr, sehr viele.

F / A

#4 / Das Letzte von der Rolle

Es lag ein kleines Snickers-Eis
Allein in meinem Freezer.
Es lag nicht allzu lange dort
Und kam auch nimmer wieder.

Der Ablauf ist uns schon vertraut:
Ein flüchtiges Erscheinen,
Naschen und genascht zu werden,
Dann heimwärts zu den Seinen.

Die Wiederkehr bleibt im Konsum
Als Möglichkeit verborgen.
Ist das Eisfach heute leer,
Dann fülle ich es morgen.

Dem Naschen zu entsagen,
Bringt Segen nicht, noch Glück.
Denn schau’ ich in das Eisfach,
Schaut nichts zu mir zurück.

F / A

#5 / Feiaahmnt.

Das darf man echt niemandem erzählen, mit welcher Hingabe (vor allem zeitlicher) ich diesem Newsletter nachgehe. Vielleicht merkt man was davon. Wenn ihr jemanden kennt, dem mein Rundbrief gefallen könnte, schickt den Racker gerne weiter. Und wenn ihr mir was Nettes dazu sagen wollt: Antworten geht auch immer. Supporten (Öffnet in neuem Fenster) kann man via Steady. Wisst ihr ja. Aber machen wir uns keine Illusionen, mehr als 8 Ausgaben pro Jahr gibt es nicht. Sonst kommt der Schlägertrupp von Penguin Randomhouse und bricht mir beide Beine. Was meinen Verlag dagegen freut, ist der Erwerb meines Romans »Schlesenburg (Öffnet in neuem Fenster)«. Ach und wem Supporten über Steady zu viel Commitment ist: Es geht auch eine PayPal-Spende (Öffnet in neuem Fenster) für die Snickerskasse. Ich bin so süchtig nach denen, ihr macht euch keine Vorstellung davon.

F / A

#6 / In eigener und nicht-eigener Sache.

(Öffnet in neuem Fenster)

Am 27. August stellt die Autorin Hannah Mann ihren Debütroman »Zeppelin und Karpfen« (Öffnet in neuem Fenster) in Berlin vor. Ich freue mich sehr darüber diese Buchpremiere moderieren zu dürfen. Um 19:30 Uhr in der Märchenhütte im Monbijoupark. Hier geht es zur Anmeldung (Öffnet in neuem Fenster).

F / A

#7 / Nachklang

🔊 Sjowgren mit »Now & Then« 🔊

https://open.spotify.com/intl-de/track/41oqThgUF4yiNz77TazXtl?si=1a4a0106e7184ae2 (Öffnet in neuem Fenster)

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