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November // Annie Ernaux

Manchmal gelingt es mir, ein wörtliches und zugleich symbolisches Porträt einer Frau zu skizzieren, aus einem einzigen, aber klaren Moment heraus. Es ist ein Ausschnitt aus einem größeren Zusammenhang, und doch entsteht daraus eine gewisse vollständige Einheit, eine Essenz der Person. Natürlich ist es meine subjektive Interpretation, aber dennoch: Etwas lässt sich einfangen…

Bei Annie Ernaux, deren Literatur 2022 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, war das jedoch nicht so. Das Bild, das sich aus ihr zusammensetzte - oder genauer: das ich zu erschaffen versuchte - bestand aus zerrissenen Fragmenten, ein wenig wie ihre eigene literarische Arbeit, die aus rund zwanzig kleineren Formen besteht. Oder wie die Sprache, derer sie sich bedient: spezifisch, ganz ihr eigen, sparsam und beschreibend, frei von Ausschmückungen und Metaphern. Und doch gibt sie - durch das stilistische Verfahren des écriture plate, des sogenannten flachen Schreibens - die Wirklichkeit aus der Position einer Beobachterin wieder, ohne persönliche, den Ton bestimmende Emotionen.

So begegne ich Annie Ernaux an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten: Ich lese ihr Buch zum ersten Mal während meines Studiums, ich bin nicht bereit dafür. Ich vergesse es wieder. Einige Jahre später illustriere ich ihr Porträt im Auftrag eines Kulturmagazins, dann erhält Annie Ernaux den Nobelpreis, und überall - verständlicherweise - erscheinen neue Übersetzungen ihrer Mikroromane, einer von ihnen, nämlich "Das Ereignis", wird verfilmt.
Ich gerate also in einen Strudel des Lesens und des Intrviews, stille so den Hunger nach dieser Frau, die mir nur in Fragmenten erscheint, mich aber nicht mit einem einzigen, kräftigen Ruck mit sich reißt. Ich frage mich, warum das so ist, und finde die Antwort in einem der Interviews: Es ist die Erinnerung, und die Zartheit, mit der die Autorin mit ihr umgeht. Die Gestalt dieser außergewöhnlichen Schriftstellerin fügte sich vor meinen Augen allmählich zusammen, und plötzlich begann ich, das Phänomen ihrer Literatur zu verstehen.

Autofiktion - das ist die Form, von der sie sich bedient, jedoch tut sie es anders. In einem der Interviews fällt ein Satz: "Autofiktion ohne das Kreisen um das eigene Ich", oder: "eine vom Subjekt entfernte Autofiktion". Wie unzeitgemäß das doch klingt!
Wir befinden uns, so scheint es mir, in einem beinahe ekstatischen und aufdringlichen Kreisen um die einzelne Person, um uns selbst, und tun dies völlig ohne Distanz. Ohne die Distanz der Beobachterin, zu der Annie Ernaux fähig ist.

Ernaux hingegen greift essenziell wichtige Themen auf und beschreibt sie mit geradezu analytischer Sprache: Abtreibung, Klassenzugehörigkeit, Gewalt, Macht, Selbstbestimmung, Sexualität, Mutterschaft. Ob dies ihre freie Entscheidung ist, in dieser Form darüber zu schreiben, oder ob es vielmehr eine sprachliche Prägung ihres generationellen Hintergrunds ist, eines knappen, sparsamen Ausdrucks, der sich in der Zeit ihrer Erfahrungen formte, das kann ich nur erahnen.
Die Sprache mag sich verändert haben, doch das Problem ist geblieben. Sicher ist: Sie zeigt auf eine Weise, dass persönliche Erfahrungen immer auch gesellschaftliche und politische Dimensionen haben, und diese Motive tauchen in absolut jedem ihrer Texte auf, ungeachtet des Ausgangspunkts, der häufig schlicht die Erinnerung ist. Erinnerung und Zeit.

Wenn in diesem erwähnten Zusammenhang plötzlich der Satz fällt: „Ich schreibe, weil ich verstehen möchte, und diese Art des Verstehens macht das Loslassen möglich, auch die Befreiung von Scham“, beginne ich den zweiten Aspekt des Phänomens zu begreifen: die therapeutische Dimension ihrer Literatur. Und als Frau fühle ich mich schlichtweg als Adressatin dieser Worte.

To exist is to drink oneself without thirst.”

To exist is to drink oneself without thirst.”

To exist is to drink oneself without thirst.”

Diesen Satz, mit dem ich Annie Ernaux porträtiert habe, musste ich viele Male im Mund und im Kopf wenden, um seine Essenz zu berühren. Doch ich lasse euch mit eurer eigenen Interpretation zurück - neugierig darauf, was ihr darin für euch selbst entdeckt.

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