Geld macht nicht glücklich, sagt man. Aber weniger erschöpft, krank, besorgt. Was ich alles mit Geld tun müsste, sollte und könnte.
Das Gute daran, mit wenig Geld aufgewachsen zu sein und also lernen zu müssen, mit wenig auszukommen, ist, dass man auch nach einer Phase des Luxus auf diese Fähigkeit zurückgreifen kann. Nach einer Ehe, die mich in 5-Sterne-Hotels und hochpreisige Restaurants geführt hat, und einer Scheidung, die vorsichtig gesagt ungünstig für mich ausfiel, weil ich nicht genug Geld für anwaltliche Unterstützung hatte, lebe ich seit ein paar Jahren finanziell wieder in Verhältnissen, die meinem Aufwachsen ähneln. Das ist natürlich schmerzlich, denn der Vergleich der beiden Zustände hat mir gezeigt, wie krass unterschiedlich das Leben sich anfühlt.
Ich kenne beide Welten und kann jedem, der mir sagt, dass Geld nicht glücklich macht, nur ein beherztes “Shut the fuck up” entgegenschleudern. Natürlich kann Geld keine Liebe oder Erfüllung kaufen, kein Gefühl der Geborgenheit oder Zugehörigkeit zu anderen. Aber dafür etwas, das für Wohlbefinden und Gesundheit mindestens genauso wichtig wie diese: Sorgenfreiheit.
In einer besitzbasierten Welt sind extrem viele Belastungen an den Besitz oder Mangel von Geld gebunden. Das tägliche Überleben mit durch Inflation und Gier der Besitzenden völlig aufgeblasenen Kosten, die ständige Angst vor Nachforderungen von Energieanbietern, Vermieter und Finanzamt, die Unmöglichkeit, Urlaub zu machen, in dem man wirklich entspannen kann. Dass diese ständige Belastung körperlich und psychisch krank machen kann (Öffnet in neuem Fenster), ist hinlänglich bekannt.
Tatsächlich zählt Armut – neben der genetischen Veranlagung, traumatischen Erfahrungen, Kopfverletzungen und anderen Umwelt- und Gesellschaftsfaktoren – zu den Schlüsselgründen für verschiedene psychische Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen, die bis zum Suizid führen können.

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Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen ist stets “Wie kann ich das Jahr finanziell überstehen?”, mein erster Gedanke am Morgen ist “Wie kann ich das Jahr finanziell überstehen?” Ich hasse diese Fixierung aufs Geld, weil ich so eigentlich nicht bin. Ohne Luxus aufzuwachsen, bedeutete für mich, dass ich nie große Wünsche hatte. Ich bin aufgewachsen mit dem Bewusstsein, dass Auslandsurlaub, Kleidung, die man nicht braucht, neue Möbel oder technische Geräte etwas für die anderen sind. Bis weit ins Erwachsenenalter hatte ich keinen Wunsch nach diesen Dingen, weil ich immer wusste, dass das nicht nur außerhalb meiner Reichweite liegt, sondern außerhalb meines Kosmos. So etwas findet einfach in einer anderen Welt als der meinen statt. Daher spielten Geld und Konsum immer eine eher untergeordnete Rolle in meinem Leben. Mein größer Wunsch ist einfach nur, über die Runden zu kommen. Ohne unmittelbare Sorgen einzuschlafen und aufzuwachen. Zu wissen, dass ich meine Miete und die täglichen Anforderungen dauerhaft bezahlen kann.
Mein Aufwachsen führte außerdem dazu, dass ich durch einen Schaufensterbummel fast ebenso viel Dopamin bekomme wie andere durch den tatsächlichen Kauf nicht benötigter Güter (Öffnet in neuem Fenster). Wenn ich ein oder zwei Stunden in meinen bevorzugten Second-Hand-Shops durch Bücher oder Kleidung stöbere, alles in meinen Warenkorb lege und die Seite dann schließe, ohne zu kaufen, fühle ich mich hinterher ruhiger und zufriedener. Das klingt nach einem eher traurigen Aschenputtel-Szenario, aber im Hypothetischen zu schwelgen, tut mir wohl. Ich schließe den Onlineshop nicht mit einem sehnsüchtigen Seufzen, sondern mit einem pappsatten “Hach, jetzt reicht’s erstmal.”
Manchmal, wenn die emotionale Erschöpfung über die Geldsorgen übermächtig zu werden droht, stelle ich mir auch vor, was ich tun würde mit sagen wir, 50.000 Euro auf dem Konto. Hier kommt also meine Liste, gestaffelt nach “Brauche ich” und “Will ich”.
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Was ich brauche
Alle Schulden auf einmal abbezahlen. Im Moment sind es nur (noch) rund 700 Euro, aber ich weiß, dass ich neue Schulden machen muss, um die Zeit bis zu meiner Buchveröffentlichung zu überstehen. Dann winken Lesungen und Vorträge, die neues Geld reinbringen.
Den kleinen Katerjungen kastrieren lassen, weil er jetzt mit einsetzender Geschlechtsreife beginnt, dem Katzi ziemlich zuzusetzen.
Eine monatliche Sparrate auf mein Tagesgeldkonto für das Alter.
Ein neuer PC, weil mein Billigmodell nach gerade einmal drei Jahren diverse Kinderkrankheiten hat.
Genug Zeit, um Buchideen sorgfältig auszuarbeiten und ggf. in Ruhe Verlage dafür zu suchen.
Technisches Equipment, mit dem ich Videos machen kann: Handystativ, Ringleuchte, neue DSLR-Kamera.
Ein neues Daunenkopfkissen, weil ich auf meinem durchgelegenen Ding jeden Morgen mit Nackenschmerzen aufwache.
Wechselkleidung, vor allem ein oder zwei neue Marlenehosen.
Ich würde mich gerne gegen meine überhöhte Miete wehren, aber da ich noch Mietschulden habe und mein Vermieter bislang sehr geduldig war, traue ich mich nicht aus Angst, er könnte sagen “Los gib mir alles sofort zurück!” Was ich im Moment nicht kann.
Was ich will
Meine alten Wohnzimmermöbel aus dunklem Massivholz gegen neue helle tauschen, damit mein Wohnungsumfeld wieder zu mir passt.
Eine Familienaufstellung machen. Ich spüre, dass meine Familiendynamik während des Heranwachsens immer noch eine extrem große Auswirkung auf mein Fühlen und Handeln als Frau von fast 52 Jahren hat, der ich nachspüren und die ich nach Möglichkeit auflösen will.
Einmal im Monat in der sensationell leckeren Trattoria im Stockwerk unter mir essen.
Mal wieder mit Kamera ins Naturkundemuseum und ins Aquarium des Berliner Zoos gehen, um tolle Fotos von Ausstellungsstücken und Reptilien zu machen.
Meinen Balkon neu gestalten. Neue Stühle, ein Hochbeet, überhaupt eine Art Einrichtungskonzept entwickeln, um das Maximum aus dem begrenzten Platz herauszuholen.
Die Sachen auf meine Second-Hand-Shop-Wunschlisten auch tatsächlich kaufen.
Und schlussendlich: Noch einmal ein verlängertes Wochenende an der Ostsee im Grandhotel Heiligendamm. Noch einmal von tollen Menschen gepampert werden, in einem erstklassigen Bett schlafen, sensationell gutes Essen genießen und dabei ständig Möwengeschrei hören und das Meer sehen. Fotos von Vögeln und Strandgut machen, von dem Leben mit Geld. Reminiszenz meines Lebens als Ehefrau eines wohlhabenden Mannes.
(Öffnet in neuem Fenster)Würde mich irgendetwas davon glücklich machen?
Mit Sicherheit nicht.
Würde jeder einzelne Punkt davon zu meinem Glück beitragen?
Hell yeah.
Denn faktisch macht das Leben in finanziellen Sorgen sehr, sehr müde. Und von dieser Erschöpfung würde ich mich wahnsinnig gerne nur einmal erholen dürfen.
Und was würdest du mit 50.000 Euro tun?
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