10 Aussagen von Frauen
Redaktion free.fem.minds MAGAZIN | Tina Steiger

Warum bist du nicht gegangen? Diese Frage haben alle von Gewalt betroffenen Frauen schon einmal gehört. Sie ist aufgeladen mit Schuldumkehr und Verurteilung, mit Unglauben und Vorurteilen.
Die Antworten auf die Frage gleichen sich für Frauen meist.
10 Aussagen von Frauen, auf die Frage,
die wir nie mehr stellen sollten.
1. Er hat sich immer wieder entschuldigt
Seine Gewalt eskaliert, danach bricht er zusammen. Weint, schluchzt vor Scham, Reue. Er entschuldigt sich, schiebt es auf seine Verfassung. Zuviel Stress, Druck auf der Arbeit. Zu viel Liebe für sie, beteuert er. Am nächsten Tag Blumen, ein Date, um das sie seit Wochen vergeblich bittet, Geschenke, Reue. Viele Frauen beschreiben diese Situationen identisch. Sprechen will der nicht danach. Seine Entschuldigung und die Performance als reuiger Partner müssen genügen. Was genau ihm da leid tut, kann er nicht benennen. Bohrt sie nach, eskaliert es direkt wieder.
2. Wenn ich gehe, bringt er mich um
Frauen, die deshalb bleiben, wissen, dass er es ernst meint. Trennung ist keine Option, wenn eine Flucht unmöglich erscheint, wenn er sie finden wird, wenn er Eltern, Geschwister und Freunde aufsuchen könnte. Täter finden Wege. Frauen wissen das. Niemand kennt den eigenen Täter so gut, so nah, so detailliert wie Betroffene selbst. Wenn Sie sagen, sie können wegen der Gefährdung nicht gehen, dann ist es genauso. Das zu ändern, liegt an Politik und Justiz. Solange hier nur leere Versprechen und lasche Maßnahmen folgen, harren Frauen bei Tätern aus.
3. Er hat gedroht, er zerstört mein Leben
Frauen, die gehen, zerstören etwas in Tätern. Sie rauben ihm die Illusion von sich selbst und von einem Leben, das er nur über die zu kontrollierende Partnerin aufrecht erhalten konnte. Wenn sie geht, bricht das alles ein. Täter nehmen dafür Rache, oft erbittert und jahrelang. Wer je psychische Gewalt, insbesondere durch missbräuchliche Täter erlebt hat, weiß: Diese Männer stoppt nichts. Stalking, Deep Fakes, finanzielle Gewalt, Sabotage, Bedrohung, Verfolgung, Abhören, Rufmord-Kampagnen im gesamten privaten und beruflichen Umfeld – oft über Jahre.
Es gibt Fälle von Suiziden, die als Femizide bewertet werden.
Weil diese Gewalt genau das bedeutet. Sie nimmt Leben.
4. Ich wusste nicht wohin
Frauen gehen bei Gewalt ins Frauenhaus. Oder doch nicht? Rund 14.000 Plätze fehlen in Deutschland. Wer Kinder hat, ist hier noch nicht mit eingerechnet, denn weitere 36.000 Plätze für mitbetroffene Kinder fehlen ebenfalls. Männliche Kinder ab 14 dürfen gar nicht erst mit und Haustiere selbstverständlich auch nicht. Gehen, während er die Katze ertränkt? Wer würde das? Täter tun das nicht? Oh well… Die Idee, Frauen bei Gewalt bei Familie uns Freunden unterzubringen ist keine besonders gute. Femizide der letzten Jahre zeigen, wie Täter auch die beste Freundin, Schwester, Eltern oder männliche Unterstützer ermordet haben. Wenn Frauen sagen, sie wissen nicht wohin, ist das die bittere Realität von Betroffenen. Dauerhafte Wegweisungen für Täter wären eine Lösung. Doch niemand fragt, warum er nicht gehen muss. Sondern nur, warum sie bliebt.
5. Er täuscht eine rosige Zukunft vor
Er hat es verstanden. Das passiert ihm nie mehr. Jetzt ist er ein besserer Mensch. Nun wird alles besser. Future Faking ist eine Täterstrategie, von der alle Frauen berichten. Einfach verlassen, hört sich leicht an, hat man Situationships und Dating vor Augen, aber sobald gemeinsame Kinder, eine lange gemeinsame Geschichte oder auch ein gemeinsames Zuhause im Spiel sind, ist es für Frauen unverhältnismäßig schwer zu gehen. Nicht weil sie schwach sind, sondern weil es schwer ist. Das Umfeld redet gegen diese Trennungen mit, Freunde, Familie, sie alle überzeugen Frauen in vielen Fällen zum Bleiben. Sie weiß, wie schwer es wird, wenn sie wirklich geht, Wie wenig Rückhalt und wieviele Hürden sie haben wird. Wenn er dann verspricht und beteuert, ist es so leicht, das glauben zu wollen. Die Frauen berichten davon, wie erschöpft sie sind, wie müde. Es tut so gut, wenn alles ruhig wird. Trügerisch friedlich. Die Gewaltphasen sind so hart, so destabilisierend. Die Ruhe danach ist wie eine Droge, immer wieder ein letzter Strohhalm. Der nächste gebuchte Urlaub, der Traum von der rosigen Zukunft – sie will es so gerne glauben.
6. Ich kann mir keine Wohnung leisten
In Deutschland müssen Frauen keine mangelnde Berufsausbildung haben, um in eine Situation zu geraten, wo sie sich keine Wohnung leisten können. Mutter zu werden reicht für Frauen meist, um ihre finanzielle Selbstbestimmung aufs Spiel zu setzen. Sie opfert Karriere und Ressourcen, wenn Kinder kommen. Eine Absicherung dafür, einen Flucht-Fond, wenn alles schief geht, den gibt es meist nicht, dafür ist das Budget der meisten Familien mit Nachwuchs zu knapp. Viele Frauen vertrauen einfach darauf, dass ihr Partner ein Guter ist. Bis es zu spät ist. Will sie sich trennen, verlässt er das gemeinsame Zuhause nicht. Er verlangt, dass sie geht, wohlwissend, dass sie es finanziell nicht (mit den Kindern) kann. Sozialsysteme greifen hier nicht. Oft ist zudem kein Wohnraum verfügbar, der zugleich bezahlbar und im für Frauen zulässigen Radius für einen Umzug mit gemeinsamen Kindern ist. Wer Frauen schützen will, muss Wohnraumfragen für Alleinerziehende auf die Agenda setzen.
7. Er hat gedroht, sich umzubringen
Wenn sie endgültig geht, drohen nicht wenige Männer mit Suizid. Es ist der letzte hilflos erscheinende, hochaggressive Versuch, die Kontrolle zu behalten. Die Hoffnung, dass sie dann nicht geht, funktioniert meist für eine Weile. Frauen erzählen von Sorge und Mitleid, trotz allem Verantwortung für ihn. Am Ende, wenn sie merkt, dass es nie mehr gut wird, wird aus seiner Drohung zum Suizid die reale Gefahr eines erweiterten Selbstmords. Männer, die ihre Hilflosigkeit als Opfer der Umstände, die sie selbst geschaffen haben, betonen, sind besonders gefährlich. Sie bleibt. Erst, weil sie ihn schützen will. Später, weil sie sich schützen muss.
8. Ich kann nicht ohne ihn leben
Liebe und Gewalt können nicht koexistieren. Und doch leben gewaltbetroffene Frauen genau in dieser Dualität. Vor der Gewalt steht für Frauen das Verlieben. Die Täter sind vorher Männer, die das Herz einer Frau erobern. Kein Täter beginnt als prügelnder Misshandler. Wäre das so, würde kaum eine Frau je Opfer werden. Täter verlieben sich ebenfalls. Sie glauben an eine idealisierte Liebe, bis sie merken, dass sie keine Statistin für den romantischen Traum ist, die sich bei Bedarf in den Abstellraum stellen lässt, sondern ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen und einer eigenen Meinung. Dann kippt es. Frauen, die ihren Täter so sehr lieben, dass sie ihn nicht verlassen können, lieben eine Version von ihm, die ebenfalls nicht existiert. Sie wünschen sich den liebenden Partner von einst zurück und jedes Aufblitzen dieser Person wird zum Rettungsring. Festhalten an einem Traum, der nie real war. Die Idee, diese Illusion nie mehr wieder woanders zu finden, hält Frauen oft über Jahre in der Gewalt gefangen
9. Da war nur noch er
Isolation, so berichten gewaltbetroffene Frauen übereinstimmend, ist ein Tool, das alle Täter nutzen. Frauen sollen am Ende nur noch ihnen vertrauen. Er will alles für sie sein, bester Freund, engster Vertrauter, einzige Familie. Er wird zum stärksten Kritiker von Familie und Freunden, er moniert, wie sie oder auch er dort behandelt werden. Er kritisiert den Kontakt, die Freundschaft, die Zeit, die sie hierfür aufwendet, bis sie es Schritt für Schritt von selbst einschränkt. Sein Ziel: Sie soll nicht mehr nach außen berichten können, sich nicht austauschen können, sich nicht beraten lassen. Hat sie nur ihn, behält er die Deutungshoheit über das, was passiert. Gaslighting und Kontrolle fallen leicht, wenn es keine Vertrauenspersonen außerhalb der Beziehung gibt. Oft kommt für die Frauen selbst am Ende das Hindernis dazu, dass sie in einer Notsituation nicht mehr an den Kontakt zu Freunden oder Familie anknüpfen können.
10. Er sagte, er nimmt mir die Kinder
Viele Frauen erzählen, dass sie es als sicherer empfanden, mit den Kindern zu bleiben, als sich zu trennen in dem Wissen, dass er sie dann alleine sehen darf. Wer weiß, dass der Vater gewalttätig oder sexuell missbrauchend ist, will Kinder keinen Moment allein beim Täter sehen. Männer wissen, dass eine Trennung mit Kind ihnen Macht verschafft. Sie wird alles tun, um das Kind zu schützen. Das ist sein Hebel, sie zu kontrollieren. Er bestimmt über ihr Leben, ihre Zeit, ihre Finanzen und ihre psychische Verfassung - allein gemeinsamer Kinder wegen. Täter wissen, wieviel Kontrolle ihnen Kinder und das System Familien- und Kindschaftsrecht geben. Gemeinsame Elternschaft mit einem Täter existiert nicht. Der Zwang dazu endet immer in Folgegewalt für Mutter und Kind.