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COERCIVE CONTROL

Redaktion free.fem.minds Magazin

Interview mit Anna Rhoër-Stenker

Coercive Control tötet. Coercive Control zerstört Leben. Dennoch ist die Gewaltform in Deutschland kaum bekannt. Zwangskontrolle ist der deutsche Begriff, der diese Form der psychischen Gewalt beschreibt. Das Ausmaß dieser umfassenden psychischen Gewalt ist für viele kaum vorstellbar. Coercive Control erodiert am Ende das Opfer. Sie treibt Untersuchungen zufolge in den Suizid, raubt Existenzen und Wahrnehmung. Völlig zurecht existiert für Coercive Control in UK und anderen Teilen der Welt bereits ein eigener Straftatbestand. Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil Coercive Control sich durch ein Muster von zahllosen Einzelhandlungen auszeichnet, die nicht immer alle klar als Gewalt erkennbar sind. Deutschland hat Nachholbedarf in Sachen Zwangskontrolle.

Anna Rhoër-Stenker ist zertifizierte systemische Coachin & Mediatorin und bildet als Dozentin zu den Themen Coercive Control und Traumasensibilität Fachkräfte in sozialen und beratenden Berufen und Institutionen fort. Wir haben Sie gefragt, was Coercive Control für Betroffene so gefährlich macht.

  • Frau Rhoër-Stenker, Sie bilden aktuell vor allem auf Instagram Menschen zu den Mechanismen von Coercive Control weiter – teilweise mit anschaulichen Posts und drastischen Beispielen. Die Resonanz ist enorm, Zehntausende Menschen, vor allem Frauen, fühlen sich gesehen und haben erlebt, was dort beschrieben wird. Welche Beobachtungen konnten Sie zu diesen Inhalten in den letzten Monaten machen? Welche Resonanz gab es?

Ja, manche Beispiele sind drastisch, aber sie müssen es sein, um die Realität abzubilden. Coercive Control ist keine schwierige Beziehungsdynamik, sondern systematische psychologische Gewalt. Und auch wenn es nur psychologisch ist – diese Gewalt hinterlässt echte Traumata bis hin zu komplexer PTBS, wie Menschen sie vor allem nach Kriegserfahrungen entwickeln. Gerade die drastischen Posts erreichen die meisten Betroffenen, weil sie die Verharmlosung und das Gaslighting durchbrechen, die zur institutionellen Gewalt in unserer Gesellschaft noch immer vorherrschen. Niemand scrollt mehr vorbei, wenn die Wahrheit ungeschönt auf dem Tisch liegt.

Die Zahlen sprechen für sich – Posts mit hunderttausenden Views. Besonders Beiträge zu strukturellen Problemen im Familiengericht und zur Twilight Zone des Familienrechts erzielen enorme Reichweiten. Ich denke, es liegt daran, dass solche Themen noch nicht wirklich in der Öffentlichkeit angekommen sind. Mütter, die in familiengerichtlichen Auseinandersetzungen regelrecht mundtot gemacht werden über das, was ihnen dort an Willkür widerfährt, fühlen sich hier gesehen. In den Verfahren wird ihnen vor dem Hintergrund von Zwangskontrolle durch die Täter am Ende gedroht, dass ihnen die Kinder genommen werden. In der Mehrzahl der Fälle ist das trauriger Alltag am Familiengericht. Diese Frauen fühlen sich bestätigt und lesen, sie sind kein Einzelfall und ganz sicher nicht verrückt. Coercive Control lässt Opfer das irgendwann glauben. Wenn Sie Schutz suchen, sollten sie nicht weitere Gewalt erleben. Was verrückt ist, ist die offen gelebte Misogynie und Willkür an deutschen Familiengerichten, die sie im Anschluss erleben.

Diese Beiträge zu institutionellem Versagen – Familiengerichte, Jugendämter, Therapeuten ohne Coercive Control-Wissen – sie treffen einen Nerv und werden am häufigsten geteilt. Das zeigt: Das Problem liegt nicht nur bei individuellen Tätern, sondern in Systemen, die Coercive Control in Beziehungen ignorieren und als Institution selbst anwenden. Die Ohnmacht und Wut darüber ist berechtigt und sie ist riesig.

Mit dieser Reichweite kommt Verantwortung. Ich versuche, nicht nur aufzuklären, sondern auch mit meiner Arbeit als Krisencoach Orientierung zu geben, innere Stabilität zu vermitteln und eventuelle mögliche Handlungsoptionen aufzuzeigen – ohne falsche Hoffnungen zu wecken. Denn die Realität ist brutal: Das System ist derzeit gegen Frauen und am Familiengericht gegen Mütter – Studien belegen es. Aber Wissen darüber zu haben und laut zu werden und zu bleiben ist der erste Schritt zur Veränderung. Je mehr Menschen verstehen, was Coercive Control ist und wie es überall, auf allen Ebenen zu finden ist – von Liebesbeziehungen über Institutionen bis hin zu Religionen – desto schwerer wird es für Täter, ungestört weiterzumachen.

  • Coercive Control ist kein neues, aber bei uns fast noch völlig unbekanntes Phänomen. Wie würden Sie Coercive Control für Menschen beschreiben, die sich darunter bislang noch nichts vorstellen können?

Coercive Control steht für psychologische Kriegsführung. Für intimen Terrorismus. Seelische Folter. Alles sachlich zutreffend - aber im deutschen Sprachgebrauch klingen diese Begriffe überzogen und irgendwie nicht stimmig. Genau wie wenn ich jemanden als Gewalttäter bezeichne, der nur psychologische Gewalt ausgeübt hat – formal ist es korrekt, aber es passt nicht in unser Sprachgefühl. Das ist ein Riesenproblem: Wir haben keine etablierten, griffigen Worte für diese Gewaltform. Die offizielle deutsche Übersetzung wäre Zwangskontrolle – aber sag das mal jemandem, du wirst sofort berichtigt: Du meinst Kontrollzwang! Das muss sich dringend ändern.

Zwangskontrolle ist systematische psychologische Gewalt durch Aufrechterhaltung einer Machtasymmetrie mit Kontrolle, Manipulationen, Einschüchterungen, bis sich das Opfer komplett aufgibt.

Coercive Control in einer vermeintlichen Liebesbeziehung: Stell dir vor, jemand nimmt dir Stück für Stück deine Autonomie und deine Seele; und verkauft dir das als Liebe. Er kontrolliert dein Geld, isoliert dich von Freunden und Familie, lebt offen einen doppelten Standard: Er darf, was du nicht darfst, wertet dich systematisch ab, droht subtil oder ganz offen. Es geht nicht um einzelne Gewaltakte, sondern um ein Muster der Unterwerfung zur Gefügigmachung – so wie bei Geiselnahmen oder im Menschenhandel.

Der entscheidende Unterschied zu Beziehungen auf Augenhöhe: Es gibt eine klare Machtasymmetrie, die der Täter mit allen Mitteln aufrechterhält mit dem Ziel, die andere Person zu dominieren und zu kontrollieren, während das Opfer meistens noch bis zum Schluss glaubt, es hätte sich um eine Liebesbeziehung gehandelt. Evan Stark, der den Begriff prägte, beschreibt es als Verbrechen an der Freiheit. Das Perfide: Von außen sieht oft alles normal aus, während die Betroffene in einem unsichtbaren Gefängnis lebt und dabei denkt, sie sei selber schuld und hätte es verdient.

  • Der Begriff Narzisst trifft in den Handlungsweisen auf viele Täter zu, jedoch fehlt die Diagnose, was es oft schwer macht, den Nachweis zu erbringen. Coercive Control dagegen beschreibt diese Handlungen und macht es für Betroffene etwas leichter, diese Gewaltform in Form von Täterstrategien zu belegen. Wie beurteilen Sie den Zusammenhang von Coercive Control und narzisstischen Zügen in Tätern?

Gerade weil die deutsche Sprache hinterherhinkt mit guten Worten für Coercive Control und die psychologische Gewalt dahinter, hat sich stattdessen das Wort Narzisst etabliert. Weil es genau die Methoden sind, die Menschen mit extremen narzisstischen Zügen oder der Persönlichkeitsstörung in Beziehungen anwenden. Viele Narzissten schlagen nun mal nicht, aber sind Meister in psychologischer Folter und Gehirnwäsche.

Da gibt es aber das leidige Problem: Sobald du aussprichst, er sei ein Narzisst, erhältst du direkt die Keule der Täter-Opfer-Umkehr. Da du ja kein Arzt bist, kannst du ja nicht jemanden diagnostizieren. Da hat Deutschland eine falsche Biegung gemacht im Sprachgebrauch. Deswegen ist es umso notwendiger, vom Narzisst (und allem Medizinischen, was dazugehört) wegzukommen und sich alleine auf das Verhalten zu konzentrieren. Das bedeutet, die Gewalt dahinter endlich korrekt benennen zu können mit dem Wort Coercive Control. Es ist ein etabliertes Wort in anderen Ländern, das psychologische Gewalt im Kontext und als Basis jeder Art von systematischer Gewalt beschreibt. Deutschland muss dringend nachziehen.

Dennoch bin ich felsenfest überzeugt, dass extreme narzisstische Züge zwingend vorhanden sein müssen, um Coercive Control auszuüben. Mangel an Empathie, fehlende Selbstreflexion, Anspruchsdenken gegenüber der Partnerin – das sind keine optionalen Extras, sondern Grundvoraussetzung. Jemand mit echtem Mitgefühl würde niemals systematisch eine andere Person kontrollieren, erniedrigen und ihrer Freiheit berauben. Das geht schlicht nicht zusammen.

Der große Vorteil des Coercive Control-Konzepts: Wir müssten vor Gericht keine psychologische Diagnose stellen, die sowieso in vielen Fällen dann auch gar nicht anerkannt wird. Stattdessen würden wir das Verhalten dokumentieren: Er kontrolliert ihr Bankkonto, er isoliert sie systematisch etc. Das wäre belegbar, skalierbar, juristisch verwertbar.

Die narzisstische Struktur ist die Grundlage für Coercive Control – aber das Konzept würde uns endlich ein Werkzeug an die Hand geben, diese Gewalt auch ohne psychiatrische Diagnose benennen und beweisen zu können.

In UK ist Coercive Control inzwischen ein anerkannter Straftatbestand. Wie wichtig wäre es, dass auch Deutschland Coercive Control beziehungsweise zu deutsch Zwangskontrolle als eigene Gewaltform anerkennt und einen zugehörigen Straftatbestand schafft?

Absolut essenziell. Ohne geht es nicht weiter.

Aktuell fallen Betroffene in Deutschland durch alle Raster. Einzelne Schläge sind Körperverletzung, aber die systematische Kontrolle, die Isolation, die psychische Gewalt – dafür haben wir keine rechtliche Handhabe. Täter wissen das und nutzen es schamlos aus.

Im Familienrecht folgt dann eine Katastrophe. Das Familiengericht hängt dem Aberglauben hinterher, dass ein Kind nur im Kontakt mit Mutter und Vater gesund aufwachsen kann. Studien widerlegen das bei gewalttätigen Elternteilen längst. Mit psychologischer Gewalt können die Gerichte nichts anfangen, sie wird einfach rigoros ignoriert. Wie das Familiengericht das Dilemma löst: Mütter, die davon erzählen und ihre Kinder schützen wollen, werden als Täterinnen behandelt, die dem Vater die Kinder wegnehmen wollen. Wenn nur die Mutter endlich still wäre, dann wäre doch alles in Ordnung. Väter, die jahrelang psychische Gewalt ausüben, bekommen Umgangsrecht oder sogar Sorgerecht – weil das Gericht nur nach den konkreten Gewalttaten gegenüber dem Kind fragt – und häufig schützt das Kind noch nicht mal das. Die Annahme, ein Kind bräuchte unbedingt den Vater, egal ob gewalttätig, ist in vielen Köpfen fest verankert – Patriarchat lässt grüßen.

Ein Straftatbestand aber würde alles verändern: Richter, Jugendämter, Polizei – alle müssten sich fortbilden. Es wäre endlich klar: Das ist keine sogenannte Hochstrittigkeit oder ein harmloses Kommunikationsproblem, sondern ein Verbrechen.

Andere Länder zeigen, dass es funktioniert: UK hat Coercive Control seit 2015 kriminalisiert. Schottland folgte 2018 mit bis zu 14 Jahren Haft als Maximalstrafe und schulte ca. 18.500 Polizisten. In Australien ist man noch weiter: New South Wales führte Coercive Control 2024 ein (bis zu 7 Jahre Haft), Queensland im Mai 2025 mit bis zu 14 Jahren Haft. Und das Entscheidende: Alle Akteure – Polizei, Justiz, Jugendämter, Beratungsstellen – werden systematisch geschult und weitergebildet, um Coercive Control erkennen und damit umgehen zu können. South Australia und weitere Bundesstaaten folgen mit eigenen Gesetzen.

Ja, die Umsetzung ist nicht überall perfekt, und es gibt berechtigte Bedenken, besonders zum Schutz vulnerabler Gruppen vor Fehlidentifikation. Aber allein die rechtliche Anerkennung hat massive gesellschaftliche Veränderungen bewirkt. Deutschland hinkt hier beschämend hinterher.

  • Was macht Coercive Control mit den Opfern und warum ist diese Art der Gewalt so gefährlich?

Coercive Control zerstört die Persönlichkeit von innen. Betroffene verlieren ihr Selbstwertgefühl, ihre Entscheidungsfähigkeit, ihr soziales Netz. Sie zweifeln an ihrer eigenen Wahrnehmung und übernehmen am Ende die Verantwortung für den Missbrauch, der ihnen geschieht: „Hätte ich nur...“, „Wäre ich nur...“, „Aber ich habe doch...“. Diese Gaslighting-Dynamik ist zentral und absolut zerstörerisch. Sie entwickeln eine ausgeprägte kognitive Dissonanz, die es ihnen zum Teil unmöglich macht, Entscheidungen zu treffen. Opfer der Gewaltform sind eine Hülle ihrer selbst. Das Perfide: Nach außen scheint während der Jahre der psychologischen Gewalt alles wie eine ganz normale Beziehung oder Ehe. Das Schauspiel ist häufig perfekt – was es Überlebenden nach der Beziehung extrem schwer macht, dass ihnen geglaubt wird.

Hinzu kommt häufig das sogenannte Trauma Bond – die Sucht nach dem Täter, die real ist und biochemisch zu erklären. Aber anstatt dass Betroffene Support-Gruppen und spezialisierte Therapieplätze für ihr Trauma und diese Sucht erhalten, begegnet ihnen, ob im therapeutischen oder privaten Kontext, Victim Blaming und Shaming. Kein Therapeut würde einem Vergewaltigungsopfer fragen, welchen Anteil es an der Vergewaltigung hätte. Opfer von Coercive Control sind auch Gewaltopfer und müssen sich aber genau das anhören. Oder dass sie es ja irgendwie wollen, wenn sie immer wieder zum Täter zurückkehren.

Und gerade weil so wenig Unterstützung vorhanden ist, die Betroffenen außer dem Mindfuck auch höchstwahrscheinlich vollkommen ökonomisch vom Täter abhängig sind und vielleicht Kinder involviert sind, ist die Situation gelinde gesagt die reinste Qual für die Betroffenen.

Wenn sie es dann schaffen, sich zu trennen, fängt der nächste Abschnitt von Coercive Control an - wenn Täter Institutionen missbrauchen, um die Kontrolle aufrechtzuerhalten: Stalking, Instrumentalisierung der Kinder, finanzielle Gewalt, Schmierkampagnen, endlose Prozesse vor Familiengericht. Nachtrennungsgewalt ist nichts anderes als Coercive Control trotz Trennung und wird, wenn Kinder involviert sind, als die reinste Hölle von Überlebenden beschrieben - häufig noch schlimmer als die Beziehung vorher.

Und das Gefährlichste: Die höchste Gefahr für Femizide besteht nicht bei offener körperlicher Gewalt, sondern bei dieser Art von kontrollierender Gewalt. Wenn die Frau sich trennen will, eskaliert der Kontrollverlust des Täters oft tödlich. Laut Studien erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau ermordet wird, um das Vier- bis Siebenfache im ersten Jahr nach der Trennung, auch wenn es vorher keine physische Gewalt gegeben hat. Das ist der gefährlichste Zeitraum im Leben einer Frau und bei gemeinsamen Kindern muss sie genau in diesem Zeitraum dafür sorgen, dass der Vater noch Umgang mit den Kindern hat, sonst droht ihr die Umplatzierung oder Inobhutnahme der Kinder. Das Familiengericht ist direkt und indirekt für einige Femizide mitverantwortlich – da brauchen wir uns nichts vorzumachen.

  • Ist Coercive Control ein Männerphänomen und wie hängt das mit der strukturellen und patriarchaler Gewalt gegen Frauen genau zusammen?

Statistisch eindeutig: Ja, die überwältigende Mehrheit der Coercive Control-Täter sind Männer, die Opfer Frauen. Das ist kein Zufall und kein „beide Seiten“-Thema, sondern hat mit Machtstrukturen zu tun.

Coercive Control funktioniert, weil patriarchale Strukturen es ermöglichen: Die tief verwurzelte Vorstellung, Männer hätten ein Recht auf Kontrolle über ihre Frauen. Die ökonomische Abhängigkeit vieler Frauen. Die gesellschaftliche Erwartung, dass Frauen sich anpassen, Kompromisse machen, die Familie zusammenhalten – koste es, was es wolle.

Denn das Patriarchat ist im Grunde nichts anderes als kulturell verwurzelter männlicher Narzissmus - und wie ich bereits erläutert habe, ist Narzissmus unabdingbar für Coercive Control.

Das heißt: Die gesellschaftlichen Strukturen, die CC ermöglichen, basieren auf denselben narzisstischen Mustern wie die individuellen Täter. Mangel an Empathie, Anspruchsdenken, fehlende Selbstreflexion – nur eben systemisch verankert.

Und dann die institutionelle Ebene: Auch sie zeigt narzisstische Züge. Familiengerichte betreiben Gaslighting, wenn sie Müttern einreden, ihre Wahrnehmung von Gewalt sei falsch oder übertrieben. Sie praktizieren Täter-Opfer-Umkehr, wenn die schützende Mutter zur Bindungsintoleranten wird. Und sie operieren auf Basis der Annahme, dass Väter Besitzrechte gegenüber dem Kind haben – unabhängig von Gewalt. Das ist institutioneller Narzissmus in Reinform – also auch Coercive Control auf institutioneller Ebene.

Gibt es weibliche Täter? Ja. Aber Coercive Control ist in seiner Verbreitung und Systematik ein direkter Ausdruck patriarchaler Gewalt. Systematische Gewalt ist männlich und in ihrer Dimension niemals zu vergleichen mit Einzelfällen von Gewalt durch Frauen.

  • Wieso liegt Ihnen das Thema Coercive Control so besonders am Herzen und wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit und Ihre geplanten Projekte aus?

Erklären lässt sich dieser Schwerpunkt, weil ich mich seit über 20 Jahren – beruflich und privat – mit dem Thema Narzissmus intensiv beschäftige und tagtäglich sehe, was Coercive Control mit Frauen und Kindern macht. Ich begleite Frauen, die aus destruktiven Beziehungssystemen kommen, und sehe die Muster - immer wieder dieselben Mechanismen, dieselbe systematische Zerstörung.

Was mich antreibt: Ich durfte selbst Erfahrungen mit dem deutschen Familiengericht sammeln und bin bis heute schwer erschüttert über das, was da passiert. Für mich persönlich ist das Familiengericht der Höhepunkt von systemischer Gewalt an der Frau – weil ihr da unentwegt gedroht wird, ob subtil oder offen, dass sie ihr Kind verliert, wenn sie sich der Gewalt nicht fügt. Und keiner glaubt es dir, außer du hast es selbst erlebt. Das macht es so gefährlich: Wenn du zum Jugendamt gehst oder ans Familiengericht und du nicht vorbereitet bist, hast du vielleicht schon alles Falsche gesagt und jede Hilfe kommt zu spät.

Ich sehe auch: Individuelle Unterstützung reicht nicht. Solange die Systeme gegen Betroffene arbeiten, ist das wie Wasser schöpfen mit einem Sieb.

Dass sich in beratenden Berufen weiterhin auf Neutralität und Unparteilichkeit berufen wird, ist eine Schande. Wenn man sich die Zahlen von häuslicher Gewalt anschaut, muss man verstehen: Das ist Alltag, keine Randerscheinung. Wer in beratenden Berufen arbeitet, muss davon ausgehen, dass die Frau vor ihm sehr wahrscheinlich ein Trauma hat und/oder gerade Gewalt erlebt. Und Neutralität endet sofort, wenn Gewalt mit im Raum ist.

Deswegen meine unermüdliche Aufklärungsarbeit - ich biete Workshops und Weiterbildungen für Fachkräfte, Institutionen und Weiterbildungs-Schulungen an, um über Coercive Control und Traumasensibilität aufzuklären. Denn wenn sich etwas ändern soll, müssen diejenigen geschult werden, die im System arbeiten. Natürlich biete ich auch weiterhin Krisencoaching und Mediation an, und hoffentlich folgt demnächst mein Buch – über Coercive Control.

Wer mehr Informationen zum Thema Coercive Control sucht oder
eine Weiterbildung buchen möchte, findet alle Informationen
zur Arbeit von Anna Rhoër-Stenker unter dem folgenden Link.

Kategorie Stimme gegen Gewalt

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