Von Hasnain Kazim - Parker 25 Flighter / Klamottenkauf / Solarboom / Özdemir / Passverlosung
Liebe Leserin, lieber Leser,
vergangene Woche habe ich auf dem Flohmarkt diesen Füller entdeckt und gekauft. Der Verkäufer, ein Trödelhändler mit allerlei Krimskrams – Tassen, Teller, alte Postkarten, Taschenmesser, Uhren und drei oder vier Stiften – wollte zunächst sehr viel Geld für diesen Füller haben. „Sehr gute Marke!“, sagte er. Ich sah mir den Stift genau an: Wahrscheinlich war er einmal mit Tinte befüllt, kaum benutzt und dann jahrzehntelang liegengelassen worden. Die Tinte war eingetrocknet, der Stift dadurch unbenutzbar.


Aber Füller kann man reinigen; man kann sie durchspülen, mit einem Konverter oder, besser noch, mit einer Spritze; man kann sie im Ultraschallgerät säubern und mit einer speziellen Füllerreinigungsflüssigkeit befüllen, um selbst hartnäckige Tintenreste zu lösen.
Am Ende verkaufte er mir den Stift für sieben Euro: einen Parker 25 Flighter mit orangenen Applikationen. Dieser Stift wurde vom Industriedesigner Kenneth Grange entworfen und zwischen 1975 und 1978 hergestellt. Ich postete das in den sozialen Medien und bekam Dutzende Zuschriften: Gratulationen, Fragen zum Modell, aber auch den Hinweis, dass dieser Stift wohl doch länger als nur in diesem Zeitraum produziert wurde. Tatsächlich habe ich im Netz einige Angebote späterer Modelle gefunden, allerdings nicht mit orangenen Zierelementen, sondern mit blauen und schwarzen.
Jedenfalls habe ich ihn zu Hause auseinandergebaut, gründlich gereinigt und wieder zusammengesetzt – und jetzt ist er wie neu. Und ich bin sehr glücklich.
P. S.: Falls jemand von Ihnen zu Hause einen Füller Pilot Myu aus den 1970er-Jahren herumliegen hat, ihn nicht mehr braucht und loswerden möchte, möge er sich bitte vertrauensvoll an mich wenden.
Zeitenwende im Kleiderschrank
Während ich mich in Schreibwarenläden stundenlang, in Buchhandlungen sogar tagelang aufhalten kann, gehe ich ansonsten nicht gerne einkaufen. Vor allem nicht in Kleidungsgeschäfte. Ich erinnere mich, wie meine Mutter es liebte, in Klamottenläden zu stöbern, während ich gefühlt eine Ewigkeit wartete und die Zeit totschlagen musste.
Kleidung kaufe ich ungefähr so, wie die Bundesregierung Rüstung für die Bundeswehr beschafft: Ich gebe einmal viel Geld aus, statte mich umfassend aus, um danach jahrzehntelang nichts mehr zu kaufen; das Zeug wird älter, irgendwann marode, löchrig, unzeitgemäß, kaputt, man ignoriert Kritik und Warnungen – bis man, völlig überrascht, erkennt, dass man dringend neues Material braucht und eine „Zeitenwende“ ausruft, um Milliarden auszugeben.
Meine Frau sagt, es wäre viel klüger, regelmäßig, dafür aber nur einzelne Kleidungsstücke zu kaufen. Auf diese Weise habe man immer etwas Neues im Schrank, tausche fortlaufend etwas aus und verfüge so über einen halbwegs ordentlichen Bestand. Aber da ich Kleidungsgeschäfte meide, gelingt mir das nicht.
Bei mir war diese Woche Zeitenwende im Kleiderschrank: Ich habe neue Sachen quasi als Bulkware gekauft, in Bataillonsmenge, es war eben nötig. Spaß gemacht hat mir das nicht. Nicht, dass ich kein Interesse an Modegeschichten hätte, aber das ist ja etwas anderes, als Kleidung einkaufen zu gehen, Sachen anprobieren zu müssen et cetera. Ich kann das nicht leiden! Und im Netz einzukaufen, schafft keine Abhilfe. Zwar kann man dort zu Hause anprobieren, nicht in viel zu engen, stinkenden, von Neonröhren beleuchteten Umkleidekabinen, aber oft passen die online gekauften Sachen nicht, man muss gleich mehrere unterschiedliche Größen bestellen und die unpassenden Stücke wieder zurückschicken. Zu viel Aufwand, zu schlecht für die Umweltbilanz, und Freude macht auch das nicht.
Egal.
Jedenfalls bin ich jetzt wieder halbwegs neu ausgestattet, man sieht es mir aber kaum an. Auch das ist wie bei der Bundeswehr. Jedenfalls habe ich nun wieder für ein paar Jahrzehnte Ruhe.
Solarboom in Pakistan
Ein Freund schickte mir diese Woche dieses Bild:
Ich kann nicht überprüfen, inwieweit es die Realität abbildet, doch es deckt sich mit den Informationen, die mir aus Pakistan vorliegen: Solar boomt in Pakistan. Und das ist gut so.
Erfreulich daran ist, dass die Entwicklung weitgehend ideologie- und bürokratiefrei verläuft. Weder reden einem Politiker oder Aktivisten ein, dies sei die beste aller Energieformen und alles andere des Teufels und ohnehin völlig unsinnig, noch muss man irgendwelche Formulare ausfüllen, absurde Genehmigungen einholen oder alberne Vorschriften zur Einspeisung ins Netz beachten. Man kauft einfach Solarpanele, die günstig erhältlich sind, produziert im Nachbarland China, montiert sie aufs Dach und nutzt den Strom – fertig.
Für Pakistan ist das ein gewaltiger Fortschritt: Das Land leidet unter akutem Energiemangel, immer wieder kommt es zu Stromausfällen, und Energie wird – wie überall auf der Welt – auch dort immer teurer. Nun machen sich die Menschen daran, unabhängig zu werden und den Strom für den eigenen Bedarf selbst zu erzeugen. Und das eben ohne komplizierte bürokratische Verfahren.
Wer hätte das für möglich gehalten? In Pakistan vollzieht sich derzeit einer der schnellsten Solarbooms weltweit. Millionen Menschen installieren Anlagen auf ihren Dächern – und das, obwohl es kaum staatliche Planung und keine nennenswerte Förderung gibt. Es ist eine Energiewende von unten. Die Mischung aus explodierenden Strompreisen, häufigen Stromausfällen und extrem preiswerten Solarmodulen macht es möglich. Gesteuert wird diese Entwicklung nicht vom Staat, sondern von Haushalten, Unternehmen und Bauern selbst. Begünstigt hat der Staat sie allerdings durchaus: Lange Zeit galten Steuerbefreiungen für Solarimporte.
Der Anteil der Solarenergie am Strommix liegt derzeit angeblich bei mehr als 25 Prozent – einer der höchsten Werte weltweit. Mitte 2025 lag die offiziell netzgekoppelte Solarleistung bei 5,3 Gigawatt; tatsächlich dürfte sie deutlich höher sein, da viel Strom in Off-Grid-Anlagen erzeugt und nicht eingespeist wird. Schätzungen gehen von insgesamt 18 Gigawatt Solarleistung aus.
Es ist der Versuch, der Energiekrise mit Pragmatismus zu begegnen, in einem Land, in dem es an Sonnenstunden nicht mangelt. Doch natürlich gibt es, wie bei jeder Entwicklung, auch Verlierer: die ganz Armen, die sich selbst die günstigen Panele nicht leisten können und nun den noch teureren Strom aus dem alten System beziehen müssen.
Ich würde mir wünschen, dass wir auch in Europa manchmal einfach machen und nicht so viel reden.
Özdemir ist Minischderpräsident
Baden-Württemberg ist ja ein wenig die Heimat meines Herzens; immerhin habe ich sechs Jahre in Heilbronn gelebt und es dort sehr gemocht.
Solange man denken konnte, hat im Ländle die CDU regiert. Dann kam im Jahr 2011, ohgottohgott, mit Winfried Kretschmann ein Grüner an die Macht. Ein politisches Wunder. Er war der erste und bis zu dieser Woche einzige grüne Regierungschef eines Bundeslandes. Diese Woche nun folgte ihm Cem Özdemir nach – nicht nur, ohgottohgott, Grüner, sondern auch noch, ohgottohgottohgott, ein Migrantenkind, ein Sohn türkischer Gastarbeiter.
Vor gut einem Jahr, Özdemir war damals noch Bundeslandwirtschaftsminister, die Ampel-Koalition aber schon abgewählt, sagte er, von den Persönlichkeitswerten her hätte er gute Chancen, Ministerpräsident in Baden-Württemberg zu werden. „Aber die Zustimmung zu den Grünen könnte noch stärker sein.“ Das war untertrieben, die Grünen lagen meilenweit hinter der CDU. Am Ende hat er es doch noch gedreht und geschafft, auch das ein politisches Wunder.
Mich persönlich freut das sehr, völlig unabhängig davon, wie ich zu den Grünen stehe. Özdemir ist pragmatisch, klug, kann gut mit anderen Meinungen und Ansichten umgehen. Er ist Migrantensohn, geht damit aber eben nicht hausieren und schon gar nicht mit seiner Religion, die für ihn Privatsache ist. Identitätspolitischer Kram liegt ihm fern. Rechtsextremisten werfen ihm die Herkunft seiner Eltern sowie seine Religion vor; Erdogan-Fans und sonstige türkische Nationalisten halten ihn für einen Verräter; dogmatisch Linken in seiner Partei und außerhalb ist er zu angepasst, zu konservativ, zu deutsch – und damit liegt er genau richtig: Wer von all diesen Seiten derart kritisiert wird, macht offenbar vieles richtig. Ich wünsche ihm und dem Ländle jedenfalls viel Glück und Erfolg!
Deutscher Pass? Hier zu gewinnen!
Ich las diese Woche im Netz wieder eine Diskussion, in der manche beklagten, die deutsche Staatsbürgerschaft sei „nichts mehr wert“, der deutsche Pass werde „verramscht“, „jeder Idiot“ bekomme ihn, man lasse „zu viele Kulturfremde“ ins Land.
Herrje. Ja, natürlich muss man über Zuwanderung diskutieren, über ihre Ausgestaltung, und selbstverständlich gibt es dies und das zu kritisieren. Aber die Art und Weise, wie manche das tun, ist doch oft destruktiv und, um es einmal deutlich zu sagen, ziemlich dumm.
Mich nervt das, und als Ausdruck meines Protests und um ein wenig Öl ins Feuer zu gießen: Ich verlose hier unter den Mitgliedern, also jenen, die die „Erbaulichen Unterredungen“ finanziell unterstützen, insgesamt drei deutsche Pässe. Alle Mitglieder sowie alle, die bis zum kommenden Samstag, dem 23. Mai 2026, noch Mitglied werden, nehmen an der Verlosung teil. Die Gewinner werden anschließend von meiner Assistentin, Frau Dr. Bohne, Volljuristin, ermittelt und sodann von mir benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Diese Woche bin ich wieder unterwegs, zu Lesungen in Lüneburg (Öffnet in neuem Fenster), Hannover (Öffnet in neuem Fenster), Stade (Öffnet in neuem Fenster) und Berlin (Öffnet in neuem Fenster). Vielleicht sehe ich ja die eine oder den anderen von Ihnen? Das würde mich sehr freuen! Ich wünsche Ihnen jedenfalls einen geruhsamen Sonntag und eine schöne Woche!
Herzliche Grüße aus Wien,
Ihr Hasnain Kazim
P. S.: SPD-Chef und Finanzminister Lars Klingbeil sagte vor ein paar Tagen: „Die AfD lebt davon, dass die Leute unzufrieden sind.“ Nur: Was tut er, was tut die Bundesregierung, was tun die anderen Parteien, damit die Leute nicht länger unzufrieden sind?
P. P. S: Große Güte, es ist schon Mitte Mai! Das halbe Jahr ist fast rum! Bald ist schon wieder Weihnachten!
P. P. P. S.: Für das Schreiben der „Erbaulichen Unterredungen“ halte ich mir bewusst Zeit frei. Möglich ist das nur, wenn genügend Leserinnen und Leser dies mit einem kleinen finanziellen Beitrag unterstützen. Das können Sie hier tun (und damit auch einen der oben gezeigten Pässe gewinnen):