wann ein Leben ein reiches Leben ist. Ein hohes Vermögen oder großer Besitz hatten für mich nie besonderen Reiz. Manche Menschen streben nach Geld, Einfluss oder Anerkennung, und haben dafür gute Gründe.
Der US-amerikanische Psychologe Steven Reiss beschrieb 16 grundlegende Lebensmotive, also Werte und Bedürfnisse, die unserem Handeln zugrunde liegen. Auch Macht, Status und Ehre zählen dazu.
Meine Motive sind andere. Ich fühle mich in meinem Leben reich, wenn ich mich mit anderen Menschen tief verbunden fühle. Wenn ich Teil einer Gemeinschaft oder Beziehung bin, in der Menschen einander wirklich sehen, respektieren und tragen. Aber auch dann, wenn ich allein bin – nicht einsam, aber ein Einzelner, der sich frei und suchend in der Welt verortet und versucht, bei sich selbst anzukommen. Neugier, Unabhängigkeit, Beziehung, Ruhe, das sind ohne Zweifel meine stärksten Lebensmotive.
Als reich empfinde ich mein Leben, wenn ich in meiner Zeit aufgehen kann, ob einzeln oder mit anderen. Wenn ich für eine Weile das durchgetaktete Leben hinter mir lasse, aufhöre, Aufgaben abzuarbeiten und mich öffne für das, was geschehen mag. Reich bin ich, wenn mein Körper, mein Geist, meine Tätigkeit und meine Umgebung zusammenpassen. Wenn ich wirklich anwesend bin und meinem Tun für einen Augenblick kein Ziel, keinen Rahmen, keinen Zweck überordne.
Gelingt es mir, einen Raum zu schaffen, in dem ich tun und erfahren kann, was mir Freude macht, was meine Interessen und Talente zum Vorschein bringt und meine Neugier auf die Welt anspricht – ein Raum, in dem ich mir selbst und anderen Menschen begegne –, dann entsteht eine Beziehung zu meiner Welt, die unbezahlbar ist.
Ein Gedanke, der sich auch in einem meiner Lieblingszitate aus meinem neuen Buch wiederfindet. Es stammt von Jenny Odell:
»Wir begreifen noch immer, dass vieles, was dem eigenen Leben Bedeutung verleiht, durch Zufälle, Unterbrechungen und unverhoffte Begegnungen zustande kommt: durch die ›Auszeit‹, die unsere heutige mechanistische Auffassung von Erleben immer mehr zu eliminieren droht.«
Wie schon in meinem ersten Buch Zeitwohlstand für alle suche ich auch in meinem neuen Buch nach Wegen, Ideen und Strategien, die es ermöglichen, ein Leben zu führen, in dem die Bedingungen von Zeitwohlstand erfüllt sind.
Ich verstehe darunter Folgendes:
»Gelebter Zeitwohlstand ist die Freiheit, das zu tun, was uns wirklich wichtig ist und unseren Lebensmotiven, Werten und Bedürfnissen entspricht. […] Menschen, die Zeit gewinnen und sich aneignen, beginnen, sie nicht mehr zu verwerten, sondern darin aufzugehen. Es geht ihnen nicht länger um die Maximierung von Erlebnissen, Erfahrungen und Reizen, sondern um eine neue, genügsame Form der Lebendigkeit, die sich in Verbundenheit mit der eigenen Umwelt, sinnstiftender Produktivität und selbstfürsorglichem Handeln ausdrückt. Zeit ist nicht mehr nur ein Mittel, sondern die Möglichkeit, die eigenen Haltungen, Motive und inneren Überzeugungen zum Vorschein zu bringen. Zeit wird zur Ausdrucksform.«
Es gibt viele Lebensbereiche, in denen ich diese Art von Gegenwärtigkeit und Verbundenheit spüren kann: in Freundschaften, Familien und anderen Gemeinschaften. In der Arbeit, im Beruf oder in Ehrenämtern. In Hobbys, Interessen und Leidenschaften. Auf Reisen. In spirituellen Erfahrungen. Oder einfach in müßigen Stunden des Nichtstuns, in denen ich tue oder lasse, was mir gerade in den Sinn kommt.
Wenn wir etwas tun, das unsere Interessen, Fähigkeiten und Potenziale zum Vorschein bringt, wir in Beziehung mit uns selbst und der Welt treten, erst dann sind wir, wie Erich Fromm sagt, wirklich produktiv. Fromm vertritt eine andere Auffassung von Produktivität als die heute geläufige. An diese humanistisch gedachte Vorstellung produktiven Tätigseins schließe ich in meinem Buch an:
»Er verstand unter produktivem Tätigsein einen Zustand innerer Aktivität, der nicht notwendigerweise mit der Hervorbringung von etwas Nützlichem verbunden sein muss. Fromm ging es weniger um das Produkt einer Aktivität als um ihre Qualität. Produktivität war für ihn die Fähigkeit, die eigenen Kräfte, Talente und das innere Potenzial auf lebendige Weise zu entfalten und in Beziehung zur Welt zu setzen.«
Um diese Produktivität zu entfalten, brauchen wir Zeit, über die wir verfügen können. Wir brauchen ein Lebenstempo, in dem wir das, was wir wirklich tun wollen, nicht einfach nur erledigen und abarbeiten, sondern auch erfahren und uns aneignen können. Es braucht die Möglichkeit, selbstbestimmt die vielfältigen Domänen unseres Lebens zu ordnen und zu vereinbaren. Und nicht zuletzt die Sicherheit und Verlässlichkeit, dass uns dieses Leben, das wir gewählt haben, nicht nur heute trägt, sondern auch morgen.
In der Forschung gelten diese fünf Bedingungen als Maßstab dafür, ob jemand in Zeitwohlstand oder eher in Zeitarmut lebt: freie Zeit, ein angemessenes Tempo, Selbstbestimmung, Planbarkeit und Vereinbarkeit.
In den vergangenen Jahren bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass wir als Individuen und als Gesellschaft keinen Zeitwohlstand erreichen werden, indem wir noch besser planen, organisieren und unsere Effizienz steigern oder indem wir schneller kommunizieren, reisen und konsumieren.
Unser Zeitwohlstand ist sicher auch bedroht von zu vielen Optionen, die wir in unserer begrenzten Alltags- und Lebenszeit unterbringen wollen. Aber diese Einsicht darf nicht die Tatsache verdecken, dass Zeitwohlstand systematisch verhindert wird. Und zwar dort, wo ein großer Teil der Alltags- und Lebenszeit gebunden ist, und wo die Bedingungen bestimmt werden, nach denen sie gesellschaftlich organisiert wird: in der Art und Weise, wie Arbeit gestaltet ist.
Der gesamtgesellschaftliche, generationenübergreifende Wunsch nach kürzeren Arbeitszeiten, die wachsenden Belastungen in der Bevölkerung, die steigende Zahl der Menschen, die sich ausgebrannt fühlen, die abnehmende emotionale Bindung an den eigenen Arbeitgeber – all diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass Menschen aus tiefster inneren Überzeugung und Notwendigkeit einen anderen Anspruch an die Gestaltung ihrer Lebenszeit haben.
Sie gewinnen aber Zeitwohlstand nicht dadurch, dass sie so effizient in ihrer Tagesplanung werden, dass ihnen am Ende des Tages, wenn alle Pflichten erledigt sind, noch ein kleiner Rest an Me-Time übrigbleibt, der für den hektischen und fordernden Alltag entschädigen soll.
Wie sollen wir uns reich an Zeit fühlen, wenn wir einen kurzen Moment der Ruhe und Ausgeglichenheit durch einen belastenden Alltag erkaufen? Was ist dieser Zeitwohlstand wert, der nur in einem kleinen Ausschnitt unseres Lebens spürbar ist, ehe wir wieder in Multitasking, Dauererreichbarkeit und permanente Geschäftigkeit fallen, zurück in eine Gegenwart unzähliger Anforderungen, die uns überfordert, erschöpft und frustriert?
Nachdem ich vor 4 Jahren das Buch Zeitwohlstand für alle veröffentlicht habe, habe ich das Thema weiter verfolgt: in diesem Newsletter, der im Frühjahr 2022 gestartet ist und dessen 49. Ausgabe ich heute versende, in vielen Gesprächen, Vorträgen und Workshops.
Parallel dazu hat sich meine journalistische Arbeit zunehmend auf Arbeitszeitgestaltung und gesunde Arbeitsbedingungen konzentriert. Nicht zufällig.
Während mein erstes Buch von der Suche nach einem selbstbestimmten, weniger beschleunigten Umgang mit Zeit auf individueller und gesellschaftlicher Ebene handelte, veränderte ich zunehmend die Perspektive. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Art und Weise, wie unser Erwerbssystem organisiert ist, darüber entscheidet, ob eine Gesellschaft in Zeitwohlstand lebt oder nicht.
Ich begann darüber nachzudenken, wie wir nicht nur die freien Zeiten unseres Tages weiter ausdehnen können, sondern auch jenen Bereich nach den Maßstäben von Zeitwohlstand organisieren können, der unsere Lebensgestaltung dominiert: die Erwerbsarbeit.
Wie gewinnen wir zeitliche Freiräume in der Arbeit?
Wie können wir unsere Arbeitszeit selbstbestimmt gestalten?
Wie arbeiten wir in einem angemessenen Tempo?
Wie gestalten wir Arbeit verlässlich und vereinbar so, dass sie nicht mehr in Konflikt mit anderen Lebensbereichen steht, sondern uns Sicherheit und Vertrauen in unsere Zeit gibt?
Und wie gelingt es uns, Arbeitszeit so zu organisieren, dass wir keine 40-Stunden-Wochen mehr brauchen, sondern freie Zeit für andere Tätigkeiten gewinnen?
Genau davon handelt mein neues Buch Die zeitintelligente Organisation, das am 19. Januar 2026 erscheint. Darin entwickle ich die Idee einer Art zu arbeiten, die Zeit nicht nur als konflikthafte, begrenzte Ressource begreift, die mit den richtigen Tools und Werkzeugen effizient ausgeschöpft werden muss.
Die zeitintelligente Organisation versteht Zeit als einen Erfahrungsraum, in dem wirksame, sinnstiftende und wertschöpfende Arbeit entstehen kann. Sie verfolgt einen humanistischen und zukunftsfähigen Ansatz der Arbeitszeitgestaltung, der gerechte und langfristig tragende Strukturen schafft, die eigene soziale Verantwortung ernst nimmt und Raum für vertrauensvolle Zusammenarbeit schafft.
Sie schafft damit die Grundlage für etwas, das so viele Menschen vermissen und worauf sie kaum noch zu hoffen wagen: die Erfahrung, in Zeitwohlstand zu leben.
Eine Organisation, die das Thema Zeit achtsam, systematisch und umfassend behandelt, vermag damit nicht nur eine der größten Sehnsüchte der Menschen zu begegnen, sondern auch die berechtigten Interessen der Wirtschaft zu adressieren: Mitarbeitendenbindung, Arbeitgeberattraktivität, Fachkräftesicherung, Effizienz- und Produktivitätsgewinne, Gesundheitsschutz.
Die zeitintelligente Organisation bietet die große Chance, drängende wirtschaftliche Herausforderungen mit den Interessen und Bedürfnissen der Menschen zu vereinbaren, statt sie gegeneinander auszuspielen. Ohne Utopien. Ohne Systembrüche. Ohne Illusionen.
Nachdem lange – und oft undifferenziert – über die Frage diskutiert wurde, ob wir nun 8 oder 10 Stunden pro Tag, und 6 oder doch nur 4 Tage pro Woche arbeiten sollten, ist es an der Zeit, in dieser Diskussion die nächsten Schritte zu gehen: weg von einer Debatte, die Arbeitszeit auf eine vermeintlich ideale Stundenzahl verkürzt, und hin zu einer umfassenden, ganzheitlichen Auseinandersetzung mit Arbeitszeit und allen Formen von Arbeit.

Für dieses Buch habe ich in den vergangenen 4 Jahren viele Studien, Artikel und Bücher gelesen, lange nachgedacht und zahlreiche Interviews geführt. Die zeitintelligente Organisation ist das Ergebnis dieser Recherchen, Gedanken und Gespräche.
Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich darin nicht nur meine eigenen, sondern auch die Gedanken von klugen Menschen wie Johann Hari, Teresa Bücker, Joseph Jebelli, Sara Weber, Vera Starker, Lasse Rheingans, Svenja Pfahl, Nils Backhaus, Jonas Geißler, Natalie Knapp, Hans Rusinek und vielen, vielen anderen Gesprächspartner*innen teilen kann.
Mit Goethe, Hannah Arendt und Immanuel Kant konnte ich leider nicht mehr persönlich sprechen. Aber auch sie werden in meinem Buch durch das, was sie beschrieben, erfahren und vorgelebt haben, zu entscheidenden Wegbereitern des zeitintelligenten Arbeitens.
Die zeitintelligente Organisation ist ab sofort vorbestellbar (Öffnet in neuem Fenster), und ab 19. Januar überall erhältlich, wo es Bücher gibt.
In den kommenden Ausgaben stelle ich mein neues Buch und die zeitintelligente Organisation näher vor, teile einen Auszug daraus und lade euch zu einem gemeinsamen Austausch darüber ein, wie die Arbeitzeit der Zukunft aussehen kann, in der wir wirklich produktiv sind.

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Ich wünsche dir schöne Feiertage, vielleicht ja auch mit einigen Momenten des Innehaltens und Reflektierens über die Frage: Was ist es, das mein Leben reicher macht?
Danke für deine Unterstützung und deine Zeit,
Stefan