
Die Debatte über Charlie Kirk hat gezeigt, wie tief rechtes Gedankengut in der Gesellschaft verankert ist. Wie erfolgreich es normalisiert wurde. Das Verrückte: Vielen ist nicht Kirk und seine Gedankenwelt unwillkommen, sondern die Kritik daran. In meinem Essay „Radikal? Immer nur die anderen!” nehme ich den Mordfall Kirk als Anlass, um darüber nachzudenken, wie falsch wir über Radikalismus und Extremismus reden. Warum wir immer nur die anderen radikal finden, uns selbst aber normal. Und wie wir radikale und extremistische Weltbilder besser erkennen als das, was sie sind: unter uns. Und vor allem: gefährlich.
Charlie Kirk ist tot, darüber ist man sich einig. Über vieles Weitere ist nach dem Mordfall Kirk allerdings ein Kampf entbrannt – ein Kampf um Deutungshoheit, ein Kampf um politische Verortung, ein Kampf um Normalität. Dieser Kampf beinhaltet ebenso einen Streit über Begriffe. Darüber, was „konservativ“, „rechtsradikal“ oder „rechtsextrem“ bedeuten. So stand der Tagesspiegel beim Publikum in der Kritik, Charlie Kirk als „rechtskonservativ“ verharmlost (Öffnet in neuem Fenster) zu haben. Der SPIEGEL wiederum sah sich veranlasst, ihre Wortwahl „rechtsextrem (Öffnet in neuem Fenster)“ ausführlich zu begründen.
Dies verweist auf ein größeres Problem politischer Verortung (eigener und fremder): Es herrscht keine Einigkeit darüber, wer als gemäßigte Stimme gilt und wer als radikal. Die richtige Wortwahl für die großen Umbrüche unserer Zeit: flächendeckend umstritten.
Eine sachgemäß-nüchterne politische Einordnung der Causa Kirk ist offenbar schwierig; erschwert wird der Diskurs von der Tatsache, dass nicht wenige Kommentatoren die vorliegenden Fakten aktiv bekämpfen oder zumindest so gut es geht die Augen vor ihnen verschließen. Die Kommentarspalten und Kolumnen sind dieser Tage voll von Menschen, die sich und ihre politische Einstellung für richtig, maßvoll und normal halten; die sich selbst „mittig“ beschreiben und als „bürgerlich“, jedenfalls als durch und durch nicht-extremistisch; und die gleichzeitig zur Verteidigung eines Mannes ansetzen, der Schwarze nachgewiesenermaßen für minderwertig hielt, Gleichstellungsprogramme jeglicher Art ablehnte, Frauen zurück an den Herd wünschte, die LGBT-Community entmenschlichte. Charlie Kirk war ein Mann, der sich nicht von einem schwarzen Flugzeugpiloten (Öffnet in neuem Fenster) fliegen lassen wollte; ein Mann, der nach eigener Aussage ein zehnjähriges Mädchen (Öffnet in neuem Fenster), selbst wenn sie seine Tochter wäre, nach einer Vergewaltigung am Schwangerschaftsabbruch hindern würde. Ein Mann, der sich begeisterte für die Idee öffentlicher, firmengesponsorter Exekutionen mit TV-Übertragung (Öffnet in neuem Fenster) („You could have like 'Brought to you by Coca Cola' and no, I'm not kidding. By the way, I would totally tune in to see some pedo get their head chopped off. Convicted by a jury of their peers. I'm talking about a real thing.“; „It should be public, it should be quick, it should be televised.“) – und der die Verschwörungserzählung vom Großen Austausch (Öffnet in neuem Fenster) nachdrücklich verbreitete. Kirk war ein Aktivist, der im Rahmen seiner jahrelangen Propagandatour in Podcasts und auf Podien brav jeden neurechten Talking Point durchdeklinierte und bei seinen als Debatte getarnten Auftritten rhetorisch trickste, täuschte und gewohnheitsmäßig log. All dies mit dem Ziel, einen verurteilten Straftäter, nämlich Donald Trump, bei einem jungen, rechten Publikum salonfähig zu machen. Sein ebenso erkennbares Ziel war es, alle Gemäßigten und alle Linken, die ihm bei seinen Pseudo-Debatten kritisch entgegentraten, größtmöglich vor seinem Internetpublikum zu blamieren; und sie als radikalisierte, woke Spinner zu präsentieren. Aufrichtiger Dialog? Fehlanzeige!
Somit erstaunt nicht nur die schiere Zahl jener, die momentan einen nachweislich rückwärtsgewandten, rassistischen Sexisten nach seinem Tod abfeiern und ihn posthum zum Helden der Meinungsfreiheit hochleben lassen – mindestens ebenso befremdet die Selbstverständlichkeit, mit der sie es tun. Und vor allem: Das Selbstverständnis.
Radikale, Extremisten und Verrückte? Immer nur die anderen!
So verklärt der petromaskuline (Öffnet in neuem Fenster) WELT-Herausgeber Ulf Poschardt (Öffnet in neuem Fenster) Kirk als „Idealist, […] der kluge Vertreter des einfachen Mannes von der Straße“, und betrauert, dass „der letzte rechte Republikaner erschossen wurde, der noch ernsthaft daran geglaubt hat, dass ein Dialog mit der radikalisierten Linken überhaupt möglich sei“. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Caroline Bosbach bezeichnete Kirk in einem mittlerweile gelöschten Post (Öffnet in neuem Fenster) als „Kämpfer für westliche Werte“ und schwärmte „Kaum jemand stand so für freie Debatte wie er“. Die libertäre Luftpumpe Anna Schneider wiederum steht ganz in der Tradition Kirks, indem sie einerseits sich und die Kirk-Fankurve moralisch reinwäscht (und als Stimme der Vernunft präsentiert), während sie andererseits die Kritiker des rechtsradikalen Denkens rhetorisch dämonisiert: „Was für Grüne Extremismus ist, ist für andere Normalität“, heißt ihre dazugehörige Persilscheinkolumne. Das Ziel: Kirk zu entnazifizieren und, im selben Abwasch, neurechtes Denken zu normalisieren. Die wahren Bösewichte: Die Grünen!

Das Motto all dieser Kommentatoren: „Radikale, Extremisten und Verrückte? Das sind immer nur die anderen! Aber doch nicht WIR! Und doch nicht UNSER CHARLIE!? 🥹“
Als ich in einer öffentlichen Kommentarspalte auf die extremen, menschenfeindlichen Ansichten Kirks verwies, entgegnete mir ein junger Mann, Studentenalter, lässiges Profilfoto: „Charlie Kirk war gut, aber zu gemäßigt. Leute wie du sind extrem“.

Was wir hier erleben, ist kein ganz neues, aber ein zunehmendes Phänomen, das über den Fall Kirk hinausweist. Wer auf den Extremismus eines offensichtlich extremistischen Hassredners hinweist, bekommt von seinen Fans einfach die Uno-Retour-Karte gelegt. „Extremismus?! VON WEGEN! DU BIST HIER DER EXTREMIST!!!“. Ein Indiz dafür, wie sehr harte antifeministische und allgemein menschenfeindliche Positionen in den letzten Jahren durch MAGA und AfD normalisiert wurden. In anderen Worten: wie erfolgreich das Normalisierungsprojekt von Kirk und Konsorten war und weiterhin ist. US-Vizepräsident JD Vance wird nicht müde zu betonen (Öffnet in neuem Fenster), er wäre ohne die Beihilfe von Kirk nicht im Amt; „If it weren’t for Charlie Kirk, I would not be the Vice President of the United States.”. Jene Bewegung, die die Wissenschaft auch als Neue Rechte (Öffnet in neuem Fenster) bezeichnet, will die politische Kultur und den politischen Zeitgeist ändern, um anschließend die Politik selbst zu verändern. Momentan zirkuliert hierfür das politische Modewort vibe shift (Öffnet in neuem Fenster). Der rechtsextreme Ziegenhirt (Öffnet in neuem Fenster) und Verleger Götz Kubitschek brachte das Kernanliegen der Neuen Rechten bereits 2006, vor fast zwanzig Jahren, auf den Punkt:
„Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party (Öffnet in neuem Fenster)“.
Angesichts dieser bekannten, keineswegs geheimen Agenda argumentiert beispielsweise ein Jens Spahn in genau die falsche Richtung. Bei Caren Miosga (Öffnet in neuem Fenster) sagte der Ex-Gesundheitsminister (CDU) in Bezug auf die Gedankenwelt Charlie Kirks:
„Das sind vielleicht Meinungen, die Sie nicht mögen. Das sind zum Teil sehr konservative, zum Teil sehr liberale Positionen. Anders, als viele es auch hier bei den Zuschauern sehen. Aber deswegen sind sie doch nicht weniger legitim. Wir müssen aufpassen, dass wir andere Meinungen nicht immer zu extremistischen erklären.“
Das Projekt, den Mainstream mit Narrativen von Rechtsaußen zu unterwandern läuft also schon länger – und offenbar so erfolgreich, dass in weiten Teilen der Gesellschaft und des Feuilletons, selbst in der deutschen Spitzenpolitik, nicht mehr extrem rechte Aussagen und Weltbilder aufhorchen lassen, sondern die Kritik daran. Wenn Jens Spahn sich mehr am Extremismusvorwurf stört als an der Gedankenwelt Kirks, sagt das mehr über Jens Spahn aus als über Charlie Kirk.
Denken wir darüber hinaus an die aus dem Lager der Neuen Rechten orchestrierte Kampagne, um Journalistin Dunja Hayali (Öffnet in neuem Fenster) zum Schweigen zu bringen. Ihr Vergehen? Sie hatte objektiv berichtet. Am Ende stand eine Schlammlawine des Hasses (Öffnet in neuem Fenster).
Genau so gehen auf der „Party“ namens freiheitlich-demokratische Grundordnung, die Götz Kubitschek und Konsorten beenden wollen, nach und nach die Lichter aus. Wird freie Berichterstattung sabotiert, haben die Extremisten freie Hand. Kein Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party.
Man muss beides falsch finden: Charlie Kirks Denken und seine Ermordung
Und erneut, bevor Missverständnisse aufkommen: Die Person Charlie Kirk ihrem Wesen und ihrem Wirken nach zu kritisieren und deutliche Worte zu finden für das, was er erwiesenermaßen und nachlesbar war (nämlich frauenfeindlich, weltanschaulich radikalisiert und gegen die Gleichheit aller Menschen), ist etwas anderes, als seine Ermordung gutzuheißen (Öffnet in neuem Fenster).
Ich gehe weiter und sage: Man kann und sollte den Verstorbenen sogar kritisieren – der kontraproduktiven Faustregel „Über die Toten nur Gutes“ (de mortuis nihil nisi bene) entgegen – und sollte selbst nach seinem Ableben auf seinen schädlichen politischen Einfluss hinweisen; ein Einfluss, der einen massiven Beitrag dazu geleistet hat, gesellschaftliche und bürgerrechtliche Fortschritte in den USA rückabzuwickeln. Diese Kritik muss allerdings ohne ein Feiern, Genießen oder Gutheißen seiner Ermordung daherkommen.
Jene, die seine Ermordung feiern, können jedenfalls nicht mehr für sich behaupten, für eine universelle Menschenwürde einzustehen und für die moralische Äquivalenz menschlichen Lebens. Wer „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ für einen wichtigen und richtigen Satz hält, kann diesbezüglich nicht selektiv vorgehen.
Der afro-amerikanische Pastor Howard-John Wesley sagte in einer Rede, aus der ein vielbeachteter Instagram-Mitschnitt (Öffnet in neuem Fenster) wurde:
„Wie du stirbst, macht nicht wieder gut, wie du gelebt hast. Du wirst nicht zum Helden in deinem Tod, wenn du in deinem Leben eine Waffe des Feindes bist.“
Die Tatsache, dass Charlie Kirk auf eine grausame Weise gestorben ist, kann in keiner Weise wettmachen, dass er zu Lebzeiten grausame, geradezu verachtenswerte Dinge gesagt hat. Dass so viele Mitbürger, hierzulande wie in den USA, mit dieser Unterscheidung Schwierigkeiten haben, deutet auf ein tieferlegendes Problem: So nannte Präsident Trump Kirk jüngst zunächst einen „great gentleman“ (Öffnet in neuem Fenster) und unterstrich wenige Tage später, bei einer als Trauerfeier getarnten Politveranstaltung (Öffnet in neuem Fenster), seinen „Hass auf seine politischen Gegner (Öffnet in neuem Fenster)“.
Das Problem: Die Weigerung, Rassismus und Extremismus dort anzuerkennen und zu benennen, wo wir er sich offen zeigt, hat Konjunktur. Wer AfD wählt, sieht im Spiegel in den seltensten Fällen einen Antidemokraten, einen Rechtsextremen oder einen Verschwörungstheoretiker. Weidel-Fan oder nicht: Man sieht „einen ganz normalen Menschen“, man ist wie selbstverständlich Teil der „bürgerlichen Mitte“.
Dies ist ein Trugschluss – wie ich zeigen werde. […]
Die zweite Hälfte meines Essays „Radikal? Immer nur die anderen!” gibt es hier (Öffnet in neuem Fenster). Ich bespreche gefühlte Wahrheiten (Öffnet in neuem Fenster), „Populismus”, „Radikalismus” und „Extremismus”; und gebe euch Kriterien an die Hand geben, wie ihr menschenfeindliche Weltbilder erkennt; und somit auch jene, die sie verharmlosen.
https://steady.page/de/janskudlarek/posts/77f0ea26-6158-4129-a7f7-9f784c13aa65 (Öffnet in neuem Fenster)Du hast bis hier gelesen? Wunderbar! Ich hoffe, der Text hat dir gefallen – es wäre großartig, wenn du den Artikel in den sozialen Netzwerken (Öffnet in neuem Fenster) teilst. Du willst sichergehen, dass ich auch in Zukunft unabhängig publizieren kann? Dann unterstütze meine Arbeit durch ein Steady-Abo (Öffnet in neuem Fenster) (oder durch die Kaffeekasse (Öffnet in neuem Fenster)). Falls du schon ein Abo hast: Danke, du ermöglichst meine Arbeit <3
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Mein Haus, mein Auto, meine Lobby
In absehbarer Zeit schalten wir die Heizungen ein. Eine gute Gelegenheit, um über Energiepolitik zu sprechen! Falls ihr noch nicht reingehört habt:
Podcast #23: Mein Haus, mein Auto, meine Lobby – Warum wir fossile Energie endlich überwinden müssen – mit Annika Joeres
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Ich habe mit Sophia & Tommy Krappweis (Öffnet in neuem Fenster), mit Alexander Waschkau und Dana Buchzik (Öffnet in neuem Fenster) über Antiintellektualismus gesprochen - darüber, wie es kommt, dass Bildung und Wissenschaft oft angegriffen werden und jeder Depp meint, alles besser zu wissen. Als Podcast (Öffnet in neuem Fenster) und auf YouTube (Öffnet in neuem Fenster)!
Live in München
Am 16.10.25 bin ich in München (Öffnet in neuem Fenster) und freue mich auf spannende Gespräche zum Thema Gemeinschaft(-en)!
"Der Auftakt des Themenwochenendes steht ganz im Zeichen des Begriffs selbst. Drei Expert:innen aus ganz unterschiedlichen Feldern und Hintergründen beleuchten den Gemeinschafts-Begriff und diskutieren Fragen wie: Was macht Gemeinschaft/en eigentlich aus? Wie funktionieren Gemeinschaft/en in verschiedenen Teilen der Welt? Und wie steht es um unsere Gemeinschaft/en in Deutschland – im Großen wie im Kleinen? Von Ostasien bis zur Online-Community, von Individualismus bis Instagram kann das Spektrum der untersuchten Gemeinschaften an diesem ersten Abend reichen.
Mit: Jan Skudlarek (Öffnet in neuem Fenster) (Philosoph & Autor), Aurel Croissant (Öffnet in neuem Fenster) (Politikwissenschaftler) und Helen Daughtrey (Öffnet in neuem Fenster) (Gründerin der Online-Community „Mädels, die lesen.“)"
Mehr Infos gibts hier (Öffnet in neuem Fenster).
Thomas Zimmer jetzt auf Steady!
Thomas Zimmer ist Historiker und einer der aus meiner Sicht lesenswertesten Kommentatoren des politischen Zeitgeistes. Einige von euch werden sich an Thomas erinnern, denn er war bei mir im Podcast:
https://steady.page/de/janskudlarek/posts/0e970a15-3217-494a-8c5a-4e2c8fdb59e3 (Öffnet in neuem Fenster)Thomas ist neu auf Steady und hofft auf eure Unterstützung. Die Lage ist ähnlich wie bei mir: es gibt jede Menge guten Content, aber den Content gibt es langfristig nur, wenn ein paar Menschen das finanziell ermöglichen. Nicht zuletzt deshalb, weil Thomas seine Uni-Karriere aufgibt, aus den USA nach Deutschland gezogen ist und hier einen Neustart als Publizist wagt. Meinen Support hat er, ich habe schon viel von ihm gelernt. Schaut doch mal bei ihm rein und holt euch den Newsletter - der ist kostenlos, aber keinesfalls umsonst (denn man lernt wirklich viel)! ⬇️
https://steady.page/en/democracyamericana/posts/ab02af47-9e87-4143-ba51-afa2d1804c1c (Öffnet in neuem Fenster)