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Perfektionismus und Schnipsel

Wie mir Junk-Journaling hilft, nicht zu streng mit mir zu sein


Wieder so ein wunderbares, modern klingendes, englisches Wort, das eigentlich etwas ganz Simples meint. “Schönes aus Schnipseln” könnte man es auch nennen, das, was ich da seit meiner Kindheit und nun seit einiger Zeit auch wieder im Erwachsenenalter regelmäßig praktiziere. Als Kind habe ich Collagen geliebt. Ob schneiden, reißen oder ausprickeln, irgendwelche Bildchen aus Zeitschriften zu fischen und sie dann auf ein Blatt Papier zu kleben und dabei zuzusehen, wie dann am Ende ein großes Ganzes daraus wurde, hat mich schon mit 9 Jahren fasziniert. Später, im Teenageralter wurden dann daraus kleine Bücher. “Schnipselbuch” hab diesen Zeitvertreib genannt, der völlig intuitiv das wurde, was wir heute als Visionboardgestaltung kennen. Ich habe nämlich bereits damals Zitate und Bilder von Dingen, Orten oder Situationen, die ich mit etwas verband oder die ich mir wünschte ausgewählt und ohn es zu wissen, so meine kleinen, eigenen indentitätsstiftenden Buchseiten gefüllt.

Intuitives Kleben

Als Teenager hat es mir einfach ein gutes Gefühl gemacht, ich hab es genossen, Musik zu hören und mit Glitzerstiften und Bastelkleber in meiner Sammlung aus Stickern und Zeitungsausschnitten von Titeln, einzelnen Worte oder Fotos zu kramen und sie passend nach Farben, Thema oder auch einfach ganz wild durcheinander in meine Bücher zu kleben. Hier entstanden Wunschlisten, Einrichtungsideen, Zukunftsbilder oder auch einfach ein unstrukturiertes Bilderchaos.

Nach und nach entstanden so komplett gefüllte Notizbücher, die immer dicker wurden, sodass sie kaum mehr in die Regale passten. Noch heute, wenn ich die alten Journals durchblättere, fühle ich mich in mein Kinderzimmer zurückversetzt und kann mich in die Teenager-Joana mit all ihren Träumen, Wünschen und Ideen zurückversetzen. Und ich glaube, sie würde staunen, was aus all dem, was sie da zusammengeklebt hat, geworden ist.

Vor einiger Zeit habe ich mich in einem anderen Zusammenhang gefragt, warum eigentlich so wenig Raum bleibt für Dinge, die einem echte Freude machen und die einem gute Gefühle bereiten. Ich habe überlegt, wie es eigentlich kommt, dass im Erwachsenenleben so viel Druck für Dinge entsteht, die man tun MUSS, denen man sich verpflichtet fühlt und woher eigentlich der Stress kommt, immer zu jeder Zeit parat zu sein und auch der Anspruch, dass alles perfekt sein muss. Ich bin durchaus jemand, der auch mal die berühmten Fünfe gerade sein lassen kann, aber der Normalzustand ist das nicht. Auch ich habe hohe Ansprüche, unterliege meinen eigenen Maßstäben und werde schonmal nervös, wenn ich sehe, dass etwas nicht so geworden ist, wie es hätte werden können. Dann schlägt der Perfektionismus-Teufel zu.

Und wann war das eigentlich je anders? Die Antwort auf die Frage war recht schnell klar: Als das Leben gleichzeitig einfach und doch vielleicht am kompliziertesten war: In der Pubertät. Damals fehlte es zwar an größeren Verpflichtungen, aber die Suche nach Identität und Antworten auf innere Fragen, war umso größer.

Zu dieser Zeit war ich ein echter “Drinnie”. Ich las lieber als auf Parties zu gehen und mein Zimmer war mein Rückzugsort, an dem ich Musik machen, malen, lesen, Tagebuch schreiben und eben auch Schnipseln konnte.

Und so ging ich in den Keller und kramte eine Kiste heraus, in der ich eine Klarsichthülle aus dieser Zeit aufbewahre, die mit Zeitungsschnipseln und Ausrissen von Bildern, ästhetischen Werbeanzeigen und Überschriften gefüllt ist.

Da ein großer Teil meines Büroschranks einem Notizbuch-Lager gleicht, schnappte ich mich mir eines, das noch auf seine Verwendung wartete und fing einfach wieder an. So, wie ich es früher gemacht hatte.

Die Schnipsel werden ausgebreitet und nach Gefühl ausgewählt. Welches Wort spricht mich gerade an, welches Bild bringt etwas in mir zum Klingen. Und dann wird ausgeschnitten, gerissen, übereinander gelegt und geklebt. Was dabei passiert, ist, sich ohne Druck und Zwang auf einen Entstehungsprozess einzulassen, der nach und nach etwas ergibt, das eine Momentaufnahme des eigenen Unterbewusstseins sein kann. Nach und nach fügen sich Bilder zu Collagen zusammen, die teilweise thematisch zueinander zu passen scheinen. Gedanken, die aufploppen, kannst Du einfach dazuschreiben, ein inspirierendes Zitat oder ein Satz, der Dir durch den Kopf geht, wird einfach an oder über die geklebten Ausschnitte geschrieben. Alles kann, nichts muss sozusagen.

Obenansicht von Notizbüchern, Stiften, Markern, Kreiden und Klebepistole
Strukturiendes Chaos: Beim Junk-Journaling sind viele verschiedene Materialien erlaubt

Schnipsel-Meditation

Was das Beste daran ist: Hier geht es nicht darum, dass wir ein Ergebnis erzielen müssen. Hier machen wir etwas mit unseren Händen, das uns in den Moment holt, das Raum für Gedanken schafft, die ansonsten nur von einem ToDo zum nächsten rasen würden. Und Schritt für Schritt ergeben sich neue Anstöße, Klarheit über Situationen, die wir seit Tagen gedanklich durchwälzen oder auch einfach mal: Gar nichts.

Die reine Freude am ziellosen Gestalten kann so viel für unser Kopfwohl tun, dass es fast lächerlich ist, wie einfach das sein kann. Wir brauchen dafür kein Retreat, keine Workation, kein Wellnesswochenende. Das dürfen wir natürlich alles machen, aber oft versprechen wir und davon so viel und stellen fest, dass es einfach sehr viel Geld gekostet und im Verhältnis nicht den Effekt gebracht hat, den wir uns gewünscht hätten.

Ein Schnipselbuch kostet Dich fast gar nichts, kann aber zu Deinem persönlichen “Spielplatz” werden, den Du einfach in der Nähe Deines Schreibtisches griffbereit hast.

Ausschnitt eines Notizbuchs, mit einer Collage und hangeschriebenen Zeilen
Planlos zu kleben, ergibt manchmal am Ende mehr Sinn als gedacht. Deine Gedanken fließen und eine Seite fügt sich plötzlich zusammen, ohne dass dies bewusst geschehen ist.

Die Magie des Zufalls

Was mich an dieser Methode immer besonders fasziniert ist, dass sie wenig Zeit braucht und den großen Effekt des Zufalls mit sich bringt. Scheinbar wahllos ausgewählte Ausschnitte, die einem vielleicht optisch in einer Zeitung, die man ansonsten weggeworfen hätte, können plötzlich zu perfekt passenden Sinnsprüchen werden, die wie ein maßgenauer Baustein oder ein fehlendes Puzzleteil zu Deinen eigenen Gedanken gehören.

Hinzu kommt ein ungemein befriedigendes Gefühl, wenn am Ende eine komplett gestaltete (Doppel-)Seite entsteht, die mit purer Leichtigkeit quasi aus dem Nichts hervorgebracht wurde.

Der beste Tipp für alle, die Angst vor dem weißen Blatt Papier haben:

Fang einfach mittendrin in Deinem Notizbuch an. Es kann nichts passieren, Du machst nichts kaputt. Es ist einfach Deins. Du darfst Dich von dem Gedanken lösen, dass es schön sein muss.

Für mich persönlich, ist das das Junk Journal (das korrekt übersetzt nichts anders bedeutet als Müll-Tagebuch) eine großartige Möglichkeit mir selbst die Erlaubnis zu geben, mich von meinem immer mal wieder aufkommenden Perfektionismus für eine ganze Weile zu verabschieden. In diesem Notizbuch hat er nichts zu suchen. Ich darf mir die Legitmation geben, dass auch mal was hässlich sein darf. Wenn es schön wird, umso besser, aber es ist kein Zwang.

Hier lerne ich, dass Abschalten erlaubt ist, dass nicht jede Handlung einen Zweck erfüllen oder ein perfektes Ergebnis mit sich bringen muss. Und das ist ungemein heilsam. Es schafft Ruhe im Kopf und Ruhe im Herzen.

Blick in die Vergangenheit

Wenn ich meine alten Junk Journals aus den 2000er Jahren anschaue, dann ist es wie eine kleine Retrospektive in mein Jugendzimmer. Ich sehe meine Wünsche, meine Träume, meine Hoffnungen, Ideen, Dinge, die mich interessiert haben oder die ich irgendwo aufgeschnappt habe. Ich sehe mein altes Teenager-Ich, wie es mit Schere und ausgeschnittenen Teeniezeitschriften versucht hat, seine Gedanken und Identität in “Form” zu bringen. Wie es sich mit sich auseinandergesetzt hat und wie es einfach nur Zeit totgeschlagen hat und aus reiner Freude an der Ergebnislosigkeit und ohne eine ToDo-Liste im Nacken im Moment gesuhlt hat. Mein Teenager-Ich schaut mich dann aus den Schnipselbüchern an und fragt recht verständnislos:

Sag mal, warum erlauben wir uns das heute so selten? Was lässt uns denken, dass dies keine sinnvolle Art mehr ist, unsere Zeit zu verbringen. Warum geht es jetzt immer nur noch um Effizienz und Produktivität?

Der spannende Aspekt dabei: Obwohl ein Junk Journal lediglich seinen Selbstzweck verfolgt, fühlt es sich manchmal produktiver an als vieles andere.

Die Teenager-Joana hatte eine intuitive Weisheit, an die ich mich heute gerne zurückerinnere und an der ich mir im Heute immer wieder ein Beispiel nehmen kann und will. Und so ist das Junk Journal auch in meinem Erwachsenen-Alltag zurück. Nicht als Pflichtaufgabe, nicht als Morgenroutine, sondern als Möglichkeit mich selbst auf dem “Gedanken-Spielplatz” zu besuchen.

Probier´s selbst doch auch mal aus und erzähl mir gerne, was es mit Dir macht.

Hier kommen noch ein paar Tipps:

  • Frage Freunde und Familie nach alten Zeitschriften, die sie ansonsten wegwerfen würden

  • Durchforste alte Magazine und suche ganz intuitiv nach Bildern und Schriftzügen, die Dich ansprechen.

  • Reiße die Seiten oder Bilder aus, statt sie auszuschneiden. Auch das schult die Fähigkeit den Zufall mitspielen zu lassen, denn manchmal machen Risskanten, was sie wollen

  • Lege eine Schachtel oder eine Klarsichthülle an, in der Du Ausrisse sammelst

  • Nutze verschiedene Materialien wie zB Sticker oder Klebeband, Glitzerstifte, Marker. Auch alte Postkarten, Tickets oder hübsches Geschenkpapier eignet sich perfekt.

  • Mach´s nicht zu kompliziert. Du brauchst dafür nicht viel Platz und es reicht, wenn Du klein anfängst.

  • Songtexte, Zitate oder Affirmationen, also bestärkende Leitsätze, die Dich motivieren, können ebenso helfen, Dein Junk Journal zu gestalten

Viel Freude dabei!

Herzlich,

Deine Joana

Kategorie Anleitungen & Tipps

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