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Umherschweifexperimente

Engelsflügel eines Karnevalkostüms liegen auf der Straße.

November 2025 © Kristina Klecko

Am liebsten sitze ich in Cafés, in denen ich gefragt oder ungefragt Kakao auf meinen Cappuccino gestreut bekomme. Solche Cafés haben großzügige helle Räumlichkeiten, stabile Möbel aus Buchenholz, blaue oder grüne Teppichböden. Die Lurexfäden und Stiftperlen in den Pullovern der Gäste sind nicht ironisch gemeint, sondern Teil einer Ausgeh-Garderobe.

Selten wird in solchen Cafés der beste Kaffee der Stadt serviert. Es stehen keine Flat Whites oder Cold Brews auf der Getränkekarte. Und manchmal kann man erst ab zehn Euro mit der Karte zahlen, manchmal gar nicht.

Ich riskiere es und setze mich trotzdem hin, weil man in solchen Cafés weitgehend in Ruhe gelassen wird. Oder weil sich hier, wenn auch nur für wenige Minuten und obwohl der Lack bereits ab ist, Geschichte und Tradition als makellos glänzend darstellen.

Das war sie: Die gute alte Zeit.  

Und sieh dir an, wo wir heute stehen.

In solchen Cafés fällt es leicht, gegen eine Wirklichkeit zu wettern, die als banal empfunden wird. Gegen die Großstadt-Hipster etwa – nennt man sie noch so? –, die sich gegen Filterkaffee abgegrenzt haben, bis jemand auf die Idee gekommen ist, es für viel Geld als haptisches Tischerlebnis zu verkaufen. (Und könnte ich bitte, bitte, eine richtige Tasse bekommen, in der mein Kaffee ein paar Sekunden länger heiß bleibt?)

Ich muss natürlich aufpassen. Langsam bin ich in einem Alter, in dem Schimpftiraden gegen Neues oder “die Jugend” keine Unschuld mehr haben, stattdessen reaktionär wirken könnten. (Was sie im Übrigen schon immer waren, aber psst.)

Ich gebe dem Café die Schuld.

Studien zufolge können zweisprachige Menschen unterschiedliche moralische Entscheidungen treffen, je nachdem, ob sie dabei ihre Muttersprache oder die Zweitsprache verwenden. Was Sprache kann, können Orte vielleicht auch?

Sie können. Und Psychogeografie erforscht, auf welche Weise dies geschieht.

Erforscht ist möglicherweise ein zu großes Wort, schließlich handelt es sich laut Klappentext einer Anthologie zum Thema um eine literarische Tradition der Stadterkundung. Keine harte wissenschaftliche Kategorie also, sondern eine künstlerische Herangehensweise.

“Psychogeografie hat im deutschsprachigen Raum bisher fast ausschließlich im Bereich von Performance-Kunst und Theaterwissenschaften Anklang gefunden.”

Anneke Lubkowitz, Psychogeografie

Die Anfänge der Psychogeografie gehen zurück auf die Künstler Guy Debord und Ivan Chtcheglov, die ihre Grundlagentexte in den 1950er Jahren verfasst haben. Aus Debords Text erfahre ich, dass die weiten Plätze und Boulevards, für die Paris bis heute so bewundert wird, ursprünglich dem Zweck dienten, große Truppen zügig gegen aufständische Bürger*innen aufstellen und durch die Stadt bewegen zu können.

Ich lerne auch, dass zu den Techniken der Psychogeografie das Umherschweifen gehört. Damit ist kein gemütliches Flanieren gemeint, sondern zügiges Durchqueren von ereignisreichen Umgebungen. Umherschweifen sollte man idealerweise in Gruppen. Gut, wenn es währenddessen gewittert oder schneit, lediglich Dauerregen verhindere das Umherschweifen absolut.

Die Anthologie bietet kleine und große Gedankenexperimente, erhellende und banale Momente, schöne Sätze.

“Wenn die Teenager in ihren Vorstadtschlafzimmern träumen, träumen sie nicht von der Stadt der Bürojobs und Einkaufsstraßen – sie träumen von der nächtlichen Stadt.”

Paul Scraton, “In der Nacht und am Tag” in “Psychogeografie”, hrsg. v. Anneke Lubkowitz, übers. v. Ulrike Kretschmer

Über viele Seiten fühlt sich die Lektüre seltsam gewichtig und absolut nutzlos an. Ist es nicht gleich, welche Beobachtungen jemand macht, der in London die Form des Buchstabens “V” abläuft? Interessiert es wirklich jemanden, was am Berliner Rosenthaler Platz an verschiedenen Tagen und zu verschiedenen Uhrzeiten passiert?

“02.03.2016, 13:47

Ich stehe hier, als ob ich verabredet wäre. Als würde ich auf jemanden warten. Ich warte, ich weiß nur noch nicht auf wen.”

David Wagner, “Das Erlösungsspiel” in “Psychogeografie”, hrsg. v. Anneke Lubkowitz

Nun. Es existiert ein Buch. Es steht in der Bibliothek und weist Nutzungsspuren auf. Ich lese es. Anscheinend interessiert es jemanden.

Ich freue mich besonders auf den Beitrag der Schriftstellerin Aminatta Forna, weil sie eine der wenigen Frauen ist, die im Band zu Wort kommen darf.

Natürlich.  

Und ich werde nicht enttäuscht. Ich lese “Gehen und Macht” ein Mal, zwei Mal, finde es im Original, lese es ein drittes Mal. Nicht weil es etwas Neues, noch nie Gehörtes, enthält, sondern weil mich die Klarheit ihrer Worte beindruckt.

“Die relative Verwundbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum schränkt unsere Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit ein. Alle vernünftigen Maßnahmen zu unserer eigenen Sicherheit – sagen, wohin wir gehen, uns nach Hause bringen lassen, abends nicht allein durch die Straßen laufen – sind schlussendlich eine Form sozialer Kontrolle.” 

Aminatta Forna, “Gehen und Macht” in “Psychogeografie”, hrsg. v. Anneke Lubkowitz, übers. v. Christine Ammann

Da ist kein Ausweichen in ihrem Text, keine Abmilderung des Geschriebenen. Die Wörter müssen raus. Als Autorin strebt man diese Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit an.

Ich strebe diese Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit an.

Vielen Dank, dass du mitliest.

Kristina

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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Kategorie Alltag & Politik

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