Zum Hauptinhalt springen

LebensSpuren #7: Wenn ein Lied die Tür öffnet

Samstagnachmittag. Vorweihnachtszeit. Der Himmel grau, der Wind kalt. Gartenarbeit fällt aus. Melanie ist mit unserer Pflegerin die Wocheneinkäufe erledigen, also hole ich Emi so lange zu mir in die Wohnung. Die nächsten Stunden gehören uns beiden.

Sie setzt sich langsam in den Ohrensessel im Wohnzimmer, mustert den Raum, schaut zu mir. Ich sehe schon wieder diese Fragezeichen in ihren Augen, die immer kommen, wenn etwas Unbekanntes passiert. Vielleicht ist es Vorfreude. Vielleicht Unsicherheit. Oder einfach nur Neugier.

Ich starte das Apple TV an unserem Fernseher, wähle die vorbereitete Playlist mit deutschen Weihnachtsliedern und ahne schon, dass ich mich gleich überwinden muss. Seit Kurzem ist dort eine Karaoke-Funktion integriert, nicht unbedingt zu meiner Freude. Aber für Emi probiere ich es aus.

Große Buchstaben. Kleine Wunder.

Die Musik ertönt aus den Lautsprechern und der Text erscheint auf dem Bildschirm. Große Buchstaben. Emi beugt sich vor, liest laut. Ich singe leise mit, mehr suchend als sicher.

Erst passiert wenig. Dann bewegt sich etwas. Ein Summen. Ein Ton, der irgendwo aus der Tiefe aufsteigt. Dann ein Wort, zwei Worte, ein ganzer Vers. Wie eine Tür, die leise aufgeht.

Emi lächelt. Ich auch. Wir singen beide, jeder auf seine Weise. Und in diesem Moment wird alles leichter.

Wie Erinnerung klingt

Ich denke an eine gute Freundin. Sie spielt normalerweise klassische Musik auf ihrem Flügel. Doch seit einer Weile sind Schlager dazugekommen. Am E-Piano im Altenheim. Die Menschen dort, viele mit Demenz, danken es ihr. Manche können kaum sprechen, aber sie können singen. Und sie tun es mit einer Kraft, die man nicht erwartet.

Diese Szene passt so gut zu dem, was neben mir passiert. Musik findet Wege, die Sprache alleine nicht schafft.

Neulich hat mir unser Nachbar erklärt, wie das sein kann. Psychologe und selbst Sänger im Kirchenchor. Melodie und Text können im Gehirn eng miteinander verknüpft sein. Wenn Demenz den Text verwischt, bleibt oft die Melodie. Und die zieht den Text manchmal wieder mit hoch. Wie ein Seil, das man aus dem Wasser hebt.

Ich sehe, wie es bei Emi wirkt. Es ist kein Wunder. Und doch fühlt es sich jedes Mal so an.

Kleine Freiheiten

Emi singt. Dann liest sie wieder. Manchmal verwechselt sie die Zeile, manchmal kommt sie nicht recht rein. Dann summe ich mit oder versuche mich darin, den richtigen Ton zu treffen.

Mit Musik.

"So isch's recht", sagt sie irgendwann. Und ich lache, weil sie recht hat. Es braucht nicht viel. Nur Mut, Geduld und die Bereitschaft, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.

Manchmal wird Singen zu einem stillen Gespräch. Nicht über Worte. Über Nähe.

Eine Idee für ein Dorf

Während wir weiter singen, denke ich darüber nach, wie viele Menschen in unserem Dorf früher im Gesangverein waren. Kirchenchor. Männerchor. Gemischter Chor.

Einige davon können heute nicht mehr hingehen. Körper, Kopf, Wege – irgendwas steht immer im Weg. Aber die Lust zu singen bleibt oft bestehen.

Warum also nicht ein Dorfprojekt? Einmal im Monat ein offenes Singen für Ältere. Oder Chormitglieder im Ruhestand, die alte Sängerinnen und Sänger zu Hause besuchen.

Vielleicht sogar eine kleine Wanderung. Ein Chor auf Rädern. Vor jedem Haus von früheren Gesangskamerad:innen anhalten und ein oder zwei Lieder singen. Ein paar Minuten Klang.

Es wäre so einfach. Eine Idee und ein Mensch, der damit beginnt. Mehr braucht es nicht.

Was uns hilft

Bei „Musikmomenten" sagen wir manchmal: "Probieren wir es zusammen. Ich fang an, du machst mit, wie du magst."

Warum das wirkt: Es nimmt Druck raus. Es öffnet eine Einladung. Es erinnert den Körper, nicht den Kopf.

Ein bekanntes Lied immer gleich beginnen. Ein Wort. Ein Summen. Ein kurzer Refrain.

Musik kann Hirnareale aktivieren, die oft erst spät von Demenz betroffen sind. Deshalb bleiben Melodien bei vielen Menschen länger erhalten als Vokabeln oder Namen. Singen kann Orientierung geben, beruhigen, Erinnerungen anstoßen und Gefühle ausdrücken, für die Worte fehlen.

Wenn Sprache brüchig wird, kann Musik zur stabilen Brücke werden.

Und Oma?

Mit Oma Maria singe ich nicht. Von ihr habe ich die unmusikalische Ader der Familie geerbt. Als Einzige von sechs Geschwistern singt sie eher selten und sie spielt auch kein Instrument.

"Des macht ihr", sagt sie, wenn wir anfangen. Dann lacht sie, und ich lache mit.

Dafür hat sie ein Wissen im Garten, das ich nie erreichen werde. Vielleicht ist das ihr Lied. Nur ohne Noten.

Was bleibt

Als Emi irgendwann genug hat, lehnt sie sich zurück. Die letzte Melodie hängt noch im Raum. Ich könnte schwören, sie summt sie leise weiter, während die Gedanken anfangen, abzuschweifen.

Die letzte Melodie hängt noch im Raum.

Musik ist kein Zauberstab. Aber sie ist eine Tür. Und manchmal geht sie auf genau dann, wenn Worte nicht weiterwissen.

Vielleicht kennst du solche Momente auch.

Wenn diese Geschichte dir etwas gegeben hat

Dann freuen wir uns, wenn du uns weiter begleitest. LebensSpuren erscheint alle paar Wochen hier. Geschichten aus unserem Pflegealltag. Warm. Ehrlich. Klar.

Kategorie Sprache & Erinnern