Bevor ich euch heute einen etwas längeren Artikel zusende, möchte ich noch einmal auf das dazu passende Crowdfunding unseres 2. Buches “Ein Leben für den Ozean” aufmerksam machen. Wenn wir die Kosten bis zum 1. Mai zusammenkriegen, können wir loslegen und die zweite Edition schreiben, illustrieren, layouten, drucken, verpacken und an euch senden. Bestellt also gern direkt heute eure Ausgabe und helft damit einem Projekt, das den Meeresschutz sichtbarer macht und Geschichten jener erzählt, die die Welt zu einem besseren Ort machen.

Meer-Montag #61 - Gegen das Vergessen
Vor Kurzem las ich im Buch “Ozeane - die letzte Wildnis unserer Erde” von David Attenborough und Colin Butfield, wie wir uns als Gesellschaft eine “naturentleerte” Welt gewöhnen. Sie bezeichneten es als “generationsübergreifende Umweltamnesie”. [1] Tatsächlich gibt es einen richtigen wissenschaftlichen Begriff dafür: Shifting Baseline Syndrome. Gemeint ist ein sozial- und umweltpsychologisches Phänomen, bei dem sich unsere Wahrnehmung des Zustands von Natur und Umwelt über die Zeit und über Generationen hinweg schrittweise verändert.
Wenn wir heute, im April 2026 draußen stehen, ist die Luft erfüllt von Vogelgesang. Reviere werden verteilt und Partner*innen gesucht. Sperlinge, Finken und Amseln tummeln sich in den Gärten und Parks. Wir haben nicht das Gefühl, dass etwas fehlt. Weil wir uns nicht mehr daran erinnern, wie es vor 40 Jahren aussah. Seitdem gibt es zum Beispiel 55 Prozent weniger Feldlerchen, 91 Prozent weniger Kiebitze und 93 Prozent (!) weniger Rebhühner. Von 1980 bis 2016 sind in der EU rund 56 Prozent, in Deutschland rund 40 Prozent, aller Feldvögel verschwunden. [2] Und wir haben es gar nicht so richtig mitbekommen.

Ähnlich sieht es im Ozean aus. Im Jahr 1986, vor genau 40 Jahren, trat das Walfang-Moratorium der Internationalen Walfangkommission in Kraft. Seitdem ist es weltweit verboten, Großwale kommerziell zu jagen. Norwegen, Island und Japan umgehen das Verbot durch Einsprüche, Sondergenehmigungen oder Austritt aus der IWC und jagen weiterhin. Doch vor allem die Zeit davor hat viele Arten an den Rand des Aussterbens gebraucht. Vor etwa 100 Jahren könnte es noch 250.000 Blauwale gegeben haben, nach der starken Bejagung waren es nur noch 2000 bis 3000 Individuen. Es ist schwierig, ganz genaue Zahlen zu finden, da Anfang des 20. Jahrhunderts kaum jemand Tiere systematisch gezählt und erfasst hat. Und auch, wenn sich der Bestand seit dem Moratorium erholt, leben heute nur 10 Prozent der ursprünglichen Anzahl von Blauwalen in unseren Meeren. Ähnlich sieht es bei anderen Walarten aus.

Heute ist es ganz normal, dass es spezielle Boots- und Whale Watching-Angebote gibt, mit denen wir mit viel Glück einen dunklen Rücken zwischen den Wellen entdecken können. Natürlich sind Wale selten und wir müssen weit reisen, um den Blick auf einen zu erhaschen, anders kennen wir es nicht. Wir wissen nicht mehr, wie viele Wale es vor 100 Jahren gab und wie häufig es vielleicht war, von der Küste aus das laute Ausatmen der großen Tiere zu hören. Wir denken, dass unser heutiger Zustand der Normalzustand ist und bemühen uns, ihn zu erhalten. Und vielleicht ist es auch eine Art Selbstschutz: würden wir permanent vor Augen haben, was wir an Vielfalt und Fülle bereits verloren haben, würde sich die Motivation, etwas dagegen zu tun, vielleicht vollends verabschieden. Um nicht den Mut zu verlieren, gewöhnen wir uns schnell an die Schäden in unserer Umwelt. Und wir müssen uns in diesem Moment auch eingestehen, dass die aktuellen Ereignisse auf unserer Erde bereits überfordernd sind. Wie sollen wir da noch einen Blick zurück werfen können? Vielleicht, indem wir uns dazu entscheiden, es zu versuchen. Wir lassen die Illusion von Perfektion beiseite und gehen kleinere Schritte, die bei jeder Person unterschiedlich aussehen können.
Wir haben Zugang zu Bildung und Informationen wie nie zuvor. Wir haben aktiv die Wahl, ob wir uns in unserer Freizeit betäuben, ablenken oder uns gezielt Zeit nehmen, um etwas mehr über die Welt um uns herum erfahren. Ja, wir wissen nicht alles aus der Vergangenheit und ja, wir haben viel vergessen. Gleichzeitig können wir etwas dagegen tun, dasssich die Geschichte wiederholt. Wir müssen die Welt nicht von heute auf morgen allein ändern. Aber wir sollten uns bewusst sein, wie schlecht es ihr geht und dass wir alle gemeinsam die Verantwortung dafür tragen, dass es nicht weiter bergab geht.
Genau aus diesem Grund gibt es in der Naturwissenschaft - egal, ob für Pflanzen oder Tiere - mittlerweile jede Menge Monitoringprogramme. Forschende zählen also systematisch und organisiert die Individuen unterschiedlicher Arten. So erhalten wir einen Ist-Zustand und - je länger diese Forschung betrieben wird - auch ein Bild vom Wandel in der Biodiversität. In diesem Jahr habe ich schon mehrfach an solchen Zählungen teilgenommen. Ende März bin ich bei 5 °C und Nieselregen vier Stunden lang über die Vogelschutzinsel Koos gestapft und habe mit den dortigen Naturschutzwart*innen Wasservögel gezählt. Das passiert im Winterhalbjahr einmal monatlich, möglichst immer am selben Kalendertag, zur selben Uhrzeit und an den gleichen festgelegten Orten auf der Insel. Somit sind die Daten vergleichbar und sind durch weniger Störungen beeinflusst. Ohne die Zählungen mit einem hochauflösenden Spektiv würde niemand von der Küste aus die dreitausend Enten sehen, die auf dem Greifswalder Bodden ausharren, bis sie zurück in ihre Brutgebiete weiter im Norden ziehen können. Und dann wüssten wir auch nicht, dass dieses Gebiet von besonderer Bedeutung ist und geschützt werden muss.

Anfang April habe ich auf der Greifswalder Oie, einer Insel in der Ostsee, die Möglichkeit gehabt, jeden Tag Kegelrobben zu zählen. Doch auch abseits meiner persönlichen Begeisterung für diese Tiere werden einmal pro Woche, immer am Dienstag, alle Kegelrobben rund um die Insel gezählt. Wie schon häufig erwähnt, galten Kegelrobben um etwa 1920 in der südlichen Ostsee als ausgestorben. Durch Jagd, Vertreibung und Umweltgifte war es äußerst selten, hier an unserer deutschen Ostseeküste eine Robbe zu entdecken. Nun kehren sie langsam wieder zurück und der Konflikt zwischen Mensch (vor allem den Küstenfischer*innen) und Naturschutz flammt erneut auf. Wir erleben wieder das Shifting Baseline Syndrome: jahrzehntelang galt eine Robbenfreie Ostsee als der Normalzustand. Vergessen war, dass es einst 100.000 Robben in diesem Binnenmeer gab (Nico Nestmann, Klaus Harder, Robben der Ostsee,2014, S.19). Seit ebenfalls etwa 40 Jahren steht die Art nun unter Schutz und die Population erholt sich langsam aber stetig. Doch trotz all der Zeit gibt es heute nicht einmal halb so viele Kegelrobben in der Ostsee wie vor 100 Jahren [3]

Und dennoch werden Stimmen laut, unsere Gewässer wären überfüllt von Robben, die jeglichen Fisch vertilgen und nichts übrig lassen würden. Unser kollektives Vergessen hindert uns also nicht nur daran, die Biodiversität ausreichend zu schützen. Sie verzerrt unsere Wahrnehmung auch dahingehend, dass wir Bedrohungen sehen, wo es objektiv betrachtet keine gibt. Sie verschiebt das Bild der Verantwortung. Denn auch die Überdüngung von Gewässern, die zunehmende industrielle Fischerei, den allgegenwärtigen Müll und andere Schäden, die wir als Menschheit der Natur zufügen, nehmen wir schon als normal an. Wir übersehen das, was permanent vor unserer Nase ist und beschuldigen diejenigen, die scheinbar neu dazu kommen. In diesem Fall sind es die Robben, aber wir können diese Dynamik auch beim Wolf, Luchs oder Biber beobachten. Und dabei haben wir noch gar nicht begonnen, über Haie zu sprechen. Bis heute werden geschätzt bis zu einhundert Millionen Haie jährlich getötet. Eine Zahl, die kaum zu begreifen ist. Dadurch ist die gesamte Anzahl von Haie nin den letzten fünfzig Jahren bereits um etwa 71 Prozent weltweit gesunken. [4] Wir hatten also beinahe vier Mal so viele Haie in unseren Meeren wie zurzeit. Wie wunderschön es wäre, dorthin zurück zu kehren!

Die Verschiebung unserer Wahrnehmung zu kennen und uns dessen bewusst zu sein, kann uns dabei helfen, nicht nur den Ist-Zustand zu erhalten, sondern es besser zu machen. Wir müssen also nicht nur Arten unter Schutz stellen und aufhören, sie zu jagen und zu töten. Wir müssen im Fall der Haie, Wale und anderer vom Aussterben bedrohter Arten auch viel größere und zusammenhängende Meeresschutzgebiete einrichten, damit die Populationen überhaupt eine Chance haben, sich zu erholen. Nur, wenn wir Menschen uns zurückziehen, anstatt uns immer weiter auszubreiten, haben wir eine echte Chance, Verlorenes dazu einzuladen, zurückzukommen. Meinen Weg, einen Beitrag dazu zu leisten, liest du genau in diesem Moment. Wir schützen vor allem das, was uns bekannt ist. Also lasst uns etwas über die Welt um uns herum erfahren und verhindern, dass wir vergessen, wie vielfältig und wild unsere Wet einmal war.
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Quellen
[1] D. Attenborough, C. Butfield, Ozeane - Die letzte Wildnis unserer Erde, 2025, S.177
[2] NABU, Vogelsterben nimmt dramatische Ausmaße an (Öffnet in neuem Fenster)
[3] WWF, Kegelrobbe im Artenlexikon, ca. 42000 Tiere, gezählt 2021 (Öffnet in neuem Fenster)
[4] World Animal Foundation, A. Laybourne, Shark Attack Statistics Worldwide in 2026 (Öffnet in neuem Fenster), 2026 (Öffnet in neuem Fenster),