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Bjarne über große Auftritte, überwältigende Erfahrungen und die Pause danach

Mit einer Punktlandung erreichen wir den kleinen Ort in Niedersachsen, in dem Bjarne zu Hause ist. Minuten später kommt er zur Tür gerannt, um uns zu begrüßen. Interviews sind für ihn längst nichts Neues mehr, aber dass wir ihn heute besuchen, ist für uns alle etwas Besonderes. Denn eigentlich macht er gerade eine Pause, um das letzte Jahr erst einmal zu verarbeiten, das schon von außen betrachtet mit unfassbar vielen Erfahrungen und Eindrücken gefüllt war: Seine Auftritte bei The Voice Kids beeindrucken noch immer Millionen Menschen in den sozialen Medien. Beim Junior Eurovision Song Contest in Madrid durfte er Deutschland vertreten und kurz danach auch noch in der TV-Spendengala Ein Herz für Kinder auftreten. Bjarnes Leben ist schon jetzt voll mit großen Geschichten, von denen er uns heute erzählen will, wie er sie selbst erlebt hat. Dafür hat er sich seinen Lieblingsplatz ausgesucht: Das Fenster, das wir schon aus einigen seiner Videos kennen.

Interview Florian Saeling Fotos Max Saeling Videos Marcel Ristau

Im letzten Jahr ist so viel bei dir passiert, dass du dich entschieden hast, dieses Jahr ruhig anzugehen und erstmal eine Weile keine großen Projekte zu machen. Wie geht‘s dir jetzt in deiner Pause?
Das ist jetzt natürlich erstmal ein Durchatmen, weil ich habe alles geschafft, was ich bis jetzt in meinem Leben erreichen wollte. Ich habe so viel in diesem einen Jahr erlebt und das war einfach richtig krass. Das Ganze hat ja auf dieser einen Castingshow basiert. Das war der Stamm, der sich in ganz viele kleine Zweige weiterentwickelt hat. Also, aus diesem einen Auftritt ist dann so viel entstanden. Ich hätte das niemals gedacht.

Genießt du das Durchatmen gerade noch oder denkst du, jetzt könnte auch mal wieder mehr passieren?

Ich bin bereit für Neues. Wenn es Spaß macht, bin ich für alles bereit.

Auf Schauspielen oder Synchronsprechen hätte ich zum Beispiel mal große Lust. Und jetzt nehme ich auch bald wieder Musik auf und habe einige Auftritte.

Du hast gesagt, dass du alles erreicht hast, was du bisher erreichen wolltest. Das finde ich sehr spannend. War es denn schon immer dein größtes Ziel, vor vielen Menschen zu singen?
Früher habe ich nur für mich und auch gerne vor meinen Eltern gesungen und getanzt. Aber als ich dann auf YouTube The Voice Kids gesehen habe, war ich immer so neidisch auf die Kinder, die auf dieser großen Bühne singen dürfen. Das fand ich richtig krass, dass sie das machen konnten und dann habe ich Papa einmal darauf angesprochen. Weiter haben wir danach erstmal nicht mehr darüber gesprochen.

Irgendwann habe ich dann die ganze Zeit gesagt: „Papa, ich will das machen“ und nicht aufgehört zu nerven, bis er gesagt hat: „Okay, wir machen das jetzt“. Dann war das erste Casting und da dachten meine Eltern und auch ich noch, das wird eh nichts. Ich werde da nicht weiterkommen. Aber ich bin weitergekommen. Im zweiten Casting bin ich dann wieder weiter gekommen und auch in der dritten Runde. Das hatte ich alles geschafft und dann wusste ich, dass ich in die Show darf.

Als dir klar wurde, dass du wirklich bald auf diese große Bühne gehst und singst, fandest du das selbst auch mutig von dir oder hast du gedacht: „Mach ich easy“?
Ich war tatsächlich immer extrovertiert und wollte immer auf die Bühne. Ich wollte mich immer zeigen – egal wo ich war und wie ich mich gefühlt habe. Aber da war ich dann erstmal unsicher und habe mich gefragt: „Soll ich das wirklich machen? Vielleicht wird das auch nicht so gut ankommen in meiner Familie oder bei Freunden“. Da habe ich dann auf mein Bauchgefühl gehört und mir innerlich gesagt: „Das ist meine Entscheidung und ich will das machen“.

Warum dachtest du zuerst, dass das deiner Familie und deinen Freunden vielleicht nicht gefallen könnte?
Weil es nicht das Typische ist, dass ein Junge singt. Ich wurde zwar in meiner Familie immer supportet. Auch die Mädchen, also Freundinnen, fanden das immer alle cool. Aber die Jungs haben schon so ein bisschen Abstand gehalten.

Später war es dann so, dass ich durch die Schule gelaufen bin und mir in den Rücken gerufen wurde, dass ich schwul sei, weil ich singe. Das hat mich innerlich sehr verletzt. Aber ich habe dadurch auch einen großen Schritt gemacht, um mich selber wirklich kennenzulernen. Ich habe gelernt, dass ich sein darf wie ich will und konnte dann darüber stehen. Ich wusste dann auch wirklich: Das ist mein Ding. Ich darf das machen. Selbst, wenn alle anders darüber denken würden, ist es okay. Weil ich denke das nicht.

Ich darf damit weitermachen. Das ist mein Traum. Lasst mich bitte weiter träumen.

Woher kamen die Gedanken?
Ich habe mit meinen Eltern viel darüber gesprochen. 2024 war zwar ein cooles Jahr, aber ich würde schon auch sagen, ein trauriges Jahr. Weil es gab vieles, worüber ich stehen musste. Ich war einige Zeit nicht so glücklich mit mir und fand das nicht mehr so cool, dass ich das wirklich gemacht habe. Aber dann habe ich mich entschieden, dass ich damit weitermachen will, auch, wenn manche das vielleicht nicht gut finden. Und jetzt bin ich glücklich, dass ich das geschafft habe. Das hat mich weitergebracht.

Wie haben denn die Leute in der Schule reagiert, als du so extrem viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommen hast?
Sie haben mich oft angestarrt, aber es war eher dieses „Oh mein Gott, war der nicht bei The Voice Kids?“. Ich habe aber auch Freundinnen kennengelernt, mit denen ich eine sehr große Verbindung aufgebaut habe. Das waren die Personen, denen ich wirklich vertrauen konnte.

Vor allem bei drei Menschen habe ich mich wie bei meinen Eltern zu Hause gefühlt. Wenn ich in der Schule mit denen herumgelaufen bin und mich dann einer als schwul bezeichnet hat, ist eine Freundin zu dem gegangen und hat ihn sofort weggeschickt. Das war richtig cool, dass ich wusste, ich bin nicht allein.

Stark, dass sie dich da so geschützt hat!
Ja, das war auch die Zeit, in der ich gelernt habe, darüber zu stehen. Wenn mir heute jemand so etwas zuruft, weiß ich für mich: Nein, das ist nicht so. Ich versuche, Leute, die mobben, so gut es geht zu ignorieren, und halte mich lieber an meine Freunde, meine Familie und Menschen, die mir gut tun.

Danke, dass du so ehrlich davon erzählt hast. Ich glaube, das kann jetzt auch ein paar Menschen helfen, sich weniger allein zu fühlen. Aber lass uns doch mal über einen schönen Moment sprechen. Wie war es für dich, das erste Mal auf der großen Bühne zu singen?
Also, jetzt habe ich dieses Gefühl wieder zurück. Immer, wenn mich jemand daran erinnert, habe ich das.

Als dieses Tor aufging, wusste ich: Das ist eine einmalige Chance. Wenn ich die nicht nutze, werde ich wütend auf mich sein.

Deshalb habe ich alles gegeben, was ich konnte. Ich habe meine Augen geschlossen, den Song gesungen und dabei schon gemerkt: Das ist cool und es ist gut, was ich da gerade mache. Dann bin ich zurück von der Bühne gekommen und das Erste, was ich gesehen habe, war meine Mutter, die auf mich zusprintet, mich in die Arme nimmt und ruft: „Das war so krass!“ Und ich hatte ja einen „Viererbuzzer“ – also das war wirklich richtig krass. Dann auch noch mit Álvaro zu singen und mit so berühmten Leuten zu reden, das war der aufregendste Moment.

Die Aufregung ist wie ein Glas Wasser, von dem du mit jedem Auftritt ein bisschen mehr wegkippst.

Das heißt, beim ESC war ich schon gar nicht mehr so aufgeregt. Ich war trotzdem sehr, sehr aufgeregt, aber nicht mehr so wie bei den Blind Auditions. Das war mein erster großer Auftritt und der war richtig, richtig aufregend.

Und dass der extrem viele Menschen beeindrucken konnte, war dann durch Social Media ganz schnell zu sehen. Wie hat es sich angefühlt, als dein Auftritt millionenfach gesehen wurde?
Auf jeden Fall nicht real. Ich habe einige Zeit gedacht, ich träume, weil es einfach so überwältigend war. Es waren so viele Leute aus so vielen verschiedenen Ländern, die zum Beispiel gesagt haben: „Bjarne, du hast mein Herz erobert“ und wenn zum Beispiel ein 30-Jähriger mir sagt, ich bin sein Vorbild, dann denke ich nur so: Aber du bist doch älter als ich? Das verstehe ich dann überhaupt nicht und das finde ich überwältigend.

Wie kam es dann, dass du Deutschland beim Junior ESC vertreten durftest?
Nachdem ich im Halbfinale von The Voice Kids nicht weitergekommen bin, habe ich Vorschläge für weitere Sendungen bekommen. Eine war der Junior ESC. Dazu bin ich in einer Online-Abstimmung gegen vier sehr gute Freunde von The Voice Kids angetreten. Das war zwar nicht so schön anzusehen, aber ich habe die Abstimmung gewonnen und auch bei der Entscheidung der internationalen Fachjury war ich auf dem ersten Platz. Beides zählte zu 50%. Auf einmal wurde mir gesagt, dass wir in fünf Wochen nach Madrid fliegen und dort war dann auch wieder alles so groß und überwältigend. Dass ich mit elf Jahren auf dieser Riesenbühne einfach ich sein kann und mein Talent zeigen kann, das war richtig cool.

Im Interview mit KiKa LIVE hattest du gesagt, dass du dir das Ziel gesetzt hast, mit den Teilnehmenden aus allen Ländern Freundschaften aufzubauen. Hast du das geschafft?
Nein, aber mit den meisten konnte ich Freundschaften aufbauen und ich habe jeden kennengelernt. Darauf bin ich stolz. Die meisten da waren richtig cool!

Dann hast du sicher viel in Madrid erlebt. Aber gibt es eine besondere Geschichte, die du vom ESC mitgenommen hast und die du wahrscheinlich für immer gerne erzählen wirst?
Ja, das war die Aftershowparty. Ich war nicht zufrieden mit meinem Ergebnis, weil ich auf dem elften Platz gelandet bin. Das hat mich erstmal geschockt, weil ich fand, dass alles eigentlich gut war. Ich bin dann in Tränen ausgebrochen und wollte mit niemandem mehr reden. Ich habe mich in meinem Hotelzimmer zurückgezogen und einfach nur geweint.

Ich dachte, ich habe nicht gut gesungen und wollte nie wieder singen.

An dem Punkt habe ich dann aber auch gemerkt, dass es mir nichts bringt, weiter zu weinen. Dabei hat mir meine Mama auch richtig, richtig viel weitergeholfen. Ich bin dann noch zur Aftershowparty gegangen, aber hatte erst das Gefühl, dass ich nicht so ganz dorthin passe. Und dann bin ich zu den anderen Kindern gegangen und wir haben alle zusammen gefeiert. Da habe ich gemerkt, dass das doch eine richtig coole Reise war und dass ich das wertschätzen sollte.

Was nimmst du jetzt aus all den Erfahrungen mit auf deinen weiteren Weg?

Es ist ein bunter Salat gemixt: Erstens, dass ich jetzt darüber stehen kann, wenn andere etwas zu mir sagen. Zweitens, dass ich Fehler machen kann und sie mir weiterhelfen. Und drittens, dass ich gut genug bin.

Gibt es noch etwas, das du gerne erzählen möchtest oder was du schon immer mal sagen wolltest?
Ich habe meine Eltern sehr lieb! Das waren die Menschen, die mich wirklich durch diese schwere Zeit gebracht haben. Sie waren die Sonne, die diesen Eisberg aufgeschmolzen haben. Ich konnte mich zu Hause immer öffnen. Deswegen habe ich meine Eltern auch so dolle lieb, weil ich mit denen alles besprechen kann, was ich will. Das ist der Safeplace, den ich habe. Die waren immer für mich da. Auch meine Oma hat mir viel weitergeholfen. Sie hat mich tatsächlich auch zum Singen gebracht. Wir haben ganz oft zusammen gesungen und das war dann immer richtig cool. Das hat mich, glaube ich, auch weitergebracht, weil ich ihr immer mein Talent zeigen konnte.

// Schöner und dankbarer hätte Bjarne sein Interview nicht beenden können. Er weiß zu schätzen, was er seinen „Safeplace“ nennt. Die vielen Gespräche mit seinen Eltern über die positiven und vor allem auch die negativen Erfahrungen haben ganz sicher dazu beigetragen, dass er heute so treffende Worte für seine Gefühle und Gedanken findet. Eines davon wird uns besonders im Kopf bleiben: ÜBERWÄLTIGEND. Denn das beschreibt sein Leben wirklich am besten. Danke Bjarne, dass du mit uns in die Ausgabe gestartet bist! Wir sind sehr gespannt, wie du deinen Weg weitergehst.

Du bist genug!!!
Do good and good will come to your way.

– Bjarne

Kategorie Interview

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