Vielleicht ist es wirklich Schrott? — Wie soll ich mit Selbstkritik umgehen?
Heute beschäftige ich mich mit einem Thema, das Romanzen-und-Finanzen-Deluxe-Mitglied Wilfried sich gewünscht hat. Denn Deluxe-Mitglieder können sich einmal im Monat ein Thema wünschen und ich schreibe ihnen dann einen ganzen Text dazu, und wie geil ist das denn bitte?
Das Thema ist: Wie kann ich meinen inneren Kritiker zum Schweigen bringen? Wie umgehen mit Selbstkritik beim und nach dem Schreiben?
Davon können ja alle, die regelmäßig schreiben, ein Liedchen singen. Sogar die Profis, die mit allen Wassern gewaschen sind. »Ich sage meinen Studierenden immer: Schreiben ist schwer«, sagt Melissa Febos, »Was ich ihnen nicht sage: In Wirklichkeit ist es viel schwerer.«
Dass Melissa sowas sagt (sie ist eine meiner Schutzheiligen) beruhigt mich mehr als alles andere auf der Welt. Wenn es Melissa so geht, dann geht es allen so. Jedenfalls allen, die zählen.

Melissa hat außerdem in einem Interview (Öffnet in neuem Fenster) bei Brad Listi gesagt, dass die eine große Hürde beim Bücherschreiben die ist, dass man das unangenehme Gefühl aushalten muss, dass der Text die meiste Zeit über mies ist:
»Alle schreiben räudige erste Entwürfe. Ich sage meinen Studierenden ständig: Das Buch, das ihr schreibt, ist bis kurz vor dem Ende schlecht. Es ist während des größten Teils des Schreibprozesses schlecht. Es ist jahrelang schlecht.«
Und das ist laut Febos die eine große Herausforderung beim Schreiben, besonders beim Bücherschreiben, das ja naturgemäß laaaange dauert: »Man muss genug Vertrauen in das Projekt haben, um weiter daran zu arbeiten, obwohl es manchmal fünf oder sechs Jahre lang schlecht ist. Und dafür braucht man ein enormes Maß an Glauben und Durchhaltevermögen und Unterstützung.«
Also: Kein Text kommt perfekt auf die Welt. Nicht mal Melissas. Was für eine Erleichterung! Wie sehen wohl Melissas erste Drafts aus? Vielleicht genauso räudig wie meine. Woher soll irgendwer wissen, was für einen Schrott die literarischen Superstars fabrizieren, wenn sie alleine mit ihren Laptops sind? Sie zeigen es ja niemandem. Aus gutem Grund. Vielleicht klingt Melissas erster Draft wie 50 Shades of Grey. Vielleicht ist Melissas erster Draft voller abgedroschener Klischees. Vielleicht steht da irgendwo sowas wie Mir liefen kalte Schauer den Rücken herunter oder Das Blut gefror mir in den Adern. Ich meine, WER WEIß???