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Das Ende der Kunst und das Zersplittern der Aufmerksamkeit 

»Ist es nicht ein sehr seltsamer Zeitpunkt, eine Karriere im Schreiben zu verfolgen?« fragte Jon mich letztes Jahr, bevor Rausch und Klarheit rauskam. »Sind Bücher nicht einfach over?«

Wir machten gerade einen ausgedehnten Spaziergang durch Mitte und er hatte mir eben von einem Interview mit einem Informationswissenschaftler erzählt, der prophezeit hatte, das Jahr 2038 (oder so) sei seinen Berechnungen zufolge das Jahr, in dem die Sache außer Kontrolle geraten würde. 

»Was genau wird 2038 (oder so) außer Kontrolle geraten?« fragte ich Jon.

»Das wird das Jahr sein, indem die KIs sich von uns emanzipieren und komplett ihr eigenes Ding machen.« sagte Jon. 

Ich war nicht so alarmiert, wie ich sein sollte. Wir sind ja alle auch müde, man kann ja einen Zustand der Panik nicht langfristig aufrechterhalten und in sein Leben integrieren, auch wenn man allen Grund dazu hätte, man muss ja auch mal putzen oder kochen oder Geld machen oder halt: was lesen. Außerdem hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass die Sache bereits ziemlich eskaliert war. Also jedenfalls die Sache mit den Büchern. Genauer gesagt, die Sache mit meiner Aufmerksamkeit. 

Meine Aufmerksamkeit schien wie eine kostbare Vase, die in den letzten zehn Jahren konstant dabei gewesen war, in super slow motion herunter zu fallen und in tausend winzige Scherben zu zersplittern. 

Während ich noch mit Mitte zwanzig so fünf, sechs Bücher im Monat gelesen hatte, eins nach dem anderen, las ich heute konstant an fünf, sechs Büchern synchron, brauchte aber acht Monate, um sie fertig zu lesen — wenn ich das überhaupt hinbekam. Und nicht irgendwo im Mittelteil abgelenkt wurde. Denn Ablenkung ist unser aller Alltag: wir baden in einem unablässigen Strom von Content: Überall, wo ich hingehe, höre ich Podcasts über eine wahnsinnige Bandbreite von Themen, wenn ich mit dem Fahrrad irgendwo hin fahre, wenn ich putze, wenn ich meine Pflanzen gieße, wenn ich U-Bahn fahre. Ich habe diverse Autor:innen-Newsletter abonniert. Ich gucke immer gerade zwei Serien: die eine, die ich zusammen mit meinem Freund gucke, und die andere, die ich alleine gucke, wenn ich nicht bei ihm bin. Dazu kommt die Metaebene: Eine Serie zu gucken reicht nicht mehr, man muss auch die Hintergründe und Analysen über die Serie reinziehen, und also einen Podcast über die Serie hören: Apple hat den Bedarf erkannt und lässt synchron zu seinen Serien die eigenen Podcasts gleich mit produzieren. Und dann natürlich noch die Hörbücher, die ich zum Einschlafen höre. Außerdem kommt noch der Nachrichtenstrom hinzu: Alles, was bei Instagram so los ist. Was unser Bundeskanzler wieder menschenfeindliches gesagt hat, lustige Feminismus-Comedy, Krieg in Gaza, süße Katzenbabies, Krieg in der Ukraine. Und natürlich gibt es auch einen privaten Livestream: die Nachrichten mit meinen Freundinnen. Sarah, die gerade in Griechenland ist und davon erzählt, Cleo und Daune, die Schreibnews teilen, Nathalie und Mika, die News über Arbeit und Alltag teilen. (Der private Livestream kommt immer zu kurz und dafür mache ich Friedrich Merz und Elon Musk verantwortlich).

Es ist einfach sehr viel. Und das Auswählen ist konstante Arbeit. Meine Fähigkeit, meinen Fokus auf eine einzige Sache zu richten, ist seit meinen Teenagerjahren spürbar verkümmert, und meine Fähigkeit, mal kurz nichts zu machen, sondern einfach nur in die Luft zu gucken und zu warten, bis der Toast fertig getoastet ist, nicht-existent. Und ich hab nicht mal Kinder. Und ich hab nicht mal wirklich Probleme. 

Kategorie Arbeit

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