Was ich gelesen habe +++ was ich geliebt habe +++ Was ich nochmal gelesen habe +++ Was ich weggelegt habe
Alles, was ich weiß, weiß ich aus Büchern. Ich habe alles über Kurvendiskussionen vergessen in der Sekunde, in der ich die vier Minus in der Matheklausur gekriegt habe, aber ich habe nie vergessen, wie es in den Straßen von Paris gerochen hat, im Jahr 1738, als Jean-Baptiste Grenouille sich dort herumgetrieben hat, oder wie Teresa mit Tomas tanzt und ihm sagt, dass es reiner Zufall ist, dass sie mit ihm zusammen ist, dass sie auch mit irgendwem anders zusammen sein könnte, und dann sterben sie zusammen in dem kleinen Auto auf dem Weg nach Hause.
Ich habe mit Büchern andere Lebensrealitäten, Gedanken- und Gefühlslandschaften durchwandert und Empathie gelernt. Ich habe Ironie und Sarkasmus gelernt und wie man sagt, was man sagen will, indem man etwas ganz anderes sagt. Ich habe meinen Klischee-Radar und meinen Bullshit-Radar geschärft. Ich habe um sterbende Hunde geweint, die nicht existieren. Gärten aus fluorezierenden Riesenblumen erschaffen, die bei Sonnenaufgang zu Staub zerfallen. War mit Huren auf der Straße, mit Nonnen im Kloster, mit Kleinkriminellen in der Psychiatrie, habe gesehen, was sie sehen, gefühlt, was sie fühlen.

Bücher sind ein Medium, mit dem man die Gefühle der Menschen erreichen kann, das macht sie so gefährlich für Faschisten, deswegen sind Bücher unter den ersten Sachen, die bedroht sind, wenn Faschisten (und von Faschisten geschriebene Algorithmen) an die Macht kommen, man kann es gerade wieder in den USA sehen, sie verbieten dort wieder Bücher.
Und wenn Bücher den Faschos ein Dorn im Auge sind, dann werden sie auch zu den Dingen gehören, die uns vor den Faschos retten werden.
Ich hatte dieses Jahr das Gefühl, ich hätte wenig gelesen, weil mein Hirn von den täglichen Trash-Lawinen auf meinem Screen dauerabgelenkt und meine Aufmerksamkeit porös geworden ist, aber als ich diese Liste gemacht habe, ist mir klargeworden: Stimmt gar nicht. Ich habe ganz schön viel gelesen. Ich habe Stolz und Vorurteil (Öffnet in neuem Fenster) durchgelesen!
Hier ist meine Liste von Büchern, die ich geliebt habe. Und dann noch ein paar, die ich nochmal gelesen haben, und ein paar, die ich abgebrochen habe, und warum.
(Ich mache keinen Unterschied zwischen Fiction und Non-Fiction. Die Binarität von Sachbüchern und Romanen ist eine falsche Binarität von vielen falschen Binaritäten, die einfach Bullshit ist. Genau so ein Quatsch wie die Binariät der Geschlechter oder die Binarität von Körper und Geist.)
Monsters — Claire Dederer

Die Genese von Monsters zeigt, wie alle großartigen Sachbücher entstehen, und es hat alles, was ein tolles Sachbuch braucht. Es geht so: Man hat
1) eine persönliche Frage, bei der wirklich was auf dem Spiel steht: Wie kann ich die Kunst weiter lieben, wenn der Künstler ekelhafte Dinge getan hat? Schnell erkennt man,
2) dass das Problem kein persönliches, sondern eine wahre Epidemie ist, weil plusminus alle Männer, die zwischen Urknall und 2017 irgendwas erschaffen haben, ekelhafte Dinge getan haben, die meisten sogar in aller Seelenruhe, in aller Öffentlichkeit. Dann ruft man
3) erstmal einen Mann an. Idealerweise einen, der älter ist und einen Doktortitel hat. Den fragt man um Rat und erkennt dann
4) dass der erschreckenderweise auch keine Ahnung hat und dass tatsächlich noch nie jemand was zu diesem Thema geschrieben hat, obwohl es fucking alle Menschen beschäftigt, die man kennt, weswegen man es dann
5) eben einfach selbst macht.
Monsters (Deutscher Titel: Genie oder Monster) ist auf den ersten Blick eine Geschichte über die Frage, ob man die Kunst vom Künstler trennen kann. Und wird dann schnell zu einer Geschichte über das Publikum. Monsters ist ein Memoir über uns. Ein Buch, das meiner Ansicht nach wirklich alle lesen sollten.