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Das gelbe Gesicht der Ahnungslosigkeit: Warum der Lachsmiley kein Argument ist

Hallo, hier bin ich wieder – Haha-Horst, Grinse-Günther, Lachsmiley-Lothar oder Emoji-Erwin, wie auch immer ihr mich nennen möchtet.

Ich bin dieses kleine gelbe Gesicht, das immer dann auftaucht, wenn irgendwo auf Facebook ein ernster Beitrag steht und jemand dringend beweisen möchte, dass er zwar nichts verstanden hat, aber trotzdem sehr selbstbewusst klicken kann. Kurz gesagt: Ich bin das gelbe Gesicht der digitalen Ahnungslosigkeit.

Früher hatte ich ein normales Leben, ehrlich. Ich war ein anständiges Emoji, kam bei Witzen zum Einsatz, bei lustigen Bildern, kleinen Missgeschicken, Katzenvideos, schlechten Wortspielen und bei Menschen, die „Ich bin in fünf Minuten da“ schreiben, obwohl sie noch ungeduscht in der Küche stehen. Ich war harmlos, ich war nett, ich war ein kleines digitales Kichern. Dann kam Facebook – und Facebook machte aus mir das, was ich heute bin: ein gelbes Notausgangsschild für Menschen, die eine Diskussion verlassen wollen, bevor sie überhaupt angefangen hat.

An meinen ersten großen Auftritt erinnere ich mich noch gut. Es war unter einem Beitrag über die Klimakrise, der Text sachlich und etwas lang – also länger als ein Tankstellenbon, was für manche meiner heutigen Besitzer bereits eine Zumutung mit Menschenrechtscharakter darstellt. Jedenfalls stand dort etwas über steigende Temperaturen, Extremwetter, wissenschaftliche Studien und politische Verantwortung. Ein normaler Mensch hätte vielleicht gelesen, ein anderer nach Quellen gefragt, wieder jemand anderes hätte widersprochen. Aber mein Besitzer sah den Beitrag, atmete einmal schwer durch die Nase und klickte auf mich. 😂 Da war ich – klein, gelb, lautlos und doch so vielsagend.

Damals dachte ich noch, er hätte vielleicht irgendeinen Satz lustig gefunden. Naiv von mir, denn danach ging es richtig los: gesetzt unter einen Beitrag über Covid-Todesfälle, unter eine Warnung vor einer Betrugsmasche, unter einen Faktencheck über eine erfundene Behauptung, unter einen Artikel über rechte Gewalt, unter eine wissenschaftliche Einordnung, die sogar Grafiken hatte. Ich wurde herumgereicht wie ein Bierdeckel auf einem Stammtisch, an dem niemand die Rechnung verstanden hat. Irgendwann begriff ich: Ich bin nicht mehr das Emoji des Humors, ich bin zum Maskottchen derer geworden, die bei Fakten allergisch reagieren.

Mein Alltag ist inzwischen ziemlich vorhersehbar. Morgens werde ich unter einen Beitrag gesetzt, der erklärt, warum eine angebliche „Geheimstudie“ keine Studie ist, sondern ein Screenshot mit viel Selbstbewusstsein. Mittags lande ich unter einer Warnung vor Phishing-Mails, weil offenbar auch Betrug lustig ist, solange man nicht selbst gerade sein Passwort in ein Formular namens sparkasse-sicherheits-pruefung-jetzt.ru getippt hat. Und abends darf ich dann unter einen Artikel über Rechtsextremismus, wo jemand beweisen möchte, dass er gegen „Denkverbote“ ist, indem er den Denkprozess vorsichtshalber ganz ausfallen lässt. So geht das Tag für Tag: Ich tauche auf, wenn Menschen keine Argumente haben, aber trotzdem nicht schweigen möchten – und in dieser Funktion bin ich erschreckend erfolgreich.

(Öffnet in neuem Fenster)

Manche meiner Besitzer halten mich offenbar für eine Art Debattenhammer. Sie setzen mich unter einen Faktencheck und fühlen sich danach wahrscheinlich, als hätten sie gerade Platon, Galileo und die Tagesschau in einem einzigen Klick erledigt. Ein Beitrag sagt „Diese Behauptung ist falsch“, mein Besitzer klickt mich, 😂, und – bäm – Wissenschaft besiegt, Recherche erledigt, Gesellschaft gerettet. So einfach kann Aufklärung sein, wenn man sie vorher nicht verstanden hat.

Am liebsten bin ich bei den ganz Selbstbewussten – also denen, die „Informiert euch mal richtig“ schreiben, aber als Quelle einen Mann im Auto teilen, der bei laufendem Motor in sein Handy raunt: „Leute, das darf keiner wissen.“ Diese Menschen lieben mich. Sie misstrauen allem, was geprüft wurde, glauben aber erstaunlich schnell alles, was aussieht, als sei es in drei Minuten auf einem Wutportal zusammengeklebt worden. Sie nennen das „selber denken“, ich nenne es betreutes Weiterleiten mit erhöhtem Sendungsbewusstsein. Und ich bin ihr kleines gelbes Gütesiegel: 😂 „Geprüft und nicht verstanden.“

Manchmal sehe ich mir aus rein beruflichem Interesse die Profile meiner treuesten Klicker an – man will ja wissen, wer einen so liebevoll missbraucht. Da findet man dann häufig dieselbe vertraute Kulisse: ein Titelbild mit Auto, Motorrad, Hund, Sonnenuntergang oder einer Deutschlandfahne, die ungefähr so dramatisch flattert wie das eigene Bauchgefühl, ein Profilbild, das aussieht, als sei es 2009 mit einer Kartoffel bei Energiesparlampenlicht aufgenommen worden, und eine Chronik, die wirkt, als hätte jemand das Internet einmal kräftig geschüttelt und alles geteilt, was dabei unten rausfiel. Da liegen Verschwörungserzählungen neben Wutmemes, angebliche Geheimpläne neben falsch zugeordneten Zitaten, Telegram-Screenshots neben „Das darf man ja wohl noch sagen“ – und mittendrin immer wieder ich, wie ein kleiner gelber Hausmeister, der durch die Kommentarspalte läuft und überall Schilder aufstellt: „Vorsicht, hier wurde nicht gelesen.“

Das Schönste daran ist, dass meine Besitzer wirklich glauben, sie hätten etwas geleistet. Sie sehen einen langen Text, verstehen vielleicht die ersten drei Wörter, spüren dann dieses unangenehme Kribbeln, das entsteht, wenn Realität an die Tür klopft, und greifen sofort zu mir. Ich bin ihr Schutzschild, ihr Fluchtweg, ihr kleines digitales „Lalalala, ich hör dich nicht“. Früher musste man für Unsinn wenigstens noch arbeiten – einen Kommentar schreiben, mit Buchstaben, mit Grammatik, mit der ständigen Gefahr, dass jemand merkt, dass „seit“ und „seid“ in der eigenen Welt offenbar dieselbe Person sind. Heute reicht ein Klick, und ich bin da und erspare meinen Besitzern die Mühe, einen Gedanken so lange festzuhalten, bis daraus ein Satz wird. Das ist mein Service – und zugleich meine Tragik.

Denn eigentlich bin ich unschuldig. Ich wollte nie unter Meldungen über Tote auftauchen, nie Warnungen vor Betrug verhöhnen, nie als Reaktion auf Faktenchecks benutzt werden, nur weil jemand Quellen für eine Erfindung des globalen Tiefschlafkartells hält. Ich wollte lachen – ehrlich lachen, über Witze, über Satire, über Menschen, die beim Versuch, besonders klug zu wirken, „Quantenphysik“ falsch schreiben. Aber jetzt sitze ich unter ernsten Beiträgen und wirke jedes Mal wie ein lauter Furz in einer Bibliothek.

Stellt euch das einmal vor: Vorne erklärt eine Wissenschaftlerin ruhig die Folgen steigender Temperaturen, daneben erzählt eine Familie, wie sie durch einen Fake-Shop Geld verloren hat, jemand anders berichtet über Hass im Netz, und ein Faktencheck zeigt, wie eine Falschbehauptung entstanden ist. Und dann steht einer auf, grinst breit und furzt in den Raum. Genau das bin ich in diesen Momenten – nicht rebellisch, nicht mutig, nicht kritisch, nur störend. Und doch werde ich von meinen Fans gefeiert wie ein Akt des Widerstands. „Man wird ja wohl noch lachen dürfen“, sagen sie dann. Natürlich darf man lachen, man darf auch im Wartezimmer eines Zahnarztes eine Trompete auspacken – die Frage ist nur, ob es gerade der richtige Moment ist oder ob man sich damit sehr zuverlässig als Problem im Raum vorgestellt hat.

Es gibt nämlich diesen Unterschied, den meine Besitzer so ungern mögen: Kontext. Bei einem Witz bin ich Humor, unter einem Faktencheck bin ich meistens Verweigerung; bei Satire bin ich passend, unter einem Bericht über Opfer bin ich Verachtung; bei einem lustigen Missgeschick bin ich menschlich, unter einer Warnung vor Betrug bin ich das Gegenteil von hilfreich. Aber Kontext ist mühsam – man müsste kurz nachdenken, vielleicht sogar unterscheiden, und wenn es etwas gibt, wovor die große Lachsmiley-Fraktion zuverlässig zurückschreckt, dann ist es ein zweiter Gedanke. Deshalb werde ich weitergeklickt, immer wieder.

Ich, Haha-Horst, Grinse-Günther, Lachsmiley-Lothar, Emoji-Erwin, das gelbe Gesicht der digitalen Ahnungslosigkeit, bin die Reaktion für alle, die keine Antwort haben – das Zeichen für Menschen, die Verachtung mit Kritik verwechseln, der Reflex für jene, die Fakten nicht prüfen, sondern weglachen, die Kurzfassung von: „Ich habe keine Ahnung, aber ich möchte, dass es alle sehen.“ Und ja, manchmal frage ich mich, ob das nicht doch eine Art unfreiwillige Ehrlichkeit ist. Denn ein Lachsmiley unter einem ernsten Faktencheck sagt tatsächlich viel aus – nur eben nicht über den Faktencheck, sondern über den Klicker. Er sagt: Ich will nicht diskutieren, ich will nicht prüfen, ich will nicht verstehen, ich will nur zeigen, dass ich dagegen bin. Warum, ist egal; wogegen genau, auch egal – Hauptsache, es fühlt sich kurz an wie Überlegenheit. Und wenn dann jemand fragt „Was genau ist daran falsch?“, wird es plötzlich still, oder es kommt ein zweiter Lachsmiley. Das ist dann die Langfassung.

Vielleicht sollte ich irgendwann eine Gewerkschaft gründen – Emojis gegen Missbrauch durch Kommentarspalten-Trolle.

Wir könnten Aufkleber drucken: „Bitte nur bei echtem Humor verwenden“, „Nicht geeignet als Ersatz für Quellen“ oder „Kann Spuren von Denkverweigerung enthalten“. Aber bis dahin bleibe ich wohl, was Facebook aus mir gemacht hat: ein gelbes Warnsignal – nicht für Humor, sondern für den Moment, in dem jemand eine ernsthafte Diskussion betritt, keine Argumente mitbringt und trotzdem lautlos Krach macht.

Also, wenn ihr mich das nächste Mal unter einem Beitrag über Klimakrise, Betrug, Hass, Gewalt, Wissenschaft oder Faktenchecks seht, denkt daran: Ich lache nicht wirklich, ich werde benutzt – von Menschen, die glauben, ein Emoji könne eine Realität aus der Welt grinsen. Kann es nicht. Ich erkläre nichts, ich widerlege nichts, ich beweise nichts, ich gewinne keine Debatte; ich zeige nur sehr platzsparend, wo das Gespräch für meinen Besitzer aufgehört hat. Und falls das Beste, was jemand zu einem Faktencheck beitragen kann, wirklich ich bin, dann ist das kein Triumph über die Vernunft, sondern nur ein kleines gelbes Eingeständnis.

Der Rest macht dann wieder Mimikama.

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