Die jährlich in Berlin stattfindende re:publica (Öffnet in neuem Fenster) ist meine Lieblingskonferenz zu Themen der digitalen Gesellschaft im deutschsprachigen Raum. Gerade weil die Bühnen größtenteils von ehrenamtlichen Track-Teams kuratiert und nicht an die Meistbietenden verkauft werden, hat sich die re:publica trotz ihres Wachstums einen kreativen und kritischen Geist jenseits von Marketing-Buzzwords und Startup-Bros bewahrt.
ARD und ZDF gemeinsam
Im Folgenden ein paar Eindrücke mit Bezug zu öffentlich-rechtlichen Medien, die schon seit einiger Zeit stark auf der re:publica vertreten sind. Zum ersten Mal aber hatten dieses Jahr ARD und ZDF einen gemeinsamen Stand mit fast durchgehend gut besuchter Bühne.

Und diese gemeinsame Bühne steht durchaus symbolisch und repräsentativ für das Zusammenwachsen der Digitalinfrastruktur der beiden deutschen öffentlich-rechtlichen Anbieter. Denn Vertreter beider Sender präsentierten auf dieser Bühne Fortschritte bei Streaming OS (Öffnet in neuem Fenster), der gemeinsamen Mediathek-Software die 2024 angekündigt worden war (Öffnet in neuem Fenster). Das “OS” in Streaming OS steht dabei sowohl für “Operating System” als auch für “Open Source”.
Für den ORF stellt sich damit auf Perspektive natürlich die Frage, welche Teile von ORF ON (Öffnet in neuem Fenster) weiterhin in Eigenregie und damit auch allein auf eigene Kosten entwickelt werden sollen, oder wo eine Übernahme von Streaming-OS-Bausteinen besser und kostengünstiger sein würde. Und wer weiß, vielleicht bekommt dann ja auch der ORF einmal den einen oder anderen Slot auf der re:publica-Bühne von ARD und ZDF?
Mit dabei waren jedenfalls ORF-Redakteur:innen bereits bei einer Vernetzung von öffentlich-rechtlich Engagierten auf der re:publica, das ich schon traditionell gemeinsam mit Beate Bäumer (Öffnet in neuem Fenster), Rundfunkrätin im NDR, organisiere. Der Fokus lag diesmal, dem re:publica-Motto “Generation XYZ” entsprechend, auf “The Next Generation! Was anders werden muss und wie sich die Gremien jetzt verändern müssen, um fit zu werden für öffentlich-rechtliche Medien der nächsten Generation” (Öffnet in neuem Fenster).
Warum “Presseähnlichkeit” öffentlich-rechtlicher Innovation im Weg steht
https://www.youtube.com/watch?v=SzqKpzGS8S0 (Öffnet in neuem Fenster)In meinem eigenen re:publica-Vortrag “Von Presseähnlichkeit zu öffentlich-rechtlicher Innovation” (Öffnet in neuem Fenster) habe ich mich vor allem mit immer noch bestehenden gesetzlichen Einschränkungen für öffentlich-rechtliche Online-Angebote vor allem im Informations- und Nachrichtenbereich auseinandergesetzt. In Deutschland wie auch in Österreich lobbyieren private Medienanbieter nämlich bereits seit den 1970er Jahren für Einschränkungen öffentlich-rechtlicher Medien, um eigene Geschäftsmodelle zu schützen.
Tatsächlich lässt sich seither aber eine enorme Ausdehnung der Sphäre privat-kommerzieller Medien beobachten, während es im Internet an öffentlich-rechtlichen Alternativen zu den dominanten Online-Plattformen fehlt. Mein Vortrag endet deshalb mit einem Plädoyer, solche Alternativen schrittweise auf Basis bereits bestehender, offener Standards und Protokolle zu entwickeln und gleichzeitig Anachronismen wie das Verbot “presseähnlicher” Angebote sowie von Forenangeboten (in Österreich) zu beenden.
Governance offener Digitalinfrastrukturen
Wie sich offene Digitalinfrastrukturen ganz allgemein aufbauen und nachhaltige betreiben lassen, war auch das zentrale Thema eines gut besuchten Gesprächs (Öffnet in neuem Fenster), das ich mit dem Chief-of-Staff von Mastodon Philipp Schroepel am zweiten Tag der re:publica führen durfte. Der Kurznachrichtendienst Mastodon ist einer der meistgenutzten Anwendungen im Fediverse (Öffnet in neuem Fenster), einem dezentralen Social-Media-Ansatz auf Basis offener Software und offener Protokolle.
https://www.youtube.com/watch?v=URmr3HcQgFI (Öffnet in neuem Fenster)Neben der Frage, warum Mastodon keine organisatorische Trennung zwischen dem Betrieb der Instanz Mastodon.Social (Öffnet in neuem Fenster) auf der einen, und der Software-Entwicklung auf der anderen Seite anstrebt, ging es vor allem auch um Herausforderungen gemeinnütziger Finanzierung offener Infrastrukturen.
Fazit
Das Interesse an konkreten, dezentralen Alternativen zu den monopolistischen, werbefinanzierten Digitalplattformen auf der re:publica war erkennbar groß - über diverse Vorträge und Panels hinweg. Die (de-)zentrale Rolle, die öffentlich-rechtlichen Medien dabei zukommt, wird auch immer klarer: ihre Plattformen für Publikumsinteraktion bzw. -beiträge zu öffnen und damit mehr Menschen ins Fediverse zu holen, ohne dass diesen das überhaupt bewusst sein muss.
Fotocredit: Danke an Daniela für das Foto vor der Schlussslide (Öffnet in neuem Fenster) meines Vortrags.