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50 Jahre – aber erst jetzt entdeckt

Neulich auf der Facebook-Seite des Amtes Treptower Tollensewinkel stand: „Wir sind immer wieder überrascht, was in unserem Amtsbereich passiert.“

Aha. Das Amt ist überrascht. Nicht informiert, nicht vorbereitet, nicht strukturiert – sondern: überrascht. Das ist ungefähr so, als würde die Feuerwehr sagen: „Wir sind immer wieder überrascht, wenn es brennt.“ Diesmal ging’s um Herrn W.E. aus L., ein Mann, der seit 50 Jahren seinen Meisterbrief in der Werkstatt mit Würde verteidigt – Tag für Tag, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Und das völlig ohne Erwähnung durch die Verwaltung. Bis jetzt. Nun hat das Amt ihn endlich entdeckt. So, als hätte man beim Frühjahrsputz in der Akte „Unbekannte Bevölkerung“ noch ein Überraschungsei gefunden – samt Zündkerze, Schraubenschlüssel und goldener Ehrenurkunde.

Der Post folgte prompt – mit Pathos, Pressefoto und ein paar Hashtags, die klingen, als hätte sich das Standesamt auf Instagram verirrt: #TOLL, #goldenermeisterbrief, #TOLLENSEKIND. Und mein persönlicher Favorit: „Wir schließen uns den Gratulationen an.“ Als ob jemand anderes schneller gewesen wäre. Was mich stutzig macht: Wenn ein Mann nach 50 Jahren Arbeit plötzlich gefeiert wird wie ein Frischfund aus dem Denkmalamt – was ist dann mit all den anderen, die jeden Tag zuverlässig schuften? Die nie ein Facebook-Post kriegen? Keine Urkunde, keinen Kuchen, kein „Wir sind überrascht“?

Vielleicht liegt’s daran, dass viele Verwaltungen gar nicht mehr sehen, was direkt vor ihrer Tür passiert. Oder lieber auf Übergaben, Tortenstücke und Zertifikatsregen warten – weil das einfacher zu fotografieren ist. Nicht nur Autos brauchen einen regelmäßigen TÜV. Auch Verwaltungen. Vielleicht sollte man mal überprüfen, ob die Friseurin mit den lila Strähnen noch Haare schneidet, ob der Fleischer nicht längst vegane Pastete verkauft, oder ob das Wort „Überraschung“ irgendwann durch „Verantwortung“ ersetzt werden kann. Verwaltung mit offenen Augen – das wär doch mal was. Könnte man in der nächsten Sitzung vorschlagen. So als revolutionäres Konzept. Zwischen PowerPoint und Protokoll.

Wer noch andere Überraschungen aus dem Amtsbereich kennt: Bitte kommentieren. Aber nur ernst gemeinte Satire, danke.

Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung

© Erna Schippel – Alle Texte sind urheberrechtlich geschützt.

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