Das kommende Europa/Nürnberg/Roman von Peter Schneider/Criminal Record S2/ Haeberlin und HerrGrün

Am letzten Wochenende habe ich ja eine Pause eingelegt und war stattdessen mit meiner Frau in den südlichen Vogesen unterwegs. Von dort sieht man über die Rheinebene und bis nach Baden-Württemberg. Die Schweiz ist nicht weit – es ist die seit dem Mittelalter aktive europäische Kernregion, die von Südengland über die Niederlande, NRW, Elsass und Burgund zu den oberitalienischen Regionen reicht und als “blaue Banane” bekannt ist.
Nationale Grenzen stören hier eher. Auf der Rückfahrt bildete sich der übliche Dobrindt-Stau, weil eine Handvoll Bundespolizisten wieder zwischen Elsass und Pfalz herumstanden. Ich hatte bei der Kontrolle Flashbacks zum Geschmack von Dolomiti-Eis, die Boney- M.- Hits meiner Kindheit im Ohr und erinnerte mich an das Gefühl, in kurzen Hosen auf dem Kunstleder von Autositzen festzukleben. Manchmal ist Politik eben Zeitreise, dazu angetan, die Wählerinnen und Wähler der Union in ein angeblich besseres früher zu versetzen.
Obwohl manche nationale Regierungen derzeit ein wenig schwächeln kann einen die politische Dynamik im geografischen Europa nur zuversichtlich stimmen. Finnland, Ungarn, Polen, die baltischen und skandinavischen Staaten sowie, jeweils auf eiegene art Italien und Spanien, entwickeln eine politische Dynamik und ein europäisches Selbstbewusstsein, das auch hier im Westen ansteckend wirken könnte. Selbst Ungarn steht nun nicht länger abseits.
Zehn Länder möchten der EU beitreten, die Regeln der Entscheidungsfindung sollen verbessert werden und politische Kräfte, die ein EU-Exit anbieten, haben nirgends mehr eine Chance. Nach Adenauer und de Gaulle, Jean Monnet und Robert Schumann, werden auch Trump und Putin als Geburtshelfer eines fantastisch geeinten, selbstbewussten politischen Europas in die Geschichte eingehen – völlig unfreiwillig!
Der einstige französische Finanzminister Bruno le Maire ist ein guter Politiker aber ein noch besserer Schriftsteller. In seinem neuen Buch “Le temps d’une décision” sucht er nach den Gründen für den Erfolg der extremen Parteien. Seine These: die Bürgerinnen und Bürger möchten politische Instutionen, die zu Entscheidungen fähig sind. Daher suchen sie nach einer starken Instituition, einem funktionierenden und mächtigen Staat, der ihre Interessen in einer zum Cagefight der Mächte verkommenen Welt vertritt. Statt einer Politik, die sich in Kommunikation erschöpft - bestenfalls. In Deutschland klappt ja derzeit nichtmal das. Die simplen und leeren Versprechen des Rassemblement National zielen darauf ab, bei uns verspricht es die AfD: eine Exekutive, die wirklich was entscheiden kann. Ist bloß ein Kaffeefahrt-Trick, die radikale Rechte hat noch nie und nirgends etwas zum Wohle der Menschen hinbekommen, sondern für Tränen, Trümmerhaufen und Leichenberge gesorgt und bis dahin lügen sie wie gedruckt.
Aber das Angebot der politischen Mitte muss sich auch verändern: der Staat muss umziehen. Nachsendeantrag, Strom und Wasser ummelden – dann raus aus den engen, nationalstaatlichen 3ZimmerWohnungen in die funkelnd neuen, luftigen Anlagen einer europäischen Föderation, den Vereinigten Staaten von Europa, nach denen die SPD schon in ihrem Heidelberger Programm 1925 verlangte. Legislative Gewalt für das Europäische Parlament, eine zweite Kammer dazu für die Nationalvertretungen, KanzlerIn mit Kabinett und schließlich noch ein repräsentatives Präsidentenamt. Der politische Block, der sich nun ergibt, hat wirklich etwas zu melden und die Parteien, die daran mitwirken, können das Leben ändern. Danach möchte niemand mehr zurück in die Zeit der 27 Hauptstädte, deren Regierungen ihre Leute mangels Masse, mangels Macht nur enttäuschen können.
Ich würde, Gruß an regierende Talkshowgäste, den kommenden Umzug übrigens immer zu Beginn einer politischen Erklärung der Lage stellen und nicht erst nach zig Spiegelstrichen zur Einkommenssteuernovelle und der Reform des Gesundheitswesens.
Immer erst das Wichtige: Alle Generationen mussten mit großen Veränderungen staatlicher Einheiten fertig werden und jetzt steht eben wieder ein Umzug an. Nationalstaaten werden zu Bundesländern Europas, denn in diesem Rahmen bekommt Politik endlich wieder die Möglichkeit, das Leben der Bürgerinnen und Bürger spürbar zu verbessern. Obwohl es, unter uns gesagt, rund um die blaue Banane schon ziemlich gut ist.
Es regnete in Strömen, ich hatte eigentlich keine Zeit und fürchtete, mich im Kino zu langweilen, aber schon bald war ich heilfroh, dass ich mir Nürnberg angesehen habe. Keiner der Obernazis ist so leicht zu karikieren wie Hermann Göring und die meisten Filme nutzen ihn, um etwas willkommene Komik in den harten Stoff zu schmuggeln.
Dieser Film geht einen völlig anderen Weg. Hermann Göring war durchgehend einer der beliebtesten Nazi-Politiker, sehr viele Deutsche empfanden Sympathien für den Weltkriegs-Veteranen, identifizierten sich mit seiner jovialen Art und bewunderten seine souveräne, machtbewusste Intelligenz. Wenn man etwas lernen möchte über die Anziehungskraft und Manipulationstechniken von Nazis, ist man beim Fall Göring an der richtigen Adresse.
Der Film lässt sein Publikum nicht in der behaglichen Gnade der späten Geburt ruhen. Der Brisanz seiner Thematik kann man sich nicht entziehen: Wenn man die offene Gesellschaft bewahren möchte vor Tätern wie Göring, muss man sich ranhalten, noch ausgefuchster sein und immer, immer mit dem Schlimmsten rechnen. Man hat nicht schon gewonnen, weil man das Gute will.
https://www.youtube.com/watch?v=-HKBAP6H6VQ (Öffnet in neuem Fenster)Der französische Journalist Jean-Pierre Elkabbach führte eine fantastische Ehe mit der Schriftstellerin Nicole Avril. Kennengelernt hat er sie allerdings auf eine abenteuerliche Weise. Er kam, am 6. Oktober 1972 war es, einigermaßen genervt aus der Pressekonferenz nach einer Kabinettssitzung und rauchte vor dem Élysée eine Zigarette. Er war damals als Fernsehjournalist schon recht bekannt, aber noch kein Promi nach heutigen Maßstäben. Jedenfalls sah er in einem vorbeifahrenden Bus eine Frau, von der er augenblicklich wusste, dass es die seines Lebens ist. Er traute sich, ging auf den Bus zu, der zum Glück im Stau stand, und lud die ihm völlig fremde Passagierin per Handzeichen ein, auszusteigen. Der Busfahrer und die anderen Fahrgäste nahmen Anteil, ermutigten sie herzlich und schließlich stieg Nicole Avril tatsächlich aus. Einige Monate danach heirateten sie. Später fiel Elkabbach wieder ein, dass er das Gesicht von Nicole schon mal gesehen hatte: Ihr Buch lag in der Buchhandlung seines Vertrauens aus und er hatte es in der Hand gehabt, wenige Tage vor der Begegnung im Bus. Bücher waren ihm zeitlebens sehr wichtig. Bis zu seinem Tod 2023 blieben sie glücklich verheiratet. “Ich glaube nun mal an panache” kommentierte er seine Aktion später – Panache ist der Federschmuck am Helm edler Ritter und meint eleganten Wagemut oder romantisches Risiko.
Eine ganz ähnliche Geschichte erzählt Peter Schneider in seinem neuen Roman. Die Wege und Wunder der Liebe vor dem Internet - so könnte man das Thema beschreiben. Wie immer bei Schneider mit vielen klugen Gedanken zum Gewühle der Gefühle und von keiner übertriebenen Korrektheit angekränkelt. Ein leichter und beflügelnder Roman des im März verstorbenen großen deutschen Intellektuellen.

Als unerschütterlicher Fan von Peter Capaldi und Cush Jumbo habe ich natürlich auch in die zweite Staffel von Criminal Record rein geschaut. Die erste Staffel hatte ich eher zufällig entdeckt und war direkt begeistert: hochkomplexe Schonungslosigkeit, wie man es von realstischem britischem Crime gewohnt ist. Nun aber scheinen die guten Absichten und eine Überdosis an Ambition die Sache verhuddelt zu haben. Vielleicht war ich aber auch einfach zu müde, so ein Teenager, der zu seiner Ausbildung um 6 raus muss ändert eben den Tagesrhythmus. (A propos Mangel an Azubis: Ich hätte da einen heißen Tipp für suchende Meister – fangt um 9.30 an. Times have changed, change your time) Jedenfalls gibt es genügend tolle Szenen, die einen zweite Chance für die zweite Staffel rechtfertigen:
https://www.youtube.com/watch?v=buvyfKvVWbM (Öffnet in neuem Fenster)Im Elsass ist eine Menge möglich, eines ist allerdings ausgeschlossen: Man kann nirgends schlecht essen. Auch das Einkaufen ist die pure Wonne, nach so einer Reise ist ein Besuch in meinem Nachbarschafts-Rewe aka le rêve immer ein echter downer. Oh well.
Die guten Geister der elsässischen Küche kommen aus der Familie Haeberlin, hier ein Rezept für einen Frühlingseintopf…
https://www.youtube.com/watch?v=siwCU4BU3zk (Öffnet in neuem Fenster)Und eine vegetarische Variante von Monsieur Vert aka Herr Grün, zwar nicht aus dem Elsass, aber auch sehr interessant:
https://www.herrgruenkocht.de/lumaconi-mit-gruenem-spargel-geroesteten-getrockneten-tomaten-pilzen-und-selbstgemachtem-basilikumoel/ (Öffnet in neuem Fenster)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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