aber die richtigen Leute aus den richtigen Gründen. Falls du es eilig hast und den Newsletter nicht lesen kannst, habe ich dir hier schon mal das Fazit serviert. Wenn du ihn liest, kannst du allerdings zwei richtig gute Bücher kaufen, froh sein, nicht gestrickt zu haben oder sehen, was mein Sohn als Kleinkind über Tiere gesagt hat und von mir mit KI-bebildert wurde (warum das nicht schlimm ist, siehst du an den Bildern). Und dass ich bis jetzt noch gar nicht angefangen habe zu heulen, wird dich wundern, wenn du die Kolumne gelesen hast.
Mach, wie du meinst. Hauptsache, wir haben alle ein gutes Gefühl.
Deine Rike
Gelesen: Die Schwestern von Jonas Hassan Khemiri
(Öffnet in neuem Fenster)Wenn ein Buch ein Konzept hat, das aber nicht anstrengend und sperrig ist, sondern dich von hinten genau dann umarmt, wenn du es brauchst, und dieses Buch dann auch noch so geschrieben ist, dass du immer weiter lesenlesenlesen willst, dann hast du den Buchstabenjackpot geknackt. Das ist das Größte und weil das so selten passiert, ist Die Schwestern so ein besonderes Buch.
Der Autor erzählt seine Lebensgeschichte (nicht biografisch) parallel zu der dreier Schwestern, die in seiner Kindheit kurz in seiner Nähe wohnen. Sie üben eine magische Anziehungskraft auf ihn aus und a apropos Magie: Durch die Geschichte, die in Schweden, Tunesien und den USA spielt, zieht sich ein Fluch, unter den die Schwestern und besonders ihre etwas, äh, komplizierte Mutter, zu leiden haben. Die drei Schwestern sind früh auf sich allein gestellt und gehen sehr unterschiedlich damit um. Was Jonas, die drei Schwestern mit allen Leuten im Buch und ihren Leben anstellen und warum, dass sich ihre Leben manchmal kreuzen und manchmal nicht, alles über einen Zeitraum von 30 Jahren, erzählt Die Schwestern. Alle, die im Buch vorkommen, sind spannend und vielschichtig und jedes Kapitel endet mit dem fiesesten Cliffhanger (Stw. lesenlesenlesen). Vieles in den Leben ist schwierig, aber auch leicht geschrieben und es ist auch lustig und schön und cool. Verdammt, es passiert so viel, mich nicht entscheiden kann, was ich hier schreibe und was nicht, deshalb gibt es jetzt gar nichts, sondern das hier:
Dieses Buch fühlt sich so an, als säßest du mit Jonas im Zug und er erzählt dir auf der Fahrt die Geschichte von ihm und den Schwestern. Die Fahrt dauert 736 Seiten und die ganze Zeit hängst du an Jonas’ Lippen, er kann erzählen wie kaum jemand, du lachst, du bist glücklich, du fieberst mit, du weinst vor Gemeinheit, Mitgefühl oder Erleichterung und guckst immer wieder aus dem Fenster nach vorn, weil du sichergehen willst, dass das Buch, äh, die Fahrt noch ganz lange dauert. Und je näher du ans Ziel kommst, desto trauriger wird es, also das Buch, aber kurz bevor du ankommst und seufzt, weil Leben mit dem Älterwerden immer so schwierig und traurig werden, kommt diese brillante Konzeptumarmung von hinten und dann doch ein mit dem Leben versöhnliches Ende und ja, das sagt jetzt irgendwie nichts über das Buch, aber auch alles. Bitte lies es.
Empfohlen wurde mir dieses Buch von den literarisch topfitten Menschen im supersortierten Buchladen Bücherbande in Klein Borstel. (Öffnet in neuem Fenster)
Die Schwestern von Jonas Hassen Khemiri. Übersetzt von Ursel Allenstein. Erschienen bei Rowohlt. 26 €.
Gehört: Halbinsel von Kristine Bilkau
(Öffnet in neuem Fenster)Eigentlich ist es ja praktisch, ein Buch zu hören, weil ich dann dabei stricken kann, aber ich mache das eigentlich nie, weil ich unter Hörscham leide. Es ist mir unangenehm, das Buch nicht zu lesen. Als würde ich mich weigern, Respekt vor der Arbeit des Schreibens zeigen. Bei Halbinsel habe ich eine Ausnahme gemacht, gut so, weil ich es niemals so monoton hätte lesen können - and that’s a good thing.
Die Protagonistin Annett ist 49, lebt allein am Wattenmeer und erzählt ihre Geschichte, während ihre erwachsene Tochter nach einer halbgeklärten Lebenskrise in ihr Elternhaus zurückkehrt und, für Annett nicht so gut zu ertragen, viel ambitionslos herumliegt. Beide haben früh Mann bzw. Vater verloren und waren auf sich allein gestellt. Annett beschreibt ihr Leben, das vergangene und das jetzige, in einer Unaufgeregtheit, die trotzdem schmerzhaft emotional ist und mich sehr berührt hat. Aus jeder Ritze konnte ich ihre Erschöpfung vom jahrzehntelangen Funktionieren spüren. Und dieses ‘Huch, jetzt ist ja mehr als die Hälfte rum und ich hab vor lauter KÜMMERN das SEIN vergessen und muss erstmal wieder lernen wie das geht’, oder wie Kristine Bilkau viel schöner schreibt:
“Fünfundzwanzig würde sie diesen Winter werden, alle diese Jahre, diese gesamte Zeit schien mir so überschaubar, so verschwindend schnell vergangen, als stünde ich an einer Bahnschranke und ein Zug rast vorbei, da kommt er, da ist er, da fährt er, und dann höre ich nur noch sein Rauschen aus der Ferne wie ein Echo. Schwanger werden, ein Kind zur Welt bringen, den Partner verlieren, das Kind großziehen, es davongehen sehen, diese Jahre: hier, das sind sie gewesen, und hier, das sind die Fehler, die du gemacht hast.”
I feel Annett und danke Kristine Bilkau von Herzen für die wunderbare Sprache, die sie für diese Lebensphase gefunden hat. Das Buch ist so ruhig und trotzdem voller Emotionen, es ist still und klug und tief und hat völlig zurecht den Preis der Leipziger Buchmesse 2024 erhalten. Als nächstes werde ich es lesen.
Halbinsel von Kristine Bilkau. Erschienen bei Luchterhand. 24 €
Gestrickt: Schubladenschal
“Der sieht aus, als hättest du die ganze Zeit nicht gewusst, was das soll.”, so hat mein Mann dieses Schal-Projekt zusammengefasst. Leider stimmt das. Die Wolle habe ich nur gekauft, weil ich mal etwas Buntes stricken wollte, und das bitte so einfach, dass ich es auch in schlaflosen Nächten nicht verkacken kann.
An diesem Schal ist alles durchgewurschtelt und von vorn bis hinten nicht gewusst, was das soll. Für dieses Ergebnis war die Wolle zu teuer, sind mir die Farben zu bunt, das Muster zu hässlich, und außerdem braucht dieser Schal sehr viel Platz in der Schublade, aus der ich ihn vermutlich nie wieder herausholen werde.

Gekündigt: Disney+
Die Shitshow in Amerika brauche ich an dieser Stelle nicht weiter auszuführen, oder? Dass ABC Jimmy Kimmel wie so ein Kleinkind auf die Stille Treppe gesetzt hat, hat im Autokratenglücksrad noch ein paar mehr Buchstaben freigelegt, die es braucht, um mit “Faschismus” lösen zu können und wir haben getan, was getan werden musste:

Ein bisschen schlimm fand ich, dass mein Sohn, als ich ihm sagte, dass wir kein Disney+ mehr haben, nicht solidarisch seine Faust gereckt, sondern sowas sagte wie “Ihr seid wirklich putzig, dass Ihr sowas immer macht”. Aber ey! Diese kleine putzige Aktion haben so viele gemacht, dass Jimmy Kimmel wieder da ist.
Gesehen (und can’t unsee): Frragwördigär Däckäl!
Auf einem Bummel durch einen schönen Interieur-Laden in Hamburg-Altona gab mir diese blaue Dame mit ihrem blauen Badeanzug, ihrem rechten Arm und dem Handbart so gar keine Bade-Vibes.

Genutzt: KI
Normalerweise lasse ich KI, wenn überhaupt, nur richtig beschissene Aufgaben für mich erledigen. Aber vor ca. 13 Jahren habe ich meinen Sohn mal gebeten, mir was über Tiere zu erzählen und seine Antworten waren so großartig, dass ich mir bis heute ein Loch in die Jacke beiße, weil ich weder einen Verlag für das Projekt “Tiere mit Kinderaugen” begeistern noch es selbst illustrieren konnte. 13 Jahre später ruiniert eine Witzfigur die Vereinigten Staaten, den Klimawandel interessiert keine Sau mehr und ich verschönere mir die Wartezeit, bis KI meinen Job komplett überflüssig macht, mit: KI.








Nah am Wasser gebaut
Warum ich in den letzten Tagen geweint habe (Auszug):
Als ich meinem Mann ein paar Stellen aus dem oben empfohlenen Buch erzählt habe.
Als ich mit meinem Mann und meiner Tochter The Summer I Turned Pretty geguckt habe (wirklich keine Empfehlung, sondern nur der Beweis, dass ich bei jedem Scheiss heule)
Als ich meinem Mann von der Verkäuferin beim Bäcker berichtete, die mir einen Croissant überlassen hat, das sie eigentlich selbst mit nach Hause nehmen wollte.
Aufmerksam Lesende werden jetzt sagen: EINDEUTIG IST DEIN MANN SCHULD, SCHLIESSLICH WAR ER ALS EINZIGER IN ALLEN SITUATIONEN DABEI. Aber er bringt mich nicht zum Heulen, er versucht eher, mich davon abzuhalten. Er ruft: Hör doch mal auf, so superempathisch zu sein!, und ja, das würde ich manchmal sehr gern, zum Beispiel, wenn ich bei schlechten Serien weinen muss oder auf der Straße zwei mir völlig fremde Menschen sehe, und der eine schenkt dem anderen etwas, woraufhin ich (!) zum Dank nicke und lächle.
“Und Sie können dabei gar nicht entscheiden, ob Sie nett sein wollen! Sie sind es einfach immer.” haute mir vor ein paar Wochen meine Gesprächspartnerin um die Ohren. Sie hat bei mir eindeutig einen Punkt, wie wohl bei vielen Frauen in meinem Alter. Wir wurden seit unserer Geburt angehalten, nicht zu stören, unkompliziert und lieb zu sein. Auch ich habe das schmerzhaft schwer verinnerlicht. Immer lächeln, nichts ist ein Problem, alles ist machbar, klar, super, gern. Hauptsache, alle haben erstmal ein gutes Gefühl. Außer mir.
Die Frau schlug mir vor, ich solle üben zu enttäuschen. Ich könne doch beim Bäcker was bestellen, und wenn die Tüte schon auf dem Tresen liegt, sagen, dass ich doch was anderes will. Ich dachte an die obige schöne Bäckereisituation und mir wurde heiß und kalt. Ja, ich will und sollte mehr enttäuschen. Um zu merken, dass ich auch dann noch geliebt werde, wenn ich Nein sage. Um zu zeigen, dass eben doch mal was ein Problem ist und nicht klar, nix da mit super und am Arsch mit gern. Aber ich “übe” doch nicht an Menschen, weil ich sie nicht kenne oder die freundlich zu mir sein sollten, weil sie mir z.B. Croissants verkaufen. Das finde ich erstens arschig und zweitens brächte ich mich damit um viele Situationen, die mich fröhlich machen. Wie die beim Bäcker. Als die Verkäuferin mir das für sich reservierte Croissant überlassen hat, dankte ich ihr, sie sagte wissend “Alles für die Kinder”, wir blickten uns an und für einen Moment fühlten wir beide das Band der wissenden Mütter zwischen uns, mit allem, was dazu gehört. Schön war das.
Ich enttäusche also nicht zum Selbstzweck (da kann ich auch in die CDU eintreten), aber nehme ich mir vor, aus den richtigen Gründen ab jetzt nicht mehr so herrlich unkompliziert zu sein. Weil ich auch mir ein gutes Gefühl geben will. Und als erstes enttäusche ich dadurch, dass ich nicht aufhöre, so empathisch zu sein.
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