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SOCIAL DISTORTION

Geschichten von Leben und Tod

Ox-Interview von Joachim Hiller

Es gibt Bands und Musiker:innen, die Geschichten erzählen. Und das ist das Recht und der Job von Sänger:innen und Songwriter:innen, Imagination und Fantasie sind Teil der Kunst. Aber dann gibt es Typen wie Mike Ness, wo das lyrische Ich und die reale Person in einem Maße verschmelzen, dass man, wenn man mit diesem Menschen redet, stark berührt ist bei der Feststellung, wie nah hier das Erlebte und das Erzählte (wahrscheinlich) beieinander liegen. 15 Jahre hat uns Mike Ness mit seiner Band warten lassen seit „Hard Times And Nursery Rhymes“ von 2011, bis nun nach zigfacher Ankündigung und Verschiebung doch endlich in Form von „Born To Kill“ ein neues Album der südkalifornischen Bandlegende erscheint. Und das auch noch exakt 30 Jahre nach „White Light, White Heat, White Trash“, dem epochalen 1996er Album, das auch für SOCIAL DISTORTION Maßstäbe setzte. Im Vorfeld von „Born To Kill“ schaffte es Ness einmal mehr, dem Tod von der Schippe zu springen (der Krebs ...), und blickt nun, Anfang April 64 Jahre alt geworden, sehr reflektiert auf sein Leben zurück.

Bandmitglieder von SOCIAL DISTORTION
Foto: Jonathan Wein

Mike, SOCIAL DISTORTION verbindet man mit Orange County. Lebst du da auch jetzt noch?

Ja, ich wohne immer noch in Südkalifornien, immer noch in Orange County. Wir waren zwar für eine Weile nach Nordkalifornien gezogen, aber wegen der Arbeit werde ich gerade hier unten mehr gebraucht, vor allem im Zusammenhang mit einer Plattenveröffentlichung. Außerdem sind wir vor zwei Jahren Großeltern geworden, und unser Enkel ist nun ein wichtiger Teil unseres Lebens. Wir müssen in seiner Nähe sein. Und so haben wir vor ein paar Jahren unser großes Haus verkauft und mieten jetzt einfach was und schauen mal, wohin uns der Wind treibt.

Denkt man mit über 60 darüber nach, wo man den Rest seines Lebens verbringen möchte?

Das haben wir definitiv im Kopf und es ist eine echt wichtige Überlegung. Wir wollen nicht mehr ständig umziehen, sondern irgendwo Wurzeln schlagen. Ich will das Haus finden, in dem ich sterben will. Aber das ist noch 40 Jahre hin.

Entschuldige bitte, wenn du nicht darüber reden möchtest, aber Sterblichkeit war in letzter Zeit ein Thema in deinem Leben. Du hattest Krebs im Rachen, an den Mandeln.

Ja. Und es war nicht das erste Mal, dass es um Leben und Tod ging. Es war jetzt aber meine bisher stärkste Erfahrung von Machtlosigkeit. Es war nicht nur der Schock, sondern auch die Erkenntnis, dass es nun wirklich am Schicksal hängt. Wenn man an eine höhere Macht glaubt, dann hängt es wirklich von dieser oder vom Universum ab, ob man überlebt, ob man wieder arbeiten kann, ob man ... Ich glaube, meine Frau, meine Familie und ich haben das, was passiert ist, noch nicht wirklich vollständig verarbeitet, weil es so schnell ging und ich sofort operiert wurde und der Eingriff wirklich viel durcheinandergebracht hat. Ich musste wieder lernen, wie man isst und schluckt. Ich konnte ein paar Monate lang nur flüssige oder pürierte Nahrung zu mir nehmen. Dann kam die Sprachtherapie und schließlich das Stimmtraining. Es ging alle so schnell, die Behandlungen und alles. Und dann stand ich schon wieder auf der Bühne, während unserer Tour mit BAD RELIGION, weniger als ein Jahr nach der Diagnose, was echt unglaublich ist. Ich höre Geschichten von Leuten, die 20 Jahre lang gegen den Krebs kämpfen und es trotzdem nicht schaffen. Meine Dankbarkeit ist riesig, und meine Sicht auf das Leben hat sich total verändert. Ich habe einst einen Song darüber geschrieben, „Don’t take me for granted“, und jetzt muss ich meinen Worten wirklich Taten folgen lassen.

Wir kommen aus einer Generation, in der man im Punkrock immer sehr zynisch mit Themen wie dem Tod umgegangen ist, mit Slogans wie „Live fast, die young“. Nun, das kann man sagen, wenn man dem Tod nicht nahe ist.

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