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Das Schöne, das Sublime und das Schreckliche

Fangen wir mit dem Schönen, dem Erhabenen und Sublimen an, dem Vollmond, der vorgestern den Canal Grande wie ein gigantischer Scheinwerfer beleuchtete - und den ich, wie alle Touristen auch wie besessen zu fotografieren anfing - ohne dass sich irgendein Rambo in den Weg warf (Öffnet in neuem Fenster).

Dem Vollmond begegnete ich, nachdem ich von der Ausstellung mit den Fahndungsfotos der „Schwarzen Liste“ unseres Bürgermeisters (Öffnet in neuem Fenster)nach Hause ging - Fahndungsfotos, die der venezianische Fotograf Federico Sutera (Öffnet in neuem Fenster) von uns gemacht hat und die „Gesichter der Dissidenz“ genannt hat.

Ich bin natürlich sehr stolz darauf, auf dieser berühmten schwarzen Liste unseres Mini-Trumps (Öffnet in neuem Fenster) zu stehen (tatsächlich kam ich mit einer amerikanischen Freundin, die es kennt, wenn Journalisten zu Feinden erklärt werden). Unser Trump für Arme verunglimpft Journalisten zwar nicht als „Schweinchen“ oder „dumme Personen“, sondern als „Italiens Abschaum“ und wird sich bald vor Gericht wegen Korruption verantworten müssen. Aber auch das erleichtert uns nicht, weil wir noch nicht wissen, wer sich nächstes Jahr zur Wahl stellt, wenn endlich (!) Bürgermeisterwahlen anstehen und diese Knallcharge, die samt seiner Unterlinge wegen Covid ohne Not sechs Monate länger bleiben darf, als es das Amt eigentlich vorsieht, endlich von der Bildfläche verschwindet.

Federico Sutera hat mit den Fahndungsfotos auch einen Kalender gestaltet - der in ein paar Jahren sicher zu einem begehrten Objekt der Historiker werden wird, wenn sie vertiefen werden, wie es geschehen konnte, dass eine Stadt, die einst ganze Weltreiche beherrscht hat, einem Landei in die Hände fallen konnte, das Venedig wie seinen persönlichen Besitz betrachtete und alle, die ihm nicht die Stiefel leckten, verfolgen wollte.

Die Ausstellung unserer Fahnungsfotos (Öffnet in neuem Fenster)läuft noch bis Februar 2026 in Dorsoduro.

Wie sich doch die Zeiten ändern! Ich erinnere mich noch daran, wie man sich in Italien (okay nicht alle, aber ein paar) über Berlusconis Interessenkonflikte und eine Unterstützung der Mafia aufregte. Lange her. Heute, in den Zeiten des Trumputinismus regt sich in Italien kaum jemand über Mobster-Diplomatie auf – die Methode von Erpressern, Geschäftemachern oder Gangstern: „Schillernde Geschäftsleute begründen eine neue Nicht-Diplomatie, die sich in der Erpressung von Bündnispartnern, Niederwerfung von Schwachen und Verbrüderung mit Gleichgesinnten niederschlägt. Die Mobster dienen nicht dem Staat oder ihrem Land, schon gar nicht der Welt, sondern ihrem Herrscher – und natürlich sich selbst“ schreibt die ZEIT (Öffnet in neuem Fenster). Und in Italien applaudiert die sogenannte progressive Linke dank ihres Verlautbarungsorgans, der Tageszeitung “Il Fatto Quotidiano” den Friedensfürsten Putin und Trump, die ja, okay, Geschäfte machen wollten, aber warum nicht, wenn es einem guten Zweck dient?

Als Journalistin schmerzt mich die Volte des Fatto Quotidiano besonders: Geboren einst mit der Idee, den etablierten Medien - zumeist in der Hand von interessengeleiteten Industriellen - freien, eben nicht parteipolitisch geleiteten Journalismus entgegenzusetzen, liest sich das Blatt heute wie ein Mitteilungsblatt von AfD und BSW. Ausgerechnet der Fatto Quotidiano, der doch mit seiner Berichterstattung über Berlusconis Mafiaverflechtungen zu seiner Entzauberung beitrug, verschließt die Augen vor den mafiosen Autokraten, die heute dabei sind, die Welt aufzuteilen.

Ich war dabei, als der Antimafia-Staatsanwalt und heutige Senator Roberto Scarpinato (Öffnet in neuem Fenster) 2011 im Europäischen Parlament seinen Bericht über "Die neuen Gesichter des Mafia-Kapitalismus - Die Evolution der Spezies: von der traditionellen Mafia zum kriminellen System" vorstellte. Er erläuterte dabei die enge Verbindung der kriminellen Systeme der Mafia mit den internationalen Finanzlobbys, die nicht nur legales Kapital, sondern auch Investitionen der italienischen Mafia, japanischer Yakuza-Gruppen und der russischen Mafia im Energiesektor verwalten. Scarpinato sagte: "Die russische Mafia sitzt heute im Herzen der internationalen Finanzwelt und ist zu einem der strukturellen Bestandteile des globalen Kapitalismus geworden, zu einer neuen privaten Macht, die in der Lage ist, die internationale geoökonomische und geopolitische Ordnung zu beeinflussen." Und das war 2011. Das Jahr, in dem Putin die Wahlen in Russland dank Wahlbetrugs gewann.

Und heute applaudiert die Fünfsternebewegung mit der sogenannten progressiven Linken die Autokraten. Vielleicht besteht darin das wahre Erbe Berlusconis.

Die Ukraine ist für Italiener sehr weit weg. Was vielleicht auch daran liegt, dass Matteo Salvini mit Putin-T-Shirt über den Roten Platz spazierte (woran ihn der Bürgermeister der polnischen Grenzstadt Przemysl erinnerte (Öffnet in neuem Fenster), als Salvini 2022 ihm heuchlerisch Solidarität bekunden wollte) und er im Jahr 2018 dabei erwischt wurde, wie er mit einem seiner Statthalter in einem Moskauer Hotel mit drei Russen über eine Finanzierung von 65 Millionen Dollar für die Lega sprach. Vielleicht ist es auch gut, sich daran zu erinnern, mit welchem Tweet Meloni 2018 Wladimir Putin zu seiner vierten Wahl zum Präsidenten der Russischen Föderation gratuliert hat: »Der Wille des Volkes bei diesen russischen Wahlen scheint eindeutig zu sein.«.

Und wenn sich die traditionell russlandfreundliche Politik der italienischen Rechten sich mit dem Antiamerikanismus der italienischen Linken paart, der heute als Pazifismus daherkommt, dann fällt die Ukraine praktisch durch den Rost. (Und Europa bei dieser Gelegenheit übrigens auch). Eine IPSOS-Umfrage aus dem Jahr 2025 (Öffnet in neuem Fenster) zeigt, dass 57 Prozent der italienischen Befragten weder Russland noch die Ukraine unterstützten (im Jahr 2022 betrachteten sich nur 38 Prozent der Befragten als neutral).

Dieser (englische) Artikel erklärt sehr gut, wie es zu der never ending love story (Öffnet in neuem Fenster)zwischen Italien und Russland kam und warum die russische Propaganda vor allem in Italien auf so fruchtbaren Boden fallen konnte - was nicht zuletzt an der nicht zu leugnenden massiven Einmischung Amerikas in die italienische Innenpolitik liegt. Er analysiert aber auch die Kuriosität, dass Marco Travaglio, Chefredakteur des Fatto Quotidiano, heute Berlusconis Ansichten über die Ursachen des Krieges in der Ukraine teilt. Einige Monate vor seinem Tod im Mai 2023 behauptete der ehemalige Ministerpräsident, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe die Invasion Russlands „provoziert”, genau das wiederholt Marco Travaglio geradezu gebetsmühlenartig in jedem seiner Artikel und bei jedem seiner öffentlichen Auftritte.

Interessant finde ich in dem Artikel besonders, wie er zu Recht hervorhebt, wie die italienische Interpretation der Euromaidan-Revolution von 2013 noch heute den Diskurs im Hinblick auf Ukraine und Russland dominiert: “Darauf folgten die Annexion der Krim durch Russland, die Unabhängigkeitserklärungen der sogenannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk und der Ausbruch des Krieges in der Region Donbass. Auf der linken Seite des politischen Spektrums Italiens wurde die Vorstellung, dass ein Land enthusiastisch die Mitgliedschaft in der EU und insbesondere in der NATO anstreben könnte, oft als unvorstellbar angesehen. Viele glaubten, dass die Ukrainer nicht wirklich den Wunsch haben könnten, dem Bündnis beizutreten, und dass solche Bestrebungen vom Westen orchestriert worden sein müssten. Daher wurden Gerüchte, die die Maidan-Bewegung diskreditierten, von Teilen der Linken gerne aufgegriffen. Dies machte es leicht, Narrative zu verbreiten, die die ukrainischen Proteste als faschistisch und stark vom Westen beeinflusst darstellten, insbesondere in einer weitgehend desinteressierten und gleichgültigen Öffentlichkeit.”

Ach und die Mafia? Gibt es die überhaupt noch? In diesem Interview (Öffnet in neuem Fenster) schon.

Und was bleibt vom Sublimen? Nicht nur der Vollmond, sondern auch die Musik. Neulich hatte ich das Glück, in der Fenice Mozarts Oper “La clemenza di Tito” (Öffnet in neuem Fenster) zu sehen, dirigiert von Ivor Bolton (Öffnet in neuem Fenster) (allein wenn Sie sich seine Vita anschauen, im Vergleich zu der Meloni-Freundin Venezi, die nächstes Jahr hier Musikdirektorin werden soll, wird klar, worin das Problem besteht). Ich bin, was klassische Musik betrifft, Ignorantin, aber glücklicherweise hat die Musik den Vorteil unter allen Künsten, ohne Umwege direkt ins Herz zu gehen. Weshalb ich natürlich besonders von dem Mezzosopran Cecilia Molinari (Öffnet in neuem Fenster) bewegt war: Natürlich wussten alle außer mir, dass Mozart die Rolle eigentlich für einen Kastraten geschrieben hat - und nur ich fragte: Also dieser Mann, Sesto, da singt doch eigentlich eine Frau? Und wenn ja, wo hat sie ihre Brüste gelassen?

Es war wunderbar.

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